Ich glaube, von Zeit zu Zeit werde ich einmal über interessantes Essen berichten, das ich in meinem lange noch nicht ausreichend langem Leben erleben durfte – das hat direkt damit zu tun, dass ich zur Schlafenszeit wirklich großen Hunger bekomme. Fast jeden Abend. Also denke ich am besten noch mehr über Essen – vielleicht entwickel ich ja genug Energie, um mich für einen Kreuzzug zum Kühlschrank zu motivieren.
Meine Eltern haben etwas reichere Bekannte, die gern durch die Weltgeschichte – vor allem die angenehmeren Teile davon – reisen und von überall teure Hemden, teure Weine und teure andere Dinge mitbringen. In aller Regel so viel, das sie ihren gesammelten (Geschäfts-) Freundeskreis einladen müssen, um vor dem Verfallsdatum für die tatsächlich meist sehr, sehr angenehme Vernichtung der verderblicheren Mitbringsel zu sorgen. Der experimentierfreudige Fresssack in mir gewann die Überhand über meine Abneigung gegen die zu erwartende Schickigesellschaft. Die Wohnung war streng nach dem “Rechter Winkel meets Alessi” Stil eingerichtet, den Leute mit Geld gern für besonders geschmackvoll halten, darum sehen viele dieser Häuser innen auch beunruhigend gleich aus: Vom Ledersofa mit Chromrahmen bis hin zu den Chagall-Drucken an der Wand – vorzugsweise Poster von Ausstellungen, die ganz sicher nicht von Bewohnern besucht wurden.
Auf dem Tisch waren viele feine Sachen aus Italien zu finden, dem Hemdenland jenes Sommers: Käse mit Schimmel und Käse mit Trüffeln (!), mächtige Schinken am Knochen, augenscheinlich vom Wildschwein. Feiner Wein. Und etwas blasses, fettiges, ca. 4cm dickes, bestreut mit grobem Meersalz und Rosmarin. Offensichtlich hatte niemand dieses… Objekt angerührt. Zu fett. Kein Wunder, denn genau das war es: Weißer, sehr, sehr mächtiger Speck. Neugierig geworden frage ich den Hausherren nach diesem wohlriechenden Ding. Er meinte, dass das Speck von wildlebenden Schweinen war, mit Kräutern bestreut in Tonkrüge voller Meersalz gepackt und in Höhlen für unfassbar lange Zeit einfach sich selbst überlassen. Komischerweise, meinte er, fanden die meisten Leute diese Geschichte ziemlich abstoßend. Er grinste. Das würde auch für die EU gelten, die ungeräucherten, ungepökelten und auch sonst nur gesalzenen Speck verbieten wollten.
Dieser Speck war illegaler Speck.
Mit ein wenig frischem Brot probierte ich eine dicke Scheibe von dem, was bei Licht betrachtet nicht viel anders war als kaltes, altes Fett. Nicht ganz vorbereitet war ich für die Explosion in direkter Nähe meiner Geschmacksnerven. Bei Zeus! Dazu ein kräftiger Bardolino… das war so ziemlich die größte, positivste Überraschung in meiner kulinarischen Geschichte. Jedenfalls in der Kategorie “Ohne tolle weibliche Begleitung”. Aber immerhin.
Ich habe übrigens Anstand gewahrt und mir die Frage nach dem Preis verkniffen.
