Manche Leute behaupten ganz unverfroren, dass ich ein veritabler Schussel und gleichzeitig ein Trampel von Weltruhm wäre. Diese Leute haben vielleicht Recht. Also, ich war jedenfalls mal so, möglicherweise. Damals, in der Schule. Während der Pubertät und danach. Ich bin ziemlich sicher, dass es seitdem aufgehört hat.
Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich ständig in Gedanken war. Vermutlich Berufsplanung oder Lyrik, ihr kennt das. Der Denis war ja immer schon ein schöpferischer Geist. Ich konnte eine ganze Doppelstunde Mathe lang hochinteressiert aussehen und doch alle Unterrichtsinhalte schadlos durch ein Ohr ein und durch das andere wieder austreten lassen – so habe ich durch solche Fächer relativ wenig Schaden genommen. Diese freie Zeit konnte viel sinnvoller genutzt werden. Ich schrieb keine Briefchen, weil ich nie welche zurückbekam. Außer von dem schiefzahnigen Typen, neben dem ich immer saß. Der hatte ständig nebelhaft beschlagene Brillengläser und Mundgeruch. Er glaubte auch, das ich sein Freund wäre. Es ist ein romantischer Irrglaube, dass Außenseiter zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Nein, wenn jemand unbeliebt ist, dann mögen ihn die anderen Unbeliebten auch nicht. Man wird nur bei allen Verteilungsprozessen wie durch ein Wunder gemeinsam übrig bleiben und landet so an gemeinsamen Tischen und beim Sport auf der Bank. Also, mit dem wollte ich auch nichts zu tun haben. Ich war ganz woanders und das jahrelang. Das hatte viel mit den Mädchen und mit Drachen zu tun. Aber ich will nicht zu sehr abschweifen.
Mein Problem war nicht meine mangelnde Populärität. Die anderen hatten eben alle keine Ahnung. Mein Problem war, dass ich ständig vor feststehende Objekte lief, weil ich in Gedanken war. Da war zum Beispiel eine stark abgeschliffene Statue aus Beton, die ursprünglich mal einen Elefanten dargestellt hatte, eine Reliquie eines lang verblichenen Abiturjahrgangs. Sie stand mitten auf dem ansonsten leeren Pausenhof. Genau hoch genug, damit sich ein durchschnittlicher 14jähriger daran wichtigste Teile ausgesprochen schmerzhaft stoßen konnte. Ja, lacht nur. Das haben die anderen Kinder auch. Jawoll. Jedesmal. Laut. Mir passierte das dauernd.
Aber ich war nicht auf Betonelefanten beschränkt, mein Repertoire war breitgefächert. Ich konnte exzellent vor stehende und langsam fahrende Autos laufen und alle Beteiligten damit unglücklich machen, was die komischerweise immer gerade anwesenden Zuschauer nur noch mehr amüsierte. Bäume waren meine leichteste Übung, vor allem die auf dem Bürgersteig. Ich hatte eine dunkle Ahnung, das die anderen “Buskinder” sich einen Spass daraus machten, mich geschickt in die Richtung von Hindernissen zu bugsieren, wie das die Schlepper im Hafen mit den Frachtschiffen machten – nur weniger wohlwollend und mit geringerer Tonnage. Mir ging meine Karriere als Slapstickdarsteller allmählich auf die Nerven.
Am gemeinsten aber waren die Straßenlaternen, die aus Metall. Sie taten zwar nicht weniger weh als hölzerne Hindernisse, waren aber von Lautstärke und Klang her besonders prägnant: Doing! … Aua. (So in etwa.) Natürlich war so meine Würde ganz erheblich in Mitleidenschaft gezogen und ich leugnete meine unfallträchtige Lebensweise. Das führte zu dem Tag, an dem mein schwieriges Verhältnis zu Laternen einen neuen Tiefpunkt erlitt.
Es war auf dem Weg zum Bus. Ich fühlte mich super, immerhin hatte jemand anderes etwas fürchterlich peinliches im Unterricht gemacht und wir konnten uns einmal gemeinsam über einen anderen als mich lustig machen. Ich glaube, er war in Erdkunde eingeschlafen, was mir selbst zugegebenermaßen auch häufiger passierte. Aber, hey, es war nicht mir passiert. Einem von den Coolen. Wir amüsierten uns köstlich. Bis zu dem Moment, an dem folgender Dialog losbrach:
“Hey, Denis, du hast da echt nix zu lästern. Du bist doch so ein Trottel, du rennst vor alles vor. Du stolperst und brichst dir nen Daumen. Du bist doch total Scheisse.”
“Wieso? Das stimmt doch gar nicht. das ist mir einmal passiert, Einmal! Damals…”
Doing!
Aua.
(Seufz.)
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