Es war klar, dass ich irgendwann einmal zu dieser Geschichte kommen würde. Das wusste ich schon, als ich damals die erste Inkarnation von Gorgmorg aus der Taufe hob, aber da wusste ich noch nicht, wie ich das verpacken könnte, um nicht verhauen zu werden.
Glücklicherweise ist diese Gefahr heute nicht mehr gegeben. Ich muss sowieso die Namen ändern, weil mindestens drei der Hauptpersonen Christian heißen. Das könnte sonst verwirren.
Es begann wie eigentlich die meisten Geschichten dieser Ära – der späten gymnasisialen Mittelstufe- mit der Suche nach einem Vorwand für ein schauerliches Besäufnis. Die Eltern sahen so etwas nur bedingt gern, daher brauchte man also eine gute Geschichte, damit auch jeder mitgehen konnte. In diesem Fall: “Picknick am Turm”. Der besagte Turm war ein garantiert nicht mittelalterlicher, dafür aber rustikaler und frei zugänglicher Wachturm auf der höchsten Stelle des nicht gerade hohen Wiehengebirges.
Dafür ist der Weg aber steil und mit dem Durst, der sich dabei entwickelt, halten die paar Kisten Bier nicht lange – genauer gesagt, war das meiste schon in ausgetrockneten Kehlen versickert, als wir oben ankamen. Blieb noch der Schnaps, um das Picknick angemessen zu bestreiten – Essbares hatte sowieso niemand eingepackt, vielleicht ein paar Chips. Ich war damals abhängig von Kartoffelchips, weil es sie so selten bei mir zuhause gab, dagegen kam keine Darreichungsform von Alkohol an. Ich war also noch nüchtern, als mein Vorrat davon aufgeknabbert war und andere bereits an den diversen gleichartig widerlichen Fruchtlikör-Spezialitäten eines bekannten norddeutschen Spirituosenherstellers nippten.
Oben auf dem Turm versammelten sich die Außgestoßenen, d.h.: Die Metalfreaks und Fantasy-Rollenspieler. Meine Leute, oder besser: Die leute, die mein Bier getrunken hatten und nun das harte Zeug mit mir teilten. Es war ein besonders warmer Tag und das wirkte sich schrecklich auf den Gesamtzustand der Gruppe aus, aber gleichzeitig war es auch ein Wiedersehen mit Tobias, der die Schule gewechselt hatte – eine insgesamt gehobene Stimmung machte sich breit. Tobias hatte selbst etwas zu feiern: Sechs Monate ohne Alkohol.
Wir wussten noch gar nicht, dass er einen Schwerbruder (und aller- allerbesten Freund) hatte – den zirka zweimeterfuffzig großen Daniel, der aus Solidarität mit den Normalgroßen stets gebückt ging, was ihn trotz mangelhafter Behaarung an einen Orang-Utan erinnern ließ. Schwertbruder hieße auf japanisch “Hōshi”1 meinte Daniel und schenkte den ersten Korn ein, um das Treffen und das eigentlich von Tobias gar nicht so geplante Ende der Fastenzeit feierlich zu begehen. Man hörte Helmet, Biohazard und U2.
Tobias vertrug nur zwei Pintchen, dann wurde ihm schlecht. Was ihn aber nicht davon abhielt, fleißig aus der Flasche zu trinken, weil ihm das besser bekommen würde. Daniel half ihm, ein Kamerad bis zum Ende. Nach der ersten Flasche war dieses für Tobias erreicht – er fiel nach hinten und sabberte aus dem Mundwinkel, murmelte noch etwas und sagte dann gar nichts mehr.
Daniel betrübte dies.
Er richtete sich hoch auf, mit der Flasche Korn in der einen Hand, die andere in den Himmel gereckt und sprach den Satz, den wir in den nächsten Stunden noch gefühlte 200mal hören würden. Er sprach eigentlich nicht, er schluchzte, eine Wehklagen für einen Gefallenen:
“Meinem Hōshi geht’s nicht gut!”
Er versuchte, ihm Heiltränke2 einzuflößen, was misslang. Tobias strafte seine Bemühungen mit bewusstloser Gleichgültigkeit, was Daniel tief verletzte.
“Mein Hōshi is krank. Ich muss mein’ Hōshi retten! Ich bring den in Sicherheit! Sonst geht der tot! Hilfe! Ich lass mein Hōshi nich im Stich.”
Er machte ein Geräusch, welches täuschend einem Elch mit schmerzhafter Verstopfung ähnelte: Es war laut, peinvoll und durchaus besorgt: Er brauchte offensichtlich Hilfe. Wir reagierten genau so, wie als Amateurtrinker tief im Wald zu tun hat: Panisch. Alles lief wild durcheinander, man entwarf listige Rettungpläne bis hin zum Rettungshubschrauber. Das dauerte und man stritt sich auf höchsten Niveau, schließlich ging man zum Gymnasium.
Daniel wurde es zu dumm. Die Flasche Korn hatte er noch im Andenken an den Kriegshelden neben ihm geleert, dann schulterte er die reglose, nur leise protestierende Gestalt und schwankte los. Er wollte ihn nach Hause tragen. Fiel hin.
Aber nun gab es einen Plan. Wir trugen ihn abwechselndden die drei oder vier Kilometer den Berg hinab; es fühlte sich an wie Wochen. So ein (angeblich!) Bewusstloser macht es seinem Träger ja nicht gerade einfach mit seiner schlaffen Konsistenz.Er sagte nun gar nichts mehr, nicht einmal mehr “hrrr…” oder “Au…”. Wir rannten immer schneller. Tief in Sorge. Tobias war nun unser aller Hōshi, vor allem weil Daniel ganz klar Lust hatte, uns alle zu verhauen, wenn wir nichts taten. Sowas wie “der hat nur ein paar über den Durst getrunken” wollte der nicht hören. Daniel hatte nicht nur die Stimme eines Elchbullen – er teilte auch andere Eigenschaften des edlen Tieres.
Das erste Haus kam in Sicht. Die Stufensprecherin tat ihren verdammten Job und klingelte die Leute aus dem Bett und rief einen Krankenwagen. Wir wollten das Ganze ja diskret regeln, nicht das Tobias Eltern das Malheur mitbekommen und er schon wieder Hausverbot bekäme.
Daniel war zufrieden, als der RTW um die Ecke bog, sich die Türen öffnete und eine Gestalt in weiß, eine Göttin sich näherte. Tobias Mutter, im Notdienst. Sie natürlich begeistert von unserer verantwortungsvollen Art.
Sie hat sich noch mehr gefreut, als sie die Rechnung für den unnötigen Einsatz bekam. Warum Tobias nie wieder mit uns ausgehen durfte, konnte keiner von uns verstehen.
Die Welt war nicht gerecht.
- Ich bin ziemlich sicher, dass er zu oft “Bill & Ted’s verrückte Reise durch die Zeit” gesehen hatte – “Granatenstark, Hoschi!”. Später sprach er zu sehr dem LSD zu und wurde noch merkwürdiger. [↩]
- Korn und Korn [↩]
-
*kicher*
Das Ende der Geschichte gleicht ja der doppelten A….Karte… Also erstmal ließe sich ein RTW Einsatz und Krankenhaus-Aufenthalt ja eh nicht verheimlichen… aber dann… *lach*
Oh Mann… das nenn ich mal dumm gelaufen…
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