Freistunde

Es muss in der Mittelstufe gewesen sein, als ich einmal eine Freistunde hatte – ich glaube, Erdkunde ist ausgefallen, kein Verlust – und irgendwie kam es dazu, dass ich mit den Coolen zusammen in die Stadt ging. Ich habe in der Vergangenheit immer betont, wie im unpopulär ich als Schüler war. So ganz korrekt ist das nicht. Ich kam tatsächlich ziemlich gut mit den allermeisten beliebteren Leuten in meiner Stufe aus, solange ich mit ihnen mehr oder weniger allein war; es war so, dass sie sich ungern mit mir sehen lassen wollten. So kam es zu der bizarren Konstellation dieses Tages – ich kannte tatsächlich die meisten der anderen Teenager1 in der Gruppe und kam gut mit ihnen aus. Sie hatten aber diese Tatsache offenbar voreinander geheimgehalten und taten so, als hätten sie mich allerhöchstens mal vom weiten gesehen.

Ich war also anwesend, aber unsichtbar.

Wir gingen aber gar nicht in die Stadt! Ich wollte fragen, warum – aber man bedeutete mir mit einer unmissverständlichen Geste zu schweigen. Also schwieg ich; meine neue Bande wollte ich auf keinen Fall riskieren. Lern nach ihren Regeln zu spielen, Denis. Wir begaben uns in eine nahe gelegene Bauruine und zwar auffällig unauffällig. Man schaute sich um. Ich lernte, das man mir nicht zu schweigen bedeutet hatte, weil ich der Neue war. Das machte man auch unter sich. Auch wenn niemand etwas gesagt hatte oder auch nur den Anschein machte, eine verbale Äußerung zu erwägen. Psssssssst. Das mochten zwar die Coolen sein, aber sie waren auch ausgesprochen albern. Neugierig war ich trotzdem.

Verstohlen schlichen wir durch den Dschungel aus Holunderbüschen und Brennnesseln, bis wir endlich am verlassenen Rohbau eines zweistöckigen Gebäudes angekommen waren. Ich wollte mich den anderen anschließen, die eintraten, aber Blonde Florian hielt mich an der Schulter fest. Ich sollte warten? Na gut, ich wartete mit ihm, bis die anderen die Treppe hinauf verschwunden waren. Florian schaute mich sehr ernst an. Er legte seine linke Hand auf meine linke Schulter. Er legte seine rechte Hand auf meine rechte Schulter. Er schaute noch ernster – Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Er machte eine mächtig ernste und bedeutungsvolle Pause. Ich konnte das Getuschel über uns hören.

“Denis. Kannst Du schweigen wie ein Grab?”

Ich nickte. Natürlich konnte ich das. Immerhin tat ich das damals die ganze Zeit. Ich war ein Experte im Schweigen und überhört werden.

“Du darfst keinen, niemandem etwas davon erzählen, was du gleich sehen wirst. Egal was passiert. Schwör!”

Ich hatte einen Kloß im Hals, die Sorte die man eigentlich mit Alkohol entfernt. Aber das würde ich erst viel später erfahren, also schluckte ich einfach, was nicht recht die erwünschte Wirkung hatte. Der Kloß blieb, aber ich konnte wenigstens sprechen.

“Ich schwörs.”

“Ehrlich?”

“Ja.”

Ich brachte nicht den Mut auf, nach den Folgen zu fragen. Es ging die Treppe hinauf, auf das Dach – oder besser der Ort, wo eigentlich noch weitergebaut werden sollte, damals. Man warf sich Blicke zu. Verschwörerische Blicke. Bist-Du-Der-Verräter-Blicke. Natürlich rauchte man; Rauchen war immerhin fast schon beinahe verboten und die Coolen trafen sich auf dem Raucherhof, wo man nun mal rauchen musste, um nicht als totaler Schwächling zum Gespött der Elite zu werden. Hier rauchten sie auch. Sie schienen etwas nervös. Ich setzte mich dazu und rauchte passiv mit, um nicht negativ aufzufallen. Einer, der Größte nämlich, warf noch einmal einen Blick in die Runde, dann holte er sein Päckchen mit Tabak hervor. Das hatte ich schon gesehen. Er wollte sich eine drehen! Aber das Papier war viel zu groß dafür; er verteilte den Tabak darin und dann… holte er eine merkwürdige Substanz hervor, kleine Blüten, die er zerrieb und über den Tabak verstreute. Wisst ihr, wie viel “Ein Hauch Muskatnuss” ist? Das hier war weit weniger. Eine homöopathische Dosis des geheimen Gewürzes2. Der Größte rollte eine Art Schultüte daraus und zündete das Ding breit grinsend an, sichtlich zufrieden mit seinem Werk.

Das war mir suspekt. Ich war Nichtraucher und wollte es auch bleiben. Mit dem Nicht-trinken war ich vor längerer Zeit kläglich gescheitert, deshalb war nicht zu rauchen eine heilige Mission. Mal ganz davon abgesehen, das ich Zigaretten wirklich bescheuert fand.

Die Runde schnupperte angestrengt, grinste nun ebenfalls und machte “Ah!”. Ich machte mit, aber ich roch nur Tabakrauch. Daher hörte ich lieber auf mit dem Geschnupper, sonst würde ich nur husten. Der Größte hielt sich mit beiden Händen den Mund zu und schaffte es trotzdem, einen langen Zug aus der winzigen Schultüte zu nehmen. Er schloss die Augen. Legte den Kopf in den Nacken. Atmete langsam aus und produzierte eine kleine, weiße Wolke. Dann gab er die Tüte weiter. Die anderen Coolen gaben sich große Mühe, würdevoll zu wirken und lehnten sich nach ihrem tiefen Zug aus dem Ding zurück, dem Augenschein nach völlig entspannt. Das ganze erinnerte mich an das Abendmahl und meine Konfirmation; dasselbe in cool.

Nach einigen Minuten war die Schultüte abgebrannt. Dann war es wieder still. Minutenlang. Dann fasste ich einer ein Herz.

“Merkt ihr schon was?”

“Ich fühl mich voll… ey, das kann ich nicht beschreiben.”

“Aber Farben seh ich keine.”

(Kichern)

An mir war die Tüte natürlich vorübergegangen, ohne das man mich auch nur gefragt hätte. Anders hätte ich es auch nicht erwartet, aber an diesem Tag war ich fast erleichtert darüber. Ich merkte, dass ich unbedingt grinsen musste und dann grinste ich still vor mich hin. Eines der beiden Mädchen räusperte sich. Sie nahm sich ein Herz und sprach:

“Also, ich merke nichts. Das ist wie ne Selbstgedrehte, ne schlecht gedrehte die nicht gut zieht.”

“Ich merk voll was.”

“Ich nich.”

“Haste nich richtig dran gezogen, so auf Lunge?”

Und so ging das weiter, bis wir alle zu spät zu Mathe kamen.

  1. Das Wort klingt so falsch… []
  2. Also, viel zu wenig. []

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