September 2008

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Wir haben vielleicht nicht gewusst, dass die vergangenen Tage die letzten dieses Sommers sein würden, aber wir haben es doch geahnt und Recht behalten, nicht wahr?

Nicht, dass die Sonne nicht mehr scheint, nein – es kommt noch vor und die Herbstsonne ist glorreich und golden, so wie es sie im Sommer niemals gibt.

Aber die Kälte kriecht einem in die Knochen und das Krächzen in den Hals und es ist nicht leicht, die beiden wieder zu vertreiben; ein Tee oder am besten ein Grog oder ein warmer Gedanke, die würden schon helfen, für eine Weile oder zwei.

Ich werde immer so müde, wenn es plötzlich kalt wird, als ob das Euphorische des Sommers, so traurig er auch für mich war, einem listig aus den Adern gesaugt und nichts nimmt den Platz ein, außer vielleicht ein klassischer Schlafmohnsaft. Da ist auch immer Wehmut, besonders in diesem Jahr. Da kam sie aber nicht plötzlich, sie war schon lange da und machte alles schwer, nur dann und wann konnte man einfach so tun, als wäre sie nie da gewesen.

Nachts liege ich im Bett und kann nicht schlafen, noch nicht, ich spüre die Kälte, obwohl dicke Wände sie sicher abhält. Die kleinen Tiere kratzen und Rascheln unter den Dachpfannen und über meiner Schräge umher.

Man hat sich schon eingerichtet für den Winter.

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Seit langem mal wieder zur Tinnitusparty, es ist fast schon zu leer als ich eintreffe, gegen eins. Aber das ändert sich bald.

Es ist wichtig welche Musik in dem Moment läuft, entweder hast du dann gleich gute Laune oder wirst skeptisch oder im schlimmsten Fall knurrig. Ich und der DJ haben Glück, es ist etwas schwingendes aus England, ich bin zufrieden.

Keiner da, den ich kenne. Ich hole mir einen Kaffee, wie immer, aber heute ist der trotz seines gewohnt fürchterlichen Geschmacks absolut angebracht, es ist nämlich saukalt geworden.

Die ersten Bekannten laufen auf, man begrüßt sich und trennt sich dann wieder, der Laden ist klein genug um sich später wiederzufinden. Ich mag die großen Tanzschuppen nicht, die sind so riesig und steril und man kennt so wenig Leute, dass man sich kaum noch an der Theke zuprostet.

Meine Freunde sind da. Mir geht es eigentlich bescheiden, aber ich fühle mich gelöst, ein guter Abend. Wir wippen etwas und schimpfen über die chaotische Musikauswahl und die kunstlosen Ausblendereien des Musikquetschers hinter den Turntables.

Ich tanze trotzdem und dann geht es wieder, ich bin gar nicht mehr verkrampft. Wenn die Musik schnell ist und ich den Takt finde, dann schlägt das Herz flotter und man spürt die scharfkantigen Löcher darin nicht mehr so sehr. Wenn man die Augen nur etwas schließt und durch den Spalt in die Menge peilt, dann kann man fast fühlen, dass sie dabei sind, direkt hinter dir; die Leute, die nicht da sind, an die du denkst und es tut jetzt einfach nicht mehr weh, für den Moment, nicht mal wenn du dich an sie denkst; sie, an die du immer denkst.

Du kennst das schönste Mädchen vor Ort und du siehst sie am anderen Ende der Tanzfläche, gedankenverloren, ihre Haare fliegen. Sie funkelt quer durch die Menge zu dir herüber, als sie zu bemerken scheint.

Du funkelst zurück.

Alles ist in Ordnung, in diesem Moment. Du musst weitertanzen.

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Ich habe vor kurzem etwas mit den SuchmaschinenSuchbegriffen angestellt, aber hier und jetzt muss ich sofort eine Antwort geben. Denn folgende, hier originalgetreu zitierte Zeile klingt dringend:

können merrschweinschen schlafen?

Ja.

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Eben hörte ich im Radio, dass am Kölner Flughafen einige Leute festgenommen wurden, wegen Verdacht auf Terror. Oder so ähnlich. Dann haben sie die Nachbarn befragt, wie die denn so gewesen wären.

Ruhig und angenehm.

Aber da war ja auch manchmal nachts noch lange der Computer an, da hätte man sich sowas schon denken können. Vielleicht nicht das. Aber man macht sich ja so seine Gedanken. 

Ich habe schonmal mitbekommen, wie Nachbarn sich über den verdächtigen neuen Mitbewohner einer nahen 2er-WG unterhalten haben und ihn als zweifelhaften Charakter beschrieben, weil er nach 22 Uhr zu duschen pflegte. Ich und die allermeisten meiner Freunde: Alle höchst verdächtig, sowieso.

Ich bin mir sicher, dass sich vor dem durchschnittlichen deutsche Nachbarn niemals auch nur ein Terroristen in seiner Umgebung verstecken kann – er hält sowieso den Großteil seiner Mitmenschen für Al-Quaida-Sympathisanten oder RAF-Kollaborateure oder Grün-Wähler oder pervers.

Deutschland ist sicher.

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Wenn es an meiner alten Schule etwas zu fürchten gab, dann war das ein Termin beim Direktor. Das galt jedenfalls für die Unterstufe und Teile der Mittelstufe; darüber hinaus war den meisten ziemlich klar, wie viele Tadel man sich erlauben konnte und das ein Schulverweis höchst unwahrscheinlich war, egal was man sich erlaubte.

Trotzdem. Für mich war ein “Termin beim Direx” immer ein Graus. Allein die dröhnende Durchsage. “Denis Gorgmorg, bitte sofoarrrt zum Direktor. Dhankey.”1. Daher hatte ich auch nur zwei von diesen Audienzen; ich vermied Aufmerksamkeit: Einmal, weil ich im Unterricht ein Arbeitsblatt mit Matheaufgaben fachgerecht entsorgt hatte (in den Papierkorb, zum großen Missfallen der Lehrkraft allerdings weitgehend frei von gelösten Aufgaben. Ich war kein einfaches Kind.), das andere Mal, weil ich Religion abwählen wollte und das dem Herrn Direktor persönlich begründen sollte. Er Presbyter – was er immer wieder betonte – und stadtbekannt für seine Abneigung gegenüber Atheisten, Katholiken und tatsächlich auch den allermeisten andern Menschen, sogar denen mit “ev.” im Pass. Er war übrigens ebenso berüchtigt dafür, niemals Hitzefrei zu geben und bei entsprechenden Temperaturen nach Konsultation seines Thermometers sich immer gegen Unterrichtsausfälle zu entscheiden. Sein Thermometer befand sich sicher in seinem Schrank, unten im Erdgeschoss, weit weg von jeder Art von lästiger Sonneneinstrahlung; genau wie sein bleicher Herr.

Heute morgen hatte ich meinen dritten Termin beim Schuldirektor, einem anderen allerdings und an einer Grundschule. Ich war fast genauso nervös, wenn ich hier mal – so ganz unter uns – ehrlich sein kann. Aber hier saß nicht der gefürchtete kettenrauchende Vollbart im schwarzen Anzug und der donnernden Stimme, sondern ein freundlicher grauhaariger Herr im Pollunder, der “mich einfach nur mal kennenlernen wollte” – ich hatte erwartet, dass er mich einstellen wollte; es war ja erst der dritte Termin für diese Stelle. Es gibt widerlichen Kaffee, aber der Gedanke zählt ja. Ich freue mich darüber.

Ich hätte wohl gute Chancen auf einen Job, meinte er. Ich wäre dann der zweite Mann im Grundschulbereich, außer ihm selbst. Im ganzen Kreis. So etwas wolle ja niemand machen, ebenso wenig wie Schulleitung; da gäbe es auch viele Vakanzen.

Ich habe mir verkniffen zu sagen, dass dieses das allererste Gespräch nach vielen, vielen Bewerbungen im Schulbereich für mich war; in Jahren. Die haben mich nicht ein einziges Mal eingeladen. Dabei dachte ich, dass ich ganz gut qualifiziert wäre.

Dann warte ich mal auf den nächsten Termin …

  1. Die Dame, die die Durchsagen machte, hatte einen starken amerikanischen Akzent []

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Der folgende Murks entstand aus den Suchbegriffen der letzten Zeit; ich bin immer wieder erstaunt, was die Leute zu Gorgmorg bringt, bzw. was sie in Google und Co. auf ihre Anfragen geliefert bekommen.

“Hätte ich bloß die Frist der Abmahnung nicht vergessen”, dachte er und fluchte herzhaft, während er dicht an die Zimmerwand gedrängt aus dem Fenster peilte. Sie würden bald kommen; heute war Doomsday.

Er war nur mit einem verschwitzten weißen Doppelrippunterhemd und einer enorm großen Wumme bewaffnet, die aber die Sonntagsruhe nie stören würde – sie verschoss normalerweise nur vollkommen harmloses Leitungswasser. Er wischte seine schwitzigen Finger an seiner Katze ab und dachte voller Wehmut an die wohl drohende Ordnungswidrigkeitenanzeige. Bald würden sie übergriffig, er konnte ihre Angst förmlich riechen – oder war das sein Hemd, das seit Wochen nicht gewaschen wurde und zweifellos ein Aroma entwickelt hatte, das die Furcht in die Herzen der tapfersten Männer (und sogar einiger Frauen) treiben würde?

Bevor er sich diese Frage beantworte konnte, kam ihm ein angenehmes Bild in den Sinn und schubste alles Hemd-artige Gedankengut beiseite – “fucking erotische Literatur, verdammt”, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor, obwohl niemand zuhörte. Solche … doch wirklich sehr, hmmmm, reizvollen …Phantasien lenkten ihn nur vom Krieg ab und lenkten das Interesse auf seine Körpermitte und irgendwann würde er die Waffe weglegen, weil er die Hand … also wechselte er in letzter Sekunde das Denkthema zu “Dinge zum Aufregen“. Das war knapp, aber gleich fielen ihm Partyerlebnisse ein, die wirkten immer – vor allem Fragen wie “Wie und wann soll ich ein Mädchen küssen und wann nicht“. In solchem Momenten kannste dir den Führerschein für die Hölle machen, verdammt.

Er nahm einen Schluck aus der Bügelflasche, stellte sich einige Kopfrechenaufgaben und starrte aus dem Fenster. Die Tarnung der Terroristen war beeindruckend, das musste er sich eingestehen – die Leute auf dem Parkplatz sahen ganz normal aus, sie hatten Körbe und Taschen, vermutlich voller Steinpilze oder schlechter Geschenke. Mhm. “Kann man im September Pilze suchen?” Keine Ahnung. Er blieb wachsam und unterdrückte aufkeimende Gelüste, die direkt mit seinem Windelfetisch zu tun hatten und überhaupt nicht kriegsfördernd wirkten. Bah, nicht an billigen Sex denken. “Wer blockiert mich in MSN?” war der nächste Geistesblitz, der mit einiger Mühe niedergerungen werden musste.

Hätte sie doch bloss auf seine “Einladung zum Essen” irgendwie reagiert, er wäre nicht so unruhig und kurz vor dem Amoklauf. Für sie wäre er sogar in den Smoking gehüpft und wäre zum Opera Explorer geworden. Aber er mochte eigentlich das Gefühl, er würde es den Führerkatzen zeigen. Es würde Lärm am Sonntag geben, obwohl Mittwoch war. Sein Kampfschrei “Lück Tücking” würde ihnen bis zum Ende ihrer Leben in den Ohren klingeln, sofern sie unwahrscheinlicherweise überleben sollten.

Seine phallische Wasserpistole nämlich war an diesem würdigen Tag mit Blasentee gefüllt. Es würde ekligwerden, wenn sie denn nun mal kommen würden oder noch besser, sie vielleicht auf seinem verdammten Nokia anrufen würde.

Ihm wurde nämlich langsam kalt in seinem klammen Unterhemd und sein Bier war alle.

Moral: Das Leben als Actionheld ist hart, wenn nichts passiert.

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