Oktober 2009

You are currently browsing the monthly archive for Oktober 2009.


Vor meinem Schlafzimmerfenster bietet sich kein besonders großartiges Panorama. Wenn man hier einen Western drehen würde, dann jedenfalls nicht in Cinemascope und es wäre auch eher ein Einpersonenkammerspielwestern. Dafür kann ich aber auch leichtbekleidet nackt herumlaufen, ohne einen Aufruhr zu verursachen. Versucht das mal in Hollywood.

Außerdem gibt es Efeu. Etwas Efeu ist jedenfalls noch geblieben. Und die freundliche Ockerfarbe. Eher ein blasses Ocker, aber immerhin.

Waiting for Greatness.

Tags: ,

Quo?

Ich habe mir Rum gekauft und den ersten Grog des Jahres getrunken, aber ohne sie wärmt der mich nicht so, wie er es mal gemacht hat. Ohne meine Lieblingsinspiration habe ich keine Lust zum bloggen und alles ist mir zu grau.

Vor allem bin ich mir selbst zu grau, so.

Worüber soll ich denn mal schreiben?

Tags: ,

Pink

MemoBot - she in pink

Beim Umzug habe ich eine gebrannte CD gefunden, beschriftet mit ein ein paar runden Buchstaben einer weichen Mädchenschrift, die Herzchen anstelle von i-Punkten macht.  ‘Natural’. Nie angehört. Eine Boygroup oder so.

Dieses Wetter und diese Gedanken im Kopf, nicht nur hinten, sondern auch zwei Fingerbreit hinter den Schläfen. Da ist so viel, über das ich gerade nicht denken sollte und andere Sachen kommen wieder hoch, die nur auf diese Gelegenheit gewartet hatten.

Ein paar Erinnerungen kommen hoch, über Leute an die ich Jahre nicht gedacht habe. Manchmal nicht einmal Namen, aber manchmal eine Farbe und eine Stimme. Da war es wieder da.

In diesem Fall ist die Stimme etwas verstimmt und sehr hoch. Sie gehörte einer Mitstudentin, die ungefähr mit mir angefangen hatte, aber einige Jahre jünger war. Ich bin bekanntlich im Sozialwesen untergekommen und dort gab es jedenfalls zu dieser Zeit einen gewissen Look, von dem man auf gar keinen Fall abweichen durfte – man war natürlich total tolerant, solange keine hellen oder gar kräftigen Farben ins Spiel kamen. Violett war von dieser Regelung ausgenommen, versteht sich. Rosa stand normalerweise außer Frage, nur vielleicht bei schwulen Männern wurde das akzeptiert – die  drüben aus der Coming-Out-Gruppe, die trafen sich immer im Keller. Man bemerkte es diskret im Augenwinkel und grinste sich wissend an – total offen eben. Man akzeptierte in diesen Tagen tuschelnd und kichernd, wohl damit es die Tolerierten auch mitbekamen.

Es gab eine Farbe, die niemals, auf gar keinen Fall tragbar war. Eine, die unter den ökologisch verträglich gefärbten Befindlichkeitsponchos und den Trainingsjacken aus dem Secondhand-Laden herausstach wie ein Einser-Legostein  unter beherzt auftretenden Kinderfüßen.

Wie meine geübten Leser vielleicht schon ganz richtig ahnen, ist hier von Pink die Rede – die bevorzugte Farbe Für Alles meiner alten Studienbekannten. Sie hatte pinke Blusen, mit und ohne Hello Kitty, sie hatte eine pinke zu kleine Handtasche mit Straßsteinchen, sie hatte einen pinken Gürtel mit pinker Herzchengürtelschnalle, sie trug pinken Lippenstift, diese enormen Buffallo-Plateauschuhe in pink, sie schrieb mit pinken Glitterstiftchen in pinke Notizbücher und im Sommer trug sie weiße Hosen mit pinken Glitzersternchen und knappe pinke Trägertups, meistens eine gute Nummer zu klein.

Sie war laut und quietschig und wenn mitten im Seminar ein Handy (pink, mit Straßbesatz) auf dem Tisch zu virbrieren und zu wandern begann, dann war es mit Sicherheit ihres. Sie konnte schneller mit dem Daumen SMS schreiben als ich  Seminarprotokolle. Sie schrieb eigentlich immer SMS und begann sich augenblicklich Sorgen zu machen, wenn etwa fünf Minuten ohne Kurznachricht verstrichen. Aber die Tipperei störte nicht weiter, man gewöhnt sich schnell daran – sie schrieb so beiläufig SMS wie andere atmeten. Sie hörte neben ‘Natural’ natürlich Techno und ging auf Raves. Ein freundliches pinkes Wesen.

Aber keiner sprach mit ihr.

Niemand nahm sie ernst.

Eigentlich gehört sie nicht in diesen Fachbereich, sendete das Kollektiv. Das wurmte mich:

Ich fand sie süß, sprach sie aber nie an – wie eine faszinierende neuentdeckte Spezies, von deren Harmlosigkeit man zwar schon gehört hat, man aber nicht ganz sicher ist, ob man den Medien diese Einordnung auch glauben kann.

Eines Tages führ ich  mit der S-Bahn und sah sie vorn in der Ecke des Waggons sitzen. Sie hatte einen riesigen Pickel auf der Oberlippe und war ganz in sich zusammengesunken. Sie war damit beschäftigt, sich Tränen vom Gesicht zu wischen und sich immer wieder geräuschvoll die Nase zu putzen. Sie trompete dabei durch den ganzen Wagen, aber das störte niemanden und heute konnte ich das auch nicht lustig oder süß finden; sie tat mir schrecklich leid.

Und ich sagte: “Hey.”

Und sie starrte mich an.

Und ich stotterte, dass ich ja im Seminar so und so neben ihr säße und ich gab ihr ein frisches Taschentuch. Sie sagte nicht sofort, was los war, aber ich wusste es auch so: Dass ihr Freund per SMS Schluß gemacht hatte, wegen einer anderen.

Sie war schon seit einer guten Stunde immer wieder mit der Bahn im Kreis gefahren und wusste nicht wohin. Ich fand, dass sie da wohl das einzig Richtige gemacht hätte, nämlich nichts. Ich stellte fast ein wenig überrascht fest, dass ich sie sehr mochte. Nicht nur wegen des zu engen Tops. Das war mir eigentlich ziemlich egal geworden.

“Und jetzt bin ich traurig und ich habe außerdem diesen unglaublichen Pickel, verdammte Scheiße. Das hat mir noch gefehlt dieses Arschloch ich bins wohl nicht wert.”

Und sie weinte. Ich saß daneben und führ noch einmal rund durch die Stadt, bis wir wieder am Bahnhof ankamen; wir hatten denselben Zug, wie sich herausstellte. Wir waren jetzt natürlich Freunde und gingen dann und wann einen Tee trinken und sie erzählten von ihrem neuen Typ -Bodybuilder- total süß! -  sie zeigte mir ihre überaus pinke Wohnung, die sie mit viel Plastikdeko verschönert hatte. “Ist ja meine, oder?” Absolut. So war das.

Sie war nach den Semesterferien weg und als sie wiederkam, ging sie an Krücken. Bandscheibenvorfall, der dritte. Sie war immer wieder in der Klinik. Sie sagte, sie müssten ihre Schenkelknochen durchsägen und neu zusammenschrauben. Dabei hatte sie wieder kleine, verstohlene Tränen in den Augenwinkeln, die auf ihren Einsatz warteten, aber sie konnte sich auch zusammenreißen. Nur das Pink, das verschwand mit den Wochen. Sie hatte Schmerzen, das konnte man sehen und sie verlor ihre Farbe, bis sie grau und weiß und Stricksachen trug wie all die anderen, sie lachte sogar leiser und dann wurde sie endlich auch mal ‘liebgehabt’ von all den toleranten Sozialscheißern. Es lief nicht gut mit dem Bodybuilder.

Sie humpelte, wenn sie glaubte, keiner würde es bemerken.

Und dann war sie einfach weg und dieses Mal kam sie nicht zurück. Sie hatte mir ihre neue Handynummer gegeben, aber als ich die ausprobierte, ging sie  schon nicht mehr.

Und dann habe ich sie vergessen.

Tags: , , ,

Wir tanzen

Wir tanzen über das Kopfsteinpflaster, es glänzt nass im Schein des Vollmond.

Kleine Sandkörner knirschen leise zwischen unseren Schuhsohlen und dem feuchten Stein.

Unsere Stimmen hallen durch die Stille, weit über die Gassen.

Du tanzt über die ganze Straße, du drehst dich langsam und ich höre deinen Atem und sehe dich lächeln, wenn das Mondlicht gerade richtig auf dich scheint.

Ich stolpere mehr, einmal treffe ich fast einen Laternenmast, aber das hast du nicht gesehen, hoffe ich.

Du drehst dich an mir vorbei, fast spüre ich deinen Körper, nach dem ich mich sehne und ich höre nur dein leises Kichern, vielleicht gar nicht so leise.

Wenn wir uns treffen, dann nehme ich deine warme Hand und manchmal, da küssen wir uns und deine Lippen sind viel wärmer und viel weicher und es ist leicht, dich wieder loszulassen, denn ich bin mir gewiss dass du wiederkommst, immer wieder, bis die Nacht uns verschluckt und niemand uns mehr folgen kann.

Tags: ,

“Sie zeigen nun wirklich eine beachtliche Leichenbittermiene, sie Träger eines komischen Hutes. Wenn ich das einmal sagen so sagen darf.”

“Hrmpf.” Murmelte der vor sich hin starrende Herr, der wirklich einen ausgesprochen ungewöhnlichen Hut trug. Einen mit einer Feder, die wippte, wenn er etwas trank. Er hatte seine Kopfbedeckung auch der Wirtschaft nicht abgenommen, wie es sich nun wirklich nicht gehörte. Nein: Er hatte den Hut erst hier aufgesetzt, dabei hatte er die Feder sorgsam glattgestrichen. Diese eigentlich unverzeihliche Missachtung aller Kneipenetikette nahm aber niemand übel. Sowas hatte nie jemand gewagt und so nahmen sie diesen Affront einfach nicht wahr, so wie man ein blaues Huhn als Betreiberin einer Psychatrischen Praxis schon aus Achtung vor der eigenen Realität einfach übersehen würde. Der Laden würde sich nicht zuletzt durch diesen Sachverhalt bedingt nicht lange halten und das Problem hätte sich erledigt. Der Hut und sein Träger machten keine Anstalten, diesen Beispiel zu folgen.

“Sie sehen sehr unglücklich aus. Um das mal, nun, diskret zu bemerken.”

Dieser Kerl zeigte sich wirklich hartnäckig, nicht wahr?

Der mit dem Hut aber knurrte nur in sein Bier, welches offenbar seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Offenbar ließ er ungern Getränke abstehen, das konnte man leicht glauben, wenn man ihn so trinken sah. Ein Trinker mit Ehrgeiz und Routine, der wie eine sehr durstige Trauerweide über die Theke wuchs.

“Sie strahlen etwas aus… als ob sie ihre eigene unsichtbare Regenwolke im Gefolge haben, mein Bester. Kann ich etwas für sie tun? Einen Schnaps?”

Der so vertraulich angeredete Fremde zog es vor zu schweigen, vielleicht hatte er auch nichts gehört. Kein Wunder. Sein Pegel musste inzwischen titanisch sein; der Wirt stellte routiniert einen neuen Krug hin.

Der mit dem Hut musste übrigens niemals den Abort aufsuchen. Das hätte dem penetranten Burschen auffallen sollen, aber er war eben allzu sehr mit dem penetrant sein beschäftigt. Das immerhin beherrschte er.

“Ihr Bester?” schnarrte der Hutfreund, und starrte seinen Peiniger an. Das nahm dieser an, denn die Kopfbedeckung beschattete das Antlitz seines Gegenüber fast vollständig. Allerdings konnte man – wenn man gut hinschaute und mutig oder betrunken genug dafür war – eine Nase bemerkenswerter Größe entdecken.

“Nein. Und was… für ein ‘Bester’ soll ich sein? Ihr Freund? Ihr Saufkumpan? Ich glaube nicht, ich trinke mit niemanden und sicher nicht mit einem… Popanz wie ihnen.”

‘Popanz’ sprach er mit einigen zusätzlichen ‘r’ aus. Das machte ihm so schnell keiner nach.

Der andere hatte nie gelernt, was ein Popanz sein sollte und fühlte sich keineswegs gestört. Sein Blick wurde sanfter.

“Sie müssen wissen, einige Leute sagen, dass man ein Talent braucht zum Glücklichsein. Oder man kann das lernen. Einfach sehen, was man hat im Leben und lächeln und hey, jetzt sehe ich erst: Ich habe so viel Gutes und Schönes und warum sollte ich nicht einfach zufrieden sein? Schauen sie mich an, ich bin zufrieden.”

Er lächelte einfach mal ein wenig. Demonstrativ vielleicht, aber wie er fand, durchaus aufrichtig und überzeugend.

Der komische Hut bewegte sich nicht, aber das gebeugte Wesen schein sich etwas zusammenzureissen und durchzuatmen. Außerdem, das fiel seinem Gesprächspartner auf, atmete es tief durch. Dieser beschloss spontan den Mund zu halten.

“Ich…”

Er schnarrte immer noch unangenehm, so dass es etwas im Nacken kribbelte und letzteres nicht auf die angenehme Weise, die bestimmte Damen so gut beherrschen.

“Ich…”

Sein Atem rasselte etwas, aber dann hatte er seinen Rachen bald ausreichend gereinigt um eine geharnischte Rede halten zu können.

“…”

Aber vorher holte lieber doch noch einmal tief Luft.

“Ich… bin anderer Ansicht.”

Der Andere schaute anders.

“Ich… bin nicht zufrieden. Ich bin gar nicht zufrieden. Ich bin ganz und gar nicht zufrieden, nicht wenn ich aufstehe, nicht wenn ich einen Moment Ruhe von unsäglichen Kleingeistern wie euch… ihnen habe. Ich bin nicht zufrieden wenn ich irgendwann in ein Bett falle. (Wenn ich Glück habe, ist es ein wirklich ein Bett.) Ich bin immer noch besser dran als du, weil ich weiß, was mir fehlt. Weil ich jemanden geküsst und verloren habe, oh… weil ich lauter gelacht habe als jemand wie sie sich nur vorstellen kann und weil ich unanständigere Sachen gemacht habe und nun vermisse als jemand wie du sich vorstellen kann. Ich weiß, was das Leben sein kann. Darum bin ich traurig. Ich habe Grund. Du nicht. Und.”

Er schnaufte beim Luftholen; noch war er nicht fertig.

“Wenn… wenn die Sonne in mein Gesicht scheint ist es genau dieselbe wie deine Sonne – aber bei mir scheint sie wärmer. Ich fühle es wärmer, du armer Kerl. Sie armer Kerl.”

Er rutschte ungeschickt von seinem Barhocker und kam schwankend auf die Beine. Der andere starrte einfach.

“Sie Arschloch.”

Er ging.

Tags: , ,

Wie ich seit einiger Zeit beobachten muss, habe ich ein Wanderbett: Es bewegt sich über den Holzfussboden, wenn es sich gerade unbeobachtet fühlt. Das könnte daran liegen, dass der Untergrund glatt ist und dazu einlädt, wenn es schwungvoll bestiegen oder benutzt wird, vielleicht ist es aber auch das Werk einer verschlagenen und heimlichtuerischen Intelligenz.

Ich brauche eine Bettbremse. Ein Bremsbett oder noch besser etwas Besseres.

Tags:

« Older entries

Switch to our mobile site