Quotenkerl

Sagte ich vor nicht allzu langer Zeit nicht sinngemäß, dass ich uninspiriert und frustriert wäre? Nun, frustriert bin ich nach dem heutigen Nachmittag um so mehr, dafür aber auch neu inspiriert. Da ist mir auch egal, ob es noch beunruhigend im Magenbereich1 rumort – diese Geschichte muss berichtet werden. Alles fing mit einem ganz normalen Bewerbungstermin an; eine Stelle in einem Betätigungsfeld, das ich gut kannte, ohne direkt darin gearbeitet zu haben. Aber die Schlüsselqualifikationen hatte ich, keine Frage – ich traute mir die Arbeit zu und so bewarb ich mich. Die Freude war natürlich groß, als mir dann auch wirklich eine Einladung zum persönlichen Gespräch ins Haus flatterte. Heute war der große Tag.

Nach den üblichen Vorbereitungen wie “sich über die Einrichtung und die Aufgaben noch mal schlau machen” und “überlegen wie ich mich präsentiere” legte ich den Kampfanzug an, in anderen Kreisen vielleicht auch unter “Schwarze Schuhe Und Jacket, Jedoch Kein Schlips” bekannt. Ich habe mich geknipst und kann ehrlich sagen: Ich sehe verdammt smart in diesem Look aus2. Gut vorbeitet, selbstsicher, vorzeigbar? Gut.

Zeit für den Ernstfall.

Ich war wie üblich pünktlich, darauf lege ich natürlich großen Wert – ein Blick auf die Telefonier-Uhr bestätigte meine Annahme. Check. Die richtige Tür? Nummernvergleich.Check. Sanft angeklopft und höflich hereingebeten – Fünf Damen, 82% von ihnen im gefürchteten Landhauslook und gehobenen Alters, aber nach kurzer Vorstellung ist alles klar: Ich bin richtig und bekomme Kaffee angeboten. Check. Ich setze mich. Es kann losgehen.

“Wir haben sie eingeladen, weil sie ein Mann sind, das sage ich ihnen gleich.”3

Sie öffnete einen Ordner – meine Bewerbungsunterlagen, wie ich scharfäugig erkannte – schloss ihn aber gleich wieder, ohne hineinzusehen.
“Aber sie haben ja nun wirklich keine Qualifikationen für unseren Arbeitsbereich.” Ich öffnete den Mund, um von bloßem Erstaunen in ein “Äh, eigentlich schon, denn…” überzugehen, aber sie redete einfach weiter. “… aber eigentlich sind wir nur neugierig, warum sie nicht schon in sieben Semestern fertig studiert haben.”

(Die jüngere Kollegin, die sonst nichts mehr sagen würde und sich auf ernsthaftes Kopfnicken beschränkte, ergriff nun das Wort)

“Meine Cousine hat das nämlich viel schneller geschafft.”

Interessanterweise folgten dann noch zwanzig Minuten Vortag, wie wichtig die Unvoreingenommenheit gegenüber Klienten in speziell dieser Stelle wäre und das ich das natürlich nicht verstehen könnte, genauso wie ich natürlich auch keine Multiproblemfamilien verstehen könnte – “Sie haben das ja nie gemacht, da muss ich gar nicht mehr fragen [eisiges Lächeln] – natürlich werden sie das nicht verstehen.”

“…Aber! Ich habe doch das und das und das gelernt und in der Praxis auch… ”

“Das glauben sie auch nur. Das ist bei uns vollkommen anders, das sehen sie ja selbst.”

Kurz, ich wurde dahingemetzelt. Nach einer halben Stunde war es endlich vorbei und ich hörte es leise kichern, direkt nachdem ich die Tür hinter mir zugezogen hatte.

Und ich ärgere mich immer noch. Ich nehme einfach mal an, dass niemand es besonders liebt, ausschließlich aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht für eine Stelle erwogen zu werden, vor allem wenn man dann ausführlich dargelegt bekommt, das man – definitiv, gar kein Zweifel, egal was sie sagen, junger Herr, sie haben keine Ahnung – sowieso nicht geeignet ist. Sie hatten wohl schon ihren idealen Kandidaten gefunden und hatten versäumt, mir abzusagen. Aber: Das kann man mir auch sagen, sich nett entschuldigen und dann zusammen einen Kaffee trinken.

Ich kann jedenfalls darauf verzichten, auf diese Art und Weise vorgeführt zu werden – wer mich sowieso nicht will, der soll mich erst gar nicht einladen. Verschwendet nicht unser aller Zeit, bitte sehr.

  1. Mir gehts schon deutlich besser, danke der Nachfrage. []
  2. Bilder nur auf Anfrage. []
  3. Im Sozialwesen gibt es übrigens deutlich mehr Frauen als Träger von Y-Chromosomen. []

7 Kommentare

  1. Was für pampige, aufgeblasene Dumpfnudeln!

    Mehr hab ich dazu nicht zu sagen. Mir fielen noch schlimmere Bezeichnungen ein, aber ich halte mich mal zurück.

  2. Ich glaube da hätte ich nicht ruhig bleiben können und hätte mich dann einfach selbst recht freundlich aber bestimmt mit dem Hinweis auf einen weiteren Termin verabschiedet.
    Solche Vereine haben gute Mitarbeiter einfach nicht verdient.

  3. Nun, die Sache war ja relativ schnell vorbei und sie haben mich ja nicht gewollt, wofür ich dann natürlich auch irgendwie dankbar war; schließlich hätte ich die Stelle wohl nicht ablehnen können und meine Motivation, in diesem Team zu arbeiten ist nicht die allergrößte.

    Danke für den “guten Mitarbeiter” – ich war letzten Endes nicht so sauer, weil sie mich nicht genommen haben, sondern eher weil eben die ausgeprägte Unvoreingenommenheit des Teams sich zumindest in diesem Gespräch nicht so deutlich wurde. Hoffentlich sind die im Umgang mit Klienten anders. Genau wie Frau Katze das schon ganz treffend gesagt hat.

    Total einfühlsam und so.