Wilde Geheimnisse

Vor nicht langer Zeit hat mir jemand eine ganz schön wilde Geschichte erzählt, Jahre lang hatte sie es allen verheimlicht und sie erzählt mir über verlorene Jahre, Lügen und Lügen und dass ich der wäre, dem sie es sagt und dann sah sie mich so an, als ob das ein Abschied wäre, vielleicht.

Und ich war ganz gerührt.

Dabei fühlte ich mich leichter und besser und stolz auf sie und geehrt. Der erste war ihr Freund gewesen, warum jetzt ich?

Vermutlich weil meine Ohren wie schwarze Löcher wirken- nicht weil sie ungewaschen sind und Angst und Schrecken und unrettbare Verdammnis für alle in der Nähe bedeuten, sondern weil sie Geheimnisse anziehen. Ich strahle vermutlich ein unsichtbares Vertrauenswürdigkeitskraftfeld aus. Mit einer kleinen telepathischen Botschaft, die da wispert:

“Es ist Denis. Du musst es ihm erzählen. Alles. Lass kein ekliges Detail aus. Er wird es für sich behalten und trösten. Der kann das ab. Der freut sich darauf. Erzähl es ihm.”

Meine eigentlich durchschnittlichen Ohren saugen zwar nicht das Licht ein und dehnen die Zeit selbst und sie reißen wohl auch nicht die Grenzen zwischen Dimensionen ein – aber peinliche Geheimnisse, die… müssen berichtet werden.

Ich sag also. “Wow. Das ist mal eine wilde Geschichte. Aber hey, das ist mit Sicherheit keine verschenkte Zeit. Immerhin hast du nun eine wilde Geschichte. Ich kenn da auch schon einige und das macht einen ein wenig zu einem wilden Typen. Sieht man ja. Das ist gut so.”

Hat gelächelt.

Wenigstens bleibt es nicht lange ein Geheimnis. Hoffe ich. Hoffentlich ist ihr Freund nicht in Ohnmacht gefallen, ich sollte mich nach seinem Wohlergehen erkunden.

Schließlich hat nicht jeder solche Ohren. Schließlich hat nicht jeder wilde Geheimnisse, die schräger und süßer und romantischer und liebevoller sind. So wie ich. Darum kann ich das ab.

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