November 2008

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Ich wunderte mich schon seit Stunden, warum ich solche dröhnenden Kopfschmerzen habe. Weil ich nicht so eitel bin wie ich dachte, habe ich erst vor einer Weile in den Spiegel geschaut.

Da ist ein riesiges Horn von einer Schwellung, dort wo man eigentlich meine rechte Augenbraue erwartet hätte. Das ganze Ding sieht rotblau aus, an einer Stelle ist es dunkel und fast aufgeplatzt. Ich seh’ aus wie ein Boxer nach der Hälfte eines mittelerfolgreichen Kampfes. Er hat ‘ne miese Deckung, kann dafür gut einstecken. Dieser Kopftreffer hat aber gesessen. Noch so einer und der Ringrichter zählt ihn an. Wie hat ihn der andere so erwischt, hmm? Es will ihm nicht einfallen, sein Schädel überdröhnt etwaige Nachforschungen im Hirn. Die Stimme des Ringarztes aus weiter Ferne, etwas über einen Cut und dass er sich das nicht viel länger anschauen wird. Egal. Er wird aufstehen und den Kampf über die Runden bringen. Her mit dem Mundschutz, es geht los. DingDing! macht die Ringglocke.

Genau, wie ist mir das denn schon wieder passiert? Langsam sichern die Wahrheit durch die Kakophonie im Kopf. Ein Zweitklässler, bewehrt mit einem Hockeyschläger, holt weit nach hinten aus und das mit Schwung, denn er hat sich den Ball vorgelegt und Zack!… hat er mich fast auf den harten Asphalt des Schulhofs befördert. Der erste Niederschlag in meiner Betreuungskarriere. Ich wanke, schimpfe, falle aber nicht. Und dann habe ich all das wieder vergessen.

Ah, es kommt mehr zurück.

- “Herr Gorgmorg, da ist Blut auf ihrer Stirn.”
- “Ach was.”

Mann-o-mann, bin ich hart drauf. Oder blöd. Wie viele Gehirnzellen sind dabei wohl wieder draufgegangen? Und wie viele habe ich jetzt noch übrig? Nicht drüber nachdenken, das tut nur noch mehr weh. Jetzt wo ich weiß was los ist, sind auch gleich die Schmerzen da. Ich entscheide mich gegen das Ausgehen und das Aspirin und für ein kühlendes Detmolder Pilsener in der beliebten Bügelflasche.

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Morgens will ich nicht aus dem Bett und nach der Arbeit eigentlich am liebsten sofort wieder rein; spätestens um zehn Uhr abends kann ich kaum noch die Augen offen halten. Das paßt eigentlich gar nicht zu mir Nachteule.

Das liegt am Wetter, sagt meine Mutter. Früher waren die Menschen zu dieser Zeit eben schon lange tief in der Höhle vorm Feuer. Mein Vater erwähnt, dass er die alten langen Unterhosen aus der Bundeswehrzeit beim Renovieren wiedergefunden hätte. Falls es wieder so kalt auf der Arbeit wird, könnte er gern – nein, danke, lieber erfriere ich.

Aber so ein Feuer und ein Bärenfell, das wäre eine gute Kombination mit “vor dem Frühling nicht wieder ohne triftigen Grund1 rausgehen”. Finde ich. Fröstelnderweise.

  1. Also: Nicht Arbeit. []

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Drei Fetzen

Pizza vom Bringdienst mag ich tatsächlich nicht, das wird mir inzwischen immer deutlicher klar. Selbst wenn das Ristorante eigentlich gut genug ist, das durchgeweichte, nicht mehr richtig heiße Ding in der Papphülle vor dir sieht nur in etwa nach dem Traumbild in deinem Kopf aus, nach dem du dir die halbe Stunde von der Bestellung bis zu Auslieferung die mentalen Finger geleckt hast. Der Geschmack, falls vorhanden, entsprecht ebenso wenig der Erwartungen. Immer wieder ein Fehler, immer wieder werde ich nicht schlauer. Eine knappe halbe Stunde ist ganz genau die Zeit, in der Pizza entleckert.

*

Ich hatte mal Kolleginnen, die sich in einem Gespräch (es war ein Gespräch in einem Krankenhaus) über Männer unterhielten. Das taten sie dauernd, es waren Krankenschwestern. Nein, wegen einem Kerl würden sie nie umziehen. Niemals. Das wäre ja wohl völlig rückratlos. Liebe hin oder her, die wären es nicht wert. Innerlich stimmte ich zu: Naja, Leute wegen euch würd’ ich nichtmal Bier holen gehen. Ihr alten Geiferziegen. Aber auch sonst, ne, lieber nicht.

Heute bin ich Weichei und es schockt mich, wie viel Weicheikram ich tun würde, für die sie. Da wären ein Umzug und ein neuer Job aber wirklich noch das Mindeste. Ich dachte, ich sollte alt und verbittert werden. Das darf keiner wissen.

*

Ich vermisse eines von den alten Gesprächen mit Zeitloch. Sie sind eine Ewigkeit an Erinnerung und nach zwei, drei gefühlten Augenblicken vorbei. Komischerweise ist es dann meistens bereits drei Uhr nachts oder Morgendämmerung.

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Mit den Jahren wird es immer schwieriger, sich erfüllbare Wünsche für Weihnachten auszudenken. Man hat ja schon viel und braucht möglicherweise weniger an käuflichem Zeit; das meiste kann man sich ja auch selbst zulegen. Die unbezahlbaren Sachen, die werden mehr, viele davon sind gar nicht mit Geld zu bekommen.

Unschätzbar Kostbares nämlich.

Wenn ich mir schon etwas für mich selbst wünschen soll, dann wünsch ich mir nicht etwas, sondern Jemand, nicht Irgendwen natürlich, schon gar nicht Irgendeine. Nicht zum besitzen, sondern zum sehen und reden und all dem noch schöneren. Und die Frau mit Hund und dem Ave Maria und den strahlendsten Funkelaugen, die jemals vielsagende Blicke auf mich abgeschossen haben – ich wüsste auch gleich, was ich ihr schenken würde, hätte ich die Macht dazu. Und sie weiß schon, was; das muss ich gar nicht schreiben, oder?

Wenn ich auch euch denke, diejenigen die ich kenne, dann wüsste ich wirklich, was ich euch schenken würde. Zumindest materiell. Darin bin ich gut. Könnt mich ruhig in den Kommentaren fragen, i dare you!

Jedenfalls schenke ich euch nun ein wirklich gutes sowie einfaches Glühweinrezept zum selbermachen, das nicht so süß, dafür aber wohlschmeckend und gar nicht eklig ist. Ich kann mich also doch zum Positiven ändern; meine alte und zu Recht kritisierte Neigung zur Glühweinverallgemeinerung ist weg. Trinkt ihn bitte nicht in Pappbechern; nehmt Tassen und wärmt eure Hände und Herzen und, falls nötig, auch alle anderen bedürftigen Regionen. Falls ihr glaubt, dass gerade niemand an euch denkt und fernwärmt.

Glühwein in Gut

Für zwei Gläser

  • Saft einer Orange
  • 200 ml Traubensaft
  • 200 ml Rotwein, mittelgut
  • 2 TL Glühweingewürz1

Vorsichtig erhitzen und bloß nicht kochen, 10 Minuten ziehen lassen, durch ein Sieb gießen und dann servieren. Süßen nach Geschmack, ich mache das nie.
Wer mal auf den Alkohol verzichten will, könnte anstelle des Weines auch noch einmal dieselbe Menge Traubensaft nehmen.

Noch ein Wunsch von mir: Passt gut auf euch auf, es ist wirklich saumäßig glatt auf den Straßen da draußen. Und, hm, fahrt nicht mehr nach dem vierten Glühwein. Nicht dass ich mich am Ende schuldig fühle.

  1. Ich nehme eines von der Firma Gewürzmühle Brecht, aus dem Bioladen oder Reformhaus. Das schmeckt laut Packung fein aromatisch-süßlich. Sososo. []

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Murmeltag

Heute ist Totensonntag, aber das erklärt auch nicht die erstaunliche Müdigkeit, die meinen Bekanntenkreis heimsucht. Ich bin mindestens zweimal eingeschlafen. Manche Leute fangen um halb fünf wieder damit an, “Schlaf nachzuholen”, dabei haben sie mit Sicherheit bis Mittag gepennt. Andere werden zu dieser Zeit das erste Mal wach. Es ist beeindruckend, selbst für einen Sonntag. Bekanntlich arbeitet mein Gehirn an diesem wöchentlich wiederkehrenden Termin nur mit 10% seiner normalen Kapazität und so kann ich mir dieses außerordentlich Ausmaß an Träglichkeiten kaum erklären.

Jemand behauptet, dahinter würden geheime Menschenversuche mit Murmeltiergenen stecken. Die würde man zur Terrorbekämpfung verwenden können. Oder so.

Ich selbst bleibe jetzt wach, zum schlafen bin ich nämlich viel zu faul.

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Es hat geschneit, eine ganze Menge schweren weißen Schnees sogar. Draußen sieht es sauber und strahlend aus, dort jedenfalls wo noch kein Auto alles in grauen Matsch verwandelt hat. Nicht-räumen der Weg sieht einfach viel besser aus, ist aber unpraktisch – Faulheit hat seine Vorzüge. Ich schaufel, wenn ich unbedingt muss. Ich befürchte, das könnte schon heute Abend sein – ich bin mal wieder mit dem fahren dran. Nicht, dass mir das viel ausmacht, mein Durst auf Alkohol ist minimal im Moment, ganz anders als am letzten Wochenende. Was mir viel ausmacht: Aufstehen, am Samstag erst recht. Aber das wisst ihr ja bereits.

Wenn Schnee liegt, klingt die Welt leiser. Gedämpft. Das gefällt mir; das einzige Geräusch ist das Knurschen von mittleren Lawinen, die die Dachschräge hinabrutschen. Du liegst da und hörst deinen Gedanken zu, die langsam wie gut angewärmte Ohrentropfen durch dein Hirn rieseln und etwas kitzeln.

Natürlich klingelt sofort das Telefon. Natürlich habe ich es weit, weit weg vom Bett vergessen und ich muss aufstehen. Ich bin – wie ich meine zu Recht – angefressen, gebe mir aber den Anschein von unangemessener Höflichkeit.

- Guten Tag, Immobilien Hingenuschelt, Frau Soundso hier. Spreche ich mit Herrn Gorgmorg? Es geht um unseren Termin am Nachmittag.

- Ja … ich denke …schon.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon die mir völlig unbekannte Dame redet. Ich habe jedenfalls keinen Termin. Gern rufen Leute bei meinem Bruder an, die eigentlich meinen Vater sprechen wollen und umgekehrt, aber meine festnetzige Nummer steht gar nicht im Telefonbuch. Ich besitze keine Immobilien und will auch keine kaufen. Vielleicht habe ich irgendwo im Suff eine Wohnungsbesichtigung verabredet, obwohl ich gar nicht so betrunken war. Ich beschließe, Zeit zu gewinnen. So richtig denken kann ich auch noch nicht wieder.

– Frau Vogt hatte den Termin gemacht und mir ihre Nummern hinterlassen.
- Sie meinen nicht vielleicht einen anderen Herrn Gorgmorg?
- Nein, ich meine schon sie.
- Aber ich habe gar keine Immobilien noch will ich welche kaufen. Geht es um ein Mietobjekt?
- Das möchte ich am Telefon nicht sagen.
- Ich kann mal meinen Vater und meinen Bruder fragen, aber ich wüsste auch nicht, dass die irgendwelche Pläne in der Hinsicht haben.
- Also, ich kann leider nicht kommen, wegen dem Schnee. Ich mache dann nächste Woche einen neuen Termin (flötet sie).

Nun komme ich aber doch etwas ins grübeln. Ist die Wirtschaftskrise nun auch bei uns eingetroffen? Habe ich Alzheimer? I

Das mache ich dann wieder mit Frau Vogt, das sollte kein Problem sein. Immerhin wohnen sie ja zusammen. Guten Tag noch!

Ich habe ihr dann geraten, vielleicht doch lieber die ihr vorliegende Handynumemr anzurufen. Dann beschloss ich, erst auf den nächsten Anruf zu warten und dann nach der Frau Vogt zu suchen. Die muss sich ja hier irgendwo versteckt haben. Spione überall.

Ich habe nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht ruft sie ja gerade bei euch an. Würde mich nicht wundern. Die Frau Vogt und ihre Immobiliengeschäfte. Wer kennt se nich.

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