Vor ein paar Wochen saß ich in einer Kneipe und redete mit Freunden über Depressionen und wie schrecklich so etwas ist; aber man nahm mir einfach nicht ab, dass ich so etwas aus eigener Erfahrungen kennen würde. Ich wusste aber gut Bescheid.
Immerhin ging es mir gerade in diesem Moment so richtig beschissen.
Mit Verlaub, bitteschön.
Tatsächlich befand ich mich gerade in diesem Moment in einer Phase, die man ganz treffend mit “doch ganz schön depressiv” kennzeichnen könnte. Entsprechend habe ich dann auch geblogt und bekam dafür Mecker, wie es sich gehört – meine Freunde tun ihren Job, wenn sie auch nicht immer Zeit haben, wenn ich es mir wünsche.
“Du siehst ja immer so aufgeräumt aus und wirkst so unerschütterlich und ausgeglichen.”
Der Abend war damit für mich gelaufen und die Glocken Tiefster Verzweiflung läuteten eine dieser besonders grauenvollen Episoden ein. Am Morgen vorher hat meine Chefin mir eingeschärft, unbedingt härter und abgebrühter zu werden. Der Spruch ging mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Härter sein und abgebrühter, das ist gut in dem Job. Familienhilfe, Erziehungshilfe und so weiter.
Ich wollte aber nicht so hart und abgebrüht werden, dass selbst meine Freunde nicht mehr merken, was in mir vorgeht. So routiniert in meiner professionellen Fassade, dass ich nicht mehr merke, wenn sie sich automatisch eingeschaltet hat. Ich sah zu meinen Freunden herüber und fühlte mich noch viel isolierter, als in meinem Maschinenraum in Oberhausen . Wie in einer Taucherglocke aus solidem Blei eingegossen. Einer mit vergittertem Fenster. 10 nautische Meilen unter dem Meeresspiegel.
Heute morgen habe ich meine Stelle gekündigt.
Und einem neuen Angebot die Zusage gegeben. Warum kommen in solchen Momenten Angebote, denen ich eigentlich nicht absagen kann? Ich kann nicht fassen, das man mich für so gut hält.
In der Nacht zuvor konnte ich nicht schlafen, mein vor Jahren operiertes Bein schmerzte aus unerfindlichen Gründen und mein schlechtes Gewissen ließ mein Herz babummbabummpochen. Ich kann mich gerade noch mit einem nächtlichen Bier und einem 5-Uhr-Morgens Vollbad beruhigen, um dann den Moment der Wahrheit mit der Geschäftsführung zu wagen. Es wird schrecklich. Es ist eine Sache, eine verhasste alte Stelle rachsüchtig zu schmeissen und dem bösen alten Boss das Kündigungsschreiben auf den Tisch zu pfeffern wie einen Fehdehandschuh. Eine andere ist es, einer Stelle voller guter Leute seine Dienste zu entsagen, die fürcherlich ackern müssen, um mich zu ersetzen. Ich bearbeite eine zweistellige Zahl von Fällen, die sich in einem Wochenpensum von satten 50-55 Stunden niederschlagen; das muss erstmal aufgefangen werden. Ich fühle mich wie der letzte Drecksack, aber ich bin auch erleichtert, weil mich die Arbeitsbedingungen auf Dauer kaputt machen.
Dann bekomm ich noch ein schlechtes Gewissen wegen meiner tollen Freunde in der Gegend, die sich solche Mühe gegeben haben, mir bei der Wohnungssuche oder der Wahl des richtigen Bieres zu helfen. Und ausgerechnet die lasse ich zurück. Ganz schön selbstgefällig, denke ich eine halbe Sekunde später. In der nächsten Minute komme ich darauf, dass ich trotz eines neuen Einsatzortes und Fahrtzeiten viel eher dazu kommen werde, diese Menschen zu treffen und fühle mich eine Winzigkeit besser, aber immer noch wie ein schlechter, undankbarer Freund. Trotzdem. Ich habe so tolle Wohnungen angeschaut und ach … zum Glück steige ich in einen Träger ein, der in ganz NRW aktiv ist und ich nicht ganz die Hoffnung aufgeben muss, in einer meiner Lieblingsstädte zu leben, von denen keine Berlin oder Hamburg ist. Ach, verdammt. Vernünftig sein widert mich an.
Ich vergrabe mich so tief in Arbeit und Terminen, dass ich den ganzen Tag nicht mehr in die Praxis kommen kann und keinem mehr in die Augen sehen muss.
Auf meine Fenster prasseln und platzen dicke, warme Regentropfen, Züge fahren vorbei und niemand will anhalten, natürlich. Ich finde mich nicht besonders gut und nicht besonders liebenswert. Aber so musste das wohl kommen: You can’t win ‘em all.
Irgendwie ist das trotzdem ein ganz guter Tag, auch wenn er die Energie einiger explodierender Sonnen gekostet hat. Ich habe noch ein oder zwei Bier, die ich auf abwesende Freunde hebe. Auf Euch und die Zukunft.
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