Meine gesetzlosen Erinnerungen

Wenn ich durch eine bestimmte Straße gehen, dann sind die Bilder da und manchmal muss ich lächeln, manchmal muss ich eine Weile irgendwohin weit weg von Augen der Leute um mich schauen und tief Luft holen, aber so dass es niemand sieht und Fragen stellt.

Was ist denn los ? Ach, nichts weiter.

Mein Gedächtnis hält sich nicht an Regeln von Anstand und Fairness, es speichert die erstaunlichsten Dinge in feinster Auflösung und bestem Ton und spielt sie ebenso ungefragt ab. Ich würde allerdings gern wissen, an welche Gesetzmäßigkeiten die Szenenauswahl gebunden sein sollte und ob mein Gedächtnis diese Regeln gewohnheitsmäßig bricht.

Ich war nur einmal in der Bielefelder Stadthalle und ich muss an meine Begleitung an diesem Abend denken; ich war zigmal in einem bestimmten Restaurant Pizza essen und ich denke doch immer nur an eine Situation, wenn ich an meinen Lieblingstisch gebe. Oder besser: Wenn ich an meinem Lieblingstisch vorbeigehe. Ohne sie dort sitzen zu sehen, fühlt es sich bestimmt wie ein Sakrileg an, darum habe ich es seither nie wieder getan. Gibt ja noch andere Stühle.

Bei Sushi ist es immer genau eine Person, obwohl ich vorher und nachher mit vielen anderen Leuten dieses sehr leckere Zeug verspeist habe – es war eigentlich immer gut und ich erinnere mich daran, aber niemals automatisch.

Wenn ich an einer Kneipe vorbeifahre, ebenso wie an bestimmten Häusern, dann denke ich an diesen Typen, der da immer in meiner Nähe saß und der nun tot ist, Motorradunfall. Ich habe vielleicht viermal mit ihm gesprochen, netter Kerl, ich wusste überhaupt gar nichts über ihn. Nur wer seine Cousine war. Aber das hat viel mit Dorf zu tun; hier wusste jeder, wer mit wem verwand war und wenn nicht, wurde man schnell aufgeklärt.

Kino ist so eine Sache, was Erinnerung angeht; manchmal weißt du noch genau, wann und wo du in welchem Film warst, ohne auch nur ansatzweise die Handlung erzählen zu können; dafür aber eine Menge anderer Sachen, die ich hier natürlich … nicht erzähle. Oh, die Untaten in Kinos, es sind ihrer nicht wenige, aber sobald ich ein Kino betrete, denke ich hin und wieder an – nämlich Scary Movie 2 (nur in kleinen, muffigen Dorfkinos) und eigentlich immer an Casanova (2005) (vorzugsweise in mächtigen Multiplexen), beides absolut unwichtige Filme, die ich auch nicht unbedingt noch einmal sehen muss. Nicht, dass mir irgend etwas aus den Filmen selbst im Gedächtnis geblieben wäre. Nicht, dass ich nicht schon unverzeihlichere Untaten in Kinos getan hätte, nicht, dass ich nicht davor oder danach viel bessere Filme gesehen hätte – hier waren die Film ganz und gar unmaßgeblich und ich weiß trotzdem auch nach Jahren genau, was ich erlebt habe. Ich gehe die Treppen zum Sitzplatz hoch und in meiner Phantasie läuft schon der Hauptfilm, bevor die Trailer auf der großen Leinwand begonnen haben.

Manchmal dauert es sehr lange, bis ich wieder in der Gegenwart bin. Ich hole dann ein paarmal Luft und bin still, bis es wieder geht.

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