Mir ist sehr kalt. Also schreibe ich diese Geschichte auf, vielleicht wirkt sie ja.
Wir hatten die Nacht durchgesoffen und so fühlten wir uns auch. Eigentlich. Aber weil wir sehr lieb zueinander waren und immer miteinander angestossen hatten, waren wir genau gleich fertig und fühlten uns entsprechend erfreulich – „nur ein wenig erschöpft“ ; zum Glück schaute niemand zu, denn so jemand hätte unseren Zustand wohl nicht so wohlwollend beurteilt. Ich weiss nicht wie wir nach Hause gekommen waren -in ihre Wohnung übrigens; ich glaube, darin kamen ein Taxifahrer und viel zu viel Trinkgeld vor. Das ganze Geld konnten wir doch nicht etwa alles vertrunken haben!
Am nächsten Tag … später an diesem Tag … habe ich diese lustige Spur aus Pullis, Stiefeln und Wäsche entdeckt, die man so kunstvoll drapiert eigentlich nur volltrunken hinbekommt. Die Hosen sahen aus wie Drainagerohre oder herzlos weggeworfene Ziehharmonikas.
Aber daran konnte ich mich nach dem Heimkommen noch nicht erinnern. Nur daran dass ich im Bett lag und das mir sehr kalt war. Meine Füße waren wie Eisblöcke und ich bibberte vor mich hin, konnte gut sein, dass meine Zähne wirklich etwas klapperten. Natürlich hielt mich mannhaft zurück mit solchen Geräuschen; ein Gentleman ist immer Gentleman, egal wie viel Sekt und Prosecco1 er auch intus haben sollte. Es wäre wohl trotzdem sinnvoller gewesen, mehr als nur die Shorts und ein T-Shirt anzulassen. Ich bibberte, nein: Ich schnatterte – völlig lautlos versteht sich.
„Wie gehts, Denis?“ Sie klang weit entfernt.
„Ich fri-iere.“
„OooOOOOoch.“
Ich fühlte ihre Füße an meinen. So weit war sie ja gar nicht weg! Ich hatte meine Socken an, nicht um mich zu wärmen, sondern als Folge meines kläglichen Zustandes. Ich änderte diesen Umstand augenblicklich und streifte sie ab. Ihre Füße glühten, das gefiel mir gut. Sie kicherte leise, näher dieses Mal.
„Noch kalt?“
Sie musste ihre Bettdecke mitgenommen und sich zu mir in ihr Bett geschlichen haben; sie hatte zuvor darauf bestanden, die Couch zu nehmen, aber eigentlich hatte ich nie erwartet, das sie wirklich dort übernachten würde. Bevor wir uns entschieden hatten, so fürchterlich zu trinken.
„Ja.“ So war es auch tatsächlich; schließlich war ich die lebende Inkarnation des Frostes.
„Du Armer.“
„J-Ja!“ Ich war zu beschäftigt zu frieren, um längere Gespräche zu führen; meine Zähne wollten klappern. Sie hatte vorsätzlich die Heizung ausgelassen, mutmaßte ich. Machte ja Sinn, wenn man nur mit der eigenen Körperwärme eine kleinere Stadthalle heizen könnte.
„Mhh.“Eine warme Hand packte meine und zog sie an sich; ich spürte die warme Haut ihres Bauches, die Finger glitten zwischeneinander und ihr warmer Hintern kuschelte sich an meine Lenden; ihr Haar roch auch auch nach dieser Nacht und ungefähr 200 Zigaretten immer noch sehr gut. Mein benebeltes Hirn brachte eine schwächliche Protestnote zustande – das konnte nicht gut riechen – aber das war mir so egal wie selten etwas zuvor.
„Oh, gar keine Beule.“
Sie kicherte wieder und probierte ein paar hinterlistige Manöver mit ihrer gefährlichen Rückseite. Sie war vollkommen nackt. Sie schlief immer nackt. Daran erinnerte ich mich plötzlich. Fühlte sich fantastisch an. Wirkte nicht. Ich kuschelte mich aber fester an sie, das tat sehr gut.
„Nein. Sorry. Ich bin völlich alle.“
„Du bist so kalt …“
Sie dirigierte meine Hände um. Ich fühlte ihre Brüste; sie waren sehr warm. Sie legte ihre Hände auf meine und seufzte zufrieden. Ich glaube, ich habe auch zufrieden geseufzt.
Dann schliefen wir ein.
Ehrlich.
- Eine fürchterliche Kombination, die ich eigentlich aus Prinzip ablehne [↩]

So was brauche ich an diesem Dienstag morgen, nachdem ich mit kurzer Hose zwei Stunden durch den Park gewetzt bin. Mir ist nicht kalt.
Triffst du sie noch?
Ja! Glücklicherweise treffe ich sie noch. Wir sind Freunde und gelegentlich schlafen wir in einem Bett, aber es kam auch nach Jahren nicht zu fürchterlichen Untaten. Und das, obwohl sie wirklich ein sehr leckeres Sahnestückchen ist. Wir sind entweder jedesmal zu fertig oder unterliegen einem schrecklichen No-Sex-Fluch – aber eigentlich ist es auch sehr schön, so wie es ist.
Und herzlichen Dank, Meriche – Mission erfüllt, oder? Deine letzte Geschichte hat aber auch hervorragend gegen meine kalten Füße gewirkt, wenn ich ehrlich bin.