Oktober 2007

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Freistunde

Es muss in der Mittelstufe gewesen sein, als ich einmal eine Freistunde hatte – ich glaube, Erdkunde ist ausgefallen, kein Verlust – und irgendwie kam es dazu, dass ich mit den Coolen zusammen in die Stadt ging. Ich habe in der Vergangenheit immer betont, wie im unpopulär ich als Schüler war. So ganz korrekt ist das nicht. Ich kam tatsächlich ziemlich gut mit den allermeisten beliebteren Leuten in meiner Stufe aus, solange ich mit ihnen mehr oder weniger allein war; es war so, dass sie sich ungern mit mir sehen lassen wollten. So kam es zu der bizarren Konstellation dieses Tages – ich kannte tatsächlich die meisten der anderen Teenager1 in der Gruppe und kam gut mit ihnen aus. Sie hatten aber diese Tatsache offenbar voreinander geheimgehalten und taten so, als hätten sie mich allerhöchstens mal vom weiten gesehen.

Ich war also anwesend, aber unsichtbar.

Wir gingen aber gar nicht in die Stadt! Ich wollte fragen, warum – aber man bedeutete mir mit einer unmissverständlichen Geste zu schweigen. Also schwieg ich; meine neue Bande wollte ich auf keinen Fall riskieren. Lern nach ihren Regeln zu spielen, Denis. Wir begaben uns in eine nahe gelegene Bauruine und zwar auffällig unauffällig. Man schaute sich um. Ich lernte, das man mir nicht zu schweigen bedeutet hatte, weil ich der Neue war. Das machte man auch unter sich. Auch wenn niemand etwas gesagt hatte oder auch nur den Anschein machte, eine verbale Äußerung zu erwägen. Psssssssst. Das mochten zwar die Coolen sein, aber sie waren auch ausgesprochen albern. Neugierig war ich trotzdem.

Verstohlen schlichen wir durch den Dschungel aus Holunderbüschen und Brennnesseln, bis wir endlich am verlassenen Rohbau eines zweistöckigen Gebäudes angekommen waren. Ich wollte mich den anderen anschließen, die eintraten, aber Blonde Florian hielt mich an der Schulter fest. Ich sollte warten? Na gut, ich wartete mit ihm, bis die anderen die Treppe hinauf verschwunden waren. Florian schaute mich sehr ernst an. Er legte seine linke Hand auf meine linke Schulter. Er legte seine rechte Hand auf meine rechte Schulter. Er schaute noch ernster – Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Er machte eine mächtig ernste und bedeutungsvolle Pause. Ich konnte das Getuschel über uns hören.

“Denis. Kannst Du schweigen wie ein Grab?”

Ich nickte. Natürlich konnte ich das. Immerhin tat ich das damals die ganze Zeit. Ich war ein Experte im Schweigen und überhört werden.

“Du darfst keinen, niemandem etwas davon erzählen, was du gleich sehen wirst. Egal was passiert. Schwör!”

Ich hatte einen Kloß im Hals, die Sorte die man eigentlich mit Alkohol entfernt. Aber das würde ich erst viel später erfahren, also schluckte ich einfach, was nicht recht die erwünschte Wirkung hatte. Der Kloß blieb, aber ich konnte wenigstens sprechen.

“Ich schwörs.”

“Ehrlich?”

“Ja.”

Ich brachte nicht den Mut auf, nach den Folgen zu fragen. Es ging die Treppe hinauf, auf das Dach – oder besser der Ort, wo eigentlich noch weitergebaut werden sollte, damals. Man warf sich Blicke zu. Verschwörerische Blicke. Bist-Du-Der-Verräter-Blicke. Natürlich rauchte man; Rauchen war immerhin fast schon beinahe verboten und die Coolen trafen sich auf dem Raucherhof, wo man nun mal rauchen musste, um nicht als totaler Schwächling zum Gespött der Elite zu werden. Hier rauchten sie auch. Sie schienen etwas nervös. Ich setzte mich dazu und rauchte passiv mit, um nicht negativ aufzufallen. Einer, der Größte nämlich, warf noch einmal einen Blick in die Runde, dann holte er sein Päckchen mit Tabak hervor. Das hatte ich schon gesehen. Er wollte sich eine drehen! Aber das Papier war viel zu groß dafür; er verteilte den Tabak darin und dann… holte er eine merkwürdige Substanz hervor, kleine Blüten, die er zerrieb und über den Tabak verstreute. Wisst ihr, wie viel “Ein Hauch Muskatnuss” ist? Das hier war weit weniger. Eine homöopathische Dosis des geheimen Gewürzes2. Der Größte rollte eine Art Schultüte daraus und zündete das Ding breit grinsend an, sichtlich zufrieden mit seinem Werk.

Das war mir suspekt. Ich war Nichtraucher und wollte es auch bleiben. Mit dem Nicht-trinken war ich vor längerer Zeit kläglich gescheitert, deshalb war nicht zu rauchen eine heilige Mission. Mal ganz davon abgesehen, das ich Zigaretten wirklich bescheuert fand.

Die Runde schnupperte angestrengt, grinste nun ebenfalls und machte “Ah!”. Ich machte mit, aber ich roch nur Tabakrauch. Daher hörte ich lieber auf mit dem Geschnupper, sonst würde ich nur husten. Der Größte hielt sich mit beiden Händen den Mund zu und schaffte es trotzdem, einen langen Zug aus der winzigen Schultüte zu nehmen. Er schloss die Augen. Legte den Kopf in den Nacken. Atmete langsam aus und produzierte eine kleine, weiße Wolke. Dann gab er die Tüte weiter. Die anderen Coolen gaben sich große Mühe, würdevoll zu wirken und lehnten sich nach ihrem tiefen Zug aus dem Ding zurück, dem Augenschein nach völlig entspannt. Das ganze erinnerte mich an das Abendmahl und meine Konfirmation; dasselbe in cool.

Nach einigen Minuten war die Schultüte abgebrannt. Dann war es wieder still. Minutenlang. Dann fasste ich einer ein Herz.

“Merkt ihr schon was?”

“Ich fühl mich voll… ey, das kann ich nicht beschreiben.”

“Aber Farben seh ich keine.”

(Kichern)

An mir war die Tüte natürlich vorübergegangen, ohne das man mich auch nur gefragt hätte. Anders hätte ich es auch nicht erwartet, aber an diesem Tag war ich fast erleichtert darüber. Ich merkte, dass ich unbedingt grinsen musste und dann grinste ich still vor mich hin. Eines der beiden Mädchen räusperte sich. Sie nahm sich ein Herz und sprach:

“Also, ich merke nichts. Das ist wie ne Selbstgedrehte, ne schlecht gedrehte die nicht gut zieht.”

“Ich merk voll was.”

“Ich nich.”

“Haste nich richtig dran gezogen, so auf Lunge?”

Und so ging das weiter, bis wir alle zu spät zu Mathe kamen.

  1. Das Wort klingt so falsch… []
  2. Also, viel zu wenig. []

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Damit meine ich ein guter Schreiber und gleichzeitig ein unverbesserlicher Nerd. Stephen Fry ist offentlich beides und außerdem wohl noch zigtausend Dinge mehr. Das beruhigt mich ganz enorm. Ich wusste, dass der erste Apple Macintosh auf der Insel von Douglas Adams gekauft wurde1; seine Leidenschaft für technisches Spielzeug war kein Geheimnis sondern vielmehr ein unübersehbarer Teil seines Lebens. Frustration über nicht wie gewünscht funktionierenden elektronischen Geräten schimmerte in seinen wenigen Büchern deutlich durch; in Frys Weblog zeigt sich eine ungeahnte Faszination – im verlinkten Beitrag geht es um ‘Smartphones’, also richtig schlaue Telefone. Der Mann ist viel schlimmer als ich.2

Design matters
By design here, I mean GUI and OS as much as outer case design. Let’s go back to houses. The sixties taught us, surely, that architectural design, commercial and domestic, is not an extra. The office you work in every day, the house you live in every day, they are more than the sum of their functions. We know that sick building syndrome is real, and we know what an insult to the human spirit were some of the monstrosities constructed in past decades. An office with strip lighting, drab carpets, vile partitions and dull furniture and fittings is unacceptable these days, as much perhaps because of the poor productivity it engenders as the assault on dignity it represents. Well, computers and SmartPhones are no less environments: to say “well my WinMob device does all that your iPhone can do” is like saying my Barratt home has got the same number of bedrooms as your Georgian watermill, it’s got a kitchen too, and a bathroom.” … I accept that price is an issue here; if budget is a consideration then you’ll have to forgive me, I’m writing from the privileged position of being able to indulge my taste for these objects. But who can deny that design really matters? Or that good design need not be more expensive? We spend our lives inside the virtual environment of digital platforms – why should a faceless, graceless, styleless nerd or a greedy hog of a corporate twat deny us simplicity, beauty, grace, fun, sexiness, delight, imagination and creative energy in our digital lives? And why should Apple be the only company that sees that? Why don’t the other bastards GET IT??

Das beruhigt mich. Nun muss ich nur noch richtig schreiben lernen und ich kann genauso erstaunlich werden.

Um entsprechenden Kommentaren vorzugreifen: Ich kenne ja meine kommentarfreudige weibliche Leserschaft und erahne schon die “typisch Jungs!” Sprüche, die entweder unter diesem Text oder in ICQ einschlagen werden. Bei Telefonen seid ihr mindestens genauso schlimm, Ladies. Sie sollen Spaß machen und toll sein, oder? Nicht wie Computer, stimmts? – die sind Werkzeuge und sollen ihre Arbeit tun, was sie meist eben nicht tun. Jungs basteln ständig an ihren Computern und Autos, bis sie erst recht nicht mehr funktionieren. Sie mögen Spoiler und farbige Lichter an ihre Lieblingsgeräte basteln, aber sie kleben keine funkelnden Kunstedelsteine an ihre Telefone; auch puschelwuschelige Anhänger bleiben meist auf die weibliche Fraktion beschränkt. Komischerweise sind Kerle auch oft diejenigen, die “nur telefonieren” wollen. Hm. Irgendwie funktioniert die Sache mit den ganzen Klischees und Generalisierungen nicht so gut, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vielleicht sind die aber auch großer Mist. Was meint ihr?

Seien wir doch ehrlich. Wir sind alles Nerds oder Geeks3, egal ob wir nun mit Y-Chromosom ausgeliefert wurden oder ohne diesen genetischen Defekt. Wir wollen schöne Sachen, vor allem diejenigen, die wir uns beim besten Willen nicht leisten können. Schöne Sachen, die alle möglichen großartigen Funktionen haben und Spass machen. Fantastisches Essen und Trinken gehört definitiv dazu.

“Brauch ich alles nicht?”- Stimmt. Will ich aber alles!

  1. darauf spielt Fry übrigens auch an. []
  2. Und er kann es sich leisten. []
  3. Immerhin lesen wir nachweislich Weblogs. []

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Und so kam es zu der Zeit, dass ich folgenden Satz überhörte, den ich nun unbedingt einer größeren Öffentlichkeit verkünden muss:

“Dann sägen wir alles durch und dann wird gemufft.”

Ich bin fast sicher, so können die größten Probleme unserer Zeit gelöst werden.

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Am Wochenende war ich wieder einmal zu nachtschlafender Zeit aus. Dieses Mal hatte ich ausnahmsweise mal nicht die gewohnte Crew um mich – die hatte wohl nach der freitäglichen Feierstunde eine kleine Formschwäche auszukurieren – sondern das ganze Auto voll mit viel jüngeren Leuten. Sie waren laut, betrunken und sehr lebendig. Meine anderen Freunde sind auch oft laut, betrunken und höchst lebendig. Aber hier war etwas anders als sonst. Ich begann, eines der freundlichen Aliens exemplarisch zu beobachten.

Ich kannte sie ja schon eine ganze Weile; schon von Anfang an hatte ich das Gefühl, das sie zwar ein liebenswürdiges Wesen an sich hatte, aber auch die vage Ahnung, sie nicht so recht verstehen zu können. Was die Sympathie keineswegs minderte, es gesellte sich nur eine gewisse wissenschaftliche Neugierde dazu. Sie tanzt gerne, trinkt gerne, lacht gerne und viel – ihr normaler Ausdruck ist ein stadthallenausleuchtendes Strahlen. Ihre Statusmeldungen im Zwischennetz rangieren auf einer Bandbreite zwischen “Das Leben ist großartig” bis hin zu “Es könnte nicht optimaler sein!!!”. Sie scheint mit ihrer Männersituation ausgesprochen zufrieden, sie besucht tolle Konzerte, sie mag ihre Freundinnen.

Kurz gesagt, sie macht sehr überzeugend den Eindruck, mit sich und der Welt im reinen zu sein. Sie scheint glücklich zu sein und ich nehme ihr das tatsächlich ab. Ich habe auch oft solche Momente, Augenblicke an die man in fürchterlichen Krisen sechs Monate später zurückdenkt und sich sagt, “Ach Alter – da warst du aber noch gut zufrieden.” Für solche Augenblicke kann ich locker durch die halbe Weltgeschichte reisen, ohne irgendetwas je zu bereuen. Aber das sind kurze strahlende, wundervolle Phasen. Total Bliss auf Zeit. Das Beobachtungsobjekt ist scheinbar wirklich dauerhaft auf Wolke sieben eingemietet.

Es ist nicht so, dass ich neidisch wäre. Das ist es nicht. Es ist in etwa so, als ob man einem Fischotter für seine Schwimmkünste oder seinen schimmernden Pelz beneidet. Dieses Wesen da ist wie eine fremde Spezies, die man erstaunt beobachtet und sich freut, das sie den Planeten mit eine teilt. Manchmal wünschte man sich allerdings ähnliche Eigenschaften.

Jedenfalls was die Schwimmkünste angeht. Oder das Geheimnis des dauerhaften Glücklichsein. Falls ich etwas davon erlernen sollte, teile ich mein Wissen natürlich mit euch.

  1. Eine Bekannte meiner Mutter sorgt dafür, das mir regelmäßig ein halber Frankfurter Kranz zukommt und zwar eine Sorte mit besonders viel Buttercreme drauf. Ich habe nicht dir geringste Ahnung, warum sie glaubt das ich eine besondere Vorliebe für extrem dickmachende Torten habe und erst recht nicht warum sie beschlossen hat, mich bis zum Ende meines Lebens mit solchen Leckereien zu versorgen – aber ich sage auch nicht nein. Natürlich nicht. Wie soll ich dieses … Monstrum bloß schaffen? Mehr als ein Häppchen eigentlich. Hundertfuffzich erwachsene Happen wohl eher.
  2. Dafür war das gestrige musikalische Häppchen, serviert vonVon Spar , leider um so ärmer an Nährstoffen. Ohne ihren vor Jahren verlorenen charismatischen Sänger, dafür aber mit einer ziemlich uninspirierten Videoshow. Exzellent gespielte krautrockige Soundscapes, mit denen man durchaus mitwippen konnte – sicher keine schlechte Musik, aber eben auch überhaupt nichts Besonderes, eher reichlich altbacken, spannungsarm und stellenweise langweilig. Das hat auf Platte noch ganz gut funktioniert, live sprang der Funke nicht bis zu mir über, und das obwohl ich ganz vorne stand.1 Insbesondere für ein Projekt mit ihrem Ruf eher befremdlich. Nach guten 45 Minuten war auch schon Schluss. Enttäuschend.
  3. Leider war ich dann gestern leider nicht mehr in der Stimmung für die wirklich tolle Musik während der Kekse! Party, die auf die drei Bands2 folgte. Es war ja schon drei Uhr – so lange können sich Umbauzeiten und Soundchecks hinziehen. Dafür wird hoffentlich die heutige Tinnitus Party im Forum um so besser angehen, ich habe es mir ja mit all den Schreibereien auch reichlich verdient – wenn ich bis dahin fertig bin. Darum muss ich nun wieder ans Werk, ihr versteht.
  1. Andere haben die Show allerdings weit mit genossen als ich, das sollte auch gesagt werden. []
  2. Über die ersten beiden werde ich einfach mal schweigen. []

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Das hat ja doch ganz gut funktioniert, oder? Ich hatte schon meine Bedenken, als ich hörte das Oliver Pocher zusammen mit Harald Schmidt moderieren würde. Hm-hm. Er hat sich ganz gut eingefügt, auch wenn er offensichtlich ein wenig Lampenfieber hatte. Vielleicht doch nicht nur ein wenig: Der Herr Pocher war doch sehr nervös – das wird sich bestimmt legen. Hoffentlich. Es muss sich legen. Der Mann wirkte doch arg gebremst. Die Sendung – eine ganze Stunde lang – hatte ein paar schwache Stellen, aber sie war unterhaltsam und gelegentlich sogar lustig. Daran war man ja gar nicht mehr gewöhnt.

Am Ende würde ich sagen, das “Schmidt & Pocher” vielleicht eher ein Tapetenwechsel und der Verlust alter Zöpfe geholfen hat, als die Beiträge von Herrn Pocher: Die immer träger werdende Interaktion mit Manuel Andrack hatte sich totgelaufen und ist nur ein Beispiel für eine Menge alter Traditionen, die weit über ihr Verfallsdatum hinaus “drin geblieben” waren. Mal sehen, was da noch kommt; ich schaue vielleicht mal wieder rein, trotz Schmidts relativ schwacher Stand up und Pochers Schüchternheit (!). Ich bin gespannt.

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