Pesthauch der Angst

Als ich noch nicht zu dem furchtlosen barbarischen Krieger herangewachsen war, den ihr heutzutage kennt und liebt, war ich auch einmal ein Kind. Ich war sogar ein Kind mit echten Ängsten. Darüber kann ich nun erstmals berichten, weil ich den Pullunder der Wahrheit trage1, der meine Erinnerungen so klar wie ein teurer Flachbildschirm abbilden kann und das ohne Panikattacken auslösen zu können. Der Pullunder spricht zu mir und legt nahe, über meine uralten Ängste zu schreiben.2 Auch ganz ohne Grog will ich es wagen. Seid ihr bereit? Sehr gut.

  1. Dunkelheit. Als Kind konnte ich im dunkeln nicht einschlafen. Mein Vater baute daher eine kleine Glühlampe mit einer dahinterhängenden Blockbatterie an mein Bett, damit ich nicht dauernd aufstand und meine Eltern bei abendlichem Erwachsenenkram störte. Eines Tages brannte die Glühbirne durch und schmorte ein hässliches Loch auf den Einband meines Exemplares von Der Maulwurf Grabowski. Die Bastlerehre meines Vaters war verletzt und man entschloss sich diesem Moment der Niederlage, in Zukunft einfach die Tür einen Spalt offen zu lassen. Interessanterweise schlafe ich heute am besten, wenn es absolut finster ist.
  2. Flugzeugabsturz vor dem Haus. Ich träume immer wieder davon, dass ein großes, schweres Flugzeug – eine Transall vielleicht oder ein Bomber, jedenfalls eines mit brummenden Motoren mit schwerfällig über den bewaldeten Hügel neben unserem Haus geflogen kam… es gerade so über das Haus hinweg schaffte und dann auf der Wiese einschlug, wobei eine mächtige Explosion mit einem großartigen Feuerball entstand, die so gut wirklich nur die besten Pyrotechniker aus Hollywood oder eben meine Phantasie hinbekommen. Ich hatte wirklich große Angst, dass uns etwas auf das Haus fallen könnte.
  3. Hose vergessen. Ich habe mal gehört, dass dieses ein gefürchteter Alptraum von Bürorkräften ist, aber ich hatte ihn schon seit der Grundschule: Morgens aufzustehen, zu frühstücken und viel später in der Schule festzustellen, dass die anderen Kinder mich anstarrten: Ich hätte nämlich nicht nur versäumt mir meine Hose anzuziehen, auch die Unterhose wurde schmerzlich vermisst. Natürlich haben sie gelacht. Und wie! Wenigstens wurde ich in diesem Moment wach.
  4. Atomwaffen. Wie die meisten Kinder der 80er und 70er – wir hatten Kalten Krieg – hatte ich fürchterliche Angst davor, dass irgendjemand verrückt genug sein würde, auf den berühmten roten Knopf zu drücken und alle wären tot. Ich glaube, die meisten Leute aus dieser Zeit haben ähnliches erlebt – und die jüngeren werden es vielleicht gar nicht nachvollziehen können. Das war wirklich sehr bedrohlich für mich und ganz habe ich diese Angst auch nicht verloren.
  5. Die nächste Mathematikstunde. Wie gut das ich die Schule hinter mir habe, denn meine Abneigung gegenüber diesem Fach ist eigentlich immer gleich geblieben. Brrrr! Als Kind hatte ich so viele vollkommen berechtigte Vorbehalte, dass ich zum Rebellen wurde. Ich habe Abeitsblätter zerissen, gewaltlosen Widerstand durch Totalverweigerung erprobt, auch rituelle Aufgabenentsorgung der Aufgaben im Klassen-eigenen Papierkorb halfen nur dabei, die Lehrerin zum Weinen zu bringen, nicht aber befreiten sie mich von der Plage der Zahlen. Übrigens fanden die anderen Kinder mich deswegen nicht cool, sondern hatten lediglich etwas Angst vor mir. Deswegen kriegte ich der Pause unweigerlich “was auf die Fresse” – die Schläger waren danach die Helden der Grundschule. Irgendetwas muss ich da falsch gemacht haben. Paradoxerweise hatte etwas Mitleid mit der Lehrerin und stelle deshalb den offenen Kampf gegen das Regime hinter dem Schreibtisch ein. Immerhin: Ich war früh genug in der Oberstufe, um Mathe noch abwählen zu können. Hurra! Aber bis dahin hatte ich noch oft von hochpeinlichen Minuten beim vorrechnen an der Tafel geträumt.

Ich muss natürlich betonen, dass das hier Kinderängste waren und nicht Teenagerängste, die viel langweiliger sind, weil sie so oft mit “Sie hasst mich, alle hassen mich, ich werde niemals Sex haben, ich bin anders als die anderen!” erschöpfend erklärt worden sind. Nun bin ich natürlich wie immer neugierig auf eure aufwühlenden Geständnisse… wir könne auch einfach so tun, als wäre das hier ein Stöckchen3 und ich hätte eine kleines Schälchen mit vielen handlichen Portionen davon hier auf dem Tisch in der gorgmorgischen Botschaft aufgestellt. Ansonsten: Bühne frei für Kommentare!

  1. Ist grau. []
  2. Das … könnte ein Stöckchen werden. []
  3. ich bin nicht gut im Stöckchendesign, vielleicht sollte das mal jemand in die Hand nehmen []

4 Kommentare

  1. Ich habe als Kind mal Tinte verschluckt (wollte meinen Füller wieder zum Schreiben bringen, indem ich die Feder anleckte – leider kam dann zuviel Tinte auf einmal) … und danach dachte ich, ich müsse sterben. Ich dachte, Tinte sei giftig.
    Eine Zeit lang habe ich jeden Abend vor dem Einschlafen verkrampft im Bett gelegen und mein Herz befühlt, ob es noch schlägt (ich schätze, ich hatte meine Hand nicht an der richtigen Stelle – damals war ich anatomisch bestimmt noch nicht sehr bewandert – und habe einfach den Puls meiner Hand gespürt ;-)
    Geheilt von meiner Angst wurde ich erst, als meinem Banknachbarn das gleiche passierte.

  2. In unserer Klasse gab es so eine Art Mutprobe, einen Füller ganz und gar “auszusaugen” und dann die blaue Zunge der Lehrerin zu präsentieren, die das Unterfangen ganz und gar nicht zu schätzen wusste.

    (Manche Kinder waren sich auch sicher, dass Tinte giftig war, daher musste so etwas unbedingt ausprobiert werden.)

  3. Oha, naja Tinte habe ich zum Glück nie geschluckt oder schlucken müssen :-)

    Aber zu der Atombomenangst: da habe ich (Jg 80) wirklich nie Angst vor gehabt. Zum ersten Mal ist mir das begegnet im Film “Great Balls of Fire” und das hat mich echt nachdenklich gemacht. Bin froh, dass der Kalte Krieg vorbei ist. Obwohl der gute Dubya ja schon den 3. Weltkrieg angekündigt hat.

  4. Oh ja… Angst vor der Dunkelheit… das kenn ich.

    Mein Papa hat im Gang extra eine kleine Lampe installiert, die in mein Zimmer hineingeschienen hat und die Tür blieb offen.
    Was war das für ein Drama eines Nachts, als meine Eltern die Lampe schon ausgeschaltet hatten und ich dann wach wurde…….

    Noch heute steh ich nicht wirklich auf absolute Dunkelheit… Ich schlafe am liebsten mit offenen Jalousien… ist aber schlecht mitten in München im Erdgeschoss… Da schaut ja jeder rein. Daher bin ich auch ein Dunkel-Schläfer.