Habe ich vielleicht schon einmal erwähnt, kein besonders beliebtes Kind gewesen zu sein? Sicher nur an die vierhundert mal. Als Teenager war es schlimmer. Aber auch in dieser Zeit – dem Winter des dunkelsten Zeitalters gorgmorgischer Zeitrechnung – gab es dann und wann Altersgenossen, die sich für mich interessierten.
Meistens erkennt man gegenseitiges Interesse an kreativen Beleidigungen des anderen oder an besonders hingebungsvollen Prügeleien. In der fünften Klasse war es noch “in”, sich zu prügeln und so massiv Aufmerksamkeit zu bekommen, nun ja, in irgendeiner Form jedenfalls. Es ging auch anders.
Ich hatte Ahnung von Computern. Chris, einer der beliebteren Zugezogenen, gar nicht. Seit einer kurzen Weile lebte er auf einem Bauernhof in der Nähe, den sein Vater – Typ Latzhose-Bart – renovierte. Chris’ Vater war ein echtes Arschloch und der erste richtige Spießer den ich kennenlernte, hielt sich aber für das Gegenteil, wie alle echten Schurken.
Ich sollte mal vorbeikommen, das tat ich dann auch. Ich schaffte es sogar, ein Spiel auf seinem Commodore 64 zum Laufen zu bekommen; so einen alten Computer hatte ich auch. Chris war nun dankbar und man freundete sich so an, wie man in der Kombination beliebt/unbeliebt, Sportler/”Letzte Wahl beim Völkerball”1 sein konnte.
Wir machten Jungssachen. Mofa übern Hof fahren, Hühner streicheln, mit dem Lufgewehr schießen. Das durfte ich aber nur einmal, darin war ich gut. Mofa fahren dafür dauernd, das traute ich mich eh nicht. Chris war sehr bestimmend in solchen Dingen und ein großer Freund von Mutproben.
Zwei Monate später war er auch im Schwimmverein und besser als ich, bis er die Lust ein paar Wochen später wieder verlor. Er war einmal zu Besuch gewesen und hatte die absolut übelsten Tischmanieren, die ich jemals bei Besuch erlebt hatte. Meine Eltern erbleichten original comichaft, wie ich es nie für möglich gehalten hatte, als er sich mit ungewaschenen Fingern beim Aufschnitt bediente. Er verzichtete ganz auf Brot, was mich erstaunte: Zuhause bei seinen Eltern tat er das nie.
Ich mochte Chris inzwischen nicht mehr so sehr, er hatte die Tendenz alles zu bekommen was er wollte und er wollte ständig irgendetwas.
Eines Tages, als ich mal wieder eine der gefürchteten Predigten seines Vaters an seiner Stelle abbekommen hatte (“Chris weiss was Moral ist, der macht sowas nicht! Meine Kinder machen so etwas nicht! Immer seine Freunde, jaja!”), verkrochen wir uns in seine Gemächer, die über dem alten Kuhstall in den alten Zimmern der Gesinde angesiedelt waren. Niedrig und langestreckt, die Wände waren aus Lehm. Fachwerk.
“Schwörste, das niemandem zu erzählen? Niemandem? Sonst bring ich dich um. Echt.”
Ich schwörte.2
Schau mal, hier”. Seine Stimme hatte etwas Chris besaß eine kleine Truhe mit einem Vorhängeschloss, das öffnete er nun in feierlicher Geste. Darin lag eine Menge Krimskrams, unter anderen ein Klappmesser. Sein Vater hasste Waffen, daher war das Ding ein Sakrileg in diesem Haushalt. Ich sah es aber nur aus dem Augenwinkel, denn die Hauptreliquie war ein kleines Heft.
“Das hat mir Savarn geliehen. Aber ich geb’s dem nicht zurück.Ich hab dem gesagt, eher zeig ichs meinem Vater.”
Damals arbeitete ein Inder auf dem Hof, den Chris’ Vater irgendwo aufgegabelt hatte. Seinen Namen kann ich nicht richtig schreiben; er klang wohl so in etwa wie “Savarn”.
Das Heft war ungefähr DIN A5 Format und aus festem, glänzenden Material. Abwaschbar, wenn man es nicht gerade mitwaschen wollte. Drauf stand “Sexy” in pinken Buchstaben.
Natürlich war es ein Pornoheft der klassischten Sorte, die Art die man noch in richtigen, echten Kiosken oder Autobahnraststätten bekommt. Das war noch ein richtiges, echtes Pornoheft. Die Typen hatten trugen Leder sowie Schnäuzer und alles war bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet, damit der geneigte Betrachter auch wirklich alles – für sein Geld! – zu sehen bekam. Die Frauen, wow. So konnten Frauen aussehen? Sie waren alle blond und hatten diese unglaublichen 80s Big Hair Frisuren und sonst vor allem funkelnd rot lackierte Lippen. Und, äh, das war noch lange nicht alles. Ich war klar überfordert, ließ es mir aber nicht anmerken. Mein Gesicht glühte, das würde aber sicher niemand sehen.
Chris blätterte es andächtig durch und präsentierte mir jede Seite, dazu kommentierte er die Szenerie. “Heftig, was?” Ich fands auch heftig, aber nicht geil. Naja, schon ziemlich irgendwie geil, aber vor allem eklig. Ich fands außerdem gemein, dass er dem Inder das Wichsheft geklaut hatte und sagte das auch.
Das fand Chris nicht so gut und verstaute die Reliquie wieder in ihrem Schrein, ohne sie ganz vorzuführen. Dann hatte er plötzlich keine Zeit mehr. Die Audienz war beendet.
Sowieso hatte er dann erstmal keine Zeit mehr.
Ein paar Wochen später kotzte ich mein erstes Bier über den Rücksitz des neuen Mercedes Kombi von Chris’ Vater, was unsere Freundschaft merklich abkühlen ließ.
- Eigentlich war ich gar nicht unsportlich, ich war im Schwimmverein und einigermaßen gut, aber das zählte nicht richtig. Wenn es nicht mit Bällen stattfand, war es kein respektabler Sport [↩]
- Hey, immerhin habe ich die Namen geändert! Trotzdem riskiere ich hier grade mein Leben und meine unsterbliche Seele. Ich hoffe, ihr wisst das zu schätzen. [↩]
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