
Beim Umzug habe ich eine gebrannte CD gefunden, beschriftet mit ein ein paar runden Buchstaben einer weichen Mädchenschrift, die Herzchen anstelle von i-Punkten macht. ‘Natural’. Nie angehört. Eine Boygroup oder so.
Dieses Wetter und diese Gedanken im Kopf, nicht nur hinten, sondern auch zwei Fingerbreit hinter den Schläfen. Da ist so viel, über das ich gerade nicht denken sollte und andere Sachen kommen wieder hoch, die nur auf diese Gelegenheit gewartet hatten.
Ein paar Erinnerungen kommen hoch, über Leute an die ich Jahre nicht gedacht habe. Manchmal nicht einmal Namen, aber manchmal eine Farbe und eine Stimme. Da war es wieder da.
In diesem Fall ist die Stimme etwas verstimmt und sehr hoch. Sie gehörte einer Mitstudentin, die ungefähr mit mir angefangen hatte, aber einige Jahre jünger war. Ich bin bekanntlich im Sozialwesen untergekommen und dort gab es jedenfalls zu dieser Zeit einen gewissen Look, von dem man auf gar keinen Fall abweichen durfte – man war natürlich total tolerant, solange keine hellen oder gar kräftigen Farben ins Spiel kamen. Violett war von dieser Regelung ausgenommen, versteht sich. Rosa stand normalerweise außer Frage, nur vielleicht bei schwulen Männern wurde das akzeptiert – die drüben aus der Coming-Out-Gruppe, die trafen sich immer im Keller. Man bemerkte es diskret im Augenwinkel und grinste sich wissend an – total offen eben. Man akzeptierte in diesen Tagen tuschelnd und kichernd, wohl damit es die Tolerierten auch mitbekamen.
Es gab eine Farbe, die niemals, auf gar keinen Fall tragbar war. Eine, die unter den ökologisch verträglich gefärbten Befindlichkeitsponchos und den Trainingsjacken aus dem Secondhand-Laden herausstach wie ein Einser-Legostein unter beherzt auftretenden Kinderfüßen.
Wie meine geübten Leser vielleicht schon ganz richtig ahnen, ist hier von Pink die Rede – die bevorzugte Farbe Für Alles meiner alten Studienbekannten. Sie hatte pinke Blusen, mit und ohne Hello Kitty, sie hatte eine pinke zu kleine Handtasche mit Straßsteinchen, sie hatte einen pinken Gürtel mit pinker Herzchengürtelschnalle, sie trug pinken Lippenstift, diese enormen Buffallo-Plateauschuhe in pink, sie schrieb mit pinken Glitterstiftchen in pinke Notizbücher und im Sommer trug sie weiße Hosen mit pinken Glitzersternchen und knappe pinke Trägertups, meistens eine gute Nummer zu klein.
Sie war laut und quietschig und wenn mitten im Seminar ein Handy (pink, mit Straßbesatz) auf dem Tisch zu virbrieren und zu wandern begann, dann war es mit Sicherheit ihres. Sie konnte schneller mit dem Daumen SMS schreiben als ich Seminarprotokolle. Sie schrieb eigentlich immer SMS und begann sich augenblicklich Sorgen zu machen, wenn etwa fünf Minuten ohne Kurznachricht verstrichen. Aber die Tipperei störte nicht weiter, man gewöhnt sich schnell daran – sie schrieb so beiläufig SMS wie andere atmeten. Sie hörte neben ‘Natural’ natürlich Techno und ging auf Raves. Ein freundliches pinkes Wesen.
Aber keiner sprach mit ihr.
Niemand nahm sie ernst.
Eigentlich gehört sie nicht in diesen Fachbereich, sendete das Kollektiv. Das wurmte mich:
Ich fand sie süß, sprach sie aber nie an – wie eine faszinierende neuentdeckte Spezies, von deren Harmlosigkeit man zwar schon gehört hat, man aber nicht ganz sicher ist, ob man den Medien diese Einordnung auch glauben kann.
Eines Tages führ ich mit der S-Bahn und sah sie vorn in der Ecke des Waggons sitzen. Sie hatte einen riesigen Pickel auf der Oberlippe und war ganz in sich zusammengesunken. Sie war damit beschäftigt, sich Tränen vom Gesicht zu wischen und sich immer wieder geräuschvoll die Nase zu putzen. Sie trompete dabei durch den ganzen Wagen, aber das störte niemanden und heute konnte ich das auch nicht lustig oder süß finden; sie tat mir schrecklich leid.
Und ich sagte: “Hey.”
Und sie starrte mich an.
Und ich stotterte, dass ich ja im Seminar so und so neben ihr säße und ich gab ihr ein frisches Taschentuch. Sie sagte nicht sofort, was los war, aber ich wusste es auch so: Dass ihr Freund per SMS Schluß gemacht hatte, wegen einer anderen.
Sie war schon seit einer guten Stunde immer wieder mit der Bahn im Kreis gefahren und wusste nicht wohin. Ich fand, dass sie da wohl das einzig Richtige gemacht hätte, nämlich nichts. Ich stellte fast ein wenig überrascht fest, dass ich sie sehr mochte. Nicht nur wegen des zu engen Tops. Das war mir eigentlich ziemlich egal geworden.
“Und jetzt bin ich traurig und ich habe außerdem diesen unglaublichen Pickel, verdammte Scheiße. Das hat mir noch gefehlt dieses Arschloch ich bins wohl nicht wert.”
Und sie weinte. Ich saß daneben und führ noch einmal rund durch die Stadt, bis wir wieder am Bahnhof ankamen; wir hatten denselben Zug, wie sich herausstellte. Wir waren jetzt natürlich Freunde und gingen dann und wann einen Tee trinken und sie erzählten von ihrem neuen Typ -Bodybuilder- total süß! - sie zeigte mir ihre überaus pinke Wohnung, die sie mit viel Plastikdeko verschönert hatte. “Ist ja meine, oder?” Absolut. So war das.
Sie war nach den Semesterferien weg und als sie wiederkam, ging sie an Krücken. Bandscheibenvorfall, der dritte. Sie war immer wieder in der Klinik. Sie sagte, sie müssten ihre Schenkelknochen durchsägen und neu zusammenschrauben. Dabei hatte sie wieder kleine, verstohlene Tränen in den Augenwinkeln, die auf ihren Einsatz warteten, aber sie konnte sich auch zusammenreißen. Nur das Pink, das verschwand mit den Wochen. Sie hatte Schmerzen, das konnte man sehen und sie verlor ihre Farbe, bis sie grau und weiß und Stricksachen trug wie all die anderen, sie lachte sogar leiser und dann wurde sie endlich auch mal ‘liebgehabt’ von all den toleranten Sozialscheißern. Es lief nicht gut mit dem Bodybuilder.
Sie humpelte, wenn sie glaubte, keiner würde es bemerken.
Und dann war sie einfach weg und dieses Mal kam sie nicht zurück. Sie hatte mir ihre neue Handynummer gegeben, aber als ich die ausprobierte, ging sie schon nicht mehr.
Und dann habe ich sie vergessen.
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