Inspiriert und rechtschaffen verärgert nach Lektüre von Meriches Leidensweg aufgrund eigentlich kleiner Schäden an ihrem Fahrzeug, will auch ich meine Erlebnisse ähnlicher Art schildern, zur moralischen Erbauung und Erziehung der Jugend. Holt euch schon einmal einen Kaffee oder einen Grog (nehmt braunen Zucker, das ist wichtig).
Vor gar nicht langer Zeit fuhr ich täglich mit dem Auto in einen sehr kleinen Ort namens Kirchlengern, wo ich in den Zug stieg, der mich nach Bielefeld brachte, wo ich die S-Bahn betrat, die mich zur FH brachte, wo ich studierte. Ihr ahnt, wie müde einen lange Seminare, das uncharakteristisch gute Essen in unserer Mensa und ermüdende Kommilitonen machen können? Gut. Nun stellt euch noch vor, dass ich auch während kurzen Bahnfahrten ohne gute Gesellschaft unweigerlich einschlafe und erst am Zielort -fast- unfehlbar rechtzeitig aufwache. Meine geneigten Leser mögen verstehen, dass Hirn, Kreislauf und Reflexe sich zu diesem Zeitpunkt noch irgendwo in Bielefeld befinden und der klägliche Rest nicht zu geistigen Höchstleistungen oder gar schnellen Reaktionen in der Lage ist.
Eines nicht besonders schönen Tages war es dann soweit: Nach einen besonders trägen Doppelseminar zur Resourcenorientierten Gesprächstherapie waren meine sonst blitzartigen Kampfreflexe ein wenig eingerostet und ich fuhr in einer Kurve in der 30er-Zone einem nagelneuen Passat hinten drauf. Mit 20 km/h. Nur ein winziger Lackschaden? Nicht, wenn ich – als spezieller Feind der Schicksalsgöttin – betroffen bin. Natürlich traf ich den Wagen genau an der rechten Ecke, was scheinbar die innere Struktur des hochpreisigen Neuwagens entscheidend zum schlechteren hin modifizierte. Ach, und das Gebäude, auf dessen Hof wir standen? So ein Zufall. Das war die ortsansässige Polizei. Die drei Kinder meines Unfallgegners begannen lauthals zu lamentieren. Nun, ihr ahnt, wohin das führt: Meine Versicherungsklasse wurde in der Folge erheblich kostspieliger und ich musste eine ganze Menge Eigenbeteiligung zahlen. Wirklich viel, aber immer noch tragbar – der Unfallgegner war ein wirklich ehrlicher und guter Mann. So etwas gibt es ja auch.
Ein halbes Jahr später. Meine Ex hatte sich gemeldet, vielleicht würden wir uns ja doch noch vertragen, ich war in Hochstimmung. Bedauerlicherweise fuhr ich gerade durch Kirchlengern und kam gerade einmal 400 Meter weiter, bis vor mir ein sehr, sehr alter und sehr,sehr staubiger Opel auf gerader strecke immer langsamer wurd plötzlich in die Eisen stieg. Knirsch. (aber nur ganz, ganz leise). Der Fahrer drehte sich nicht einmal im Wagen, ganz zu schweigen davon, auszusteigen – er bedeutete mir, einfach in die nächste Seitenstraße zu fahren. Ich stieg aus. Er stieg aus, ein bauchlastiger Herr mittleren Alters in einem Jogginganzug, Badelatschen(!) und einem Wollpullover, der ausgekocht bestimmt eine sehr hungrige und verzweifelte Kompanie fettreich ernährt haben könnte. Seine wenigen verblieben Haare paßten hervorragend zum restlichen Erscheinungsbild. Er gab mir die Hand und begrüßte mich freundlich, ein schwerer englischer Akzent. Nicht unsympathisch, aber definitiv nicht wohlriechend. Er wanderte zum Heck seines alten Schlachtschiffes und tippte auf die schmutzige, aber sonst nicht sichtbar beschädigte Stoßstange, die etwas nachgab.
“Da haben sie wohl the Aufhängung abgerissen, oder? Na, das ist ist nicht schlimm. Ist ja ein alter Wagen, da kriegt man das vom Schrottplatz. 20-30 Euro denk ich. Nicht so schlimm, passiert ja jedem mal.”
Ich war gerade damit fertig, den Gesamtwert seines Gerade-noch-Fahrzeugs zu schätzen und war auf einen einen Wert weit unter €500 gekommen. Selbst als Laie war ich mir sicher, dass die Mühle es niemals – niemals – durch den TÜV schaffen würde. Trotzdem, die Erinnerung an hohe Eigenanteile und eine Aufstockung der Teilkasko – die mein Vater zahlte – war noch sehr frisch. Ich war erleichtert und nickte, dann gab ich ihm meine Adresse und Telefonnummer; ich würde ihm dann die Kosten für das Teil erstatten. Keine Polizei, immerhin. Auch wenn ich immer noch keinen Kratzer im dicken Dreckmantel des Horrormobils entdecken konnte. Ich hatte ihn aber touchiert, keine Frage – auch wenn ich immer noch keine Ahnung hatte, warum er so abrupt anhalten musste.
Zwei Wochen später kam dann eine Rechnung über €1200, er hatte scheinbar neben einigen anderen Sachen den Wagen auch noch einmal komplett lackieren lassen und so weiter und so fort. Vermutlich hat er seitdem schon des öfteren abrupt im berufsverkehr gebremst. Ich bin ja nicht so argwöhnisch und vermute, dass ich einem Verbrecher aufgesessen, äh, aufgefahren bin. Oh, Moment. Bin ich doch.
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