Weitergeht

Wie immer vor wichtigen Tagen kann ich auch heute Nacht nicht schlafen. Ich bin zu aufgewühlt zum lesen oder das Fernsehprogramm lenkt mich nicht von den Stimmen in meinem Kopf ab: Ich muss mir immer die Stimmen der Leute vorstellen, die mich beschäftigen. Die Vermissten und Verkrachten, die mich vielleicht nicht mehr mögen, ich sie aber dafür noch sehr und die Verschollenen und die, die von mir – ausgerechnet mir! – Tipps für ihre schrägen Beziehungskisten haben wollen. Ach ja: Dazu noch interessante andere Fälle, wie die Person, der ich beibringen muss, das sie auf dem Meeting in L.A.1 soeben das Buffet mit “Das kann man wirklich noch essen?” kommentiert hat und nicht etwa nach dem Geschmack des exotischen Früchte fragte. Das alles angemessen niederzuschreiben würde wohl ein Werk wie Dantes Inferno bedeuten; dafür fehlt mir zu unser aller Glück sowohl Exhibitionsmus, Energie als auch das nötige Talent. Ich bin ja nicht einmal katholisch! Also lasse ich es bleiben.

Scheinbar geht es anderen Weblogschreibern ähnlich, deswegen fangen sie wieder einmal zur Sommerzeit eine riesige Diskussion über sich selbst an. Metablogging, Luca hat das wieder einmal treffend zusammengefasst und eine ganze Menge unerfreulicher Beiträge für uns gelesen; ich habe nur ein oder zwei davon geschafft. Dafür ein tief empfundenes Dankeschön. Ich wusste gar nicht, dass es eine Bloggerszene gibt. Wenn es eine gibt, dann will ich bittesehr nicht dazugehören. Ich habe noch nie zu einer Szene gehört, was mich als Teenager traurig und gehässig gemacht hat und ich bin sicher jetzt alt genug, um wieder Außenseiter in einer komischen Clique von Besserwissern zu sein. Solche künstlich geschaffenen Gruppen mit ihren seltsamen Attitüden und Befindlichkeiten sind mir inzwischen so egal wie mir einzelne Menschen wichtig sind. Ich sehe sie so kühl und distanziert wie ich Einzelpersonen gelegenheitssentimental und fasziniert betrachte. Nur ein Satz dazu, den ich sicher bei Tageslicht bereuen werde: Je mehr diese meiner Ansicht nach fiktive Szene ihre eigene Relevanz diskutiert, desto schneller verlieren die Teilnehmer dieser Diskussion daran. Noch ein Satz: Mein Blog ist extrem relevant und treffsicher – und zwar in erster Linie zu genau einem Thema – es ist eines dieser immer wieder geforderten Themenblogs, geführt von dem führenden Experten zum Thema “Denis” – ich bin er, er schreibt über mich.

Ich bin immer noch nicht richtig müde. Also weiter: Sind Blogs scheisse? Ja, dieses schon und zwar dauernd. Das ist nicht nur direkt in Zusammenhang mit seinem Thema zu erklären, sondern auch durch die hohe Postingfrequenz. Ich schreibe eine Menge Mist und noch mehr Sachen, die wirklich niemanden außer mir zu interessieren scheinen; so richtig beschissen ist gorgmorg aber vor allem, wenn ich mir richtig Mühe gegeben habe. Ich muss aber zugeben, über die Jahre besser geworden zu sein; es kam vor allem wegen der vielen miesen Beiträge voller Selbstmitleid und einer Reihe gloriöser Schnellschüsse und unverständlicher Ergüsse zu dieser Entwicklung. Eine gewisse Routine, ein gewisser Fluss kam nur um den Preis einer wahren Deponie schauerlicher Textgeschwawullste zustande, die nicht in den normalen Textmüll geraten dürfen, sondern unter großem Aufwand (in Castorbehältern) in die Vergessenheit rollen. Wie viele Leute mich lesen, ist mir lange nicht so wichtig wie wer mich liest. Darum freue ich mich auch immer so über Kommentare; naja: Über die allermeisten.2

Unverkrampftes Schlechtsein kann einen richtig weiterbringen, da bin ich mir persönlich sicher. Ich kann das super. Dir fällt sich auch genug ein, das ist auch Übungssache und Frage der Hemmungslosigkeit. Hauptsache, es beschäftigt dich. Außerdem: Wenn ich schnell genug schreibe, schaufele ich manchmal sogar schnell genug etwas von dem Müll aus meinem Kopf heraus ins WWW, bevor er anderweitig aus dem Hirn entkommen kann. Ansonsten könnte sich die Drecksenergie in Kommentaren auf anderen Blogs oder gar EMails3 entladen … meine Freunde wissen, dass ich noch lange nicht schnell genug blogge, um sie vollständig zu verschonen.

Gorgmorg existiert nicht zuletzt, damit ich nicht noch mehr Schaden anrichte.Ich wünschte, es wäre ein wenig effektiver.

  1. Ellll Eyyy! In meinem Blog! []
  2. Mir fällt allerdings inzwischen auf, dass meine Gehässigkeit und die gelegentliche Bosheit der Vergangenheit irgendwie verschwunden sind. Die treten eher auf, wenn ich fremdkommentiere. Hmm-hmm. Braucht gorgmorg mehr Gift? []
  3. Ich bin einer dieser Menschen, die Mails sofort beantworten und ihre eigenen weisen Ratschläge über Wartezeiten und “nochmal drüber schlafen” nie so oft wie angebracht -also immer- achten. []

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2 Kommentare

  1. Luca’s avatar

    Gorgmorg ist so scheiße, dass sogar ich ihn lese.

    Und bald werde ich einen “Ich zitiere Denis” Beitrag machen, wenn das so weitergeht.

    Das meine ich ernst.

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