In irgendeiner elenden Disco, in die ich halb gegen meinen Willen geschleppt worden bin und dann verloren gegangen war. Ich wartete an der Theke auf mein alkoholfreies Bier; ich war natürlich der Fahrer, wie damals üblich. Der Rücken neben mir sah einer vertrauten Rückseite zum verwechseln ähnlich, daher starrte ich ihn minutenlang an, während ich auf die Bedienung wartete. Ich bekam mein “Bier” und wartete darauf, dass die Frau neben mir sich umdrehen als völlig Fremde enttarnen würde. Aber nein. Sie schaute mich an und zeigte ihr Halbstrahlen. Sie hatte sehr rote Lippen, viel zu rot für diesen Laden. Genau richtig.
“Du?”
“Du?”
“Du! Ich bin so sauer. Diese Scheißmusik! Dieser Scheißladen!” Natalie. Sie umarmte mich und hielt mich sehr fest, wie es immer tat; mehr als ein Jahr hatten wir uns nicht gesehen und sie legte alles in die Umarmung. Es fühlte sich viel zu gut an; das letzte Mal war ihr Freund dabei gewesen und die Umarmung war ein wenig anders. Sie fragte nicht lange, sie nahm einfach meine Hand und zog mich quer durch die schauerliche Disco zu einem der vielen freien Polstermöbel; der größte Teil der Besucher war knapp über 18 und stand bewegungslos und grenzenlos besoffen auf der Tanzfläche herum. Sie ließ sich fallen (dabei zog sie mich mit) und seufzte theatralisch. Sie klang dabei immer wie Marge Simpson.
Natalie fand sich zu alt. Natalie fand sich immer schon zu alt. Sie sah tatsächlich immer fantastisch aus, sie war außerdem mit Sicherheit nicht so betrunken wie es schien, was ihrer ganz natürlichen Trampeligkeit zuzuschreiben war und sie hatte eine unglückliche Vorliebe für 80s Hairmetal, den angeblich keiner mehr hören wollte; sie sei eben altmodisch. Außerdem stinke es auf der Tanzfläche nach Scheiße, fügte sie hinzu.
Während sie klagte, legte sie einen Arm um meine Schultern, um mir direkt ins Ohr zu flüstern. Sie fühlte sich viel weich und viel zu warm und viel zu nah an, um mich nicht auf absolut gefährlich Gedanken zu bringen. InsOhrFlüstern ist nicht ganz einfach für mich, wenn ich die Flüsterperson so sehr mag und sie so fürchterlich einladende Lippen hat. Ich mochte diese Flüsterperson mehr als es für einen von uns beiden gesund war. Ich bekam eine fürchterlich angenehme Gänsehaut, als sie von ihrer neuen Wohnung und den angeblich nicht funktionstüchtigen Geräten im Keller erzählte, die nur ein wenig Liebe bräuchten und dann sicher wieder ihren Job täten. Wenn sie sich doch bloß nicht so an mich lehnte! Andererseits: Sie sollte doch bitte nicht sofort damit aufhören. Nur noch ein paar Minuten. Sie hatte so ein enges, weiches Samtkleid an und ich konnte ganz genau erahnen, was sich darunter befand. Es gefiel mir. Manche Frauen fühlen sich einfach gut an, Natalie gehörte dazu. Sie fühlte sich unglaublich warm an, ohne auch nur eine Winzigkeit zu schwitzen. Ganz im Gegensatz zu mir; ich hoffte, sie würde das nicht bemerken.
Wenig später fand ich mich auf der Tanzfläche wieder, um – ausgerechnet – zu Alice Coopers “Poison” zu tanzen. Dieser schreckliche, unglaublich blöde Song… war ganz großartig, wenn einem dabei diese Augen anstrahlten und nicht daran dachten, auch nur wegzusehen. Sie lächelte; ich lächelte zurück, während sich der bekannte Kloß im Hals aufbaute. Es lag in der Luft, aber es passierte nicht. Sie nahm meine Hände und drückte sie; wenigstens ihre Hände schwitzten, kaum spürbar – ich bekam eine Gänsehaut. “Küss mich doch endlich!”, dachte ich. “Tu es doch, verdammt noch mal.”… und fühlte mich schuldig. Das änderte nichts. Diese roten Lippen!
Sie kam ganz nah an mich heran und ich roch ihr Parfüm mehr als je zuvor… sie drückte meine Hände, beide gleichzeitig.
“Ich glaub, ich fahr mal.” Weg war sie, nur einen Augenblick sah ich sie noch, bevor sie zwischen den schwankenden Gästen verschwunden war. Meine Gänsehaut blieb.