Wie beinahe immer, wenn ich mal frei habe, werde ich dann bald auch krank. Wie immer, wenn ich krank werde, werde ich richtig krank. Wie immer, wenn ich richtig krank war und es mir nur eine Winzigkeit besser geht – sprich: Ich kann mich auf den Beinen halten – muss ich unbedingt raus. Das ist sehr wichtig, denn sonst werde ich sehr traurig. Es ist außerdem sehr unvernünftig.
Wenigstens fahre ich nicht selbst, ich lasse mich bei Frau Alltagsbrei, mit der ich dann dahin gehe, wo man als Nichtganzbielefelder zusammen mit den Bielefeldern hingeht – auf den Siegfriedplatz natürlich, da wo das Pflaster warm, der Verkehrslärm vernachlässigbar, das Bier teuer und die Toiletten nah sind. Es gibt Leute, die diesen Ort aus ihren erweiterten Balkon betrachen; diese Beschreibung passt ziemlich gut. Ich habe meine Versehrtenausrüstung dabei, britische Hustenpastillen, ein paar Tabletten, eine Thermoskanne mit schwarzem Tee und eine Decke. Ich fühl mich super. Verhältnismäßig super.
Die Bielefelder Bloggerblase ballt sich zusammen, dazu die Musiker, die sich auf Myspace zusammenrotten und wohl glauben, etwas Besseres zu sein (ha!). “Hey, Denis, hast du ‘nen Öffner odern Feuerzeuch?” Ich habe keine Ahnung, wer der Mann ist. Etwas vorwurfsvoll erleuchtet er mich – es ist Greebo78, der sich darüber beklagt, dass ich seine Aktualisierungen auf Twitter.com nicht abonniert hätte. So ganz stimmt das nicht. “Twitter? Was ist das denn? Braucht man das?” Die junge Dame steht gleich im Mittelpunkt des Interesses. Braucht man nicht, versichert man reihum. Wie sich herausstellt, sind außer ihr und ihren Freundinnen 90% der zunehmend akoholisierten Umsitzenden Twitterer, 10% schweigen.
Scheinbar werde ich mehr gelesen als ich vermutet hatte, ich bin sogar sicher, dass ich an diesem Tag die bestpublizierten Hustenanfälle der Stadt habe. Dauernd werde ich darauf angesprochen, was mir peinlich ist. Die Raucher tun das, woher sie ihren Namen haben, was mehr Gehuste und Gekröchel meinerseits zur Folge hat. Außerdem ist der Tee alle. Ich spüre, wie ich mir die Kraft aus den Knochen rieselt; eigentlich sollte ich ins Bett. Aber noch ist es hell genug und ich kann mir ein paar Notizen machen.
Es gibt wichtige Gespräche. Die Musiker glucken zusammen und reden Musikerzeug, dabei trinken sie Bier und Wein, der Rest trinkt Bier und Wein. Die entscheidenden Unterschiede eines Katers nach übermäßigem Genuss von Sambuca und Tequila werden diskutiert; ich glaube, Tequila macht den besseren, Sambuca mag ich nämlich nicht.
Meine nächsten Fahrer wollen los, die nächste Station – tanzen gehen. Die Parkplatzsuche wird schwierig und so ennervierend, dass erst einmal ein paar Minuten gesungen werden muss, um überschüssige Energie abzubauen und das Auto überhaupt verlassen zu können. Ich bin heiser und beobachte das lieber erbärmlich hustend von draußen, bis wir uns auf den Fussweg machen. Weit über dem Wagen hatten sich während der letzten Minuten ein paar Fenster erleuchtet. Die Leute in dieser Straße haben ganz offensichtlich keinen Sinn für Musik. Hoffentlich rufen die nicht die Polente.
Ich merke, dass ich fiebere. Zeit für mein Glas Wasser und die Tabletten dazu; ich habe klapprige Knie, beschließe das zu ignorieren, denn ich habe Spaß, trotzdem. Wir beobachten Leute, die in dunklen Innenhöfen neue Episoden von Dittsche aufnehmen. Die Leute sind alles Mädchen, was die Sache auf eine ganz neue künstlerische Ebene hebt; zudem trinken sie im Gegensatz zu Herrn Dittrich ganz sicher kein alkoholfreies Bier. Herr Dittrich kann seinen Bademantel einpacken, find ich.
Im Kamp sei nichts los, sagt das rauchende Volk vor der Tür. Wir gehen trotzdem rein, es wird nämlich kalt. Der Unteram einer kurzbeärmelten Person neben mir zeigt eine kapitale Gänsehaut. All die sonst unsichtbaren feinen Härchen stehen im rechten Winkel ab, es sieht flauschig aus. Drinnen mache ich den großen Fehler, die Tanzschuhe von Little James für Gummistiefel zu halten. Ein verzeihlicher Fehler, besitze ich doch gar keine Tanzschuhe und kann mir darüber kein Urteil erlauben – ganz im Gegensatz zu James, die behauptet, ausschließlich Tanzschuhe zu besitzen, die eben manchmal wie Gummistiefel aussehen. Sehr stylische Gummistiefel. Ich entschuldige mich.
Habt ihr schonmal gelesen, dass Kaffee angeblich wie glühende Lava. durch den Körper fließt? Ein klassisches Klischee. Der Kaffee im Kamp fühlt sich wie glühende Lava an, die langsam durch mich sickert. Meine Stirn ist heiß und ich heize den Raum wie ein Kachelofen, das fühle ich genau. Aber die Energie ist wieder da, ich kann beinahe den Takt mitwippen, wenn ich dabei sicher an eine Wand gelehnt stehe. Es ist nichts los, dafür ist die Musik gut. Ich fühle mich leicht und unbesiegbar und unsagbar cool; kein gutes Zeichen.
Mir fällt ein genialer Schlachtpläne ein, mit dessen Hilfe meine Begleitung endlich ihr Zielobjekt ins Gespräch und vermutlich einen beneidenswerten Zustand ewigen Glückseligkeit bringen wird. Ich bin so verdammt selbstlos.
Eine junge und erfreulich leichtbekleidete Dame spricht mich an, sie hat mich beim notieren auf dem Siggi beobachtet und bezeichnet mich als Schriftsteller. Ich stammele herum, dass ich nur ein Blog betreibe und dass ich ganz ehrlich kein Dichter bin- doch, bin ich, da ist sie hartnäckig – und das ich keine Bücher geschrieben hätte, die ich für sie signieren könnte – sie besteht trotzdem darauf, dass ich ihr eines schicke. Ich verspreche es.
Während wir uns unterhalten, tauchen große, schwankende Typen in schwarzen Blazern und zu viel schmierigem Zeug in den Haaren auf. Schwarze Blazer sind immer Grund zu Sorge. Vermutlich trägt man so etwas automatisch, wenn man regelmäßig kokst. Diese Leute gehören hier nicht hin.
Der eine Vollhorst quakt meinen Fan an, mitten in der Stunde für kreatives Schreiben. Nicht nur dass er mein Seminar stört, er spricht auch direkt mit ihrem Busen. Sie ist ziemlich klein, was seine Blickrichtung so offensichtlich macht, sie ist aber auch so angetrunken, dass sie es nicht bemerkt. Sein Kumpel ist stiller Genießer, er schaut über seines Kompagnons Schulter hinweg auf ihre Brüste.
Ich bemerke es und entwickle eine stille, gewaltige, paracetamolbefeuerte Wut. Nur nichts eskalieren lassen und nichts spitzzüngiges sagen, oder? Verdammt leicht gesagt, wenn man Gewaltphantasien hat. Ich will vielleicht die Frau nicht abschleppen, aber die sollen das schon gar nicht. Immerhin hat sie Geschmack und muss gut behandelt werden. Auch wenn sie nie eine Zeile von mir gelesen hat.
Wie immer wenn solche Zeitgenossen gern eine Frau abschleppen wollen, die bereits mit jemand anderem im Gespräch ist, sprechen sie den Mann an – das wäre in diesem Fall ich. Dieses spezielle Exemplar versucht es mit Zaubertricks. Ich habe keine Lust, möchte aber auch nicht verhauen werden und füge mich also in diese Schicksal.
Er bekommt den Trick nicht hin, glaubt mir aber dafür, dass er es mit “Günther” und “Hannelore” zu tun hat; wenn er sie oder mich wiedersehen will, einfach fragen – uns kennt hier jeder.
Er will meinem Fan “was zeigen”, hinter dem Haus. Sie geht mit, zirka 5 Meter. Ich höre sie hinter der Ecke reden, sie verarscht ihn. Ich bin nicht wenig stolz auf meine Fangemeinde und trotzdem froh, ihr nicht meine Weisheiten über das Dichterleben verkündigen zu müssen. Ich merke auch, wie meine Knie weich werden. Zeit, die Heimfahrt zu organisieren.
Als ich zuhause ankomme, habe ich 38.4°C Fieber und schlafe bereits, als ich auf dem Bett aufschlage. Das klingt wenigstens gut.
(Keine Sorge, ich habe mich weitgehend erholt.)
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