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Subkultur

Ich muss schon sagen: Da verwundern mich doch ein paar Entwicklungen hier in Bielefeld, vielleicht sind die auch gar nicht auf Bielefeld beschränkt. Also ich kann mich noch gut an die ganzen lauten Läden erinnern, die von früher – die gibt es immer noch, aber manchmal ist nur noch der Name derselbe. Die Lokalität hat sich geändert oder eben die Einstellung und das Gefühl.

So in den 90ern, da war die Subkultur1 noch eine Art allgemeiner Kampfplatz. Da war zum einen die Antifa und da drübendie Faschos und im Raum dazwischen war Krieg. Das schweisste zusammen, auch wenn man die Methoden der Antifa vielleicht nicht hundertprozentig toll und dufte fand.

Nach außen hin war sowieso alles gegen die Clubs und Jugendzentren, vor allem die Nachbarn und die Politik, die solche lautstarken bunten Flecke meistens lieber gestern als heute dichtmachen wollten. Von wegen “drückt die Mietkosten” und “das stört einfach” und “die nehmen nur Drogen”. Fördermittel gab es da natürlich schon lange nicht mehr, aber irgendwie ging es weiter wie immer: Man verlor ein Haus, man demonstrierte, man fand ein anderes.

Trotzdem waren die Konzerte fast immer unglaublich, jeder konnte sich entspannen, aussehen wie man wollte und sagen was man dachte. Sowas wie ein ausgelagertes Wohnzimmer. Draußen die Bösen, drinnen die Guten. Natürlich waren wir alle Gute. So fühlte man sich dann auch. Das entspannte enorm – zu wissen wer man eigentlich ist, wer man sein will.

Heute weiß ich nicht so genau, was ich von dieser ganze Szene halten soll. Diese Ganze Mutlosigkeit, ungefähr seitdem es keine großen Prügeleien mit dem Faschofeind mehr gibt. Da wird definiert, für wen man seine Veranstaltungen macht – für “überdurchschnittlich gebildete junge Menschen”. Früher war das für alle, die wollten. Ist das eine Identitätskrise, wenn man plötzlich ganz große Angst davor hat, dass jemand in den eigenen Reihen etwas Falsches sagt, etwas Falsches anhat oder vielleicht sogar sein Hemd auszieht? So kann man nämlich in vielen alternativen Läden Hausverbot/szeneweite Ächtung erfahren. Wenn so etwas passiert – und es passiert oft – dann kann ich kaum glauben, was ich da erlebe. Ich fühle mich auch nicht mehr wohl, wenn ich solche Clubs besuche, die seit neuestem “Schutzräume” sein sollen. Ich fühle mich überwacht. Mit Freiheit hat das nichts mehr zu tun. Mit freiem Denken schon gar nicht. Ich habe nicht mehr das Gefühl, bei den Guten zu sein. Ich habe das Gefühl, bei den Verängstigten und Verbitterten und Wichtigtuern zu Gast zu sein. Früher waren das mal unschlagbare Barbarische Krieger. Ninjas. Piraten! Für das Richtige!

Und dann diese Sache hier in Bielefeld, in der man neue Räume für das Kulturkombinat per Demo sucht – oder habe ich das falsch mitbekommen? Man demonstriert so lange, bis einem neue Veranstaltungsräume … geschenkt werden – oder sowas in der Richtung. Zugegeben: Ich habe das vielleicht nicht richtig verstanden. Früher jedenfalls – damals, als ich jung war, so knapp nach dem Pleiozän – da hätte man sich was gesucht und man hätte etwas gefunden und …natürlich… trotzdem demonstriert. Siehe oben. Wenn Subkultur – was immer das für ein Tier sein mag – von irgendwo oben etwas geschenkt bekommt, dann ist es keine Subkultur mehr. Wenn man aufhört, sein Ding selber zu machen, dann ist es vorbei. Wenn man nur noch seine nostalgischen Erinnerungen konserviert, ist man dann nicht irgendwann … konservativ? Huch!

Dabei gibt es gerade hier so viele grandiose neue Projekte, die lieber Kultur machen als zu jammern. Für Selbstmitleid und son Scheiss haben die gar keine Zeit. “Kulturschaffen” hat ja auch was mit “machen” zu tun.

Ich geh auch weiter auf Konzerte und kauf euer komisches Bier, wenn es immer noch solche Sachen gibt, die mir gefallen. Ich hab nur das Gefühl, da könnte mehr gehen.

  1. Das klingt zwar super, aber ich weiß auch nicht ganz was dieses Wort bedeuten soll. []

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Ich mag Fussball. Allerdings bin ich nicht in einer Stadt mit einer eigenen Ligamannschaft aufgewachsen – ich bin nämlich kein gebürtiger Bielefelder, sondern stamme aus einer Handballhochburg. Als Kind muss man natürlich einen Verein gut finden und das war bei mir dann erstmal Werder Bremen, weil die erstens nicht Bayern München und zweitens nicht der VFL Osnabrück waren und weil sie drittens ungefähr aus der selben Ecke kamen. Außerdem haben sie damals unter Feldherr Rehagel andauernd gewonnen.

Aber sonst… Fan eines Fussballvereins zu sein sieht ein wenig deprimierend für einen Außenstehenden aus, wenn man so nahe bei Arminia lebt. Natürlich steht man loyal zu Arminia, wenn da jemand lästert der nichtmal aus Bielefeld kommt. Das darf man nur, wenn man hier auch wohnt oder aber besonders attraktiv sowie sympathisch ist.

Das erste Spiel habe ich verpasst, weil ich arbeiten musste; die meiste Zeit war ich im Auto – aber ich habe das Radio angehabt, immerhin.

Das zweite Spiel wollte ich eigentlich anschauen, aber dann… bei so schönem Wetter… da geht man dann doch lieber woanders hin, nämlich ins Kino und schaut “Die Bielefeldverschwörung“, richtig?

Genau.

Ich habe mich überreden lassen und war nach wenigen Minuten froh, die nächsten zwei Stunden nicht allein verbringen zu müssen. Weniger froh war ich, überhaupt das Kino betreten zu haben – wie unterhaltsam und angenehm klang da doch im Nachhinein ein schwaches 0:0 Frankreichs gegen Uruguay! Ein ordentlicher schlechter Film ist eben doch nicht so leicht gemacht. Ich schlief nicht ein – die unterdrückten, peinvollen Laute der schuldbeladenen Kino-Überreder und vielleicht Freunde neben mir erfüllten mich mit großem Mitleid – jedes Haar stellte sich auf, ergriffen von uraltem Grauen, um sich gleich danach wieder von bleierner Langeweile erbarmungslos niederdrücken zu lassen. Dieser Film war nicht schlecht, er war vielmehr antigut – er saugte jeden Glauben an gut gemachten Film aus seiner näheren Umgebung.

Ihr versteht sicher, dass man danach einige Biere trinken musste – und heute schau ich Argentinien gegen Nigeria. Wenn nichts dazwischenkommt.

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Mich wundert, warum sich gleichartige Geschäfte zusammenrotten. Möglicherweise handelt es sich hierbei im Herdentiere, die sich in Gruppen am wohlsten fühlen, da hier ein gewisser Schutz von natürlichen Feinden – wir denken einmal an die Steuerprüfung oder das Gesundheitsamt – erhofft wird. Wir sehen das zum Beispiel bei allen Geschäften für asiatische Spezialitäten hier in Bielefeld, wovon es einige gibt – allerdings allesamt am Kesselbrink auf engstem Raum zusammengepfercht und scheinbar in direkter Konkurrenz – so jedenfalls muss es der Laie vermuten.

Ebenso die legendären, direkt nebeneinander liegenden Zwillingseisdielen von Brackwede, wo die attraktiven und überaus extrovertierten Töchter des Hauses auf so charmante wie bestimmte Weise von den Vorzügen der eigenen Eisprodukte zu überzeugen wünschen.

Woran erkennt man wohl den Leit-Laden?

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Google Wave ist bei mir weitgehend vom Tisch gewesen, bis sich ein paar neue Möglichkeiten angeboten haben, die ich zuerst bei Rouven im NW-Blogspot gesehen habe.

Ihr könnt nicht nur einen kleinen Text bewundern, sondern auch nachvollziehen, wie er entstand und welche Änderungen ich vornahm1. Außerdem – und das fände ich klasse – schreibt doch einfach mit, ändert etwas, kommentiert einfach was ihr wollt2 und kritzelt rum. Keiner muss sich dafür anmelden. Zum mitschreiben muss man sich anmelden.

Update: Leider funktionierts bisher wohl nicht im Internet Explorer und in diversen Netbooks. Doppelklick in den Text zum kommentieren und bearbeiten. Die meisten Leute haben Probleme mit Wave; insbesondere damit, ihren richtigen Namen nicht in voller Länge einzubauen. Anonyme Bearbeitungen – also ohne Login – hatte ich bisher gar nicht. Also eher: Misserfolg.



Wer die erste halbwegs fertige Version des Blogposts lesen will, findet die mit einem Klick auf…
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  1. …und vielleicht noch vornehmen werde. Eine Schwäche von mir. []
  2. solange es mir nicht außerordentlich auf den Geist geht []

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2010-02-13 20.41.05

Keine Brötchen mehr, hatte Hunger.

Hin und wieder kaufe ich “Arminiabrötchen”, weil die gut schmecken und ausgesprochen attraktiv sind und es sie beim Bäcker im die Ecke gibt.

Aber scheinbar erlebt man viele Abenteuer mit ihnen, wenn man sie verkaufen will. Sagt jedenfalls die Bäckereifachverkäuferin meines Vertrauens. Nicht, dass die Dinger nicht beliebt wären.

Im Gegenteil. Es gibt lediglich Sonderwünsche, wie zum Beispiel diese hier:

Manche wollen eine andere Papiertüte als die blauweiße Tüte mit dem Vereinslogo.

Manche wollen dieselben Brötchen, aber die sollen nichtmal unter dem Namen “Arminia-Brötchen” gebacken werden.

Manche wollen die Brötchen zwar unbedingt kaufen, aber dafür muss die Bächereifachverkäuferin erst einen neuen Namen ausdenken, weil ein Arminenbrötchen undenkbar für diese Käuferschicht ist.

Bäckereifachverkäuferin ist ein verdammt harter Job, wenn man in Bielefeld Bäckereifachverkäuferin ist; ich jedenfalls bin immer wieder verwundert, wie seltsam Fussballfans sind. Warum kaufen die nicht einfach ganz andere Brötchen? Gut, dass die meistens von ihnen nicht in die Politik gegangen sind.

Immerhin bringen sie mich zum Lachen.

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Ich gehe freiwillig zu Fuß obwohl es eine halbe Stunde dauern wird. Die eisige Luft gefriert scheinbar in meinem Gesicht und unter der Haut spüre ich das Prickeln; ich bin also doch noch lebendig. Schau mal einer an.

Das Wetter ist so widerlich, das man den Weg ohne Musik im Ohr nicht schaffen könnte, denn nur so bekommt man je nach Stück den richtigen Schwung, um mit großem, halb geschmeidigen Schritt die großen Pfützen Tauwasser und die Berge aus Schneematsch zu vermeiden und dabei noch unverschämt lässig auszusehen. Leider sieht das niemand, die Leute fahren aus gutem Grund lieber mit der S-Bahn oder sogar mit dem Bus, manche mit dem Taxi.

Der Matsch liegt auf einer Rutschbahn aus festgetretenem, wiedergefrorenem Schnee, ich spüre es glatt unter meinem Füßen und konzentiere mich, zuerst auf das Gleichgewicht, dann auf die Musik aus meinen Ohrhörern.

Die erste Band ist gerade fertig; ich bekomme noch mit, dass der Sänger “unkontrolliert” singt und die Band so gar nicht danach klingt. Leider.

Das übliche Publikum treibt sich herum, ein paar jüngere und ein paar ältere Archetypen, schließlich handelt es sich um ein Benefizkonzert:

- Der hastige ältere Herr in Cashmere-Mantel und passendem Schal, der rastlos seiner Dame einen Weg durch die Massen bahnt, was eigentlich gar nicht notwendig ist, schließlich macht jeder bereitwillig Platz. Er scheint nicht ganz zu wissen, was hier seine Rolle ist, auf jeden Fall fühlt er sich nicht wohl: Die Situation ist nicht unter seiner Kontrolle und er hasst es sichtlich. Vor allem, weil seine Frau es merkt.

- Der langhaarige, große Typ mit dem leeren Blick. Seine haare sind offen, seine viel jüngere, viel kleinere Freundin schmiegt sich an ihn und scheint ihm etwas zu erzählen, aber er hört ihr gar nicht zu und der Musik schon gar nicht. Manchmal schaut er in ihren viel zu tiefen Ausschnitt. Das Mädchen hält ihn, die Arme hinter sich, seine eigenen hängen einfach nur herab.

- Die Frau mit dem Strickponcho, der bestimmt aus fair gehandelter Alpakawolle gemacht ist. Man sieht das Geld und sie ist sonst nie hier. Sie lächelt ständig.

- Die kleinen Nachwuchsrocker und Nachwuchspunker und Nachwuchsindiepenner, die mich an mich erinnern, wild und besoffen und total lustig sein und alles besser wissen und total behämmert noch dazu. Als ich mit Konzerten anfing, bekam ich allerdings schon Bier, das war anders.

Die Musik war eben so, wie man das bei solchen Gelegenheiten gewohnt ist – nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, so nebenher. Man geht ja sowieso eher hin, um Leute zu sehen und möglicherweise von ihnen auch wahrgenommen zu werden.

Einer tritt auf die Bühne und erzählt, wie toll das Publikum ist, weil man die 5 Euro bezahlt hat und dass man auch recht viel trinken soll, damit Haiti mehr Spendengelder bekommt. Haiti wieder heil saufen, das ist mal ein Konzept.

“Ihr seid so super!”

Ich habe Leute gesehen, die sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben. Wirklich. Wörtlich. Körperlich.

Natürlich hätte man auch den enormen Beitrag von 5 Euro einfach spenden können und danach zu einem Konzert von einer der kleinen Bands gehen können, die auch mal etwas Geld brauchen.

Dann kam so eine Band, von der ich überall hörte, sie wäre “lustig” und “Kult”, beides Alarmsignale höchster Stufe. “Lustig” bedeutet meistens das genaue Gegenteil und “Kult” bedeutet fast immer “nicht besonders gut, aber die Leute wollen es einfach gut finden und das solltest du besser auch, wenn du dazugehören willst.”

Aber ich sage ja nichts. Wenn man nicht drüber lachen kann, fühlt man sich sowieso wie auf einem anderen Planeten als die amüsierte Menge, das reicht schon aus.

Danach kam Reggae mit einem Sänger von hier, der in gestelztem Patois über seine Fähigkeiten als Liebhaber sang. Immer wieder.

Reggae macht mich jedes Mal müde.

Und ich habe mich verzogen, wieder raus in die Kälte.

Wenn der graue Matsch wieder gefroren ist und das Licht aus den Straßenlaternen im richtigen Winkel darauf fällt, dann funkelt er wie ein Schatz aus abertausenden Diamanten. Vielleicht sind es auch erstarrte Sterne. Wusstet ihr das?

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