Mai 2009

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Milchmond

Jemand hatte offenbar eine verkratzte Scheibe Plexiglas vor den Halbmond montiert, so dass er nur unscharf zu sehen war und ein milchiges Licht in die Straße hinabschickte, die ich entlanglief. Ich wollte eigentlich nur schnell zu Geldautomaten und beeilte mich, nicht zuletzt weil es entschieden kälter als erwartet geworden war.

Rufe von weit her sind ja nichts Ungewöhnliches, selbst gegen Mitternacht. Zuerst dachte ich, der übliche später Beziehungsstreit wäre im Gange, aber das Gebrüll näherte sich. Ich ging schneller; das hatte mir gerade noch gefehlt. Für den durchschnittlichen alkoholbefeuerten öffentliche Ehezank scheine ich einen seltsamen Magnetismis zu haben; er sucht gern in meine unmittelbare Nähe, um dort zu detonieren.

“Hannaaaa!”

“Hannaaaa! Wo bist du?”

Es kam näher. Der Schreihals war schon ordentlich heiser.

“Komm raus, bitte?”

Näher. Nun konnte ich ihn sehen – ein Typ mit Mütze und einer Art modischem Doppelripphemd. Er schwankte weniger, als ich erwartet hatte.

“Versteck dich doch nicht. Ich such dich schon so lange. Hannaaaa!”

Er schluchzte leise und tat mir gleich leid. Vielleicht hatte er sich auch nur geräuspert und versucht seine Stimme wieder in Schwung zu bringen, nach all dem Geschrei; für mich klang es traurig. Vermutlich empfanden die Anwohner deutlich weniger Mitgefühl, schließlich hatte ihre Nachtruhe sicher ein jähes Ende gefunden.

“Ich liebe dich doch.”

Er holte keuchend Luft.

“Ich habs echt nicht so gemeint.”

Drehte nach rechts und beschaute sich das Gebübsch am Wegesrand.

“Hannaaa! Bitte. Komm raus.”

Und dann war er an mir vorbei gewankt, bog um die Ecke und war nicht mehr zu sehen.

“Hannnaaa!”, leiser.

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Wer sich noch an aufeinander.de erinnert, könnte wohl viele der erfreulichen Erlebnisse von dort in flitter.fm wiederfinden, Hendriks neuestem Projekt. Allerdings benötigt man einen Twitter-Account. Ja, der ist kostenlos. Und ich bin auch dabei.

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Die Nacht der Klänge an der Bielefelder Uni ist ein merkwürdiges Ding. Aber sie ist auch unterhaltsam, wenn man eine Menge Toninstallationen aushalten kann. Audimax: Ping Pong vor hallenden Tauchergeräuschen und Gewummer. Nicht genial, aber überaus erträgend.

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Ich veröffentliche demnächst ein Interview mit dem Betreiber dieses Blogs. Wer drängende Fragen an diesen hat, möge sie bitte bekanntgeben, damit ich sie verwenden kann.

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Der Herr Glumm darf ruhig mal eine Westfalen-nahe Lesung machen. Scharen pünktlich angereister Bielefeld-basierter Blogger würden die Sache garantiert enorm lukrativ und wohl auch künstlerisch höchst befriedigend gestalten. Jemand sollte ihm das mal sagen, wurde mir gesagt. Also tu ich das hier.

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Wird heute eigentlich gar nicht mehr eingearbeitet? In den allermeisten Fällen werden die alten Angestellten ihre Stelle bereits verlassen haben, wenn ihre Nachfolger auftauchen. Macht das Sinn? Scheinbar ist das ein Trend. Ich bin mal in eine Stelle eingeführt worden, indem man mir das Computerpasswort gab und man mir zeigte, wo ich neues Papier bekomme. Sogar die Kaffeemaschine musste ich selbst suchen, stellt euch vor.

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Die von mir geliebte AJZ D.I.S.C.O. kackt so langsam richtig ab und ich weiß gar nicht so recht warum. Na, die Negativpunkte sind zahlreich, aber die Toiletten waren damals ja auch schon schlimm. Kaum noch einer kommt – die Musik ist ja auch nicht immer schrecklich und die Getränkepreise sind konkurrenzlos fair kalkuliert. schade, eigentlich.

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Natalie

In irgendeiner elenden Disco, in die ich halb gegen meinen Willen geschleppt worden bin und dann verloren gegangen war. Ich wartete an der Theke auf mein alkoholfreies Bier; ich war natürlich der Fahrer, wie damals üblich. Der Rücken neben mir sah einer vertrauten Rückseite zum verwechseln ähnlich, daher starrte ich ihn minutenlang an, während ich auf die Bedienung wartete. Ich bekam mein “Bier” und wartete darauf, dass die Frau neben mir sich umdrehen als völlig Fremde enttarnen würde. Aber nein. Sie schaute mich an und zeigte ihr Halbstrahlen. Sie hatte sehr rote Lippen, viel zu rot für diesen Laden. Genau richtig.

Du?
“Du?”

“Du! Ich bin so sauer. Diese Scheißmusik! Dieser Scheißladen!” Natalie. Sie umarmte mich und hielt mich sehr fest, wie es immer tat; mehr als ein Jahr hatten wir uns nicht gesehen und sie legte alles in die Umarmung. Es fühlte sich viel zu gut an; das letzte Mal war ihr Freund dabei gewesen und die Umarmung war ein wenig anders. Sie fragte nicht lange, sie nahm einfach meine Hand und zog mich quer durch die schauerliche Disco zu einem der vielen freien Polstermöbel; der größte Teil der Besucher war knapp über 18 und stand bewegungslos und grenzenlos besoffen auf der Tanzfläche herum. Sie ließ sich fallen (dabei zog sie mich mit) und seufzte theatralisch. Sie klang dabei immer wie Marge Simpson.

Natalie fand sich zu alt. Natalie fand sich immer schon zu alt. Sie sah tatsächlich immer fantastisch aus, sie war außerdem mit Sicherheit nicht so betrunken wie es schien, was ihrer ganz natürlichen Trampeligkeit zuzuschreiben war und sie hatte eine unglückliche Vorliebe für 80s Hairmetal, den angeblich keiner mehr hören wollte; sie sei eben altmodisch. Außerdem stinke es auf der Tanzfläche nach Scheiße, fügte sie hinzu.

Während sie klagte, legte sie einen Arm um meine Schultern, um mir direkt ins Ohr zu flüstern. Sie fühlte sich viel weich und viel zu warm und viel zu nah an, um mich nicht auf absolut gefährlich Gedanken zu bringen. InsOhrFlüstern ist nicht ganz einfach für mich, wenn ich die Flüsterperson so sehr mag und sie so fürchterlich einladende Lippen hat. Ich mochte diese Flüsterperson mehr als es für einen von uns beiden gesund war. Ich bekam eine fürchterlich angenehme Gänsehaut, als sie von ihrer neuen Wohnung und den angeblich nicht funktionstüchtigen Geräten im Keller erzählte, die nur ein wenig Liebe bräuchten und dann sicher wieder ihren Job täten. Wenn sie sich doch bloß nicht so an mich lehnte! Andererseits: Sie sollte doch bitte nicht sofort damit aufhören. Nur noch ein paar Minuten. Sie hatte so ein enges, weiches Samtkleid an und ich konnte ganz genau erahnen, was sich darunter befand. Es gefiel mir. Manche Frauen fühlen sich einfach gut an, Natalie gehörte dazu. Sie fühlte sich unglaublich warm an, ohne auch nur eine Winzigkeit zu schwitzen. Ganz im Gegensatz zu mir; ich hoffte, sie würde das nicht bemerken.

Wenig später fand ich mich auf der Tanzfläche wieder, um – ausgerechnet – zu Alice Coopers “Poison” zu tanzen. Dieser schreckliche, unglaublich blöde Song… war ganz großartig, wenn einem dabei diese Augen anstrahlten und nicht daran dachten, auch nur wegzusehen. Sie lächelte; ich lächelte zurück, während sich der bekannte Kloß im Hals aufbaute. Es lag in der Luft, aber es passierte nicht. Sie nahm meine Hände und drückte sie; wenigstens ihre Hände schwitzten, kaum spürbar – ich bekam eine Gänsehaut. “Küss mich doch endlich!”, dachte ich. “Tu es doch, verdammt noch mal.”… und fühlte mich schuldig. Das änderte nichts. Diese roten Lippen!

Sie kam ganz nah an mich heran und ich roch ihr Parfüm mehr als je zuvor… sie drückte meine Hände, beide gleichzeitig.

“Ich glaub, ich fahr mal.” Weg war sie, nur einen Augenblick sah ich sie noch, bevor sie zwischen den schwankenden Gästen verschwunden war. Meine Gänsehaut blieb.

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Iggy Pop

Einer meiner ehemaligen Chefs ist ein großer Fan von Iggy Pop. Der Chef ist ein Urgestein der Sozialarbeit, sagt sein Chef. Er ist in den 50ern, etwas gebeugt aber gut erhalten wohl aufgrund seines fossilen Zustands. Herr Pop hingegen sieht auch in seinen 60ern aus wie immer – als hätte man einem unwilligen Reptilskelett die etwas zu enge Haut eines agilen Punkrentners übergespannt. Iggy, die alte Echse. Rennt immer noch rum wie ein Irrer. Gelenkiger als ich, verdammt.

Herr Pop… für Einsteiger.

140px-iggy_pop_stand_-_sziget_fest_2006_cropDamals, vor jeden Auftritt “two grams of biker speed, five tabs of LSD and as much grass as could be inhaled.” – der bekannte Gesundheitsapostel und Asket, Iggy Pop.

Ich finde, Iggy sieht genauso aus wie einer aus, der palettchenweise beunruhigende Chemikalien durch seinen Organismus gefiltert hat. Das Erstaunliche daran ist, dass er offenbar nicht umzubringen ist. Durch gar nichts. Das hat mich immer beeindruckt.

Wir unterhalten uns etwas über ihn; es ist mein vorletzter Tag und es ist Zeit für diese Gespräche – Mensch, Denis, da haben wir doch was gemeinsam! – wir mögen Iggy Pop. Eigentlich kein Wunder, Chef veranstaltet jede Menge Konzerte in seiner Einrichtung1, von den üblichen von Kulturamt zu Kulturamt durch die Republik gereichten Multikultikapellen, grauenhaften Lehrerfolkkapellen zu liebenswerten, aber bemitleidenswert schlechten lokalen Punkbands. Chef ist ein großer Bewunderer.

“Der ist echt fit geblieben, der Iggy Pop. Ich hab den vor zehn Jahren mal im TV gesehen. Wie der über die Bühne turnt.”

“Macht er heute noch.”, füge ich hinzu.

“Naja.”

Chef macht eine kleine Pause, wie er das vor wichtigen Sätzen zu tun pflegt.

“Da siehste mal, der hat eben auch nie Drogen angerührt. Da bleibste auch gelenkig.”

Damit habe ich nun doch nicht gerechnet. Der altlinke Altkommunarde und Querkopp und Sichauskenner – der glaubt das echt? Oder werde ich verarscht? Ich schaue besser nochmal hin und checke die üblichen Zeichen. Nein, er blinzelt nicht. Auch sonst: Nichts. Heilige Scheiße, er meint das ernst.

Kenner wissen, dass meine kleinen, verschlagenen Schweinsäuglein ziemlich groß werden können, wenn sie mit erstaunlichen Tatsachen konfrontiert werden. Das hier war so eine Gelegenheit. In diesem Fall kann man fast hören, wie aus den Höhlen treten und leise dabei quietschten.

Ich habe beinahe den Mund aufgemacht, um etwas zu sagen. Ich konnte es gerade noch verhindern; ich hatte es mir anders überlegt. Der freundliche Mann mir gegenüber hatte nun seit mindestens 20 Jahren seinen Helden so im Kopf und wenn ich nun irgendwelche Sprüche gegen die stramme Dauerabstinenz von Mister Pop von mir gäbe, es hätte ihm am Ende das Herz gebrochen. (Angenommen, er hätte mir geglaubt.)

Anstatt dessen floh ich in die Küche und holte ich mir meinen letzten ekligen Einrichtungskaffee.

  1. So nennen Sozialarbeiter ihre Heimatbasis. []

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Wer fälschlicherweise annahm, mich am Wochenende online gesehen zu haben, kann sich entspannen: Das war in Wirklichkeit mein Geist.  Ich konnte nicht ganz widerstehen, mein Handy als Modem zu probieren und mal zu schauen, ob mein O2-Internetpack M wirklich nicht mehr Unmengen an Gebüren sammelt, wenn man die 200 MB Guthaben überschreitet. Kommt man drüber, soll die Datenleitung einfach gedrosselt werden. Na, genauer weiß ich es beim Eintreffen der nächsten Rechnung. Wenn ich dann offline sein sollte, bin ich entweder in einem spontanen Wutanfall explodiert oder kann mir fortan nicht mehr die Netzanbindung leisten.

Bis der Telekomtechniker kommt, um einen Blitzschaden festzustellen, das kann dauern. In dieser Zeit habe ich alle Bücher zuendegelesen, die ich je zurückgelegt hatte.  Zuletzt sogar “Endless Things” von J. Crowley. An nichts habe ich länger gelesen, und als ich es am Ende zuklappte, war es doch ziemlich traurig. Vier dicke, langsam Bände, über viele, viel Jahre gelesen und nun ist es vorbei.  Nach manchen Büchern ist man erleichtert, sie endlich durch zu haben, bei manchen ist es eine Art glücklicher Zufriedenheit und hier mehr ein Gefühl von Verlust.

Zumal ich nun nichts mehr zu lesen habe außer dem Internet oder der Zeitung und beides zählt nicht. Ich leide unter Entzug.

Übrigens, je mehr ich lese, desto produktiver schreibe ich selbst.

P.S.: Ich überlege, nun endlich mit Neal Stephensons Barockzyklus zu beginnen. Vielleicht habt ihr auch ein paar Hinweise für mich?

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Bild 1.pngIch weiß, ich weiß – Jugendschutzprogramm.de ist wohl eher nicht so richtig ernstzunehmen, aber ich muss doch zugeben, dass ich nicht wenig erheitert war, meine persönliche Pornoseite dort als gesperrt und die Jugend geschützt vorzufinden.

Dabei wurde mir doch in der Vergangenheit maximal ein harmloser Seelenstriptease vorgeworfen – und nun das!

Ich bin etwas geknickt. Jawohl. Überaus etwas geknickt sogar, wenn ich es bedenke. Und ihr anderen Pornographen? Seid ihr auch gefährlich?

Checkt doch mal, zur Sicherheit.

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