AJZ-Bielefeld

Artikel mit dem Stichwort AJZ-Bielefeld.

2009-11-29 04.07.48.jpg

Vermutlich nicht genau das, was man in einer schrecklichen Notlage so kurz vor der erhofften Erlösung lesen möchte.

*

Eine sehr feine Piratenparty. Beinahe hätte ich mich doch verkleidet, obwohl unser Kopftuchvorrat so schnöde sabotiert wurde1, aber meine Küchentücher sind zu klein für meinen Kopf.

Fühlte sich an wie das Ende einer Ära an. Wohl der letzte Triumpf einer klassischen Partygruppe und ich bin ganz schön traurig deswegen.

Deswegen hat es wohl auch so fürchterlich gegossen.

  1. Wider Erwarten hatte keiner mehr eines. Sie sind gestohlen worden. []

Schlagworte: , , ,

Das Buchcover ist nicht wie das Plakat

Ich habe vielleicht schon einmal darüber geschrieben, dass ich “America” von Allen Ginsberg früh gehört habe und sehr mochte, auch wegen seiner Stimme und wie er vortrug, das ganze Stück, im Ganzen. Aber da wusste ich noch nicht, dass es sich um Ginsberg handelte, ich habe es erst kurz nach seinem Tod herausgefunden, als ich ihn noch einmal im Radio sprechen hörte; diese Stimme höre ich immer noch in meinem Kopf, wenn ich etwas von ihm lese. Ich nahm an, dass dieses mein erster richtiger Kontakt mit ihm war.

Ich irrte mich, wie meistens in solchen Dingen.

Im Haus meines Bruders ist noch immer nicht alles eingerichtet, wohl auch weil er sich scheinbar noch nicht ganz im Klaren über die richtigen Orte für diesen und jenen Gegenstand ist. Einiges steht einfach herum. Auf dem Klo steht ein eingerahmtes Plakat von Eric Drooker.

Mitte der 90er Jahre war Drooker populär in Deutschland, nicht nur wegen seiner politischen Ader, sondern vor allem wegen seiner Cover für die Punkband …But Alive. Ich war nie der allergrößte Fan der Band, aber auf Konzerte ging ich trotzdem gern und bei diesem – es fand im AJZ Bielefeld statt, da bin ich immer noch oft – war Drooker dabei. Er hielt einen Diavortrag – eine Bildergeschichte, die “Flood!” hieß und von ihm kommentiert wurde. Die Bilder waren einfacher, kratziger als die Sachen, die man heute von ihm sieht. Er hatte eine angenehme, ruhige Stimme, im Hintergrund spielte der Mischpultmensch ein paar Tonspuren ab, Gewitter und Regen, passend zum Stück. Dann erzähle Drooker von Ginsberg, mit dem er gerade zusammenarbeite und ich glaube, er hat auch etwas von ihm vorgetragen, fast bin ich mir sicher.

Ich kann mich erinnern, wie es erst laut war, das Publikum bestand aus vielen, vielen Punks und sie waren nicht recht vorbereitet, dann wurde es leiser und man hörte nur noch Drooker und seinen Vortrag, das Klacken des Diaprojektors, wenn ein neues Bild an die Reihe kam und zwischendurch das klimpern von Bierflaschen.

Die Band konnte danach nur abfallen und so kam es dann auch.

Auf der Webseite findet sich auch ein kurzer Text von Ginsberg an Drooker. Seltsam, wie sich der Kreis schließt. Wer weiß, vielleicht habe ich noch frühere Erinnerungen an Ginsberg, die ich erst noch aus den Tiefen meines Gedächtnisses bergen muss…

Schlagworte: , , , ,

SNFU

Man wird mit der Zeit ziemlich vorsichtig, wenn man ein paar Konzerte altgedienter Musiker besucht, die vielleicht ihre besten Zeiten hinter sich haben. Mit etwas Glück ist noch all das da, was man mal an ihrem Kram geliebt hat, auch wenn das nicht mehr so viele Leute hören wollen, egal. Manchmal geht es einfach nur noch um die Knete und das merkt man dann auch; egal wie gut die Show war: Da hatte jemand keinen Spaß. Schlimmer: Wenn da nur noch ein Schatten alten Ruhmes steht vor einem steht. Man sollte niemals Mitleid haben müssen, wenn man zu einem Konzert geht. Fürchterlich.

Das gilt alles doppelt und dreifach für Punkbands, für die mal um mehr als nur um Musik ging und ein paar Ideen wichtiger waren als ein eher überflüssiger dritter Akkord, der den Song auch nur unnötig kompliziert gemacht hätte. Gerade die Mitglieder der frühen Bands aus USA und Kanada hatten ein unglaublich1 hartes Leben, praktisch obdachlos und daher permanent auf Tour, fast immer ohne Geld und manchmal tagelang ohne Essen. Das hinterlässt Spuren an Leib und Seele. Meistens sind es nicht nicht einfach Spuren, es sind eher Krater. Heute ist es nicht mehr so schlimm, und ein paar Gestalten haben durchgehalten, fast alle davon sehen aus wie 90jährige. Du kannst manchmal spüren, dass es die letzte Tour ist, ein bisschen Knete noch, um die letzten Jahre noch rumzukriegen. Ein bitterer Geschmack mischt sich ungefragt ein und versaut einem die Erinnerung. Solche Musik sollte einen nicht traurig machen, wenn man sie hört. Man sollte rechtzeitig aufhören, aber das ist eine große Kunst. Selbst für große Künstler.

Ich hatte also meine Vorbehalte, zum SNFU zu fahren. Die waren großartig, sie konnten spielen, sie hatten tolle Songs und einen absolut phänomenalen Sänger in Mr. Chi Pig himself. Okay, wir gehen hin. Wenn nicht, bereut man es ja sowieso.

Mr Chi Pig läuft die ganze Zeit durch den Saal, über den Hof, überhaupt überall herum, leicht gebückt. Chi sieht inzwischen aus wie eine ausgemergelte Version von Fuzzy, dem uralten Hilfssheriff aus “Western von Gestern”; ihr . Das viel zu weite Hemd schlottert um ihn herum, der fusselige Bart steht ein wenig ab, ein interessanter Kontrast zu seiner gefährlich aussehenden Hakennase. Er trägt eine riesige Fellmütze mit großen Ohren. Ein irrer mongolischer Trapper, dessen Augen unter der Mütze blitzen. Er lacht oft, ein heiseres Rentnerlachen.

Warum er keine Platten mithat, zum verkaufen? Er starrt seinen Merchandisemenschen entgeistert an. “We forgot the fuckin’ music, man! Just T-Shirts, sorry.”

Der Saal ist nach den ersten beiden Bands voll, zum Glück. Die Leute da vorn sind Helden, man will ja auch nicht, dass sie enttäuscht sind. Na gut: Es sind vielleicht nur 1,75 Helden – es ist natürlich nicht die Originalbesetzung. Die Spannung ist trotzdem da, mit den üblichen Vorbehalten. Oh bitte, sie sollten nicht scheiße sein.

Spielen können sie jedenfalls, eine enorme Lautstärke, Chi Pig grinst ein etwas hohles Grinsen unter seine nun immer deutlicher funkelnden augen und legt los. Er hatte früher nicht nur eine gute Stimme, er konnte dazu auch wirklich singen, nichts mehr davon ist da: Er hustet so halb seine Songs heraus, halb brüllt er sie, fast unverständlich, weil er keine Zähne mehr hat. Aber es funktioniert, er macht das locker mit einer rückhaltlosen Charmeoffensive wett, er lacht, nuschelt kleine Witze, die man nur halbwegs versteht. Da ist kein Mitleid dabei, der Mann ist gut, er rangiert weit oben in einer Liga, in der nur er allein Spielberechtigung hat. Springt herum wie ein Derwisch, manchmal würgt er die Besucher in den ersten Reihen freundlich, gelegentlich als Batman oder Schwein maskiert. Er hat seine Würde nicht verloren. Die haben alle Spaß.

Solche alten Knacker können einen ganz schön schaffen. Mein armer Rücken… und überall blaue Flecke…

  1. “Unglaublich” ist hier mal wörtlich zu nehmen. []

Schlagworte: , , ,

Delightful

Wenn man vom recht leeren AJZ aus zur FH-Design-Party fährt, um dort angekommen insgeheim und privat die mangelhafte Eignung dieser neuen Veranstaltung zu konstatieren, dann ist folgende Begebenheit auf jeden Fall Grund zu großer Freunde und vielleicht sogar eines der sechs glücklichmachenden Dinge (Aber ein Moment ist ja kein Ding, oder?):

Wenn einer von euch sagt: “Na, dann können wir doch auch wieder ins AJZ gehen, oder?”

Und dann alle, im Chor – stellt euch etwas mystischen Hall dazu vor. Moment – Herr Tontechniker, darf ich bitten? Jetzt: “Jaaaa. Genau!

Schön, wenn man dasselbe denkt. Das war so ziemlich die kürzeste ‘Bad Taste’ Party, an die ich mich erinnern kann.

Schlagworte: , , ,

Zong!

Gestern spielten im AJZ Zong von der Insel Reunion1, aber das legte ja schon der Titel dieses Beitrags nahe. Die waren fantastisch, muss ich sagen. So eine trippige, punkige, fette Sache in Dub, zu der man gut tanzen kann.

ZOng's Live au MOulin de brainans November 2007

Französische Lieder sind oft entspannend für mich, weil ich kein Wort verstehe. Die mit den englischen Texten waren allerdings genauso fein, die habe ich aufgrund des Akzents auch nicht verstanden. Waren alle toll.

Zong haben einen unglücklichen Namen. Ansonsten sollte man die aufsuchen, wenn sie in der Gegend spielen. Für drei! Euro sind sie das bestimmt wert. Ich habe gehört, dass sie beim Auftritt davor (in Amsterdam?) vor acht Seelen musiziert haben. Das kann ja wohl nicht sein.

  1. Nahe bei Madagaskar, 30km Durchmesser, mit Vulkan drauf. Ein Stückchen weg. []

Schlagworte: ,

Ich gehe nicht oft unter der Woche aus, aber dieses Mal sind zwei Bands da, die ich gern für so wenig Geld sehen will; Frittenbude und Juri Gagarin; beide machen Elektrisches Mit Gitarren Und Stimmen Drin.

Es ist gut besucht, aber es dauert immer sehr lange, bis endlich jemand den Entschluss fasst, mit der Musik anzufangen – schließlich könnte es ja noch voller werden, oder? Musiker und Veranstalter zögern gern den ersten Akkord bis zum Äußersten hinaus und in Bielefeld ist man da besonders geduldig.

Eine ganze Schulklasse ist da. Sie stechen aus der Masse der Gäste heraus. Ich finde es gut, dass sie da sind, weil sie so gar nicht dazuzugehören scheinen, dafür aber gute Laune haben, lachen und die Thekenmannschaft mit komplexen Cocktailbestellungen hoffnungslos überfordern.

Die Frittenbude macht so etwas wie seltsamem Rap mit gelegentlich komischen Texten, ne, die meinen das nicht ernst. (Oder?). Die Beats sind aber gut. Ich wippe etwas mit, während ich in Gedanken weit weg bin. Es gibt an jedem Ausgehabend einen Moment, in dem mir Menschen in den Sinn kommen, die ich gern um mich hätte, welche die nur wenige Minuten von mir entfernt leben und welche, die einen Viertelplaneten weit weg sind. Wenn das Gefühl zu stark wird, fahre ich meistens schnell nach Hause, was nicht selten ist. Wenn ich es unterdrücken kann, drückt die Einsamkeit von innen gegen das Brustbein, aber es geht weiter. Sie bleibt nur bei ganz wenigen Menschen ganz und gar weg, aber die sind nicht da.

Ich würde ja gar nichts über mich erzählen, wirft mir mein Begleiter in der Umbaupause vor. Ich entgegne, dass ich mich auf das Positive konzentrieren will; das wäre dann auch schneller berichtet. Man lacht.

Es geht sich gut an mit der Musik, ich kann tanzen und schiebe all das beiseite, in Bewegung zu sein hilft dabei; Juri Gagarin können das gut – eine Band, die nicht nur Wodka für das Publikum bereithält, sondern auch noch Salzgurken nachreicht, gewinnt ganz sicher einiges an Sympathie; jedenfalls auf meiner Seite. Auch wenn ich keine Gurken abbekommen habe, der Gedanke zählt. Sie klingen kunstvoll monoton, dazu kann ich mich gut in der Kunst der taktvollen Gewichtsverlagerung üben.

Vor der Zugabe entern gleich zwei politisch motivierte Menschen die Bühne und bitten darum a) dass Samstag (“SAMSTAG! Ihr wisst was Samstag ist” – Nein, ich hatte keine Ahnung) “Köln brennen soll.” (Vermutlich etwas gegen die Faschisten.) Punkt b) ist irgendeine Parole über Kasachstan, die ich nicht verstehe, weil sie in der Landessprache gehalten ist.

Der nächste hält ein Bild hoch und nennte eine Adresse, vermutlich noch ein böser Nazi, der nun … was soll die Meute nun eigentlich mit ihm anstellen? Bevor er einen Namen nennen kann, wird er von einem Bandfreund kunstvoll vom Mikro fortgealbert. Gerade noch rechtzeitig, um mir nicht die Laune zu versauen. Ich kann diese Typen nicht leiden.

Ah, ich amüsierte mich doch ganz gut. Was solls.

Danach geht’s nach Hause, die Nacht ist klar und leer.

Einer geht über einen Zebrastreifen, eigentlich bewegt er sich fast in einer beweglichen Hocke vorwärts, denn er schiebt auf einem dieser verchromten Tretroller sehr langsam eine kleine hölzerne Kiste vor sich her, die ständig herunterzukippen droht. Der Bebrillte sieht sehr geschäftig aus. Wir stören nicht und fahren weiter.

Ich setze alle korrekt ab und dann bin ich auch bald da. Als ich ankomme, streicht mit die Katze um die Beine, die Einsamkeit ist auch da, wartet oben in meinem Zimmer. Man hat sich ja so aneinander gewöhnt.

Morgen sollte ich wieder ausgehen, unbedingt.

Schlagworte: , ,

« Ältere Artikel

Switch to our mobile site