Bücher

Ich lese, und ich lese viel. Manchmal schreibe ich über Bücher, und manchmal etwas aus Büchern.

Da wollte ich nur schnell mal zur Post und schon in dem Moment des krachenden Tür-hinter-mir-zufallens ist mir bewusst,  dass mir soeben ein Fehler unterlaufen ist:

Meine Wohnungsschlüssel sind in Sicherheit, nämlich in meiner Wohnung selbst aufgehängt. Direkt hinter der Tür die ich eben so entschlossen wie gedankenlos hinter mir ins Schloss gezogen habe.

Ich versuche meinen Schlüsselmeister zu erreichen – jenen würdigen Vertreter einer heiligen Gesellschaft, die den Nachschlüssel zu meinem Sanktum bewachen. Aber der ist nicht da, auch sein Handy scheint abgeschaltet oder gar abgeschafft.  Das werde ich bei seinem Meister erwähnen müssen. Der Gedanken daran schmerzt – nicht einmal mehr auf die Schlüsselritter kann man sich heute noch verlassen. Ich bin betrübt.

Auf die Post kann man sich auch nicht verlassen, stelle ich fest und knurre diese Information einer Katze zu, die das Pech hat in der Gegend herumzulungern. Ihr Blick trieft vor Verachtung.

Bevor ich mich auf den Rückweg mache, durchstöbere ich die Bahnhofsbuchhandlung. Ich finde zwei ungefähr zwei Meter große Leute, die sicher gute Chancen im Modelbusiness gehabt hätten. Wenn nicht diese schrecklick krumme Körperhaltung sie irgendwann dazu zwingen würde, in anderen Branchen Schaden anzurichten. Ich sah diese finstere Zukunftsvision kommen und beobachtete beide rein zufällig bei der Literaturauswahl.

-”Das soll voll gut sein.”
-”Sieht aber komisch aus. So mit dem Bild da drauf.”

Ich darf und kann nicht weiter zuhören. Aber nach einer Weile identifiziere ich das Buch: Generation Doof. Unter dem Titel steht: “Warum sind wir nur so doof?” (Oder so.)

“Ihr vielleicht”, denke ich. “Ich jedenfalls nicht.”

Dann wandere ich heim zu meiner Treppe um dort zu warten und per Handy was für mein Blog zu tippen.

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Nein – ich will nicht darüber urteilen oder mich darüber auslassen, wie gemein oder dumm oder richtig oder egal es ist, dass eine vielgehypte neue Autorin wie Helene Hegemann ihren Debütroman Axolotl Roadkill1 offensichtlich zu großen Teilen aus Airens Blog oder dessen Roman Strobo abgeschrieben hat.

Das hat der Herr Deef, Herrscher der Gefühlskonserve, schon ganz gut aufgedeckt und ich finde, auch auf eine relativ behutsame Weise. Die Reaktion der anderen Seite fand ich unglücklich. Damit will ich sagen: “Ist mir zu blöd, das auch nur zu zitieren”. Meine Güte – Frau Hegemann ist 17, den Roman schrieb sie mit 16 und das merkt man auch. Die sollen das untereinander klären, am besten diskret; die Kulturseiten der großen Nachrichtenportale haben solange ihren Spaß damit – erstens beim Abschreiben von der Gefühlskonserve und zweitens damit, wie Hegemann sich um Kopf und Kragen redet.

It’s Showtime.

Ich glaube nicht, dass ich je Axolotl Roadkill lesen werde. Ich glaube auch nicht, dass ich Strobo lesen will. Weil ich diese “Was-hab-ich-doch-für-ein-wildes-Leben” Stories einfach nicht mehr ertragen kann. Diese Pose, die ich jedenfalls nicht ernst nehmen kann. Die ist mir zu cool. Und zu blöd. Vermutlich tue ich beiden Unrecht.

Warum also dieser schon jetzt viel zu lange Text?

  1. Ich muss mich schon wundern, warum sich Ullstein nicht mehr vor die minderjährige Autorin stellt, die sich gerade ziemlich blauäugig durch die Fleischwölfe des Popkulturbetriebs drehen lässt. Warum gibt die Interviews? Das tut doch weh.
  2. Ich denke, man kann es den Ullsteinern nicht unbedingt vorwerfen, den Text komplett auf mögliche Plagiate untersucht zu haben, bevor er in Druck kam. Das nicht- es ist ja keine Doktorarbeit oder so. Aber:

    Ich lese nicht besonders viele Blogs, aber doch eine ganze Handvoll und die bekannten und vielleicht sogar guten Weblogs, die hat man irgendwann schon auf dem Schirm. Ich weiß, wie MC Winkel schreibt, ich kenne den Klang der 500beine und natürlich auch den Taubenvergrämer, die Frau Von Welt oder Meriche, die lokale Bielefelder Blogmafia erst recht und so viele mehr. Ich bilde mir ein, dass ich all diese Stimmen unterscheiden kann, wenn sie mir schöne Sätze in den Kopf wispern – erst recht, wenn ganze Seiten von ihnen in andere Werke übernommen worden sind. Ganz sicher aber kommen sie mir wenigstens bekannt vor. Airen ist einer dieser Leute – er hat nie eines meiner Lieblingsblogs geschrieben, aber er hat einen unverkennbaren Stil und natürlich kann er was. Darum hat man schließlich auch sein Buch veröffentlicht, nehme ich mal an.

    Das sind alles mehr oder weniger bekannte Leute, teils mit Hunderten oder sogar Tausenden von Lesern. Ganz offensichtlich allerdings ist kein einziger von diesen Lesern bei großen deutschen Verlagen angestellt. Man stelle sich vor: Da macht man Bücher über die deutsche Gegenwart und die Redaktion für die hippen frischen Bücher von teils sehr jungen Autoren für junge hippe Leser kennt nicht einmal die Top 10 der Bloggerszene2.

Das muss man sich erstmal langsam auf der Zunge zergehen lassen, liebe Gemeinde.

Und das wollte ich eigentlich nur sagen.

  1. Ein Titel übrigens, den man als ehemaliger Aquarianer und Amphibienfreund sofort zu schätzen weiß. []
  2. Korrektur: Die haben vermutlich doch den Werbespot mit Herrn Lobo gesehen. Für den mache ich also eine Ausnahme. []

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Wer fälschlicherweise annahm, mich am Wochenende online gesehen zu haben, kann sich entspannen: Das war in Wirklichkeit mein Geist.  Ich konnte nicht ganz widerstehen, mein Handy als Modem zu probieren und mal zu schauen, ob mein O2-Internetpack M wirklich nicht mehr Unmengen an Gebüren sammelt, wenn man die 200 MB Guthaben überschreitet. Kommt man drüber, soll die Datenleitung einfach gedrosselt werden. Na, genauer weiß ich es beim Eintreffen der nächsten Rechnung. Wenn ich dann offline sein sollte, bin ich entweder in einem spontanen Wutanfall explodiert oder kann mir fortan nicht mehr die Netzanbindung leisten.

Bis der Telekomtechniker kommt, um einen Blitzschaden festzustellen, das kann dauern. In dieser Zeit habe ich alle Bücher zuendegelesen, die ich je zurückgelegt hatte.  Zuletzt sogar “Endless Things” von J. Crowley. An nichts habe ich länger gelesen, und als ich es am Ende zuklappte, war es doch ziemlich traurig. Vier dicke, langsam Bände, über viele, viel Jahre gelesen und nun ist es vorbei.  Nach manchen Büchern ist man erleichtert, sie endlich durch zu haben, bei manchen ist es eine Art glücklicher Zufriedenheit und hier mehr ein Gefühl von Verlust.

Zumal ich nun nichts mehr zu lesen habe außer dem Internet oder der Zeitung und beides zählt nicht. Ich leide unter Entzug.

Übrigens, je mehr ich lese, desto produktiver schreibe ich selbst.

P.S.: Ich überlege, nun endlich mit Neal Stephensons Barockzyklus zu beginnen. Vielleicht habt ihr auch ein paar Hinweise für mich?

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Das Buchcover ist nicht wie das Plakat

Ich habe vielleicht schon einmal darüber geschrieben, dass ich “America” von Allen Ginsberg früh gehört habe und sehr mochte, auch wegen seiner Stimme und wie er vortrug, das ganze Stück, im Ganzen. Aber da wusste ich noch nicht, dass es sich um Ginsberg handelte, ich habe es erst kurz nach seinem Tod herausgefunden, als ich ihn noch einmal im Radio sprechen hörte; diese Stimme höre ich immer noch in meinem Kopf, wenn ich etwas von ihm lese. Ich nahm an, dass dieses mein erster richtiger Kontakt mit ihm war.

Ich irrte mich, wie meistens in solchen Dingen.

Im Haus meines Bruders ist noch immer nicht alles eingerichtet, wohl auch weil er sich scheinbar noch nicht ganz im Klaren über die richtigen Orte für diesen und jenen Gegenstand ist. Einiges steht einfach herum. Auf dem Klo steht ein eingerahmtes Plakat von Eric Drooker.

Mitte der 90er Jahre war Drooker populär in Deutschland, nicht nur wegen seiner politischen Ader, sondern vor allem wegen seiner Cover für die Punkband …But Alive. Ich war nie der allergrößte Fan der Band, aber auf Konzerte ging ich trotzdem gern und bei diesem – es fand im AJZ Bielefeld statt, da bin ich immer noch oft – war Drooker dabei. Er hielt einen Diavortrag – eine Bildergeschichte, die “Flood!” hieß und von ihm kommentiert wurde. Die Bilder waren einfacher, kratziger als die Sachen, die man heute von ihm sieht. Er hatte eine angenehme, ruhige Stimme, im Hintergrund spielte der Mischpultmensch ein paar Tonspuren ab, Gewitter und Regen, passend zum Stück. Dann erzähle Drooker von Ginsberg, mit dem er gerade zusammenarbeite und ich glaube, er hat auch etwas von ihm vorgetragen, fast bin ich mir sicher.

Ich kann mich erinnern, wie es erst laut war, das Publikum bestand aus vielen, vielen Punks und sie waren nicht recht vorbereitet, dann wurde es leiser und man hörte nur noch Drooker und seinen Vortrag, das Klacken des Diaprojektors, wenn ein neues Bild an die Reihe kam und zwischendurch das klimpern von Bierflaschen.

Die Band konnte danach nur abfallen und so kam es dann auch.

Auf der Webseite findet sich auch ein kurzer Text von Ginsberg an Drooker. Seltsam, wie sich der Kreis schließt. Wer weiß, vielleicht habe ich noch frühere Erinnerungen an Ginsberg, die ich erst noch aus den Tiefen meines Gedächtnisses bergen muss…

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Wer hätte das gedacht? Ich habe früher ziemlich viel Science Fiction gelesen, aber Brunner habe ich komplett ausgelassen, komischerweise – ich fand die Bücher immer interessant, so von der Rückseite der Taschenbücher her. Das was man Klappentext nennt, bei ‘richtigen’ Büchern.

I am:
John Brunner

His best known works are dystopias — vivid realizations of the futures we want to avoid.

Which science fiction writer are you?

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Meine charmante Chatpartnerin ist wohl von widrigen Umständen davon abgehalten worden, weiter mit mir zu plaudern – ich werde also nicht viel länger meine eigentliche Aufgabe für heute aufschieben können: Meine Regale zu leeren und die Inhalte – soweit ich diese nicht als ‘nutzlos’ und gleichzeitig ‘ohne jeglichen sentimentalen Wert’ klassifiziere – in Umzugskartons.

Fast nichts ist für mich ohne sentimentalen wert und so werde ich wohl bald noch einen oder drei Kartons kaufen müssen, aber am merkwürdigsten ist es, die alten Comics zu verpacken, von denen ich mich sicher noch nicht trennen kann.

Ich habe schon lange nichts mehr über Comics geschrieben, aber ich lese sie noch, wenngleich nicht mehr oft, schließlich komme ich selbst kaum noch dazu, selbst etwas zu Papier zu bringen und Bücher passen einfach besser ins Bett, meinen bevorzugen Leseort nach dem Sessel am sonnigen Fenster, an Mittagen.

Wenn Comics, dann war das am liebsten in Heftform, der unpraktischten und kostspieligsten Sorte, von kundiger Fachfreundeshand importiert. Monatlich oder öfter ging es zum Comicladen und dort mehr oder weniger schlechten Gewissens viel zu viel Geld auszugeben; jede Ausgabe verbindet sich mit dieser Zeit deines Lebens und manchmal, beim vorsichtigen Wiederlesen, kommen die Erinnerungen und Bilder zurück.

Comics sammeln mit der Zeit einen ganz besonders feinen fiesen Staub an, der -unvorsichtigerweise aufgewirbelt – mir in die Nase steigt und mich niesen läßt. Comicstaub ist gefährlich, darum ruhe ich die alten erinnerungsschwangeren Hefte lieber gar nicht an.

Morrissey singt meinen Soundtrack und umarmt an meiner statt ganz Paris.

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