Verwachen

Ich wache unter der Woche meistens viel zu früh auf, manchmal sogar bevor der trötige Weckton meines iPod mich zum zu früh aufwachen zwingt. Niemals lasse ich mich von Musik wecken, weil ich dann immer noch nur bis zum Ende des Stückes liegen bleibe, wenn es Musik ist, die ich mag – wenn es Musik ist, die ich nicht mag, dann wäre das eine noch unschönere Alternative.
Kann man es überhaupt “verschlafen” nennen, wenn man die ganze Zeit wach ist, aber komplett bewegungslos bleibt und daher Gefahr läuft, viel zu spät zu kommen? Falls niemand etwas dagegen hat, werde ich hiermit – meine geneigte Leserschaft möge die Wichtigkeit des Augenblickes auf alle Ewigkeit im Gedächtnis behalten – den neuen Begriff verwachen einführen.
Die Situation hat sich jedenfalls überhaupt nicht entspannt, seitdem ich ein MacBook in Griffweite habe. Andererseits – sie hat sich tatsächlich sehr viel entspannender gestaltet und das Problem wird dadurch nicht einfacher zu lösen. Vor allem wenn man ständig an die Unwetterwarnung vom letzten Abend denken muss.

Brrrrr.

Allein die Vorstellung wälzt dich schonmal locker auf die andere Seite, für eine kleine Nachdöszeit. Das ist so ziemlich die zweitbeste Zeit, die man allein im Bett verbringen kann.

Es wundert also sicher niemanden, dass ich mich inzwischen gewohnheitsmäßig in 20 Minuten aus dem Bett schälen, rasieren1, duschen und mit einem fürchterlich spartanischen “Tee plus Weetabix plus Trockenpflaumen” – Frühstück ernähren sowie danach – im besten Fall einigermaßen gesellschaftsfähig bekleidet – ins Auto springen kann.

Heute musste ich um halb acht vor der Schule stehen. Zuschauen wie die Kinder eintreffen und solidarisch mit ihnen vor der Tür frieren. Niemand darf rein, ist zu laut – bis auf die Kinder der Eltern, die für Betreuung bezahlt haben. Die dürfen und ich hasse das. Als ob die Betreuungskinder (und es sind ihrer nicht wenige) weniger laut sind; eher im Gegenteil. Etwas Ärger macht auch etwas Wärme.
Ah, der verführerische Gedanke an noch einen von diesen heißen Tassen Tee von vor einer halben Stunde, die ich da noch so gedankenlos weggeschlürft habe, oder noch besser etwas Grog…Yeah! Ich phantasierte2 etwas und nickte dabei fast wieder ein. Da angenehme Gedanken an Betten3 oder Heißgetränke nicht die erwünschte Wirkung zeigten, musste ich mich beschäftigen, beispielsweise in dem ich versuchte, zittern, schlottern und zähneklappern zu unterdrücken oder doch zumindest so diskret zu gestalten, um sich vor den Kindern keine Blöße zu geben. Ein paar Augenblick schaffe ich es, doch dann denke ich unweigerlich an die Unwetterwarnung: Schnee, Matsch, Glatteis, Sturm.

Brrrr.

Als es langsam etwas heller wird, schlagen die Lichtsensoren auf dem Schulhof an und wir stehen plötzlich im Fastdunkeln. Die Kinder kreischen wie tausend heulende Höllenhunde und halten den Ton viele beeindruckende, aber schmerzhafte Sekunden. Wie immer.

Ok. Nun bin ich wach.

  1. Dabei vergesse ich immer irgendne Gesichtsecke []
  2. “Tagtraum” will nicht richtig klingen []
  3. An Gesellschaft im Bett dachte ich ja noch gar nicht, diese Art heißer Träume brächte mich sicher rasch zurück in Morpheus’ Arme und angenehmere Gefilde meiner Phantasie … na gut, ich dachte doch vielleicht einen Bruchteil einer Sekunde daran. []

2 Kommentare

  1. Irgendwie kotzt mich die Betreuungsregelung an, bärgh.
    Das hat sowas von wir sind alle gleich, aber WIR sind GLEICHER.

    So lehrt man den Kindern sofort das Prinzip der 2 Klassen Gesellschaft

    • Ja, leider. Das ist auch nicht der einzige Punkt im Tagesablauf, der diese Zweiteilung immer wieder bestätigt. Warum das alles so ist, wird man einem Erstklässler wohl nicht so leicht vermitteln können; dass einige Kinder anders sind, bekommt er aber mit Sicherheit sehr gut mit.

      Später mehr dazu.