März 2009

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Das Buchcover ist nicht wie das Plakat

Ich habe vielleicht schon einmal darüber geschrieben, dass ich “America” von Allen Ginsberg früh gehört habe und sehr mochte, auch wegen seiner Stimme und wie er vortrug, das ganze Stück, im Ganzen. Aber da wusste ich noch nicht, dass es sich um Ginsberg handelte, ich habe es erst kurz nach seinem Tod herausgefunden, als ich ihn noch einmal im Radio sprechen hörte; diese Stimme höre ich immer noch in meinem Kopf, wenn ich etwas von ihm lese. Ich nahm an, dass dieses mein erster richtiger Kontakt mit ihm war.

Ich irrte mich, wie meistens in solchen Dingen.

Im Haus meines Bruders ist noch immer nicht alles eingerichtet, wohl auch weil er sich scheinbar noch nicht ganz im Klaren über die richtigen Orte für diesen und jenen Gegenstand ist. Einiges steht einfach herum. Auf dem Klo steht ein eingerahmtes Plakat von Eric Drooker.

Mitte der 90er Jahre war Drooker populär in Deutschland, nicht nur wegen seiner politischen Ader, sondern vor allem wegen seiner Cover für die Punkband …But Alive. Ich war nie der allergrößte Fan der Band, aber auf Konzerte ging ich trotzdem gern und bei diesem – es fand im AJZ Bielefeld statt, da bin ich immer noch oft – war Drooker dabei. Er hielt einen Diavortrag – eine Bildergeschichte, die “Flood!” hieß und von ihm kommentiert wurde. Die Bilder waren einfacher, kratziger als die Sachen, die man heute von ihm sieht. Er hatte eine angenehme, ruhige Stimme, im Hintergrund spielte der Mischpultmensch ein paar Tonspuren ab, Gewitter und Regen, passend zum Stück. Dann erzähle Drooker von Ginsberg, mit dem er gerade zusammenarbeite und ich glaube, er hat auch etwas von ihm vorgetragen, fast bin ich mir sicher.

Ich kann mich erinnern, wie es erst laut war, das Publikum bestand aus vielen, vielen Punks und sie waren nicht recht vorbereitet, dann wurde es leiser und man hörte nur noch Drooker und seinen Vortrag, das Klacken des Diaprojektors, wenn ein neues Bild an die Reihe kam und zwischendurch das klimpern von Bierflaschen.

Die Band konnte danach nur abfallen und so kam es dann auch.

Auf der Webseite findet sich auch ein kurzer Text von Ginsberg an Drooker. Seltsam, wie sich der Kreis schließt. Wer weiß, vielleicht habe ich noch frühere Erinnerungen an Ginsberg, die ich erst noch aus den Tiefen meines Gedächtnisses bergen muss…

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Jeder kennt ja all die kleinen Abergläubigkeiten wie die Sache mit den schwarzen Katzen, die Pech bringen, den Schornsteinfegen, die Glück bringen, Hufeisen, Kleeblättern und so weiter; so richtig glaubt man nicht mehr daran, aber es ist scheinbar noch irgendwie romantisch mitzuspielen.

Meine Großeltern haben noch an ganz andere Sachen geglaubt, richtigen, ordentlichen Aberglauben und nicht diese Kinkerlitzchen, die bis heute überlebt haben. Solche Sachen wie die geschnitzten Dachfirste der Fachwerkhäuser, gegen Unglück wie Feuer, schwarze Katzen wurden nicht nur als infernalische Spione gleich ertränkt, sondern auch schonmal eingemauert, um dem Teufel gleich mal zu zeigen, wo’s hier langgeht. Man glaubte hier in der Gegend auch an Irrlichter, die ruhelosen Geister ungetaufter Kinder.

Selbst meine Mutter erzählt mir noch, dass in ihrer Jugend die Kinder Untertassen mit etwas Zucker auf das Fensterbrett stellten, wenn sie sich Geschwister wünschten.

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Ich habe mehr als einmal gehört, dass es erhebliche Probleme seitens des Studios geben soll, Spike Jonzes Verfilmung von Maurice Sendaks Bilderbuch endlich in die Kinos zu bringen. Zu unkommerziell. Angeblich soll der Film bei Probevorführungen Kindern Angst gemacht haben. Ich persönlich glaube eher, dass einige erwachsene Studiofunktionäre Schiss bekamen. Genau dasselbe ist übrigens dem Buch passiert, damals – 1963.

Where The Wild Things Are

Filmposter

Gerade gestern habe ich mich darüber beklagt. Kurz darauf habe ich diesen Trailer zu “Where The Wild Things Are” gefunden, der frisch im Netz angekommen ist – und ich denke, er gefällt mir ziemlich großartig gut. Ich glaube auch nicht, dass er Kindern nicht gefallen wird – im Gegenteil. Einfach ins Kino bringen, es wird schon alles gut. Tom Hanks produziert das Ding. Der macht doch keine kommerziellen Flops, Universal.

Die Musik im Trailer stammt übrigens von den fantastischen Arcade Fire, außerdem ist unter anderem Karen O von den Yeah Yeah Yeahs am Soundtrack beteiligt. Das wird seit langem der erste Kinderfilm, den ich sehen und hören will. Hoffentlich bekomme ich auch wirklich die Chance.

Der Song von Arcade Fire ist übrigens auf Funeral zu hören – wenn ihr die CD über den Link kauft, bekomme ich einen kleinen Bonus. Das wäre toll.

Update: Der offizielle Soundtrack von Karen O and the Kids ist dieser: Where the Wild Things Are

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Kürzlich habe ich Post bekommen. Darin: Ein kleines Tütchen und drei Blatt Papier.

An “GORGMORG”. Darunter mein Name und meine Adresse. Scheinbar was offizielles. Was so erstaunlich wie putzig ist, schließlich ich doch schließlich gar kein Geschäft. Ich habe auch gar nichts bestellt. Ich soll aber.

“Vollendeter Teegenuß beginnt mit der passenden Wasserzubereitung” – wer weiß das nicht? Ich persönlich verbringe täglich Stunden, ich fühle mich gleich verstanden. Teefilm (!) und Ablagerungen hingegen sind unangenehme Begleiterscheinungen der Teeherstellung, die mir den bitter nötigen Nachtschlaf kosten. Vor Sorge.

Die mitgelieferten Papierfächer1 helfen jedenfalls sicher, teilt man mir im Anschreiben fröhlich mit.

Genau dasselbe schildert man in epischer Breite auf zwei schief und blässlich fotokopierten Seiten, deren Zeilen dafür aber ordentlich durchnummeriert sind2. Ob die wirklich für mich bestimmt sind, den zukünftigen Papierfächervertrieb? Sieht so hingeschlampt aus. Egal: Man informiert mich, dass ich mir nun keine Sorgen mehr wegen Verkeimungsgefahr machen muss – wäre ich ein Besitzer eines “Kannenfilters”, der auch “Ionentauscher” enthält und eine Menge fürchterlicher Gefahren birgt. Desinfektionsmittel zum Beispiel. Wasserverschwendung. Moment mal – es gibt allerdings ein paar sehr gute Kannenfilter, die sich von der Konkurrenz unterscheiden: Erstens lassen sie alle eben genannten Schwächen vermissen, zweitens stammen sie zufällig vom Hersteller der mir gerade so großzügig zugekommenen Musterpapierfächer. Dies könne man sogar – unglaublich! – mitnehmen – “z.B. auf Reisen.” Wir sind wieder beim Thema, ich bin immer noch so fasziniert wie in der ersten Zeile.

Dann werde ich mal “den Tee wir gewohnt” zubereiten und – bei Gefallen – ein Kistchen bestellen.

Liebe Werber, wenn ich bei diesem Kollegen kaufe – bekomme ich dann von euch ein iPhone, ein paar Kisten Bier oder vielleicht ein neues Auto? Einfach schicken.

  1. Aus kochfestem Filterpapier. Aus natürlichen Rohstoffen. []
  2. Es sind 56. Der Briefkopf des Texterbüros ist auch noch drauf. []

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Kennt ihr auch Verwandte oder noch schlimmer Eltern, die eine besorgniserregende Fracht in ihrer Geldbörse mit sich herumtragen? Normalerweise kann man wohl getrost von ihrer Harmlosigkeit ausgehen, aber da ist eben diese eine Sache, sicher geborgen in Handtaschen oder etwas zeitgeistiger der profanen, leicht ausgebeulten Gesäßtasche moderner Oberbekleidung.

Meine geneigte Leserinnen und Leser wissen es natürlich besser. Diese alltägliche Sicherheit ist auch eine trügerische.

Es muss nur die richtige alte Bekanntschaft in der Fußgängerzone auftauchen. Ein Kaffeekränzchen reicht. Oder eine Beerdigung. Zack! Schon wird offenbar, warum eine Geldbörse die dicke einer durchschnittlichen Tischplatte hat. Gleich danach sollte einem der robuste Schließmechanismus aus funkelndem, unheiligem Metall auffallen: Dieses Behältnis birgt unaussprechliches Grauen. Natürlich auch Geld für Eis, Bratwurst, Süßigkeiten oder die neueste Spielkonsole. In diesem Moment halten sich Grauen und Hoffnung gegenseitig in Schach. Aber wir reden hier nicht von Omis freigiebiger Ader.

Wir reden von diversen Haustierbildern und frühen Passbildern der Paten-, Enkel und eigenen Kinder die jederzeit – hervorgeholt mit einer fließenden Bewegung, gleich einem Gunslinger des alten Westens und ungefragt vorgezeigt. Die Person gegenüber kann im schlimmsten Fall mit eigenem Archivmaterial kontern. Dann wird es schlimm.

Meine Güte, sind die schnell groß geworden. Und: Als Kind war sie so süß, oder? Die Locken.

Das als unbeteiligter Zeug zu erleben ist hart. Zum Glück bin ich geübter Fremdschämer und kann damit umgehen, auch wenn es mich einiges kostet, um nicht mit einem ausgesuchten Machospruch wie zum Beispiel “Argh.” oder “Erbarmen.” oder “Haben sie denn gar kein Mitleid?” durch die nächste Wand zu rennen. Für auf derlei Material abgebildete Personen und Kleintiere, die selbst Zeuge dieses Rituals werden, kann ich leider nichts mehr tun. Rennt besser schnell weg, solange ihr noch könnt.

Ich selbst habe natürlich auch Bilder der Lieben auf meinen Mobiltelefon, noch mehr auf meinem iPod Touch. Heimlich schaue ich sie an und hin und wieder streiche ich Fingerabdrücke vom Display, was fast mit zärtlicher Liebkosung verwechselt werden kann -natürlich nur von Leuten, die mich nicht als den knochenharten Haudegen kennen, der ich nun einmal bin.

Ich werde niemals anfangen, mit irgendjemandem Bilder zu vergleichen. Niemals1.

  1. Denn dafür ist es leider schon zu spät. []

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Man wird mit der Zeit ziemlich vorsichtig, wenn man ein paar Konzerte altgedienter Musiker besucht, die vielleicht ihre besten Zeiten hinter sich haben. Mit etwas Glück ist noch all das da, was man mal an ihrem Kram geliebt hat, auch wenn das nicht mehr so viele Leute hören wollen, egal. Manchmal geht es einfach nur noch um die Knete und das merkt man dann auch; egal wie gut die Show war: Da hatte jemand keinen Spaß. Schlimmer: Wenn da nur noch ein Schatten alten Ruhmes steht vor einem steht. Man sollte niemals Mitleid haben müssen, wenn man zu einem Konzert geht. Fürchterlich.

Das gilt alles doppelt und dreifach für Punkbands, für die mal um mehr als nur um Musik ging und ein paar Ideen wichtiger waren als ein eher überflüssiger dritter Akkord, der den Song auch nur unnötig kompliziert gemacht hätte. Gerade die Mitglieder der frühen Bands aus USA und Kanada hatten ein unglaublich1 hartes Leben, praktisch obdachlos und daher permanent auf Tour, fast immer ohne Geld und manchmal tagelang ohne Essen. Das hinterlässt Spuren an Leib und Seele. Meistens sind es nicht nicht einfach Spuren, es sind eher Krater. Heute ist es nicht mehr so schlimm, und ein paar Gestalten haben durchgehalten, fast alle davon sehen aus wie 90jährige. Du kannst manchmal spüren, dass es die letzte Tour ist, ein bisschen Knete noch, um die letzten Jahre noch rumzukriegen. Ein bitterer Geschmack mischt sich ungefragt ein und versaut einem die Erinnerung. Solche Musik sollte einen nicht traurig machen, wenn man sie hört. Man sollte rechtzeitig aufhören, aber das ist eine große Kunst. Selbst für große Künstler.

Ich hatte also meine Vorbehalte, zum SNFU zu fahren. Die waren großartig, sie konnten spielen, sie hatten tolle Songs und einen absolut phänomenalen Sänger in Mr. Chi Pig himself. Okay, wir gehen hin. Wenn nicht, bereut man es ja sowieso.

Mr Chi Pig läuft die ganze Zeit durch den Saal, über den Hof, überhaupt überall herum, leicht gebückt. Chi sieht inzwischen aus wie eine ausgemergelte Version von Fuzzy, dem uralten Hilfssheriff aus “Western von Gestern”; ihr . Das viel zu weite Hemd schlottert um ihn herum, der fusselige Bart steht ein wenig ab, ein interessanter Kontrast zu seiner gefährlich aussehenden Hakennase. Er trägt eine riesige Fellmütze mit großen Ohren. Ein irrer mongolischer Trapper, dessen Augen unter der Mütze blitzen. Er lacht oft, ein heiseres Rentnerlachen.

Warum er keine Platten mithat, zum verkaufen? Er starrt seinen Merchandisemenschen entgeistert an. “We forgot the fuckin’ music, man! Just T-Shirts, sorry.”

Der Saal ist nach den ersten beiden Bands voll, zum Glück. Die Leute da vorn sind Helden, man will ja auch nicht, dass sie enttäuscht sind. Na gut: Es sind vielleicht nur 1,75 Helden – es ist natürlich nicht die Originalbesetzung. Die Spannung ist trotzdem da, mit den üblichen Vorbehalten. Oh bitte, sie sollten nicht scheiße sein.

Spielen können sie jedenfalls, eine enorme Lautstärke, Chi Pig grinst ein etwas hohles Grinsen unter seine nun immer deutlicher funkelnden augen und legt los. Er hatte früher nicht nur eine gute Stimme, er konnte dazu auch wirklich singen, nichts mehr davon ist da: Er hustet so halb seine Songs heraus, halb brüllt er sie, fast unverständlich, weil er keine Zähne mehr hat. Aber es funktioniert, er macht das locker mit einer rückhaltlosen Charmeoffensive wett, er lacht, nuschelt kleine Witze, die man nur halbwegs versteht. Da ist kein Mitleid dabei, der Mann ist gut, er rangiert weit oben in einer Liga, in der nur er allein Spielberechtigung hat. Springt herum wie ein Derwisch, manchmal würgt er die Besucher in den ersten Reihen freundlich, gelegentlich als Batman oder Schwein maskiert. Er hat seine Würde nicht verloren. Die haben alle Spaß.

Solche alten Knacker können einen ganz schön schaffen. Mein armer Rücken… und überall blaue Flecke…

  1. “Unglaublich” ist hier mal wörtlich zu nehmen. []

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