Denk-Tag

Heute hatte ich bisher einen sehr entspannten Tag. Schön, wenn man es heiss und schwül und dazu kühle Drinks, einen Balkon nebst Liegestuhl, klassische Musik (oh ja…!) im Ohr und ein gutes Buch zur Hand hat – ganz ehrlich, so lässt es sich durchaus leben, wenn man schon allein ist, oder?

Man kann sich sogar in Gedankenspielen ergehen. Kürzlich habe ich die Frage gestellt bekommen was ich denn eigentlich tun würde, wenn ich nicht die Gelegenheit zu meiner zugegebenermaßen recht ausgiebiger Nutzung von elektronischen Kommunikationsmitteln hätte – beispielsweise vor 30 Jahren? Gute Frage. Ziemlich sicher hätte ich mich in den 70ern nicht recht zuhause gefühlt – ich telefoniere zwar gern, aber nicht mit jedem gern lange, es gibt Mensschen, die ich gern lese und/oder in Person treffe – es könnte also sein, dass ich ob meiner durchaus vorhandenen Schüchternheit ein wenig einsam geworden wäre. Zweifellos hätte ich studieren wollen, nicht zuletzt aus dem Grund, in Kontakt mit Menschen treten zu wollen.

Vielleicht wäre ich vor 100 Jahren glücklicher geworden als in Nachkriegsdeutschland; angenommen, die Leute würden keine Wahl haben, als sich beständig Unmengen von Briefen zu schicken oder sich tatsächlich zu besuchen und dann gleich tagelang oder wochenlang bleiben, eine wohl zu überlegende Angelegenheit also – das hätte mir ziemlich sicher gefallen. Außerdem wäre wohl mein Leistung als Sachenschreiber ohne allzu leicht verfügbare Ablenkung erheblich konsistenter.

Was würdet ihr tun, wenn ihr 30 oder 100 Jahre früher eure Abenteuer begonnen hättet?

5 Kommentare

  1. Ich würde jeden Tag auf Bällen tanzen und mich nur von den charmantesten Herren ausführen lassen. Mein Ruf wäre schlecht – aber mir gerecht. Ich würde mich in eine Briefromanze nach der anderen stürzen und reihenweise Herzen wie das von Werther brechen. Ich würde gerne stricken und sticken, nähen und häkeln. Jeden Morgen würde eine Angestellte eine Stunde lang mein Haar kämmen und frisieren. Ich hätte keine Kinder und keine Sorgen und wäre ewig jung!

    Also, am Anfang wars noch fast realistisch.

  2. Wer den jammerhaften Unsympathen Werther effektiv per Herzeleid terminiert, kann nur meinen uneingeschränkten Beifall finden.

    Mehr! Erzählt mir mehr!

  3. Auweia. ehrlich gesagt deprimiert eine solche Fragestellung enorm, weil einem gleich mal wieder bewußt wird, wie beschissen kurz wir Frauen eigentlich in einer einigermaßen gleichberechtigten Welt leben.

    Vor 30 Jahren: Möglicherweise wäre ich so wie meine Mutter, die sich da gerade mit einer 3-jährigen Tochter (nämlich mir) und einer 7-jährigen Tocher rumschlagen musste. Mutterschaftsurlaub gabs bis 6 Wochen nach der Geburt. Danach durftest wieder arbeiten. Kleinkinderbetreuung? Wenn meine Eltern nicht die Kohle gehabt hätten und uns ne Nanny besorgt hätten, hätte das Leben meiner Eltern sicher ganz anders ausgeschaut. Die 50 und 70 Mark Kindergeld hätten das üppige Staatsgehalt meiner Mutter kaum aufgewogen. Statt Haus und Ruhestand in der Provence würden sie heute vielleicht in ner klitschigen Wohnung sitzen und sich anzicken.

    Aber abgesehen davon, auch wenn meine Mutter leidlich emanzipiert war und ist, mein Vater, die faule Socke fühlt sich wie ein Patriarch und hat nie einen Finger krumm gemacht. Was bedeutet: Meine Mutter hat nicht nur doppelt soviel gearbeitet, sondern nebenher uns Kinder bekommen, groß gezogen und auch noch den Haushalt geschmissen. Kurz: meine Mutter hat, wie die meisten Frauen ihrer Generation, ALLES gemacht und kaum was dafür bekommen.

    Würde ich 30 Jahre in die Zeit zurückreisen, auweia. ich würde auf ne einsame Insel auswandern. Spießer-Deutschland mit Herrenwitz und Ego-Sex, der null Fun bringt. Neeeeee.

    Vor 100 Jahren: Mmmmh, ich würde ein Bordell aufmachen, in Paris. Die einzige Möglichkeit, als Frau zu Geld und zu Macht zu kommen und rumzuvögeln ohne irgendeinen bescheuerten Kerl heiraten zu müssen, um den Rest des Lebens in ätzender Sklaverei zu verbringen.
    Muss nicht sein.

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