Februar 2009

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Jeden Tag sehe ich die Zivis und Praktikanten die Zeitungen wälzen, angeblich auf der Suche nach Artikeln, die unseren Laden erwähnen. Besonders geflissentlich studieren sie die bunten Beilagen der großen und gar nicht so billigen Elektro-Discounter, genauso gewissenhaft widmen sie sich den Prospekten der diversen Handyklitschen.

Jeden Tag.

Jedes Bild wird genau gemustert und eine feinsinnige, wohlinformierte Diskussion geführt. Ganz leise.

Ich gehe meistens auch ganz leise vorbei, um sie nicht zu stören.

Allerdings kommt es schon einmal vor, dass ich mich heranwage und dumme Fragen stelle, wie etwa: “Warum macht ihr das? Braucht ihr ein Handy oder einen Flachbreitfernseher? Oder vielleicht ein Bügeleisen?”

“Ne.”, sagen sie unweigerlich. Und: “Brauch ich alles nicht.”

Brauch ich alles nicht” könnte eine der überflüssigsten Äußerungen überhaupt sein. Es ist ja auch ganz schön unanständig, etwas Materielles gern haben zu wollen. Wenn nicht das eigene Überleben davon abhängt – dann ist das wohl auf eine ganz besondere Art und Weise nicht ganz gesellschaftsfähig. Wir leben in einer technisierten Welt, aber Computer, Internet und diverse kleine, handliche Geräte zum herumtragen… nein, da ist man lieber ganz vorsichtig und betont schon vorausschauend, von solche Apparate schon mal überhaupt ganz und gar nicht in irgendeiner Weise das eigene Wohlbefinden abhängig zu machen. Nicht, dass man sie nicht gern besitzen würde. Oder vielleicht Spaß daran haben könnte. Aber brauchen? Nö.

Wenn wir andere Bereiche unseres Leben genauso betrachten würden, ernährten wir uns von trockenem Brot und dazu einigen Tabletten mit Mineralstoffen, Vitaminen und so weiter. Da wäre nämlich alles drin, was man braucht.

Ich habe eine Menge Bekannte, die im Jahr hunderte von Euro für Urlaub in sonnigen Gefilden ausgeben, ohne mit der Wimper zu zucken – sich aber winden und quälen, wenn sie sich ungefragt entschuldigen, sich für einen minimal teueren Computer entschieden zu haben, weil er ihnen einfach besser gefällt. Dabei sitzen sie täglich davor, starren das Ding an und arbeiten damit.

Ich bekenne hier feierlich: Mein Leben ist deutlich durch Technologie bereichert; ohne kleine, “nutzlose” Gadgets könnte ich mit einigen lieben Menschen nicht einmal mehr Kontakt halten. Ich brauche solches Zeug, genauso wie ich gern mal mehr Geld fürs Essen ausgebe. “Brauchen” – was bedeutet dieses Wort eigentlich noch? Da ist immer schon so eine halbe Rechtfertigung drin – es geht wohl nicht anders.

Warum will man nicht wieder das eine oder das andere, einfach so, weil man sich darüber freuen würde, egal ob man es sich nun gerade leisten kann? Mal so ganz ohne schlechtes Gewissen. Das ist schon in Ordnung, finde ich – und man spart sogar Zeit und Worte und schont noch dazu meine Nerven. Nicht auszudenken, wie positiv sich das auf die Zivis dieser Welt auswirken könnte.

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Die lästigen Ausfälle meines kleinen Chats sind scheinbar Googles Schuld, deren Talk-Service in den letzten Tag etwas wacklig war.

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Eigentlich hatte ich vor, mich endlich aus Facebook zu verabschieden – ich hatte sogar gedacht, das hätte ich mit der Deaktivierung meines Accounts auch gemacht. Leider definiert Facebook “Deaktivierung” anders als ich und blieb in meiner Abwesenheit recht munter mit Blogbeiträgen und so weiter – die “Apps” werden nämlich nicht abgeschaltet – eigentlich würde ich gern wissen, was überhaupt deaktiviert wird. Ich vermute: Nichts. Bevor ich Stunden damit danach Suche, wie man seine Daten restlos löscht, bleibe ich eben lieber Mitglied und passe auf. You win this battle, facebook.

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Ich war neugierig, wie sich wohl Werbung so macht1 – und tatsächlich gibt es im Moment welche auf gorgmorg, welche von Google, die aber nur auf den älteren Beiträgen erscheint – die über besagte Suchmaschine so gern von völlig Fremden besucht werden.
Bisher ein totaler Fehlschlag.

  1. Ja – gorgmorg kostet mich durchaus eine spürbare Menge Geld im Jahr und ich wäre ganz glücklich, wenn es sich selbst tragen könnte []

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Freitags hatte ich manchmal das besondere Glück, früher nach Hause zu können, sozusagen einen vorgezogenen Feierabend. Dummerweise war ich immer verlässlich müde, grauenhaft müde: Viel, viel müder als eigentlich anständig wäre, viel müder als nach einem vollen Tag mehr oder weniger rechtschaffenen Schaffens. Ich hatte auch schon regelmäßig Freitage durchgeackert, man ist dann müder als sonst.

Also, ich bin dann müder als nach einem anderen Arbeitstag.

Aber es liegt nicht daran, dass man eine ganze Woche herausfordernder Aufgaben hinter sich hat. Ich musste bisher jeden Satz dieses wirklich bescheidenen Textes mehr als einmal korrigieren und das ist selbst für mich viel – und ich schreibe diese Zeilen an einem Donnerstag. Wäre es noch Mittwoch und ich wüsste, dass das Wochenende nun bevorstünde – vermutlich wäre es genauso. Was bedeutet das?

Der Wochenenddampfer schiebt eine gewaltige Bugwelle bleierner, schwermetallschwerer Ermattung vor sich her, die es zu überwinden gilt um sich des Wochenendes würdig zu erweisen.

Meine geneigte Leserschaft beweise mir das Gegenteil.

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Schlaf gestaltet sich ausgesprochen kompliziert in diesen Tagen – ich gehe spät ins Bett, kann dann lange nicht schlafen und wache früh auf, um dann doch noch lange nicht aus der Kiste zu kommen. Daher experimentiere ich mit verschiedenen Weckmethoden, weil die Katze nicht zuverlässig ist.

Der geschmacklos-billig piepende Elektrowecker hat einfach keinen Stil und den entscheidenden Nachteil, meine Laune gleich nach der unbarmherzigen Ausweisung aus den Traumlanden mit einem fürchterlich fiesen Geräusch zu konfrontieren. Das führt zu schlechter Laune und Unlust zum Aufstehen. Daraus folgert sich Zeitmangel, hastiges Essen, Verdauungsprobleme, noch schlechtere Laune, Verspätungsrisiko und so weiter. Arbeitslosigkeit, Gesundheitsprobleme, Unglück. Möglicherweise ein früher Tod. Ich empfehle Alternativen.

Die Variante “Handywecker mit Vibrationsalarm” – das Gerät wandert ennervierend über jedwede glattere Unterlage und tritt irgendwann den Weg unter das Bett an, wo es leise weitervibriert. Man steht letzendlich auf, in einer Mischung aus schlechtem Gewissen und Resignation. Man kapituliert vor einem Telefon. Das ist kein guter Anfang für einen Tag.

Vor einem halben Jahr habe ich technisch aufgerüstet, wie man das so als Supermacht tut, wenn man mit seinen Problemen nicht klar kommt. Halt: An sich hatte ich gar kein Problem mit dem Liegenblieben, nur der Rest der Welt wollte sich einfach nicht anpassen. ich gab nach und legte mir einen Radiowecker zu, in den ich außerdem meinem übertrieben ausgestattetes Abspielgerät für digitale Musikdateien1 stopfen konnte. Recht praktisch, dachte ich, sich von seiner Lieblingsmusik wecken zu lassen.

Allerdings kann es gut sein, dass es dann nicht mehr lange meine Lieblingsmusik ist. Immerhin verbinde ich sie ja dann mit dem geweckt werden und das ist kein guter Umgang für ansonsten vollkommen untadelige Lieder – so kann man sein Image bei Autor dieser Zeilen nachhaltig beschädigen.

Der in diesem fantastischem Gerät eingebaute klassische Radiowecker ist wie russissches Roulette der akustischen Art – alles kann gut gehen, aber mit etwas Pech kann man von etwas Unaussprechlich Schrecklichem erweckt werden, oder – schlimmer noch – von einem interessanten, mit beruhigender Stimme vorgetragenem Wortbeitrag2 kann man gnadenlos zurück in die Federn geschickt werden und endgültig viel, viel, viel zu spät kommen und vielleicht (siehe oben) elend ums Leben kommen. Trotzdem ist es meine Methode. Aber nicht meine liebste.

Am besten und angenehmsten wecken nämlich Emails. Natürlich meine ich freundliche Emails.

Weil mein übertrieben kompetentes Abspielgerät nicht nur für mich Musik abspielen kann, sondern auch meine Post abholt, piept es einmalig sehr leise, sobald sich etwas in meinem digitalen Postfach eingefunden hat.

Piep.

Davon werde ich wach. Zuverlässig. Wenn es nicht gerade der nächste elendige Newsletter ist, dann geht es mir gut. Sehr gut. Und ich bleibe sogar wach, weil ich immer gleich eine Antwort schreiben will. Das kann nur ein guter Tag werden, weil es bereits jetzt offensichtlich ein fantastischer Tag ist und ich mich merkwürdig unaufhaltsam fühle.

Ich mache meine Lieblingsmusik an, stehe auf und überlege mir schon jetzt, was ich zurückschreibe.

P.S.: Was ist eure Methode?

  1. Mein iPod Touch ist gemeint. []
  2. Der Sender meiner Wahl ist WDR 5, wegen der eher ungefährlich-blassen Musikauswahl, die man auf nüchternen Magen ganz gut vertragen kann. Außerdem gibt es da kein witziges ‘Frühstücksradio’. []

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Man wundert sich ja manchmal, wie weit sich die Angehörigen des Mobilen Kleinkunstbetriebes in die Wildnis hinauswagen. Aber wenn Matthias Tretter kommt, dann gehe fahre ich auch mal weit raus. Dorthin, wo es fast ganz dunkel wird, weil nachts kein helles Fenster zu sehen ist. Eine gefährliche Ecke, dort oben an der Grenze zu Niedersachsen.

Kulturzentren in solcher Umgebung haben sonst eine beunruhigende Menge an Irish Folk- und Bluesbands, die nur dort und in manchen Grundschulen und sonst nirgends auftreten. Aber das Life House ist zum Glück etwas anders und kann sicher auch etwas Werbung vertragen – immerhin haben sie dort schon einmal guten Geschmack bewiesen, als sie mich etwas für sie arbeiten ließen.

Jetzt mal ehrlich: Der Tretter ist gut. Da lernt man wirklich noch was – unter anderem, wie nahe wirklich gute Imitationen von Frau Merkel und Klaus Kinski beieinander liegen können. Und die Sache mit den Heilpraktikern. Also, das wäre geklärt. Ich erzähle mehr über das Publikum.

Da saß eine von diesen rundlichen Damen Ende 60 einen Tisch weiter, deren die Haare diese besondere Kupferfarbe haben, die niemals in der Natur vorkommt, außer natürlich bei älteren Damen Ende 60. Wie ich neigt sie scheinbar zum lauten Lachen… außer wenn der Herr auf der Bühne eine kleine oder größere Anzüglichkeit von sich gibt. Dann senkt sie den Blick zum Tisch. Schaut nach rechts. Schaut nach links. Kichert verstohlen und wird dann lauter.

Ich trinke ganz schön viel Bier – es ist viel zu warm und die Atemluft wird auch knapp, da braucht man Erfrischung und “viel” gilt schon ab zwei Flaschen, die wirken bereits. Ich muss ja zum Glück nicht fahren.

Mit der Zeit – Tretter spielt lange und macht nur eine kurze Pause – erkennt man die verschiedenen Lacher. Die verstohlenen “Hihihi…”, die ehrlichen “Hahaha” und die “oooo…hohooh… ho”, wenn man auf der Bühne Nazis erwähnt hat. Der graue Typ links neben mir brüllt bärig imponierend, als hätte er nicht einen Lacher, sondern einen besonders dicken Lachs oder aber eine brünstige Bärin abbekommen. Brooohohohohoahohohoho. Eindeutig männliches Imponierverhalten.

Da proste ich lieber mal im Geist der Kupfernen Lady zu. Die hat mehr Stil.

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Als ich das erste Mal für die Arbeit interviewt wurde und das Ergebnis dann zwei Tage später in der Lokalpresse sah, wunderte ich mich: Waren die Leute wirklich nicht in der Lage, ihre Unmenge an selbstmachten Notizen oder gar meine Pressemitteilungen zu lesen? Bis heute habe ich nicht erlebt, dass sowohl meine Arbeitsstelle als auch mein Name1 im selben Artikel richtig auftauchen – so etwas wie meine Berufsbezeichnung erwarte ich ja gar nicht mehr.

Vor gar nicht allzu langer Zeit bin ich im selben Text “Diplom-Soziologe”, “Sozialpädagoge” und – mein besonderer Liebling – “Sozialsoziologe” genannt worden. Selbstverständlich lag man in jedem Fall daneben.

Natürlich stand das nicht nur auf ganz meiner Karte, in meiner Email-Signatur, sondern auch in der Pressemitteilung – mal abgesehen davon, dass ich jedes mal danach gefragt werde – und man sich alle komplexen Daten inklusive meines Alters2 scheinbar akribisch notiert.

Warum ist das so vollkommen unmöglich, einfach mal alles ansatzweise richtig zu schreiben? Reden wir erst gar nicht von den Sachen, die ich angeblich gesagt habe und getan habe, jedenfalls laut der Presse.3

Ach, solche Fragen sind wohl nur etwas für Amateure, oder? Eine Absolut bescheidene und wenig erfolgreiche Woche soweit; außerdem scheint der Kreis meiner bevorzugten Menschen sich verabredet zu haben, die Region zumindest für dieses Wochenende zu verlassen. Vielleicht findet sich jemand, der mit mir ein Schlückchen trinkt, das habe ich grade dringend nötig.

  1. “Dennis” ist eine sehr beliebte Alternative []
  2. Warum eigentlich? []
  3. Ich habe an dieser Stelle knapp den aufkommenden Drang besiegt, Shelleys “Ozymandias” zu zitieren. []

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