Während sich meine lieben Bekannten und Freunden hinten im Auto mit meiner Stablampe amerikanischen Ursprungs Morsenachrichten schicken, fällt mein Blick auf den Rückspiegel: Der Wagen, der sich eben noch entspannt-langsam wie ein Mantarochen auf Codein an uns vorbeigeschoben hatte, hatte scheinbar gewendet und war nun sehr dicht hinter uns. Das gefiel mir nicht. Um genauer zu sein: Das gefiel mir ganz und gar nicht.
Ich beschließe überhaupt nicht hektisch, einen Seitenweg in die Nähe des nächsten Dönerstandes einzuschlagen, denn das ist das Ziel unserer Reise. Nicht dass wir nicht auch in weniger als 2 Minuten Fußmarsch angekommen waren, aber das Volk – meine Mitfahrer – waren scheinbar überzeugt davon, dass Donar (dem Dönergott) so nicht dem Brauch entsprechend gehuldigt wurde. Man musste hinfahren. Sie waren alle so lustig trotz beeindruckendender Nüchternheit, dass ich (sehr leise) zähneknirschend einwilligte. Sie sind alle so wundervoll. Ich liebe sie.
Wirklich.
Ich biege also ab. Der grüne Wagen mit der Zusatzbeleuchtung auf dem Dach tat es mir gleich. Wie unangenehm.
Ich sollte ein magisches Reich gründen, an einem geheimen Ort, verborgen vor den Augen der seltsamen Leute und gut sichtbar für jedenfalls genau die Richtigen. Ein Ort zum Schreiben und Kochen, zum laut lachen und leise kichern und für glorreiches Nichtstun voller Sinnenfreuden unirdischer sowie völlig profaner Art.
Ich nehme mit ein Herz und sage etwas, dass mir schon seit einigen endlosen Sekunden durch den Kopf geht. “Das da hinter uns, dem ihr zumorst, das ist übrigend wirklich die Polizei.”
“Oh.”
Man versteckt die Lampe und das ramponierte Steckenpferd, mit denen man bisher kreative Schattenspiele vorgeführt hat.
Ich versuche zu parken, stelle aber fest, dass hier ein Parkverbot herrscht, als ich bereits halten will. Der Wagen hinter mir wird langsamer … ich parke schnell wieder aus und suche einen todsicheren Parkplatz.
“Was machst du da eigentlich?”
Ich werde nervös, aber nicht böse. Was zur Hölle wollen die Gesetzeshüter von mir? Ich ahne es: Sie glauben fälschlicherweise, dass wir alle Drogen genommen haben, so wie wohl die anderen Besucher der bisher heimgesuchten Lokalitäten auch. Wer sollte es ihnen verdenken? Wir hatten ja auch Spaß und haben uns unter kläglichen, aber dafür theatralischen Protesten gegenseitig an die Wände einer Diskothek unerfreulicher Sorte kreppbandiert. Ob uns wer verpfiffen hat? Das war es jedenfalls beinahe wert. Ich muss grinsen, aber das sehen sie hinter mir nicht.
Ich bin so ungeahnt sentimental in dieser Zeit, selbst für meine Verhältnisse. Zynismus und ich haben uns in gegenseitigem Einvernehmen getrennt; ich habe auch keine Lust mehr, so ein langsam ergrauender einsamer Wolf zu werden, der nachts wehleidig den Mond anheult, weil er manche Ungerechtigkeiten nicht einfach wegknurren kann. Ich freue mich über den ganzen Mist, den ich mit meinen Leute erlebe, er gibt mir ein Gefühl, lebendig zu sein und etwas Leichtes.
Ich fasse mir ein Herz und parke ansatzlos ein, in eine Lücke an einer todsicheren Stelle zwischen vielen anderen korrekt eingeparkten PKW und Kleinlastkraftwagen.
“Endlich! Hunger!” johlt die Menge in verhaltener Lautstärke und steigt wohlgelaunt aus.
Hinter mir hält der Grünling. Ich fische im Handschuhfach nach den Papieren. Ich ahne ja, was nun kommt.
Er hat ein Bärtchen, einen Bauch und einen dicken Pickel links über dem Mund.
“Was haben sie wohl falschgemacht, hm? Guten Abend Verkehrskontrolle Fahrzeugschein Führerschein.”
“Guten Abend.” Ich habe nichts falschgemacht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was der reichlich unfreundliche Herr von mir will. Außer: ‘Die komischen Vögel schauen wir uns mal genauer an, ne?” Der Pickelbart mustert meine angestrengt stillstehenden Begleiter. Sie sterben fast vor Hunger, Mitteilungsdrang und Bewegungsbedarf. Aber sie sind echte Helden und stehen fast still. Es gibt nur einige leise Kommentare, die laut über den Platz hallen. Es ist immerhin weit nach fünf Uhr morgens. Ich denke angestrengt nach, mir fällt aber rein gar nichts ein. Mein Gewissen ist fast rein.
“Keine Ahnung?”
“Sie haben keine Ahnung?”
“Nein, ehrlich gesagt: Nein. Ich habe wirklich keine Ahnung.”
“Sie wissen nicht, dass hier ein Busbahnhof ist, auf dem auf gar keinen Fall geparkt wird?”
“Nein? Hier sind doch Parkplätze angezeichnet und die ganzen anderen stehen doch auch jeden Abend hi…”
“Sagen sie mal, fangen sie hier nicht mit Ausflüchten an, wollen sie mich verkackeiern? Ich stelle ihnen eine Frage und sie kommen mir mit den anderen!”
“Ich habe nur gefra…”
“Warum parken sie hier?”
“Ich parke schon seit Jahren hier. Immer wieder. Ich wusste nicht, dass es verboten ist.”
Er schüttelt mit dem Kopf und gibt seinem Kollegen einen Blick hinüber. Einen vielsagenden, dessen Bedeutung mir aber entgeht. Nur eins ist sicher: Nichts Gutes.
Ich merke, dass ich hier völlig willkürlich vorgeführt werde. Das sich hier wer gelangweilt hat. Ich werde wirklich böse; in mir brodelt es. Das ist Nichts Gutes.
Es gibt Sachen, die ich einfach nicht akzeptieren kann, die so unendlich falsch sind, dass man sich beim Gedanken an sie spontan den Magen verdirbt. Sachen, die sich ändern müssen. Aber manchmal kann man nur warten und hoffen und vertrauen, das jemand das Richtige tut. Oder das Richtige sagt.
Einer von uns sagt: “Was hat er denn nun verbrochen? Was sollen wir denn machen, damit sie zufrieden sind?”
Ich versuche zu erraten, was der Polizist von mir will. Aber ich komme einfach nicht drauf. Der Kollege nimmt meine Mitfahrer in Augenschein und mustert sie ganz genau. Einen nach dem anderen.
Meine Stimme wird langsam schwächer… “Für mich war das hier immer ein ganz normaler Parkplatz.”
Und: “Soll ich nun endlich ins Röhrchen pusten?”
Der Pickel starrt mich an. “Die einzige Chance, um ein Verwarngeld herumzukommen wäre, dass sie sofort umparken. Sofort!”
Weiter sagt er nichts; er packt seinen Kollegen ein und fährt weg.Wir parken um, 50 Meter entfernt, auf den nächsten völlig korrekten Parkplatz.
Dann gehen wir lecker Döner essen und machen eine Menge völlig unangebrachter Witze. Ich wünschte, ein paar andere Ungerechtigkeiten würden ebenso schnell verschwinden und ich denke an jemanden Besonderes. Aber für diesen einen, kleinen Moment ist alles in Ordnung.
Epilog: Noch am selben Wochenende würde ich in der Kölner Innenstadt einen Strafzettel für inkorrektes Parken bekommen. Oh, well.
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