Mai 2008

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Dereinst war ich ein Verfechter der hautschonenden1 Stoppelbart-Philosophie. Die Maxime war “Lieber kratzig als Pickel”. Doch dann gab es eine dramatische Wende zum stilsicheren, relativ kratzfreien Look dieser Tage. Ein Goldenes Zeitalter2 stand vor meinem Gesicht und mir. Durch meine Spione3 erreichte mich Kunde von Rebellion in den Tälern und Bergen meines Antlitzes.

Alle Stoppeln waren unterworfen, nur ein unbeugsames Haar … nein, das passt nicht. Ein Haar widersetzte sich und beugt sich hartmnäckig auf ringelige Weise wieder zurück in die Haut, nur um mir weh zu tun. Es will mich aufspiessen oder doch zumindest terroristisch mein Kinn durchbohren und auf dem Weg zu Massenentzündung aufwiegeln.

Täglich wird der Aufstand mitleidlos niedergemäht. Nur so kann wenigstens ein Anschein von Normalität aufrechterhalten werden.

  1. “Ich rasier mich wöchentlich. Vielleicht.” []
  2. nicht die “Goldenen Jahre”. []
  3. Oder war es mein Spiegel? []

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Vor ein paar Wochen saß ich in einer Kneipe und redete mit Freunden über Depressionen und wie schrecklich so etwas ist; aber man nahm mir einfach nicht ab, dass ich so etwas aus eigener Erfahrungen kennen würde. Ich wusste aber gut Bescheid.

Immerhin ging es mir gerade in diesem Moment so richtig beschissen.

Mit Verlaub, bitteschön.

Tatsächlich befand ich mich gerade in diesem Moment in einer Phase, die man ganz treffend mit “doch ganz schön depressiv” kennzeichnen könnte. Entsprechend habe ich dann auch geblogt und bekam dafür Mecker, wie es sich gehört – meine Freunde tun ihren Job, wenn sie auch nicht immer Zeit haben, wenn ich es mir wünsche.

“Du siehst ja immer so aufgeräumt aus und wirkst so unerschütterlich und ausgeglichen.”

Der Abend war damit für mich gelaufen und die Glocken Tiefster Verzweiflung läuteten eine dieser besonders grauenvollen Episoden ein. Am Morgen vorher hat meine Chefin mir eingeschärft, unbedingt härter und abgebrühter zu werden. Der Spruch ging mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Härter sein und abgebrühter, das ist gut in dem Job. Familienhilfe, Erziehungshilfe und so weiter.

Ich wollte aber nicht so hart und abgebrüht werden, dass selbst meine Freunde nicht mehr merken, was in mir vorgeht. So routiniert in meiner professionellen Fassade, dass ich nicht mehr merke, wenn sie sich automatisch eingeschaltet hat. Ich sah zu meinen Freunden herüber und fühlte mich noch viel isolierter, als in meinem Maschinenraum in Oberhausen . Wie in einer Taucherglocke aus solidem Blei eingegossen. Einer mit vergittertem Fenster. 10 nautische Meilen unter dem Meeresspiegel.

Heute morgen habe ich meine Stelle gekündigt.

Und einem neuen Angebot die Zusage gegeben. Warum kommen in solchen Momenten Angebote, denen ich eigentlich nicht absagen kann? Ich kann nicht fassen, das man mich für so gut hält.

In der Nacht zuvor konnte ich nicht schlafen, mein vor Jahren operiertes Bein schmerzte aus unerfindlichen Gründen und mein schlechtes Gewissen ließ mein Herz babummbabummpochen. Ich kann mich gerade noch mit einem nächtlichen Bier und einem 5-Uhr-Morgens Vollbad beruhigen, um dann den Moment der Wahrheit mit der Geschäftsführung zu wagen. Es wird schrecklich. Es ist eine Sache, eine verhasste alte Stelle rachsüchtig zu schmeissen und dem bösen alten Boss das Kündigungsschreiben auf den Tisch zu pfeffern wie einen Fehdehandschuh. Eine andere ist es, einer Stelle voller guter Leute seine Dienste zu entsagen, die fürcherlich ackern müssen, um mich zu ersetzen. Ich bearbeite eine zweistellige Zahl von Fällen, die sich in einem Wochenpensum von satten 50-55 Stunden niederschlagen; das muss erstmal aufgefangen werden. Ich fühle mich wie der letzte Drecksack, aber ich bin auch erleichtert, weil mich die Arbeitsbedingungen auf Dauer kaputt machen.

Dann bekomm ich noch ein schlechtes Gewissen wegen meiner tollen Freunde in der Gegend, die sich solche Mühe gegeben haben, mir bei der Wohnungssuche oder der Wahl des richtigen Bieres zu helfen. Und ausgerechnet die lasse ich zurück. Ganz schön selbstgefällig, denke ich eine halbe Sekunde später. In der nächsten Minute komme ich darauf, dass ich trotz eines neuen Einsatzortes und Fahrtzeiten viel eher dazu kommen werde, diese Menschen zu treffen und fühle mich eine Winzigkeit besser, aber immer noch wie ein schlechter, undankbarer Freund. Trotzdem. Ich habe so tolle Wohnungen angeschaut und ach … zum Glück steige ich in einen Träger ein, der in ganz NRW aktiv ist und ich nicht ganz die Hoffnung aufgeben muss, in einer meiner Lieblingsstädte zu leben, von denen keine Berlin oder Hamburg ist. Ach, verdammt. Vernünftig sein widert mich an.

Ich vergrabe mich so tief in Arbeit und Terminen, dass ich den ganzen Tag nicht mehr in die Praxis kommen kann und keinem mehr in die Augen sehen muss.

Auf meine Fenster prasseln und platzen dicke, warme Regentropfen, Züge fahren vorbei und niemand will anhalten, natürlich. Ich finde mich nicht besonders gut und nicht besonders liebenswert. Aber so musste das wohl kommen: You can’t win ‘em all.

Irgendwie ist das trotzdem ein ganz guter Tag, auch wenn er die Energie einiger explodierender Sonnen gekostet hat. Ich habe noch ein oder zwei Bier, die ich auf abwesende Freunde hebe. Auf Euch und die Zukunft.

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Da ich eh gerade in einem Ausnahmezustand lebe und nur annähernd zurechnungsfähig bin, kann ich auch gleich alle Vorsicht fahren lassen und eine schlichte Wahrheit verkündigen, die einfach mal gesagt werden musste. Das hier ist das Böse. Es ist euer Feind, wie es der Feind allen organischen Lebens und vermutlich auch einiger Minerale ist:

Stern

Stern Pils aus dem stellenweise schönen Essen – nach eigener Behauptung “Das Pils aus gutem Hause”, womit wohl die Stern-Brauerei gemeint ist – muss das schlimmste Bier in meinem an Biersorten nicht eben armen Leben sein. Dieses Aroma von Weissblech und zarter Säuerlichkeit ohne jede Tiefe! Normalerweise probiere ich in einer fremden Stadt zuerst einmal die lokalen Brauspezialitäten aus (gibt es Oberhausener Bier?), aber im Fall von Essen1 habe ich dafür Wochen gebraucht. Das Schicksal wollte mich warnen, aber ich habe nicht gehört und gleich eine Kiste – das Zeug ist ja günstig, 4,99€ für eine 24er Kiste, was mir noch eine deutliche Warnung sein sollte – gekauft. Die ich nun leeren muss.

Ich brauche wohl Hilfe. Kommt schon. Ich leg auch etwas Staropramen drauf. Zur Belohnung.

  1. Und von Dortmund, genau. []

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I have mystical visions and cosmic vibrations.

Schrieb Ginsberg in America. Das Gedicht verfolgt mich seit … was, zehn Jahren? Länger. Mir geht es ähnlich, glaube ich, aber ganz anders.

Ich habe eine verrückte Woche hinter mir und erwarte eine wahnsinnige Woche. Und ich kann noch nicht einmal darüber reden, ohne ewige Verdammnis über mich und vermutlich die ganze westliche Hemisphäre herauszubeschwören. Aber es hat seine Vorteile, das Irre, das Wahnsinnige: Man vergißt nicht so schnell, das man am Ende doch noch lebendig ist, dass es eine Weiterentwicklung irgendwohin gibt; am Ende vielleicht sogar eine positive?

Vor nicht einmal einem Jahr hatte ich mir insgeheim überlegt, wie ich wohl weiterleben würde, wenn ich niemals einen Job bekommen würde, wie ich irgendwie überleben könnte, wenn mich wirklich niemand haben wollte. Damit nämlich hatte ich mich allmählich abgefunden.

Man sollte hin und wieder zurückblicken und sehen, dass das Leben besser sein könnte als man es gerade empfindet, man sollte hin und wieder vorwärtsblicken und sehen, dass das Leben besser sein könnte als gerade jetzt. Wenn.

Elektrische Luft pfeift durch das offene Fenster herein und erinnert mich an meine bevorstehende Abreise. Am nächsten Montag wird alles anders sein und ich habe etwas Angst, aber gleichzeitig bin ich erfüllt von der Energie unzähliger explodierender Sonnen.

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Jugendfrei

Weil meine Arbeitszeiten nichts mit normalen Öffnungszeiten oder Geschäftszeiten zu tun haben, ist es nicht ganz einfach von mir, Pakete anzunehmen. Weil ich meine Freunde in der näheren Umgebung nicht auch noch damit nerven will, lasse ich gern zu meinen Eltern liefern. So weit kein Problem, es ist nur ein wenig bis sehr betrüblich, hier die “Ihre Bestellung wurde soeben verschickt” Mails von Amazon bekommen, wenn ich sie erst am Wochenende abholen kann.

Kürzlich habe ich etwas bestellt, das nicht an Minderjährige abgegeben werden darf1 und diesen Aspekt sofort wieder vergessen; mein Gehirn ist ganz groß darin, unwichtig geglaubte Details zu löschen und wertvollen Speicherplatz frei zu machen.

Bis mich mein Vater anrief und verkündete, dass ein riesiges Paket für mich eingetroffen wäre und dass er dem Herrn vom Paketdienst einen Personalausweis vorzeigen musste – seinen eigenen. Das sind ja richtig strenge und wirkungsvolle Maßnahmen für den Jugendschutz, gnadenlos umgesetzt – wäre da nicht eher so etwas wie “Denis ist nicht da, wir wollen aber seinen Ausweis” angebracht gewesen? Nur so ein Gedanke, ich habe ja keine Ahnung von sowas.

Ich sollte es bei meiner nächsten Bestellung mal mit waffenfähigem Plutonium versuchen.

  1. ja, ihr wüsstet jetzt sicher gern mehr, eh? []

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Coolness:

Ich weiss auch nicht, was das soll. Aber ich musste es unbedingt allen zeigen. Es gefällt mir. Es ist …

Egal, es macht gute Laune und es trifft meine derzeitige Gemütslage genau.

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