So ist das heute in bestimmten Läden mit einer Klimaanlage; entweder kann man nicht atmen oder man fröstelt sofort, wenn man nur etwas herumstehen oder -sitzen will. Also begebe ich mich in Richtung der Tanzfläche. Tänzer sondern unter anderem auch Wärme ab und es zieht hier nur selten so sehr wie vor der Theke.
Außerdem bin ich hier sicher vor dem Kartoffelmann. Der hatte mich vorher aus der Menge herausgepickt, um mir von seinen verschiedenen Plänen zu berichten, die alle das gleich Ziel haben: “Deutschland zu ficken!” Einer davon hatte mit der Entwicklung der THC-Knolle zu tun, einer gewagten Kreuzung von Marihuana mit einer gewöhnlichen Kartoffel. “Weißt du, wie das Reh heißt, Reinecke Fuchs? Das Reh? Kartoffelbrei! Das ist nämlich ist hier angesagt, wenn ich Deutschland ficke.” Der Kartoffelmann hatte eine hässliche rosa Sonnenbrille von der Sorte auf, die sonst nur graue Herren mit teuren Geländefahrrädern und engen Hochwasserhosen in der Fußgängerzone tragen. Der Kartoffelmann trinkt maßlos und mit großer Geste.
Er quatscht erbarmungslos und ungezielt jeden an, der nicht schnell genug den Ernst der Lage entkommt und ihm nicht direkt Schläge androht. Wir verkriechen uns von der Tanzfläche in eine lauschigere Ecke, aber er findet uns und berichtet, wie er sich mal seine Clavicula gebrochen hat. “Gut zwei Promille und plötzlich haben die so getan, als wäre ich schuld!”, berichtet er über seinen letzten Verkehrsunfall, der ihm finanziell nicht gut getan hat. Seine Stimme dröhnt plötzlich nicht mehr wie eben beim Mitbrüllen der Liedertexte und er sinkt in sich zusammen. Seine Klamotten aber sehen wirklich teuer aus. So eine schreckliche formlose Designermütze kostet bestimt Unsummen.
Irgendwann geht er weg und quatscht weiter, vielleicht war ihm das Geschichtenmaterial ausgegangen. Irgendwann noch später stehe ich etwas verloren allein herum und kultivierte eine dezente Gänsehaut; vielleicht nicht ganz ohne Zusammenhang mit den unverschämten Getränkepreisen – ich hatte die Karte eben genauer angeschaut. Sonst steht da keiner an der Theke, hinter der die beiden blonden Bedienungen müder werden. Ich stelle mir plötzlich vor, dass sie vor eben dieser Theke säße und ich merke wie ich bei der Vorstellung lächle, wie immer wenn ich an sie denke – vielleicht ist es unsichtbar für andere – es beginnt in der Mitte meiner Lippen und kriecht langsam hoch bis in die Mundwinkel – aber es wärmt mich, obwohl es nicht einmal ihre Stadt ist und auch sonst, ach unmöglich das sie hier sein kann, aber so kalt ist mir nicht mehr. Aber es macht auch keinen Sinn zu bleiben, ich gehe also.
Draußen ist es wirklich kalt, die Jacke kann ich zumachen, aber der Wind scheint direkt durchzuwehen. Es ist sehr still, abgesehen von den Schlagern in den miesen kleinen Kneipen auf dem Weg, mit der Angewohnheit weit die Straße hinabzudröhnen.
Eines dieser 25 km/h Dinger für Verkehrssünder ohne Führerschein knattert die Straße hinab. Darin zwei Typen, eng zusammengepfercht; der Fahrer hat seine rechte Schulter vor die linke seines Passagiers geschoben. Er schaut grimmig entschlossen nach vorn, der dick bebrillte Mitfahrer starrt scheinbar peinlich berührt gen Himmel. Ich höre das Knatterding noch lange, grinse und bedaure, kein Notizbuch dabei zu haben.
Also muss ich noch schreiben, bevor ich pennen gehe. Nun kann ich vielleicht einschlafen.
