Listig angestiftet werde nun auch ich über ein heikles Thema berichten, das euch auch schon untergekommen sein könnte. Leider fällt mir kein Name dafür ein, also müsst ihr diesen Happen Text vertilgen, ganz und gar, um überhaupt zu verstehen worum es geht. Ich nehme mal für den nächsten Absatz eine klassischeren Einstieg. Achtung, hier kommt er:
Kennt ihr das auch? Man hat einen dieser schwachen Augenblicke und denkt an seine Verflossenen und unsichtbar gewordenen Freunde. Es war doch schön damals, warum hat man sich eigentlich so … auseinandergelebt? Oft kann man sich gar nicht mehr daran erinnern, wie es dazu kam. Sicher war es nur eine Kleinigkeit, die man in einem Moment jugendlichen Ungestüms gesagt oder getan hatte, dann führte sicher eines zum anderen und hat sich gestritten und dann hatte man die Schnauze voll voneinander. Wie kurzsichtig! Heute würde man das besser machen und irgendwie alles retten. Man ist ja älter und weiser und viel diplomatischer, toleranter sowieso. Und, hey – man kann ja über alles reden und zu einer Lösung kommen.
Wenn ich mal wieder die alten Bekannten und Saufkumpanen treffe, dann weiss ich spätestens nach drei freundlichen Minuten wieder genau, warum ich sie nicht mehr ab kann und ergreife fast immer im richtigen Moment – was “so schnell wie möglich” bedeutet – die Flucht. Ihr dürft euch das so vorstellen, wie im Film. Ein Blick auf mein mit elegantem Schwung hervorgezauberte Mobiltelefon, das vorgeblich gerade tief in meiner Tasche vibriert hat, zusammengekniffene Lippen und ein ernster, bedauernder Blick in Richtung der Person, deren vollständige Abscheulichkeit mir gerade rechtzeitig wieder ins Gedächtnis kam. Ich schüttele langsam mit dem Kopf. “Tut mir leid, das Team braucht mich. Vielleicht sehen wir uns mal wieder.”1. Husch, weg bin ich.
Mit ehemaligen Freunden komme ich also als ein relativ findiger, relativ junger Mensch ganz gut klar. Ehemalige Geliebte/Affairen/Unfälle hingegegen sind ein anderes Kapitel wert, welches nun seinen Anfang nimmt. Hier kommt die Version mit Affairen.
Man sagt mir nicht ganz zu Unrecht nach, das ich hin und wieder sentimentale Episoden hätte. Da sehe ich Fotos, Briefe oder Emails und überlege mir, hey, die war doch gar nicht so übel, die Frau. Ab dann werde ich erst so richtig sentimental, besonders natürlich wenn ich eine Weile allein war/keinen Sex hatte/nicht verliebt bin. Die Erinnerungen sind von der Stimmung her rosarot, optisch elegant in Schwarzweiss oder Sepia, eben genauso wie solche Rückblenden in Filmen vorkommen. Alles war toll. Wie konnte ich so blind sein und da nicht etwas Dauerhaftes anstreben? Wenn die Wehmut zu groß wird, werde ich weich und melde ich mich einfach mal. In der Vergangenheit gab es dann sogar Antwort, Sorge ist dann anzuraten, wenn der Tonfall eher überrascht/verärgert ist und erst recht dann, wenn man sich dann tatsächlich mal wieder treffen sollte.
Ich erinnere mich da an so eine Sache. Ein Absturz nach einer feinen Party, man tauschte Adressen und Handynummern aus (jaha, damals hatte noch nicht jeder Email). Sie war sehr klein und hatte eine enorme Menge brünetten Haares vorzuweisen. Die Locken hatte sie zu einer beeindruckenden Skulptur modelliert, die sie auf geschätzte einsachzig brachte – knapp größer als ich. Daran erinnerte ich mich gut, auch an ihre wirklich süße Stupsnase und an eine Neigung zu Spitzzüngigkeit und Freude an Wortgefechten; das gefiel mir. Wir gingen ein paar mal zusammen aus, nichts weiter passierte, aber man war so eine Fahrgemeinschaft. Natürlich zankten wir uns die ganze Zeit, das war für mich in Ordnung, immerhin vertrug man sich schnell wieder und nahm sich in den Arm. Mir kam einfach nicht in den Sinn, warum wir uns mal zerstritten hatten. Oder ob wir uns überhaupt zerstritten hatten. Wir sprachen nie darüber; wenn das Thema aufkam, feuerte sie ein paar finstere Blicke ab, die mich schnell zum Schweigen brachten. Was auch immer passiert sein mochte, nun fand ich sie toll und wollte mehr. Viel mehr.
Sie auch. Eines Tages haben wir uns fürchterlich betrunken, absichtsvoll und landeten in ihrer Wohnung; einer kleinen Dachwohnung mit Schräge, mit vielen bedruckten Tüchern an den Wänden – diese Sorte, die man auf Festivals von holländischen Standbetreibern kaufen kann. Wahlweise gibt es sie als Batik-Arbeit, als Südstaatenflagge, Metallica-Gruppenfoto oder mit denselben “Tribal” Motiven, die man auch als Tattoo-Vorlagen für die gefürchteten ‘Arschgeweihe’ verwendet. Sie hatte auch Räucherstäbchen, die nach Patchouli rochen und ein sehr kleines Bett. Wir schafften es gerade noch die Treppe hinauf, durch die Tür – ich glaube, wir haben sie auch wieder hinter uns geschlossen – dann fielen wir auf das sehr kleine Bett, mehr als nur ein wenig wacklig auf den Beinen und mehr als nur ein wenig geil. Sie hatte eine angebrochene Flasche Ouzo oder etwas anderes Fürchterliches am Bett. Wir beschlossen, uns um das Zeug zu kümmern. Irgendwann küssten wir uns. Alles verlief nach Plan.
An die nächsten Stunden kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Jedenfalls war ich irgendwann halb nackt und sie ganz. Wir waren gerade dabei, uns wieder zu küssen, als ich spürte wie sich die Nebelschwaden des Alkohols langsam von meinem Verstand verzogen und ich zusehens an Durchblick gewann. Sie küsste schlecht und schmeckte schlecht, bemerkte ich, als sie weiter aus dem ‘Kleinen Prinzen’ vorlas und mit der freien Hand versuchte, Tote zum Leben zu erwecken, zwischen meinen Beinen nämlich. Ihr Tun war fruchtlos.
Ich schaute sie mir näher an, als sie sich wieder dem Buch widmete. (Die Frau mit den Haaren las mir gerade die Stelle mit dem Fuchs vor, natürlich musste es genau genau diese sein). Sie war eine der Frauen, die nackt nicht gerade besser aussahen als in Kleidung. Ungepflegt, irgendwie. Hatte sich wohl eine Weile nicht gewaschen. Ich war definitiv nicht erotisiert und daran würde sich ganz sicher in dieser Nacht auch nichts mehr ändern. In zukünftigen Nächten auch nicht. Eine gewichtige Erkenntnis senkte sich in mein Gehirn, so dezent wie 17 Tonnen verdorbenen Bücklings, die auf ein geöffnetes Cabriolet fallen: Das hatte ich alles schon einmal gesehen und ich hatte es damals schon genauso unerfreulich gefunden. Auch die Sache mit dem Körpergeruch… genau, nun konnte ich mich wieder erinnern. Damals hatte sie aus dem “Seelenvogel” vorgelesen. Eigentlich, erinnerte ich mich, hatte ich mich damals dazu entschlossen, diese Frau gar nicht richtig zu mögen. Ich blinzelte mental. An sich lag ich damals ja gar nicht so falsch: Ich mochte sie immer noch nicht. Wir stritten uns eigentlich nur und waren eine Fahrgemeinschaft, die die die richtigen Clubs ansteuerte, wenn ich mich durchsetzen konnte. Auf der anderen Seite: Ich mochte ihre Bücher nicht, ich mochte ihre Musik nicht, ich hasste ihre Wohnung und ich fand ihren Charakter bestenfalls langweilig. Außerdem roch sie nicht gut. Immerhin fand ich die Frisur klasse. Was machte ich hier eigentlich? Und vor allem, was sollte ich ihr nun sagen?
Es konnte keine Zweifel mehr geben: Ich musste fliehen und zwar schnell.
Ich habe keine Ahnung, was ich ihr gesagt habe, aber es muss etwas Gutes gewesen sein; jedenfalls gab es keine lange Diskussion.2 Auf Socken (um nicht die gefürchtete Mutter zu wecken) schlich ich nach draussen… und noch flott über den Plattenweg auf den Bürgersteig, der wirklich eisig kalt war. Jaja, etwas Strafe hatte ich ja verdient. Die Pendler an der Bushaltestelle schauten mich schräg an, als ich fröstelnd meine Doc Martens anzog. Die hatten ja keine Ahnung.
Später habe sie mal an einer Kasse eines Supermarktes gesehen, als Kassiererin. Sie hat mich geflissentlich ignoriert und ich verzichtete als Gegenleistung generös darauf, nach meinen Büchern zu fragen.

Puuuh, und ich dachte schon, ich wäre der einzige Mensch auf diesem Planeten, der ehemals gute Freunde nach einiger Zeit einfach nur noch unausstehlich findet. Ein furchtbares Gefühl aber anscheinend unvermeintlich. Oder wir haben einfach nur einen miesen Charakter.
Soll ich lachen oder weinen bei deiner Story? So “schlimm” ist es mir zum Glück bisher noch nicht ergangen und ich konnte meist erst am nächsten Morgen gehen.
@Katze: Fein, dann sind wir schonmal zwei verlotterte Drecksäcke. Das freut mich.
@Caesar: Das war der nächste Morgen. Naja, Du kannst ja beides, vor Lachen weinen vielleicht? Über mich, bitte. War ja nicht gerade eine Glanzleistung von mir.
Haha, cool geschrieben! Und dann auch noch absolut nachvollziehbar, jedenfalls was meine eigenen erfahrungen in diesem delikaten bereich angeht… ich hab allerdings bisi länger für die flucht gebraucht – so etwa 5 jahre…
Naja, ich sehe als Morgen immer erst an, wenn ich geschlafen habe (mehr oder weniger) oder es unweigerlich schon wieder hell wird.
Als Glanziestung würde ich das auch nicht bezeichnen, aber immerhin bist du heil wieder weggekommen und wenn sie dir nichtmal böse war, musst du das wohl ganz gut angestellt haben.
Oh, sie hat nie wieder mit mir gesprochen. War sauer. Dafür hat sie auch meine Sachen nicht mehr rausgerückt. Da war ich auch sauer.
Letzten Endes mochte ich sie nicht, sie mich auch nicht recht. Merkwürdig, wen das Leben so zu Bettgenossen macht – oder eben fast.
Irgendwie hat sie aber dann mit allen gemeinsamen Bekannten verkracht und hat irgendwann einen sehr dicken Herrn geheiratet, der wegen ihr seine Familie aufgegeben hat. Oder so, kann auch anders sein. Ist ja nicht so, dass die Geschichte eine wichtige war, ich hatte auch jahrelang nicht mehr daran gedacht.
Dafür hast du sie aber sehr schön erzählt.