Manöverkritik

Abenteuerliche Erlebnisse am Wochenende und zu anderen Ausgehzeiten

Zu sowas wie “Revivalparties” zur Wiederbelebung lang verstorbener alter Stammläden halte ich ja nicht viel, trotzdem tauche ich immer wieder dort auf, weil ich rücksichtslos mitgeschleppt oder zum hingehen erpresst werde.

Einige von euch werden inzwischen mitbekommen haben, dass ich vom Land komme, ich bin also einiges gewöhnt, was bizarre bis lebensgefährliche Anfahrtswege angeht. Man hat immer eine warme Decke im Wagen und für den Fall der Fälle Schneeschuhe, eine Signalpistole zum Signalisieren sowie Hai-Abwehrmittel zum Haie abwehren.

Aber dann, am Ende einer eisbedeckten unbeleuchteten einspurigen Straße in der tiefen Nacht, da brennt ein Licht. Das sind die Autos, die keinen Platz mehr auf dem Parkplatz gefunden haben und nun zurück müssen. Das bedeutet, wir müssen auch zurück – im Rückwärtsgang zusammen mit allen anderen Wagen, die zwei Kilometer hinter uns stehen. Der Fahrer klagt über Nackenschmerzen.

Aber wir haben das geschafft und waren dann doch noch auf der Party. Die sah so aus, als wäre noch eine Vorveranstaltung für die Eltern der eigentlichen Gäste im Gange. Ich konnte kam jemanden erkennen. Einer hat mich erkannt. “Siehst aus wie immer, nur fetter”. Offensichtlich hatte er sich auch nicht geändert. Da musste ich nichtmal hinschauen.

Mit der Zeit wurden die Leute jünger, die älteren gingen – oder das hatte vielleicht etwas mit dem Alkohol zu tun, den man unbedingt trinken musste, um die Situation ertragen zu können.

Am Ende finden sich dann die ungefähr vier Leute, die man sowieso öfter sieht und man schafft es, das possierliche bis lüsterne Tun der älteren Leute mit ein wenig Distanz zu betrachten und das Ganze unterhaltsam zu finden.

Irgendwann geht man dann nach Hause und stellt fest, dass es viel glatter geworden ist, weil man nämlich im Minutentakt auf dem Hintern landet – vielleicht hatte das etwas mit dem Alkohol zu tun, den man unbedingt trinken musste, um die Situation ertragen zu können. Vorbei an Autowracks ohne linke Frontscheinwerfer und linken Kotflügeln, welche den Heimweg für die Parkplatzparker sicher ein wenig komplizierter gestalten sollten. Über solche gemeinen Gedanken kann man sich zwischen den Stürzen großartig amüsieren, müsst ihr wissen.

Aber dann ist man doch endlich am Wagen und freut sich, doch noch knapp vor acht Uhr ins Bett zu kommen.

Wenn nicht Mitfahrerinnen feststellen, dass ihre Handtaschen ganz sicher nicht mitgekommen sind. Alles zurück.

Wird ja keine Ewigkeit dauern, oder? Nun, jedenfalls dann, wenn die Straße nicht spiegelglatt und voller Autowracks steht, über deren Lästigkeit man sich vor gar nicht langer Zeit amüsiert hatte und die sich nun als mindestens doppelt so lästig erweist, wenn man selber aufgehalten wird.

Außerdem habe ich einen Kater.

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Ich gehe freiwillig zu Fuß obwohl es eine halbe Stunde dauern wird. Die eisige Luft gefriert scheinbar in meinem Gesicht und unter der Haut spüre ich das Prickeln; ich bin also doch noch lebendig. Schau mal einer an.

Das Wetter ist so widerlich, das man den Weg ohne Musik im Ohr nicht schaffen könnte, denn nur so bekommt man je nach Stück den richtigen Schwung, um mit großem, halb geschmeidigen Schritt die großen Pfützen Tauwasser und die Berge aus Schneematsch zu vermeiden und dabei noch unverschämt lässig auszusehen. Leider sieht das niemand, die Leute fahren aus gutem Grund lieber mit der S-Bahn oder sogar mit dem Bus, manche mit dem Taxi.

Der Matsch liegt auf einer Rutschbahn aus festgetretenem, wiedergefrorenem Schnee, ich spüre es glatt unter meinem Füßen und konzentiere mich, zuerst auf das Gleichgewicht, dann auf die Musik aus meinen Ohrhörern.

Die erste Band ist gerade fertig; ich bekomme noch mit, dass der Sänger “unkontrolliert” singt und die Band so gar nicht danach klingt. Leider.

Das übliche Publikum treibt sich herum, ein paar jüngere und ein paar ältere Archetypen, schließlich handelt es sich um ein Benefizkonzert:

- Der hastige ältere Herr in Cashmere-Mantel und passendem Schal, der rastlos seiner Dame einen Weg durch die Massen bahnt, was eigentlich gar nicht notwendig ist, schließlich macht jeder bereitwillig Platz. Er scheint nicht ganz zu wissen, was hier seine Rolle ist, auf jeden Fall fühlt er sich nicht wohl: Die Situation ist nicht unter seiner Kontrolle und er hasst es sichtlich. Vor allem, weil seine Frau es merkt.

- Der langhaarige, große Typ mit dem leeren Blick. Seine haare sind offen, seine viel jüngere, viel kleinere Freundin schmiegt sich an ihn und scheint ihm etwas zu erzählen, aber er hört ihr gar nicht zu und der Musik schon gar nicht. Manchmal schaut er in ihren viel zu tiefen Ausschnitt. Das Mädchen hält ihn, die Arme hinter sich, seine eigenen hängen einfach nur herab.

- Die Frau mit dem Strickponcho, der bestimmt aus fair gehandelter Alpakawolle gemacht ist. Man sieht das Geld und sie ist sonst nie hier. Sie lächelt ständig.

- Die kleinen Nachwuchsrocker und Nachwuchspunker und Nachwuchsindiepenner, die mich an mich erinnern, wild und besoffen und total lustig sein und alles besser wissen und total behämmert noch dazu. Als ich mit Konzerten anfing, bekam ich allerdings schon Bier, das war anders.

Die Musik war eben so, wie man das bei solchen Gelegenheiten gewohnt ist – nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, so nebenher. Man geht ja sowieso eher hin, um Leute zu sehen und möglicherweise von ihnen auch wahrgenommen zu werden.

Einer tritt auf die Bühne und erzählt, wie toll das Publikum ist, weil man die 5 Euro bezahlt hat und dass man auch recht viel trinken soll, damit Haiti mehr Spendengelder bekommt. Haiti wieder heil saufen, das ist mal ein Konzept.

“Ihr seid so super!”

Ich habe Leute gesehen, die sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben. Wirklich. Wörtlich. Körperlich.

Natürlich hätte man auch den enormen Beitrag von 5 Euro einfach spenden können und danach zu einem Konzert von einer der kleinen Bands gehen können, die auch mal etwas Geld brauchen.

Dann kam so eine Band, von der ich überall hörte, sie wäre “lustig” und “Kult”, beides Alarmsignale höchster Stufe. “Lustig” bedeutet meistens das genaue Gegenteil und “Kult” bedeutet fast immer “nicht besonders gut, aber die Leute wollen es einfach gut finden und das solltest du besser auch, wenn du dazugehören willst.”

Aber ich sage ja nichts. Wenn man nicht drüber lachen kann, fühlt man sich sowieso wie auf einem anderen Planeten als die amüsierte Menge, das reicht schon aus.

Danach kam Reggae mit einem Sänger von hier, der in gestelztem Patois über seine Fähigkeiten als Liebhaber sang. Immer wieder.

Reggae macht mich jedes Mal müde.

Und ich habe mich verzogen, wieder raus in die Kälte.

Wenn der graue Matsch wieder gefroren ist und das Licht aus den Straßenlaternen im richtigen Winkel darauf fällt, dann funkelt er wie ein Schatz aus abertausenden Diamanten. Vielleicht sind es auch erstarrte Sterne. Wusstet ihr das?

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1264175240448.jpg Man dachte ja eigentlich schon, dass es – das Wetter nämlich – noch eine Weile widerlich bleiben würde, aber das Wetter hat so seine Rückzugsgebiete, in denen bedrohte Arten noch ein wenig länger ihr Dasein fristen können – ich habe die letzten Tage in einem Reservat für “Klirrende Kälte” verbracht. Wider Erwarten war es dort ausgesprochen still, dafür aber gleich doppelt so kalt wie befürchtet. Dieser Ort befindet sich nicht etwa in der Nähe von Spitzbergen, sondern in Niedersachsen.

Also ein hervorragender Ort für eine Fortbildung – wenn man sich während eines Seminars nicht wünscht, doch lieber nach draußen zu gehen, dann kann man die Motivation der Leitung sehr gut nachvollziehen.

Ebenso gut konnte man die Motivation der Leitung nachvollziehen, an diesem Ort keine warme Mahlzeit zu sich nehmen zu wollen und ebenso wenig in den zwangsweise überheizten Zimmern zu übernachten. In beiden Fällen leider viel zu spät.

Ich hab was gelernt, ich bin wieder da.

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Vermutlich nicht genau das, was man in einer schrecklichen Notlage so kurz vor der erhofften Erlösung lesen möchte.

*

Eine sehr feine Piratenparty. Beinahe hätte ich mich doch verkleidet, obwohl unser Kopftuchvorrat so schnöde sabotiert wurde1, aber meine Küchentücher sind zu klein für meinen Kopf.

Fühlte sich an wie das Ende einer Ära an. Wohl der letzte Triumpf einer klassischen Partygruppe und ich bin ganz schön traurig deswegen.

Deswegen hat es wohl auch so fürchterlich gegossen.

  1. Wider Erwarten hatte keiner mehr eines. Sie sind gestohlen worden. []

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Wie beinahe immer, wenn ich mal frei habe, werde ich dann bald auch krank. Wie immer, wenn ich krank werde, werde ich richtig krank. Wie immer, wenn ich richtig krank war und es mir nur eine Winzigkeit besser geht – sprich: Ich kann mich auf den Beinen halten – muss ich unbedingt raus. Das ist sehr wichtig, denn sonst werde ich sehr traurig. Es ist außerdem sehr unvernünftig.

Wenigstens fahre ich nicht selbst, ich lasse mich bei Frau Alltagsbrei, mit der ich dann dahin gehe, wo man als Nichtganzbielefelder zusammen mit den Bielefeldern hingeht – auf den Siegfriedplatz1 natürlich, da wo das Pflaster warm, der Verkehrslärm vernachlässigbar, das Bier teuer und die Toiletten nah sind. Es gibt Leute, die diesen Ort aus ihren erweiterten Balkon betrachen; diese Beschreibung passt ziemlich gut. Ich habe meine Versehrtenausrüstung dabei, britische Hustenpastillen, ein paar Tabletten, eine Thermoskanne mit schwarzem Tee und eine Decke. Ich fühl mich super. Verhältnismäßig super.

Die Bielefelder Bloggerblase ballt sich zusammen, dazu die Musiker, die sich auf Myspace zusammenrotten und wohl glauben, etwas Besseres zu sein (ha!). “Hey, Denis, hast du ‘nen Öffner odern Feuerzeuch?” Ich habe keine Ahnung, wer der Mann ist. Etwas vorwurfsvoll erleuchtet er mich – es ist Greebo78, der sich darüber beklagt, dass ich seine Aktualisierungen auf Twitter.com nicht abonniert hätte. So ganz stimmt das nicht2. “Twitter? Was ist das denn? Braucht man das?” Die junge Dame steht gleich im Mittelpunkt des Interesses. Braucht man nicht, versichert man reihum. Wie sich herausstellt, sind außer ihr und ihren Freundinnen 90% der zunehmend akoholisierten Umsitzenden Twitterer, 10% schweigen.

Scheinbar werde ich mehr gelesen als ich vermutet hatte, ich bin sogar sicher, dass ich an diesem Tag die bestpublizierten Hustenanfälle der Stadt habe. Dauernd werde ich darauf angesprochen, was mir peinlich ist. Die Raucher tun das, woher sie ihren Namen haben, was mehr Gehuste und Gekröchel meinerseits zur Folge hat. Außerdem ist der Tee alle. Ich spüre, wie ich mir die Kraft aus den Knochen rieselt; eigentlich sollte ich ins Bett. Aber noch ist es hell genug und ich kann mir ein paar Notizen machen.

Es gibt wichtige Gespräche. Die Musiker glucken zusammen und reden Musikerzeug, dabei trinken sie Bier und Wein, der Rest trinkt Bier und Wein. Die entscheidenden Unterschiede eines Katers nach übermäßigem Genuss von Sambuca und Tequila werden diskutiert; ich glaube, Tequila macht den besseren, Sambuca mag ich nämlich nicht.

Meine nächsten Fahrer wollen los, die nächste Station – tanzen gehen. Die Parkplatzsuche wird schwierig und so ennervierend, dass erst einmal ein paar Minuten gesungen werden muss, um überschüssige Energie abzubauen und das Auto überhaupt verlassen zu können. Ich bin heiser und beobachte das lieber erbärmlich hustend von draußen, bis wir uns auf den Fussweg machen. Weit über dem Wagen hatten sich während der letzten Minuten ein paar Fenster erleuchtet. Die Leute in dieser Straße haben ganz offensichtlich keinen Sinn für Musik. Hoffentlich rufen die nicht die Polente.

Ich merke, dass ich fiebere. Zeit für mein Glas Wasser und die Tabletten dazu; ich habe klapprige Knie, beschließe das zu ignorieren, denn ich habe Spaß, trotzdem. Wir beobachten Leute, die in dunklen Innenhöfen neue Episoden von Dittsche aufnehmen. Die Leute sind alles Mädchen, was die Sache auf eine ganz neue künstlerische Ebene hebt; zudem trinken sie im Gegensatz zu Herrn Dittrich ganz sicher kein alkoholfreies Bier. Herr Dittrich kann seinen Bademantel einpacken, find ich.

Im Kamp sei nichts los, sagt das rauchende Volk vor der Tür. Wir gehen trotzdem rein, es wird nämlich kalt. Der Unteram einer kurzbeärmelten Person neben mir zeigt eine kapitale Gänsehaut. All die sonst unsichtbaren feinen Härchen stehen im rechten Winkel ab, es sieht flauschig aus. Drinnen mache ich den großen Fehler, die Tanzschuhe von Little James für Gummistiefel zu halten. Ein verzeihlicher Fehler, besitze ich doch gar keine Tanzschuhe und kann mir darüber kein Urteil erlauben – ganz im Gegensatz zu James, die behauptet, ausschließlich Tanzschuhe zu besitzen, die eben manchmal wie Gummistiefel aussehen. Sehr stylische Gummistiefel. Ich entschuldige mich.

Habt ihr schonmal gelesen, dass Kaffee angeblich wie glühende Lava3. durch den Körper fließt? Ein klassisches Klischee. Der Kaffee im Kamp fühlt sich wie glühende Lava an, die langsam durch mich sickert. Meine Stirn ist heiß und ich heize den Raum wie ein Kachelofen, das fühle ich genau. Aber die Energie ist wieder da, ich kann beinahe den Takt mitwippen, wenn ich dabei sicher an eine Wand gelehnt stehe. Es ist nichts los, dafür ist die Musik gut. Ich fühle mich leicht und unbesiegbar und unsagbar cool; kein gutes Zeichen.

Mir fällt ein genialer Schlachtpläne ein, mit dessen Hilfe meine Begleitung endlich ihr Zielobjekt ins Gespräch und vermutlich einen beneidenswerten Zustand ewigen Glückseligkeit bringen wird. Ich bin so verdammt selbstlos.

Eine junge und erfreulich leichtbekleidete Dame spricht mich an, sie hat mich beim notieren auf dem Siggi beobachtet und bezeichnet mich als Schriftsteller. Ich stammele herum, dass ich nur ein Blog betreibe und dass ich ganz ehrlich kein Dichter bin- doch, bin ich, da ist sie hartnäckig – und das ich keine Bücher geschrieben hätte, die ich für sie signieren könnte – sie besteht trotzdem darauf, dass ich ihr eines schicke. Ich verspreche es.

Während wir uns unterhalten, tauchen große, schwankende Typen in schwarzen Blazern und zu viel schmierigem Zeug in den Haaren auf. Schwarze Blazer sind immer Grund zu Sorge. Vermutlich trägt man so etwas automatisch, wenn man regelmäßig kokst. Diese Leute gehören hier nicht hin.

Der eine Vollhorst quakt meinen Fan an, mitten in der Stunde für kreatives Schreiben. Nicht nur dass er mein Seminar stört, er spricht auch direkt mit ihrem Busen. Sie ist ziemlich klein, was seine Blickrichtung so offensichtlich macht, sie ist aber auch so angetrunken, dass sie es nicht bemerkt. Sein Kumpel ist stiller Genießer, er schaut über seines Kompagnons Schulter hinweg auf ihre Brüste.

Ich bemerke es und entwickle eine stille, gewaltige, paracetamolbefeuerte Wut. Nur nichts eskalieren lassen und nichts spitzzüngiges sagen, oder? Verdammt leicht gesagt, wenn man Gewaltphantasien hat. Ich will vielleicht die Frau nicht abschleppen, aber die sollen das schon gar nicht. Immerhin hat sie Geschmack und muss gut behandelt werden. Auch wenn sie nie eine Zeile von mir gelesen hat.

Wie immer wenn solche Zeitgenossen gern eine Frau abschleppen wollen, die bereits mit jemand anderem im Gespräch ist, sprechen sie den Mann an – das wäre in diesem Fall ich. Dieses spezielle Exemplar versucht es mit Zaubertricks. Ich habe keine Lust, möchte aber auch nicht verhauen werden und füge mich also in diese Schicksal.

Er bekommt den Trick nicht hin, glaubt mir aber dafür, dass er es mit “Günther” und “Hannelore” zu tun hat; wenn er sie oder mich wiedersehen will, einfach fragen – uns kennt hier jeder.

Er will meinem Fan “was zeigen”, hinter dem Haus. Sie geht mit, zirka 5 Meter. Ich höre sie hinter der Ecke reden, sie verarscht ihn. Ich bin nicht wenig stolz auf meine Fangemeinde und trotzdem froh, ihr nicht meine Weisheiten über das Dichterleben verkündigen zu müssen. Ich merke auch, wie meine Knie weich werden. Zeit, die Heimfahrt zu organisieren.

Als ich zuhause ankomme, habe ich 38.4°C Fieber und schlafe bereits, als ich auf dem Bett aufschlage. Das klingt wenigstens gut.

(Keine Sorge, ich habe mich weitgehend erholt.)

  1. Kumpelhafter: “Siggi” []
  2. Aber nun habe ich das ja nachgeholt, nicht wahr? []
  3. Gibt es nicht-glühende Lava? Egal, die Phrase geht nunmal so. []

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SNFU

Man wird mit der Zeit ziemlich vorsichtig, wenn man ein paar Konzerte altgedienter Musiker besucht, die vielleicht ihre besten Zeiten hinter sich haben. Mit etwas Glück ist noch all das da, was man mal an ihrem Kram geliebt hat, auch wenn das nicht mehr so viele Leute hören wollen, egal. Manchmal geht es einfach nur noch um die Knete und das merkt man dann auch; egal wie gut die Show war: Da hatte jemand keinen Spaß. Schlimmer: Wenn da nur noch ein Schatten alten Ruhmes steht vor einem steht. Man sollte niemals Mitleid haben müssen, wenn man zu einem Konzert geht. Fürchterlich.

Das gilt alles doppelt und dreifach für Punkbands, für die mal um mehr als nur um Musik ging und ein paar Ideen wichtiger waren als ein eher überflüssiger dritter Akkord, der den Song auch nur unnötig kompliziert gemacht hätte. Gerade die Mitglieder der frühen Bands aus USA und Kanada hatten ein unglaublich1 hartes Leben, praktisch obdachlos und daher permanent auf Tour, fast immer ohne Geld und manchmal tagelang ohne Essen. Das hinterlässt Spuren an Leib und Seele. Meistens sind es nicht nicht einfach Spuren, es sind eher Krater. Heute ist es nicht mehr so schlimm, und ein paar Gestalten haben durchgehalten, fast alle davon sehen aus wie 90jährige. Du kannst manchmal spüren, dass es die letzte Tour ist, ein bisschen Knete noch, um die letzten Jahre noch rumzukriegen. Ein bitterer Geschmack mischt sich ungefragt ein und versaut einem die Erinnerung. Solche Musik sollte einen nicht traurig machen, wenn man sie hört. Man sollte rechtzeitig aufhören, aber das ist eine große Kunst. Selbst für große Künstler.

Ich hatte also meine Vorbehalte, zum SNFU zu fahren. Die waren großartig, sie konnten spielen, sie hatten tolle Songs und einen absolut phänomenalen Sänger in Mr. Chi Pig himself. Okay, wir gehen hin. Wenn nicht, bereut man es ja sowieso.

Mr Chi Pig läuft die ganze Zeit durch den Saal, über den Hof, überhaupt überall herum, leicht gebückt. Chi sieht inzwischen aus wie eine ausgemergelte Version von Fuzzy, dem uralten Hilfssheriff aus “Western von Gestern”; ihr . Das viel zu weite Hemd schlottert um ihn herum, der fusselige Bart steht ein wenig ab, ein interessanter Kontrast zu seiner gefährlich aussehenden Hakennase. Er trägt eine riesige Fellmütze mit großen Ohren. Ein irrer mongolischer Trapper, dessen Augen unter der Mütze blitzen. Er lacht oft, ein heiseres Rentnerlachen.

Warum er keine Platten mithat, zum verkaufen? Er starrt seinen Merchandisemenschen entgeistert an. “We forgot the fuckin’ music, man! Just T-Shirts, sorry.”

Der Saal ist nach den ersten beiden Bands voll, zum Glück. Die Leute da vorn sind Helden, man will ja auch nicht, dass sie enttäuscht sind. Na gut: Es sind vielleicht nur 1,75 Helden – es ist natürlich nicht die Originalbesetzung. Die Spannung ist trotzdem da, mit den üblichen Vorbehalten. Oh bitte, sie sollten nicht scheiße sein.

Spielen können sie jedenfalls, eine enorme Lautstärke, Chi Pig grinst ein etwas hohles Grinsen unter seine nun immer deutlicher funkelnden augen und legt los. Er hatte früher nicht nur eine gute Stimme, er konnte dazu auch wirklich singen, nichts mehr davon ist da: Er hustet so halb seine Songs heraus, halb brüllt er sie, fast unverständlich, weil er keine Zähne mehr hat. Aber es funktioniert, er macht das locker mit einer rückhaltlosen Charmeoffensive wett, er lacht, nuschelt kleine Witze, die man nur halbwegs versteht. Da ist kein Mitleid dabei, der Mann ist gut, er rangiert weit oben in einer Liga, in der nur er allein Spielberechtigung hat. Springt herum wie ein Derwisch, manchmal würgt er die Besucher in den ersten Reihen freundlich, gelegentlich als Batman oder Schwein maskiert. Er hat seine Würde nicht verloren. Die haben alle Spaß.

Solche alten Knacker können einen ganz schön schaffen. Mein armer Rücken… und überall blaue Flecke…

  1. “Unglaublich” ist hier mal wörtlich zu nehmen. []

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