Leben

Meine Abenteuer. Außerordentlich spannend.

Geneigte Leserinnen, geneigte Leser – vor nicht vielen Stunden geriet ich ein eine Situation, in der mir ein bestimmter Worthaufen auf der Zunge gerade passend vorkam, nämlich: “Donner und Doria!”

Das hatte ich lange nicht gehört, geschweige denn selbst gesagt. Früher ist das meinem Großvater1 regelmäßig über die Lippen gekommen. Manchmal auch in einer leicht abgewandelten Fassung: “Donner und Dorich” – die maskuline Variante für derbere Unerfreulichkeiten. Ah, die Erinnerungen blubberten gleich wieder an die gelassen schimmernde Oberfläche meines Geistes. Wie oft hatte er auf solche Weise glorreiche Taten meinerseits kommentiert! Das waren goldene Zeiten.

Nun, ich kann mir heute zusammenreimen, dass “Donner” etwas mit Donar zu tun haben konnte, dem bärtigen Hammerschwinger und Elektriker, den sie im Norden Thor nennen. Aber wer ist Doria? Und Dorich? Dieses Wissen darf nicht verloren gehen. Immerhin ist das kunstfertige fluchen ausgesprochen wichtig für das Überleben der Menschheit – ohne Fluch wird die Mordrate sprunghaft ansteigen und die Beichtstühle würden verstauben. Das wären ohne jeden Zweifel beklagenswerte Zustände, die wir verhindern müssen. Wir dürfen nicht die alte, gelebte und außerdem wunderschön gedrechselte Fluchkultur dem niederen Trivialschimpfen opfern!

In mir begann es zu gären und zu rumoren und es war nicht etwa eine Magenverstimmung oder Schlimmeres – es war eine Idee: Diese wunderschönen Flüche müssen gesammelt und geschützt werden. Ihr habt doch auch welche in juwelenbesetzten Eckchen eurer Erinnerungen gelagert, oder?

Das muss doch machbar sein. Himmel, Arsch und Zwirn!

  1. Ein berühmter Erfinder und Katzenhasser, von dem hier schon wiederholt die Rede war []

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“Hey, cooles Hemd, Mann!”

Wer hätte erwartet, dass ich noch einmal modische Akzente setze und tagelange Bewunderung für meine geschmackssichere Bekleidung empfange? Geneigte Leser mögen es vermutet haben: Ich mit Sicherheit nicht.

“Ey Mann, du bist der T-Shirt-König vom Festival. Echt.”

Sagt der Typ, den sie Hoschi nannten. Wer wird das anzweifeln? Ich jedenfalls mit Sicherheit nicht, nicht dass ich mich mit Absicht besonders Festival-tauglich ausgestattet hättet. Das eine Shirt hatte eine Kuh, das andere einen erbaulichen Spruch. Wer kann ahnen, welche Wirkung solches Zeug haben könnte? Vom bewundernden Blicken und Gesprächen mit hingerissenen Bewunderern will ich gar nicht über die Maßen sprechen; man will ja bescheiden bleiben. Als König.

“Ey Mann, aber heute bist du dann echt der T-Shirt King. Weißte.”

Ja, ich weiß Bescheid. Allerdings hätte ich lieber auf einen Tag weiterer Herrschaft verzichtet, um einen kleinen Funken Gutmütigkeit rechtzeitig ersticken zu können – der Moment, in dem ich “Ach, nimm mich mit. Ich muss nie kotzen. Kennst mich doch!” glaubte.

Nie wieder Bier und Pizza aus dem Wagen putzen, das wäre schön gewesen. Dankeschön.

P.S.: Ach ja, was ich nun genau für Shirts anhatte, das verrate ich nur für besondere Gefälligkeiten.

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Wenn ich mich so im Spiegel anschaue – was eher selten geschieht – dann stört mich nicht viel. Die grauen Haare sind mir weitgehend egal, ich find’ sie sogar ganz elegant. Immerhin habe ich noch Haare, was sicher nicht alle Männer in den 30ern von sich sagen können. So im Seitenprofil stört mich auch wenig: Stattliche Züge, edle Nase, eine steile Stirn, die den Hochleistungsverstand dahinter verrät. Wenn man allerdings weiter herunter schaut…

Also, um eine Sache mal klarzustellen: Ich bin nicht dick. Oder fett. Allerdings muss ich inzwischen zugeben, dass sich mein Gewichtssschwerpunkt in den letzten Monaten immer mehr in Richtung Bauchnähe bewegt hat. Ich wollte doch eigentlich die alten Hosen wieder tragen, die mir nicht mehr passen – anstatt dessen muss ich wohl bald mal wieder neue Beinkleider anschaffen. Dabei koche ich mir ja fast immer gutes Zeug – jawoll! – und ich leide auch nicht gerade unter Bewegungsmangel. Manchmal lässt sich Sport ja in meinem Beruf nicht vermeiden.

Ich mag meine Hosen und der Gedanken an eine Trennung schmerzt. Ein paar Kilo dürfen also runter. Nur, wie? ich kann mir doch nicht etwa eine Brigitte anschaffen und die todsichere Diät der aktuellen Ausgabe starten – das bisschen Rest-Stolz will ich nicht auch noch verlieren. Was auch gar nicht geht: Ähnliche Angebote der Men’s Health – ich würde ja nach zwei Wochen aussehen wie diese grinsenden Waschbretter auf dem Cover. Undenkbar. Ein Mann braucht immerhin noch sowas wie Bauchansatz, behauptet die weiseste und gleichzeitig erotischste Frau des Planeten1. Ich bin nicht so töricht ihr zu widersprechen.

Ich werde also versuchen mich etwas zu verknappen. Ich will versuchen, etwas weniger Bier zu trinken – ein schrecklicher Gedanke, ich brauchte ungefähr eine halbe Stunde um den nötigen Mut zum tippen zu sammeln – das schaffe ich schon. Für eine kleine Weile. Außerdem bin ich wohl das, was mein Bruder über einige seiner bissigen tropischen Fische sagt: “Ein gieriger Fresser.” Etwas langsamer und weniger …haltlos zu tafeln, das wäre auch so eine Maßnahme.

Außerdem: Ich hörte, dass allein zu essen extrem dick macht. Bedeutet eindeutig: Ich sollte mich mehr einladen lassen. Hehe. Das klingt immer besser.

  1. Sowas gibt es. Einmal. []

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Regenwege

Wenn ich nachts nach Hause gehe, dann mache ich nur ganz selten Musik an. Das ist so, weil sonst Gedanken keinen Platz mehr haben. Die leisen, späten Gedanken, die sich nur im Dunkeln herauswagen. Schwere, warme Tropfen verirren sich auf meinen Kopf und einer rinnt mir über die Stirn und ich sehe die Straße vor mir nass glänzen. Ich gehe die Steigung empor und lasse die Gedanken heraus.

Solche.

Wenn ich ‘Inspektor Barnaby’ im Fernsehprogramm lese, dann fällt mir unweigerlich ‘Bartleby’ ein und ich bin weit weg vom Fernsehen, in Erinnerungen, auf anderen Kontinenten.

Mir fällt ein, wie ich in auf einem Rücksitz in einem Kombi in einem heftigen Regen nach Minden mitfuhr, um das letzte Mal in meinem Lieblingskino zum dritten Mal ‘Blade Runner’ zu sehen, am Tag nach dem Tod meines Großvaters. Wie taub sich alles anfühlte. Wie ich niemandem davon erzählen konnte.

Der gute Schmerz in meinen Oberschenkeln, weil ich wieder viel zu viel Fussball mit viel zu trainierten Jugendlichen gespielt habe.

Wie die Illusion des Films verfliegt, wie einem die Löcher in der Handlung auffallen, wie unglaubwürdig all das war. Die beruhigende Sicherheit, das nächste Mal wieder all die Logik und all das analytische komplett vergessen zu können, sobald die Trailer beginnen.

Dann bin ich zuhause.

Lücken

Meine Lieblingsperson ist für einige Wochen weit in der Ferne, uns trennen Kontinente und fehlende Internetanbindung. Ich hatte erwartet, das sie mir fehlt und sie fehlt – aber ich dachte auch, dass ich nun ein paar neue Sachen machen könnte, weil ich ja nun doch mehr Zeit übrig habe.

Aber anstatt dessen sitze ich da nur herum und denke an sie. Das andere Zeug macht gar nicht so viel Spass. Zu kochen ist viel besser, wenn man damit bei ihr angeben kann. Zum Beispiel.

Andererseits könnte ich nun vielleicht wieder mehr schreiben, denn zum Schreiben braucht man Lücken – auf dem Papier ebenso wie im Herz und im Leben. Irgendwohin müssen die Geschichten ja auch, die brauchen Platz.

Aber vorher muss ich wohl wirklich mal die Küche aufräumen.

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Subkultur

Ich muss schon sagen: Da verwundern mich doch ein paar Entwicklungen hier in Bielefeld, vielleicht sind die auch gar nicht auf Bielefeld beschränkt. Also ich kann mich noch gut an die ganzen lauten Läden erinnern, die von früher – die gibt es immer noch, aber manchmal ist nur noch der Name derselbe. Die Lokalität hat sich geändert oder eben die Einstellung und das Gefühl.

So in den 90ern, da war die Subkultur1 noch eine Art allgemeiner Kampfplatz. Da war zum einen die Antifa und da drübendie Faschos und im Raum dazwischen war Krieg. Das schweisste zusammen, auch wenn man die Methoden der Antifa vielleicht nicht hundertprozentig toll und dufte fand.

Nach außen hin war sowieso alles gegen die Clubs und Jugendzentren, vor allem die Nachbarn und die Politik, die solche lautstarken bunten Flecke meistens lieber gestern als heute dichtmachen wollten. Von wegen “drückt die Mietkosten” und “das stört einfach” und “die nehmen nur Drogen”. Fördermittel gab es da natürlich schon lange nicht mehr, aber irgendwie ging es weiter wie immer: Man verlor ein Haus, man demonstrierte, man fand ein anderes.

Trotzdem waren die Konzerte fast immer unglaublich, jeder konnte sich entspannen, aussehen wie man wollte und sagen was man dachte. Sowas wie ein ausgelagertes Wohnzimmer. Draußen die Bösen, drinnen die Guten. Natürlich waren wir alle Gute. So fühlte man sich dann auch. Das entspannte enorm – zu wissen wer man eigentlich ist, wer man sein will.

Heute weiß ich nicht so genau, was ich von dieser ganze Szene halten soll. Diese Ganze Mutlosigkeit, ungefähr seitdem es keine großen Prügeleien mit dem Faschofeind mehr gibt. Da wird definiert, für wen man seine Veranstaltungen macht – für “überdurchschnittlich gebildete junge Menschen”. Früher war das für alle, die wollten. Ist das eine Identitätskrise, wenn man plötzlich ganz große Angst davor hat, dass jemand in den eigenen Reihen etwas Falsches sagt, etwas Falsches anhat oder vielleicht sogar sein Hemd auszieht? So kann man nämlich in vielen alternativen Läden Hausverbot/szeneweite Ächtung erfahren. Wenn so etwas passiert – und es passiert oft – dann kann ich kaum glauben, was ich da erlebe. Ich fühle mich auch nicht mehr wohl, wenn ich solche Clubs besuche, die seit neuestem “Schutzräume” sein sollen. Ich fühle mich überwacht. Mit Freiheit hat das nichts mehr zu tun. Mit freiem Denken schon gar nicht. Ich habe nicht mehr das Gefühl, bei den Guten zu sein. Ich habe das Gefühl, bei den Verängstigten und Verbitterten und Wichtigtuern zu Gast zu sein. Früher waren das mal unschlagbare Barbarische Krieger. Ninjas. Piraten! Für das Richtige!

Und dann diese Sache hier in Bielefeld, in der man neue Räume für das Kulturkombinat per Demo sucht – oder habe ich das falsch mitbekommen? Man demonstriert so lange, bis einem neue Veranstaltungsräume … geschenkt werden – oder sowas in der Richtung. Zugegeben: Ich habe das vielleicht nicht richtig verstanden. Früher jedenfalls – damals, als ich jung war, so knapp nach dem Pleiozän – da hätte man sich was gesucht und man hätte etwas gefunden und …natürlich… trotzdem demonstriert. Siehe oben. Wenn Subkultur – was immer das für ein Tier sein mag – von irgendwo oben etwas geschenkt bekommt, dann ist es keine Subkultur mehr. Wenn man aufhört, sein Ding selber zu machen, dann ist es vorbei. Wenn man nur noch seine nostalgischen Erinnerungen konserviert, ist man dann nicht irgendwann … konservativ? Huch!

Dabei gibt es gerade hier so viele grandiose neue Projekte, die lieber Kultur machen als zu jammern. Für Selbstmitleid und son Scheiss haben die gar keine Zeit. “Kulturschaffen” hat ja auch was mit “machen” zu tun.

Ich geh auch weiter auf Konzerte und kauf euer komisches Bier, wenn es immer noch solche Sachen gibt, die mir gefallen. Ich hab nur das Gefühl, da könnte mehr gehen.

  1. Das klingt zwar super, aber ich weiß auch nicht ganz was dieses Wort bedeuten soll. []

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