Ich gehe freiwillig zu Fuß obwohl es eine halbe Stunde dauern wird. Die eisige Luft gefriert scheinbar in meinem Gesicht und unter der Haut spüre ich das Prickeln; ich bin also doch noch lebendig. Schau mal einer an.
Das Wetter ist so widerlich, das man den Weg ohne Musik im Ohr nicht schaffen könnte, denn nur so bekommt man je nach Stück den richtigen Schwung, um mit großem, halb geschmeidigen Schritt die großen Pfützen Tauwasser und die Berge aus Schneematsch zu vermeiden und dabei noch unverschämt lässig auszusehen. Leider sieht das niemand, die Leute fahren aus gutem Grund lieber mit der S-Bahn oder sogar mit dem Bus, manche mit dem Taxi.
Der Matsch liegt auf einer Rutschbahn aus festgetretenem, wiedergefrorenem Schnee, ich spüre es glatt unter meinem Füßen und konzentiere mich, zuerst auf das Gleichgewicht, dann auf die Musik aus meinen Ohrhörern.
Die erste Band ist gerade fertig; ich bekomme noch mit, dass der Sänger “unkontrolliert” singt und die Band so gar nicht danach klingt. Leider.
Das übliche Publikum treibt sich herum, ein paar jüngere und ein paar ältere Archetypen, schließlich handelt es sich um ein Benefizkonzert:
- Der hastige ältere Herr in Cashmere-Mantel und passendem Schal, der rastlos seiner Dame einen Weg durch die Massen bahnt, was eigentlich gar nicht notwendig ist, schließlich macht jeder bereitwillig Platz. Er scheint nicht ganz zu wissen, was hier seine Rolle ist, auf jeden Fall fühlt er sich nicht wohl: Die Situation ist nicht unter seiner Kontrolle und er hasst es sichtlich. Vor allem, weil seine Frau es merkt.
- Der langhaarige, große Typ mit dem leeren Blick. Seine haare sind offen, seine viel jüngere, viel kleinere Freundin schmiegt sich an ihn und scheint ihm etwas zu erzählen, aber er hört ihr gar nicht zu und der Musik schon gar nicht. Manchmal schaut er in ihren viel zu tiefen Ausschnitt. Das Mädchen hält ihn, die Arme hinter sich, seine eigenen hängen einfach nur herab.
- Die Frau mit dem Strickponcho, der bestimmt aus fair gehandelter Alpakawolle gemacht ist. Man sieht das Geld und sie ist sonst nie hier. Sie lächelt ständig.
- Die kleinen Nachwuchsrocker und Nachwuchspunker und Nachwuchsindiepenner, die mich an mich erinnern, wild und besoffen und total lustig sein und alles besser wissen und total behämmert noch dazu. Als ich mit Konzerten anfing, bekam ich allerdings schon Bier, das war anders.
Die Musik war eben so, wie man das bei solchen Gelegenheiten gewohnt ist – nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, so nebenher. Man geht ja sowieso eher hin, um Leute zu sehen und möglicherweise von ihnen auch wahrgenommen zu werden.
Einer tritt auf die Bühne und erzählt, wie toll das Publikum ist, weil man die 5 Euro bezahlt hat und dass man auch recht viel trinken soll, damit Haiti mehr Spendengelder bekommt. Haiti wieder heil saufen, das ist mal ein Konzept.
“Ihr seid so super!”
Ich habe Leute gesehen, die sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben. Wirklich. Wörtlich. Körperlich.
Natürlich hätte man auch den enormen Beitrag von 5 Euro einfach spenden können und danach zu einem Konzert von einer der kleinen Bands gehen können, die auch mal etwas Geld brauchen.
Dann kam so eine Band, von der ich überall hörte, sie wäre “lustig” und “Kult”, beides Alarmsignale höchster Stufe. “Lustig” bedeutet meistens das genaue Gegenteil und “Kult” bedeutet fast immer “nicht besonders gut, aber die Leute wollen es einfach gut finden und das solltest du besser auch, wenn du dazugehören willst.”
Aber ich sage ja nichts. Wenn man nicht drüber lachen kann, fühlt man sich sowieso wie auf einem anderen Planeten als die amüsierte Menge, das reicht schon aus.
Danach kam Reggae mit einem Sänger von hier, der in gestelztem Patois über seine Fähigkeiten als Liebhaber sang. Immer wieder.
Reggae macht mich jedes Mal müde.
Und ich habe mich verzogen, wieder raus in die Kälte.
Wenn der graue Matsch wieder gefroren ist und das Licht aus den Straßenlaternen im richtigen Winkel darauf fällt, dann funkelt er wie ein Schatz aus abertausenden Diamanten. Vielleicht sind es auch erstarrte Sterne. Wusstet ihr das?
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