Januar 2010

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Ich gehe freiwillig zu Fuß obwohl es eine halbe Stunde dauern wird. Die eisige Luft gefriert scheinbar in meinem Gesicht und unter der Haut spüre ich das Prickeln; ich bin also doch noch lebendig. Schau mal einer an.

Das Wetter ist so widerlich, das man den Weg ohne Musik im Ohr nicht schaffen könnte, denn nur so bekommt man je nach Stück den richtigen Schwung, um mit großem, halb geschmeidigen Schritt die großen Pfützen Tauwasser und die Berge aus Schneematsch zu vermeiden und dabei noch unverschämt lässig auszusehen. Leider sieht das niemand, die Leute fahren aus gutem Grund lieber mit der S-Bahn oder sogar mit dem Bus, manche mit dem Taxi.

Der Matsch liegt auf einer Rutschbahn aus festgetretenem, wiedergefrorenem Schnee, ich spüre es glatt unter meinem Füßen und konzentiere mich, zuerst auf das Gleichgewicht, dann auf die Musik aus meinen Ohrhörern.

Die erste Band ist gerade fertig; ich bekomme noch mit, dass der Sänger “unkontrolliert” singt und die Band so gar nicht danach klingt. Leider.

Das übliche Publikum treibt sich herum, ein paar jüngere und ein paar ältere Archetypen, schließlich handelt es sich um ein Benefizkonzert:

- Der hastige ältere Herr in Cashmere-Mantel und passendem Schal, der rastlos seiner Dame einen Weg durch die Massen bahnt, was eigentlich gar nicht notwendig ist, schließlich macht jeder bereitwillig Platz. Er scheint nicht ganz zu wissen, was hier seine Rolle ist, auf jeden Fall fühlt er sich nicht wohl: Die Situation ist nicht unter seiner Kontrolle und er hasst es sichtlich. Vor allem, weil seine Frau es merkt.

- Der langhaarige, große Typ mit dem leeren Blick. Seine haare sind offen, seine viel jüngere, viel kleinere Freundin schmiegt sich an ihn und scheint ihm etwas zu erzählen, aber er hört ihr gar nicht zu und der Musik schon gar nicht. Manchmal schaut er in ihren viel zu tiefen Ausschnitt. Das Mädchen hält ihn, die Arme hinter sich, seine eigenen hängen einfach nur herab.

- Die Frau mit dem Strickponcho, der bestimmt aus fair gehandelter Alpakawolle gemacht ist. Man sieht das Geld und sie ist sonst nie hier. Sie lächelt ständig.

- Die kleinen Nachwuchsrocker und Nachwuchspunker und Nachwuchsindiepenner, die mich an mich erinnern, wild und besoffen und total lustig sein und alles besser wissen und total behämmert noch dazu. Als ich mit Konzerten anfing, bekam ich allerdings schon Bier, das war anders.

Die Musik war eben so, wie man das bei solchen Gelegenheiten gewohnt ist – nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, so nebenher. Man geht ja sowieso eher hin, um Leute zu sehen und möglicherweise von ihnen auch wahrgenommen zu werden.

Einer tritt auf die Bühne und erzählt, wie toll das Publikum ist, weil man die 5 Euro bezahlt hat und dass man auch recht viel trinken soll, damit Haiti mehr Spendengelder bekommt. Haiti wieder heil saufen, das ist mal ein Konzept.

“Ihr seid so super!”

Ich habe Leute gesehen, die sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben. Wirklich. Wörtlich. Körperlich.

Natürlich hätte man auch den enormen Beitrag von 5 Euro einfach spenden können und danach zu einem Konzert von einer der kleinen Bands gehen können, die auch mal etwas Geld brauchen.

Dann kam so eine Band, von der ich überall hörte, sie wäre “lustig” und “Kult”, beides Alarmsignale höchster Stufe. “Lustig” bedeutet meistens das genaue Gegenteil und “Kult” bedeutet fast immer “nicht besonders gut, aber die Leute wollen es einfach gut finden und das solltest du besser auch, wenn du dazugehören willst.”

Aber ich sage ja nichts. Wenn man nicht drüber lachen kann, fühlt man sich sowieso wie auf einem anderen Planeten als die amüsierte Menge, das reicht schon aus.

Danach kam Reggae mit einem Sänger von hier, der in gestelztem Patois über seine Fähigkeiten als Liebhaber sang. Immer wieder.

Reggae macht mich jedes Mal müde.

Und ich habe mich verzogen, wieder raus in die Kälte.

Wenn der graue Matsch wieder gefroren ist und das Licht aus den Straßenlaternen im richtigen Winkel darauf fällt, dann funkelt er wie ein Schatz aus abertausenden Diamanten. Vielleicht sind es auch erstarrte Sterne. Wusstet ihr das?

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… du hast eigentlich Urlaub und Zeit, so vieles zu tun und Stunde um Stunde rinnt dir zwischen den Fingern hindurch. Morgens liegst du endlos im Bett, nein eher stehst du mittags auf, weil du irgendwann Hunger hast und so etwas wie ein schlechtes Gewissen, obwohl du frei hast und das ja mal irgendwann in Freiheit kam. Du bist Müde und dann noch einmal Müde und dann ist wenig passiert und der Tag vorbei. Eigentlich wolltest du viel mehr schreiben, etwas mit Substanz, aber es klappt nicht recht. Zu Müde. Am Ende des Tages liest du endlich online, wen du lesen willst, aber dir fällt gar nicht ein, was du sagen wolltest, die ganze Zeit spürst du dein Herz schlagen, du freust und freust dich und … dann möchtest du doch einfach nur diese Stimme hören und den warmen Körper fühlen, das Herz schlagen hören und schauen, was passiert, keine Wörter… einfach nur zusammen etwas machen. Egal, was. Ohne Druck.

… aber das ist dann vorbei und du pennst einfach ein. Sie ist schon lange vorher eingeschlafen; du lächelst bei dem Gedanken.

Noch etwas mehr als eine Woche. Immerhin ruhe ich mich aus und vielleicht habe ich irgendwann genug geschlafen, so das ich eines feinen Tages wieder “müde” schreiben kann und die Großschreibung wieder da landet, wo sie eigentlich hingehört.

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Caerulea.jpg

Meine geneigten Leser erinnern sich doch sicher an meinen letzten Beitrag, in dem ich meine möglicherweise nicht allgemein gültigen, dafür aber persönlichen Ansichten über

  1. Frösche und
  2. Nicht Ganz Durchschnittliche Frauen

darlegte?

Habe ich mir gedacht.

Nun, ich bin bereit im ersten Punkt einige andere Alternativen zu erwägen – der freundlicher lächelnde und möglicherweise kompromissbereitere Korallenfinger-Laubfrosch ist doch sicher auch ein angenehmer und hilfreicher Hausgenosse, wenn man es genau bedenkt, oder? Nun, ich werde das noch ein wenig länger bedenken – die weitere Alternative “Auf jeden Fall Kaninchen!” wurde mir auch noch zur Auswahl gestellt.

Was einzigartige Frau angeht, hat sich das Vertrauen gelohnt. Wieder einmal. Und sicher nicht zum letzten Mal. Vielleicht spinne ich irgendwann nicht mehr so sehr, wie ich heute bei solchen Gelegenheiten zu spinnen pflege, aber ich will an mir arbeiten. Weißt du.

Und Danke. Fürs da sein. Und fürs wieder da sein. Und für die Freundschaft, vor allen Dingen. Und nun… werde ich genau das tun, wozu mich dieses Foto da oben inspiriert.

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Ich bin ja nicht immer ganz ehrlich zu euch gewesen. Obwohl – das stimmt nicht ganz. Ich war immer ehrlich zu euch, aber ich war und bin nicht immer ganz konsistent: Was ich für mich gut und akzeptabel und wundervoll und generell so sein muss, würde ich ja auf keinen Fall anderen Leuten wie zum Beispiel meinen geschätzten und hoffentlich zugeneigten Leserinnen und auch Lesern empfehlen.

Ich würde ja allen davon abraten, jemanden Wundervolles zu finden und zu kennen, der sich manchmal lange und unangemeldet verschwinden lässt und vielleicht nie wieder kommt – hoffentlich aber doch, irgendwann, bitte. Das ist schwer und ich würde wohl anderen Leuten dazu raten, sich ganz schnell aus so einer Sache zu entfernen – weil’s gesünder ist. Aber ich würde das selber nicht einfach so tun. Ich warte jedenfalls und bin dabei vielleicht mal einsam, aber lange nicht so unglücklich wie ich vielleicht von rechtens sein sollte. Damit muss die Außenwelt eben klar kommen.

Da kannste nix machen. Da gibt’s nicht zu diskutieren. Ist aber auch besser so.

schmuckhornfrosch.jpgIch würde ja auch niemandem empfehlen, ein Haustier zu erwägen, welches sich kaum bewegt und wenn es sich doch bewegt, dann meistens in Richtung Boden – es buddelt gern. Außerdem beißt es und spielt nicht mit Bällen oder Wollknäueln. Allerdings schonmal in eine Maus. Wenn sie in weniger als einem Dutzend Zentimeter Entfernung sehr langsam vorbeihuscht. Ich jedenfalls würde dazu nicht raten. Trotzdem ziehe ich den Hornfrosch – er gehört zu den Breitmaulfröschen, wie man vermutlich als Nichtbiologe nachvollziehen kann – durchaus als zukünftigen Mitbewohner in Erwägung, wenn mich schon kein menschliches, warmblütiges Zweibeinwesen besuchen mag.

Da kannste nix machen und ich würde den wohl sonst niemandem empfehlen.

Nicht, das abgesehen vom Besonderssein Parallelen zwischen Frosch und erwähntem Menschen zu ziehen sind. Das sollte ich an dieser Stelle unbedingt betonen.

Da gibt’s nichts zu diskutieren.

Ist besser so.

(Ich denk doch lieber nochmal etwas länger über dieses Froschprojekt nach.)

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1264175240448.jpg Man dachte ja eigentlich schon, dass es – das Wetter nämlich – noch eine Weile widerlich bleiben würde, aber das Wetter hat so seine Rückzugsgebiete, in denen bedrohte Arten noch ein wenig länger ihr Dasein fristen können – ich habe die letzten Tage in einem Reservat für “Klirrende Kälte” verbracht. Wider Erwarten war es dort ausgesprochen still, dafür aber gleich doppelt so kalt wie befürchtet. Dieser Ort befindet sich nicht etwa in der Nähe von Spitzbergen, sondern in Niedersachsen.

Also ein hervorragender Ort für eine Fortbildung – wenn man sich während eines Seminars nicht wünscht, doch lieber nach draußen zu gehen, dann kann man die Motivation der Leitung sehr gut nachvollziehen.

Ebenso gut konnte man die Motivation der Leitung nachvollziehen, an diesem Ort keine warme Mahlzeit zu sich nehmen zu wollen und ebenso wenig in den zwangsweise überheizten Zimmern zu übernachten. In beiden Fällen leider viel zu spät.

Ich hab was gelernt, ich bin wieder da.

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… und der letzte Bericht ist geschrieben, die letzte Abrechnung ist getippt und der letzte Übergabebogen übergeben. Dafür, dass ich nur zwei Wochen lang Urlaub haben werde und nicht einmal wegfahre, sorgt man schon gut dafür, dass ich besagten Urlaub auch wirklich brauche – völlig unnötig übrigens: Ich bin in jeder Hinsicht erschöpft.

Komischerweise macht die Arbeit in den letzten Tagen besonders viel Spaß, obwohl ich kaum noch dazu komme, irgendetwas anderes zu machen; die paar hastigen Zeilen im Blog und eine oder zwei Mails, mehr habe ich gar nicht geschafft und schon gar nicht irgendeine Art von Hausarbeit.

Ihr ahnt nicht, wie es hier aussieht…

… aber das ist ja auch egal, hoffe ich.

Bevor ich in mich zusammenfallen kann, werde ich noch zwei Tage interner Fortbildung in einem fernen Waldgebiet ohne irgendeine Art von Internet überleben müssen. “Leitbildschulung” inklusive. Das klingt so schwer nach einem finsteren Kult… ob wir etwas Unaussprechliches beschwören werden und den Planeten schon sehr bald unterwerfen?

Bald mehr. Viel mehr. Wenn ich schon kaum noch Kommentare1 und fast keine Emails mehr bekomme – warum fragt ihr mich nicht in der Zwischenzeit etwas? Oder schreibt mir einen Kommentar? Damit ich lerne, dass noch eine Außenwelt existiert, in der man an mich denkt und die es wert ist, verschont zu bleiben.

Muahahahha.

Ach. Ob ich noch so etwas wie ein Leben habe? Ob es jemanden interessiert? Ob mich wer sehen will? Wird sich zeigen.

  1. Außer ich drohe an, das bloggen ein wenig zu bremsen. []

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