Ich gehe nicht oft unter der Woche aus, aber dieses Mal sind zwei Bands da, die ich gern für so wenig Geld sehen will; Frittenbude und Juri Gagarin; beide machen Elektrisches Mit Gitarren Und Stimmen Drin.
Es ist gut besucht, aber es dauert immer sehr lange, bis endlich jemand den Entschluss fasst, mit der Musik anzufangen – schließlich könnte es ja noch voller werden, oder? Musiker und Veranstalter zögern gern den ersten Akkord bis zum Äußersten hinaus und in Bielefeld ist man da besonders geduldig.
Eine ganze Schulklasse ist da. Sie stechen aus der Masse der Gäste heraus. Ich finde es gut, dass sie da sind, weil sie so gar nicht dazuzugehören scheinen, dafür aber gute Laune haben, lachen und die Thekenmannschaft mit komplexen Cocktailbestellungen hoffnungslos überfordern.
Die Frittenbude macht so etwas wie seltsamem Rap mit gelegentlich komischen Texten, ne, die meinen das nicht ernst. (Oder?). Die Beats sind aber gut. Ich wippe etwas mit, während ich in Gedanken weit weg bin. Es gibt an jedem Ausgehabend einen Moment, in dem mir Menschen in den Sinn kommen, die ich gern um mich hätte, welche die nur wenige Minuten von mir entfernt leben und welche, die einen Viertelplaneten weit weg sind. Wenn das Gefühl zu stark wird, fahre ich meistens schnell nach Hause, was nicht selten ist. Wenn ich es unterdrücken kann, drückt die Einsamkeit von innen gegen das Brustbein, aber es geht weiter. Sie bleibt nur bei ganz wenigen Menschen ganz und gar weg, aber die sind nicht da.
Ich würde ja gar nichts über mich erzählen, wirft mir mein Begleiter in der Umbaupause vor. Ich entgegne, dass ich mich auf das Positive konzentrieren will; das wäre dann auch schneller berichtet. Man lacht.
Es geht sich gut an mit der Musik, ich kann tanzen und schiebe all das beiseite, in Bewegung zu sein hilft dabei; Juri Gagarin können das gut – eine Band, die nicht nur Wodka für das Publikum bereithält, sondern auch noch Salzgurken nachreicht, gewinnt ganz sicher einiges an Sympathie; jedenfalls auf meiner Seite. Auch wenn ich keine Gurken abbekommen habe, der Gedanke zählt. Sie klingen kunstvoll monoton, dazu kann ich mich gut in der Kunst der taktvollen Gewichtsverlagerung üben.
Vor der Zugabe entern gleich zwei politisch motivierte Menschen die Bühne und bitten darum a) dass Samstag (“SAMSTAG! Ihr wisst was Samstag ist” – Nein, ich hatte keine Ahnung) “Köln brennen soll.” (Vermutlich etwas gegen die Faschisten.) Punkt b) ist irgendeine Parole über Kasachstan, die ich nicht verstehe, weil sie in der Landessprache gehalten ist.
Der nächste hält ein Bild hoch und nennte eine Adresse, vermutlich noch ein böser Nazi, der nun … was soll die Meute nun eigentlich mit ihm anstellen? Bevor er einen Namen nennen kann, wird er von einem Bandfreund kunstvoll vom Mikro fortgealbert. Gerade noch rechtzeitig, um mir nicht die Laune zu versauen. Ich kann diese Typen nicht leiden.
Ah, ich amüsierte mich doch ganz gut. Was solls.
Danach geht’s nach Hause, die Nacht ist klar und leer.
Einer geht über einen Zebrastreifen, eigentlich bewegt er sich fast in einer beweglichen Hocke vorwärts, denn er schiebt auf einem dieser verchromten Tretroller sehr langsam eine kleine hölzerne Kiste vor sich her, die ständig herunterzukippen droht. Der Bebrillte sieht sehr geschäftig aus. Wir stören nicht und fahren weiter.
Ich setze alle korrekt ab und dann bin ich auch bald da. Als ich ankomme, streicht mit die Katze um die Beine, die Einsamkeit ist auch da, wartet oben in meinem Zimmer. Man hat sich ja so aneinander gewöhnt.
Morgen sollte ich wieder ausgehen, unbedingt.
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