Man sollte niemals etwas Essbares an einer Tankstelle kaufen. Vor allem sollte man es nicht a) essen oder b) es jemandem geben, an dem einem etwas liegt.
Wir waren an jenem schicksalhaften Tage losgefahren. Wir fuhren ohne Frühstück, weil wir – meine unglaublich charmante Fahrerin und ich – es eilig hatten, einen wichtigen Termin zu schaffen, ohne den die deutsche Kulturszene, ganz zu schweigen von der Lokalpolitik und der Struktur des Universums, durchaus erheblichen Schaden erlitten hätte.
Einige Leute hätten sich ausgesprochen unfroh gezeigt, diesen Termin nicht korrekt gekleidet und pünktlich wahrnehmen zu können; die Wichtigste davon saß neben mir im Auto.
Natürlich bekamen wir nach ungefähr 70 Sekunden Hunger.
Natürlich mussten wir noch tanken.
Natürlich waren da sicher verpackte, trügerische Sicherheit ausstrahlende Sandwiches. Was viele vielleicht nicht wissen: Es gibt leckere Sandwiches. Aber es gibt auch finstere Bosheiten aus der Galaxis der Gemeinheiten, die sich nur als leckere Sandwiches tarnen – täuschend echt, will ich hinzufügen – und geduldig in Tankstellen-Kühlregalen auf arglose Opfer warten, um sie der Verdammnis anheim zu stellen.
Natürlich habe ich ein freundlich aussehendes Grillhühnchensandwich-Duo gekauft, welches den Hungertod entscheidend herauszögern könnte und was noch wichtiger war: Die Stimmung der hungernden Fahrerin zu verbessern, angeblich hatte sie nämlich schlechte Laune, wovon ich wenig bemerkte. Aber – geneigte Leserinnen, geneigte Leser – was tut man nicht alles für ein Lächeln, vor allem wenn der eigene Magen ebenfalls knurrt?
2,99€ für ein winziges Butterbrot mag vielleicht unverschämt klingen… aber das ist es dann doch auch unbedingt wert. Auch wenn der Preis unverschämt bleibt.
Dieser Sandwich ist in einer langen Freundschaft das erste Stück Essen, welches augenblicklich und entschlossen von der Fahrerin aufs würdevollste aus dem Fenster entsorgt wurde. Ich kann nicht behaupten, dass ich ihre Meinung nicht teilte: Das Brot fühlte sich merkwürdig tot an, es musste eine Art Zombiebrot mit penetrant-künstlichem Zwiebel oder Paprikageschmackt sein; ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Vom Grillhühnchen schmeckte man rein gar nichts. Schlimmer, das unheilige Zeug hatte nicht nur einen bösen Nachgeschmack, sondern erwies sich auch als außerordentlich unbekömmlich, was den Verdacht auf einen möglicherweise außerirdischen Ursprung erhärte. Ich aß das … Ding… tapfer auf, was ich bereuen sollte.
Die Fahrerin lächelte zwar, aber sie wurde nicht unbedingt sanfter, ganz im Gegenteil. Um 2,99€ ärmer, Magenverunreinigung und eine so ausgehungerte wie unwillige (wenngleich nach wie vor ausgesprochen attraktive) Fahrerin – die Fahrt wurde interessant.
Das meine persönliche Routenfindung möglicherweise nicht ganz die beste Strecke ergeben hatte, wurde nicht positiv aufgenommen, oh nein. Ich versuchte mich zu verteidigen, aber – knapp einer Vergiftung entkommen – setzte sie enorme rhetorische Energien frei. Ich war also geliefert.
Noch dazu hatte ich nichts mit Geschmack zu trinken besorgt, weshalb das fürchterliche Sandwicharoma kaum loszuwerden war. Meine Situation wurde so nicht einfacher.
Es schien ihr zu gefallen. Um ehrlich zu sein, gefiel es mir auch. Sie lächelte ja und funkelte mich an.
Komischerweise konnte sie sich an schrecklich viele Dinge erinnern, die ich am Vorabend in möglicherweise leicht angetrunkenem zustand – angeblich – gesagt hatte.
Möglicherweise hatte ich etwas geäußert, das einer Kritik an ihrem Schreibstil nahe kommen könnte, wenn man mir daraus einen Strick drehen wollte. Sie kann hervorragend Stricke drehen, muss ich zugeben. Bedauerlicherweise genoss ich es etwas zu sehr, mich von ihr einwickeln zu lassen. Oder war das Wort “fesseln”? Egal.
Auch wenn ich den Fehler machte, eine Banane am Steuer als Zwischenmahlzeit vorzuschlagen. Das wäre beinahe mein Ende gewesen..
Ich machte nicht den Fehler, ihren Fahrstil zu kritisieren, den ich ganz zutreffend in etwa als “ausgesprochen sicher, aber aufregend” charakterisierte und bei gewissen kleinen, boshaften Schlenkern und Hände-vom-Lenkrad-Sekunden angstvoll zu quietschen wie ein kleines Mädchen. Das schätzte sie offenbar.
Aber wir redeten auch über seltsame Brüder, explodierende Kühe und Phantomhundung.
Ich glaube, sie mag mich. Ob sie mich noch einmal mitnimmt?
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