Manchmal bringt einen der Job als Sozialarbeiter in fremde Gefilde voller exotischer Bewohner. Manchmal sogar an Orte, die man in seiner normal professionellen Haltung – immer das Beste hoffen, auf das Schlimmste vorbereitet sein – lange nicht erwartet hätte.
Wie an diesem Abend. Ich sitze an einem winzigen Tisch auf einem kleinen Kinderstuhl – ich begleitet Klienten zum Elternabend. Eigentlich sollte es nur ein kurzer halbstündiger Besuch zum Elternsprechtag sein, aber meine Klientin hat sich etwas vertan. Macht mir wirklich nichts aus, ich hatte nach elf Stunden Arbeit ja nichts mehr vor, haha, denken sie sich nichts dabei, Frau XYZ.
Wenn ich mir schon komisch vorkomme, dann muss sich die lange und dünne Klassenlehrerin dieser unserer dritten Klasse erst recht sonderbar vorkommen. Ihre Knie ragen weit hinter der Tischplatte empor; sie sieht aus wie ein freundlicher Flamingo in Beerdigungskleidung. Und ich? Ich erinnere mich an meine eigene Grundschulzeit. Ich bin damals schon nicht gern zur Schule gegangen, ich habe das einfach nie eingesehen, was das alles soll, inbesonders Mathematik.Lesen hatte ich in Rekordzeit gelernt und die Bücher meist schon nach wenigen Tagen durch. Wozu dann Schule bitte sehr? Die Bücher sind immer noch dieselben. Fliegender Stern und Feuerschuh und Windsandale. Und dieses AuFklärungsbuch mit … Minimum im Titel und einer Sprechblase mit “Hurra, wir bekommen ein Baby!” vorne drauf. Das ist auch immer noch genau dasselbe. “Eigentlich ein Comic, aber so behutsam, das ist schon in Ordnung”, sagt die Klassenlehrerin, die ich gleich mag – und das obwohl sie gerade eines meiner Lieblingsmedien frech abgewertet hat. Sie ist so enthusiastisch! Und das obwohl sie sicher schon ein paar Jahre im Job ist. Neben ihr sitzt eine Referendarin, die hübsch und unbedrohlich und nett wirkt – wie die meisten Lehramtsstudentinnen, die mein Weblog nicht lesen. Ich frage mich automatisch, ob sie wohl Bier mag.
Der Lehrplan wird besprochen und ich könnte genausogut einer Vorlesung für fortgeschrittene Quantenphysik beiwohnen. Ich verstehe Bahnhof. x Und wer ist diese Vera, die keiner richtig haben will. Eine schwierige Schülerin, deren Eltern nicht anwesend sind? Ich verstehe immer noch nichts. Die Eltern hören mit Kennermiene zu, ich fühle mich wie in damals im Mathekurs der neunten Klasse – wie das dümmste Kind in der ganzen Schule.
Die Eltern sind interessant; die reichen Eltern in Abendkleid oder Anzug, die sich sorgen um Gewalt in der Schule und die armen Elternteile, die immer allein anwesend sind – kein Babysitter – und allen sofort auffallen; sie sitzen nie an den Vierertischen und melden sich nie zu Wort. Außer wenn es darum geht, dass sich die Eltern von Kindern, die mit Justin oder Kevin aneinandergeraten sind, ihnen doch bitte deren Untaten mitteilen mögen. Diese Eltern tun mir leid.
Die Klassenlehrerin betont, das ganz viele sozial starke Kinder in der Klasse sind – ich frage mich, was das bedeutet, wenn “sozial schwach = arm ” gilt – aber ich sehe auch, dass sie in einer heiklen Situation ist, sie den Eltern nicht einfach sagen kann, dass sie ziemlich allein dasteht; in diesen Minuten sieht sie um Jahre älter aus. Diese Eltern, die “endlich konkrete Maßnahmen” fordern und deren Kinder nie an etwas beteiligt oder gar schuld sind, die mag ich weniger. Die Klasse hat zwar mindestenz drei Kinder mit Erziehungsbeistand1. Reden sie doch bitte mit mir, fleht die Lehrerin. Sagen sie mir, wenn es Probleme gibt. Ja, aber. Konkrete Maßnahme will der Mob. Die Klassenlehrerin sagt, das sie die Probleme sieht, aber sie haben doch eine wirklich nette Klasse, sie haben weit überdurchschnittliche Noten. Aber, Aber! Sagt der Mob.
Es reden immer nur zwei Elternteile, bis auf eine Handvoll bastelwütiger Menschen, die sich für absolut alles engagieren.
Achso, VERA ist eine Lehrstandserhebung. Sagt meine Klientin. Aber die Klassenlehrerin hält Vera – so betont sie noch einmal ganz deutlich – nicht für ein Damoklesschwert.
Als wir gehen – es ist inzwischen fast elf – stelle ich mich kurz und diskret der Klassenlehrerin vor, sie sieht erschöpft und ehrlich erfreut aus. Ach, ich wäre gar nicht der Lebensgefährte von Frau XYZ, sie hätte sich schon gewundert. Die adrette Referendarin ertappe ich dabei, wie sie mich in genau diesem Moment anstrahlt, sie dreht aber gleich den Kopf wieder wieder weg.
Wenigstens etwas für mein Ego. Und dann ist Feierabend. Ich verabschiede mich von meiner Klientin, sie hat schon einen Termin für den Elternsprechtag – den Richtigen dieses Mal, haha. Sie bedankt sich, dann fahre ich heim in den Maschinenraum. Als ich die Treppe hinaufkrieche, merke ich, dass ich keinen Extremsport brauche, um an meine Grenzen zu kommen. Ein ganz normaler Arbeitstag reicht vollkommen aus. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich keine zwei Wochen überleben.
P.S.: Ach ja, heute Abend – habt ihr schon was vor? Ich habe unglaublicherweise frei. Vor 18 Uhr!
- Die betreuten Eltern gehen damit ganz offen um, zu meiner Überraschung; auch meine Klientin [↩]



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