Februar 2008

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Manchmal bringt einen der Job als Sozialarbeiter in fremde Gefilde voller exotischer Bewohner. Manchmal sogar an Orte, die man in seiner normal professionellen Haltung – immer das Beste hoffen, auf das Schlimmste vorbereitet sein – lange nicht erwartet hätte.

Wie an diesem Abend. Ich sitze an einem winzigen Tisch auf einem kleinen Kinderstuhl – ich begleitet Klienten zum Elternabend. Eigentlich sollte es nur ein kurzer halbstündiger Besuch zum Elternsprechtag sein, aber meine Klientin hat sich etwas vertan. Macht mir wirklich nichts aus, ich hatte nach elf Stunden Arbeit ja nichts mehr vor, haha, denken sie sich nichts dabei, Frau XYZ.

Wenn ich mir schon komisch vorkomme, dann muss sich die lange und dünne Klassenlehrerin dieser unserer dritten Klasse erst recht sonderbar vorkommen. Ihre Knie ragen weit hinter der Tischplatte empor; sie sieht aus wie ein freundlicher Flamingo in Beerdigungskleidung. Und ich? Ich erinnere mich an meine eigene Grundschulzeit. Ich bin damals schon nicht gern zur Schule gegangen, ich habe das einfach nie eingesehen, was das alles soll, inbesonders Mathematik.Lesen hatte ich in Rekordzeit gelernt und die Bücher meist schon nach wenigen Tagen durch. Wozu dann Schule bitte sehr? Die Bücher sind immer noch dieselben. Fliegender Stern und Feuerschuh und Windsandale. Und dieses AuFklärungsbuch mit … Minimum im Titel und einer Sprechblase mit “Hurra, wir bekommen ein Baby!” vorne drauf. Das ist auch immer noch genau dasselbe. “Eigentlich ein Comic, aber so behutsam, das ist schon in Ordnung”, sagt die Klassenlehrerin, die ich gleich mag – und das obwohl sie gerade eines meiner Lieblingsmedien frech abgewertet hat. Sie ist so enthusiastisch! Und das obwohl sie sicher schon ein paar Jahre im Job ist. Neben ihr sitzt eine Referendarin, die hübsch und unbedrohlich und nett wirkt – wie die meisten Lehramtsstudentinnen, die mein Weblog nicht lesen. Ich frage mich automatisch, ob sie wohl Bier mag.

Der Lehrplan wird besprochen und ich könnte genausogut einer Vorlesung für fortgeschrittene Quantenphysik beiwohnen. Ich verstehe Bahnhof. x Und wer ist diese Vera, die keiner richtig haben will. Eine schwierige Schülerin, deren Eltern nicht anwesend sind? Ich verstehe immer noch nichts. Die Eltern hören mit Kennermiene zu, ich fühle mich wie in damals im Mathekurs der neunten Klasse – wie das dümmste Kind in der ganzen Schule.

Die Eltern sind interessant; die reichen Eltern in Abendkleid oder Anzug, die sich sorgen um Gewalt in der Schule und die armen Elternteile, die immer allein anwesend sind – kein Babysitter – und allen sofort auffallen; sie sitzen nie an den Vierertischen und melden sich nie zu Wort. Außer wenn es darum geht, dass sich die Eltern von Kindern, die mit Justin oder Kevin aneinandergeraten sind, ihnen doch bitte deren Untaten mitteilen mögen. Diese Eltern tun mir leid.

Die Klassenlehrerin betont, das ganz viele sozial starke Kinder in der Klasse sind – ich frage mich, was das bedeutet, wenn “sozial schwach = arm ” gilt – aber ich sehe auch, dass sie in einer heiklen Situation ist, sie den Eltern nicht einfach sagen kann, dass sie ziemlich allein dasteht; in diesen Minuten sieht sie um Jahre älter aus. Diese Eltern, die “endlich konkrete Maßnahmen” fordern und deren Kinder nie an etwas beteiligt oder gar schuld sind, die mag ich weniger. Die Klasse hat zwar mindestenz drei Kinder mit Erziehungsbeistand1. Reden sie doch bitte mit mir, fleht die Lehrerin. Sagen sie mir, wenn es Probleme gibt. Ja, aber. Konkrete Maßnahme will der Mob. Die Klassenlehrerin sagt, das sie die Probleme sieht, aber sie haben doch eine wirklich nette Klasse, sie haben weit überdurchschnittliche Noten. Aber, Aber! Sagt der Mob.

Es reden immer nur zwei Elternteile, bis auf eine Handvoll bastelwütiger Menschen, die sich für absolut alles engagieren.

Achso, VERA ist eine Lehrstandserhebung. Sagt meine Klientin. Aber die Klassenlehrerin hält Vera – so betont sie noch einmal ganz deutlich – nicht für ein Damoklesschwert.

Als wir gehen – es ist inzwischen fast elf – stelle ich mich kurz und diskret der Klassenlehrerin vor, sie sieht erschöpft und ehrlich erfreut aus. Ach, ich wäre gar nicht der Lebensgefährte von Frau XYZ, sie hätte sich schon gewundert. Die adrette Referendarin ertappe ich dabei, wie sie mich in genau diesem Moment anstrahlt, sie dreht aber gleich den Kopf wieder wieder weg.

Wenigstens etwas für mein Ego. Und dann ist Feierabend. Ich verabschiede mich von meiner Klientin, sie hat schon einen Termin für den Elternsprechtag – den Richtigen dieses Mal, haha. Sie bedankt sich, dann fahre ich heim in den Maschinenraum. Als ich die Treppe hinaufkrieche, merke ich, dass ich keinen Extremsport brauche, um an meine Grenzen zu kommen. Ein ganz normaler Arbeitstag reicht vollkommen aus. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich keine zwei Wochen überleben.

P.S.: Ach ja, heute Abend – habt ihr schon was vor? Ich habe unglaublicherweise frei. Vor 18 Uhr!

  1. Die betreuten Eltern gehen damit ganz offen um, zu meiner Überraschung; auch meine Klientin []

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An diesem Abend fuhren viele Züge an meiner Wohnung vorbei. Wenn man ein wenig die Augen zusammenkneift und etwas zu Tagträumen neigt, dann klingt das wie donnernde Brandung, die auf die Felsen und dort in feine Gischt zerstäubt.

Komischerweise dachte ich dabei an Doc, den Meeresbiologen aus “Die Straße der Ölsardinen” von John Steinbeck1. Der wohnte an einem Haus an Ende der Cannery Row und lebte, sammelte und forschte allein vor sich hin. Die Ölsardinen waren nicht mehr gekommen und daher standen die Sardineneindosungsfabriken still; keiner lebte da mehr außer einem Haufen schwer romantisierter Obdachloser und die Bewohner eines nicht ganz ausgelasteten Puffs. Doc war zwar eigentlich ziemlich einsam, aber irgendwie kam er (eine Weile) damit ganz gut damit klar. Er kaufte Bier und den fürchterlichen Whiskyverschnitt, genannt “Old Tennisshoe”. Sonst machte er nicht viel, wenn ich mich richtig erinnerte.

Wenn er Damenbesuch hatte – was nicht häufig vorkam, aber regelmäßig genug – dann spielte er gregorianische Chöre auf dem Grammophon, die ganze Nacht.

Einsamkeit kann irgendwie auch richtig schön sein, wenn man sie sich ordentlich zurechtschreibt.

Ich wünschte, ich hätte das Buch hier – vielleicht nicht Steinbecks wichtigstes Werk, aber dafür ist es sehr warmherzig und sympathisch. Wenn ihr es wirklich nicht gelesen haben solltet2, dann würde ich das unbedingt nachholen. Erst fehlen einem die alten Leute, dann die alten Bücher. Was kommt noch?

  1. Natürlich meine ich “Cannery Row”, liebe Anglophile. Später haben sie das Buch verfilmt und Nick Nolte spielte Doc. Naja. []
  2. es gibt auch einen Nachfolger, der beinahe genauso gut ist – Steinbeck schrieb Sequels! []

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Rosig

Rosa HausBisher konnte ich nicht behaupten, in Oberhausen besonders putzige Orte gefunden zu haben. Dann lief mir vorhin dieses Haus über den Weg, in der echt ruhrpottig-kohlenstaubgrauschwarzen Altstadt1. Digitale Bilder werden seiner entschlossenen Rosigkeit einfach nicht gerecht. Lasst euch versichern, es ist von einer dermaßen trotzigen Art rosa wie ein Gebäude nur rosa sein kann. Außerdem hat es eine feine, weiße Schleifchendekoration.

Erst dachte ich, dass es sich hier wohl um das uncoolste Gebäude der Stadt handeln muss.

Dann war ich etwas traurig, weil da scheinbar kein Apartment mehr frei ist. Ich hatte einen plötzlichen und unerklärlichen Drang, in einem Rosahaus wohnen zu wollen.

  1. Eigentlich lief es nicht unbedingt, aber ihr wisst ja, wie ich das meine. []

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Wie das nunmnal so ist, wissen meine geneigten Leser sicher selbst genauso gut wie ich: Man kommt von einem mehr oder weniger erfreuliche Heimataufenthalt zurück an die Arbeitsfront und pünktlich dazu meldet sich ein längt überwunden geglaubtes Wehwehchen mit Macht zurück. Namentlich das, was ich Bindehautentzündung nannte und mittels Bepanthens erprobter Augensalbe dereinst in die nicht vorhandenen Knie zwang.

Nun, ich zwinkere wieder einmal wie dereinst Popeye, der Seemann.

Ich bin ziemlich sicher, das verschwindet wieder, wenn ich etwas frische Luft und vielleicht sogar etwas Ruhe bekomme.

Meine Kollegen sind anderer Meinung; nicht ganz überraschend sind die nämlich alle total sozial – sie wollen mich zum Augenarzt schaffen.1 Bah. Ich habe keine Lust, schon wieder krank geschrieben zu werden. Das muss doch gehen.

Aber der Markus, ne, der hat auch gedacht das wäre nur eine Bindehautentzündung. Der hatte Herpesbläschen, nicht am Auge, sondern in der Nase. Und der ist echt krank geworden – der Markus mit dem geänderten Namen, weil die hoch ins Gehirn gewandelt sind. Sagt meine Kollegin. Hirnherpes. Schädelbläschen auf dem Weg ins Kleinhirn? Ich bin gespannt, was da noch für Horrorgeschichten auf mich lauern.

Macht euch nicht zu viele Sorgen, bitte. Mich wundert eh, wie sehr besorgt meine Kommentare hier regelmäßig ausfallen; manche Schreiber solcher Zeilen haben es selbst viel schwerer als ich.

Trotzdem, mein Schädel dröhnt und ich sollte ganz sicher nicht am Bildschirm arbeiten. Andererseits bin ich gerade so inspiriert und will dringend schreiben …

Schreiben gewinnt.

  1. Ich hoffe mal, sie haben die fürchterlichen Überstunden bedacht, die sie im Falle meines Ausfallens schaffen müssen. Klientenstunden müssen gemacht werden und so. []

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Ich kommandiere Leute nicht gern herum. Es ist nichts, das mir sehr naheliegt, nichts das mir irgendeine schräge Befriedigung bringt. Weil ich mich nicht mag, wenn ich das ein autoritärer Sack bin, versuche ich solche Situationen zeitlich eher knapp zu halten. Dann muss ich nicht so viel Imagearbeit leisten, um mich nicht mehr so total mies zu finden.

Um ehrlich zu sein: So schlimm ist es dann doch wieder nicht.

Trotzdem bin ich froh, wenn ich nur selten sehr, sehr bestimmt sein muss. Um solche Situationen schnell und wirksam kurz zu halten, gibt es eine gute Methode: Man muss richtig gut im Herumkommandieren sein. So gut und effektiv, dass man nicht einmal schnell genug ärgerlich werden kann, bevor es wieder vorbei ist. Andernfalls wäre mein Beruf nämlich auch höchst ungesund.

Man hätte gar nicht erwartet, dass derselbe Ton, den man als ehemaliger Krankenhaus-Zivi bei Schwerhörigen älteren Leuten anzuwenden lernt, sich auch sehr gut bei der unwilligen Jugendlichen und erst recht ihren beratungsresistenten Eltern macht.

Allerdings – die Kehrseite der Medaille zeigt sich nach Feierabend. Man muss einfach auch mal runterkommen und darauf achten, mit seinen Freunden und Verwandten nicht genauso zu sprechen. Nicht dass ich dauernd solche Kernschmelzen hätte – nein – aber in Gedanken kommen einem schon ganz interessante Ideen, dann und wann. Phantasien mit gefletschen Zähne oder interessantem Strafexerzieren. Oder beidem. Im Klartext: Kein ekelhaftes Miststück zu werden – das geht nur mit funktionierendem Sozialleben. Je mehr Kneipe und Konzert, desto mehr Belastbarkeit.

Ich weiss nicht genau, wie das anderen Sozialfuzzis geht, oder Lehrern oder anderen Leuten, die ständig mit Menschen zu tun haben. Was sagt ihr?

Die zweite Frage wäre: Kann man nicht – so gesehen – Kino- und Konzertkarten sowie Getränke und Restaurantkosten von der Steuer absetzen oder sie sogar von der Krankenkasse als Mittel zur Prävention zahlen zu lassen?

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Gorgmorg läuft nun unter einer neuen Version des Weblogsystems WordPress mit der Nummer 2.5. Mein altes Designthema hatte damit noch so seine Probleme, also haben wir für eine Weile mal einen etwas anderen Look.
Ansonsten bin ich noch ganz derselbe.

P.S.: Ok, es ist doch wieder das Tarski-Thema geworden, trotz einiger Anpassungen, die noch kommen sollten. Übrigens ist der blaue Schriftzug auch nur ein Platzhalter. Da wird mir schon noch etwas besseres einfallen.

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