Diese kleine und auch alberne Geschichte erwähnt jedes Weblog in meiner Blogroll/Linkliste. Wenn ich keines vergessen habe.
Es half nicht, sich länger etwas vorzumachen: Ich war an einem toten Punkt angelangt. Die Ermittlungen kamen nicht voran; jede vermeintlich heiße Spur führte ins Leere. Ich hatte nichts in den Händen, um meine Unschuld zu beweisen. Es war ein verdammtes Katzenleben in der Neon Wilderness dieser Stadt voller Mornography und Unrecht, das hatte ich früh gelernt. Brighton hingegen rockt, dachte ich. Sollte ich auswandern? Aber das hier war eben meine Stadt. Donthink, Alter. Geh einfach mal spazieren. Ich fühlte mich nicht nur total hilflos, sondern ich hatte auch das Gefühl, das mir anstelle von meinen beiden eigenen Gehwerkzeugen gleichzeitig 500 Beine eingeschlafen waren. Bewegung würde mir helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich nahm meinen Hut und machte mich auf den Weg.
Ich schlenderte die Straßen entlang und versuchte meine Gedanken zu ordnen. EndeNeu, alter Mann. Komm klar, es gibt Arbeit zu tun. Der erste Block, 2-Blog, dann cBlog… ich bemerkte einen Laden auf der anderen Straßenseite und war plötzlich hellwach.QoD’s Lair. Ungewöhnlicher Name für einen Drugstore. Egal, es war wirklich Zeit für einen Drink und außerdem waren mir die Luckies ausgegangen. Gründe genug für einen kleinen Abstecher, spazieren konnte ich schließlich später auch noch. Ich machte einen Schritt auf die Straße. Dabei schaute ich der Sicherheit wegen immer erst aufmerksam nach rechts, dann noch aufmerksamer nach links, weil ich das eine Auge immer etwas zugekniffen habe, der ständig arbeitenden Beobachtungsgabe wegen (Eine gefürchtete Berufskrankheit bei uns Private Eyes). Der nächste Schritt transportierte mich über einen prachtvollen Löwenzahn hinweg, der die Asphaltdecke auf besonders zivilisationskritische Weise durchbrochen hatte. Ich mochte ein Privatschnüffler der übelsten Sorte sein, aber ich wenigstens ein pflanzenfreundlicher Privatschnüffler der übelsten Sorte. Ein Schild mit der Aufschrift “All Kinds of Stuff” prangte an der Ladentür. Nun gut, das wollte ich auch ernsthaft hoffen, denn ich kaufte nur meine bevorzugten Sorten von egal was und sonst gar nichts. Ich kannte auch beim trivialsten Alltagsbrei keine Kompromisse. Das Leben hatte mir sonst nicht viel gelassen, nur diese paar Standards, die ein Ich-Erzähler einfach haben muss. Als ich die Tür öffnete, beleidigte eine misstönende Glocke meine Ohren und ließ die einzige sichtbare Person eine Art freundliches Knurren in Richtung der Tür ausstoßen. Kurz hörte ich aus seiner Richtung ein metallisches Klirren aus seiner Richtung, gefolgt von einem Scharren. Wie von einer schweren Kette, die auf dem hölzernen Boden lag. Automatisch fragte ich mich, wer wohl dieser oder diese oder dieses QoD wäre. Er jedenfalls hieß Peter oder David; das bedauerlicherweise handgeschriebene Schild auf dem Tresen legen einen dieser Namen nahe. Keineswegs leise fiel die Tür hinter mir zu. Ich nickte dem stillen Tresenbewohner zu und nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Kapselheber eingesetzt, EinsZweiDrei, leer. Ich fühlte mich schon wieder besser: Nur noch normal wahnsinnig.
Wenn ich schon mal hier war, konnte ich gleich mal ein wenig ermitteln. Ein guter Detektiv nutzt jede Gelegenheit, seine blitzschnelle Auffassungsgabe und seinen messerscharfen Verstand zu trainieren. Mein Überleben hatte ich meinem hellwachen Geist genauso oft zu verdanken gehabt wie meinem messingharten Fäusten, die ich regelmäßig in Crunchi’s Welt – dem Gym meiner Wahl – am Sandsack erprobte. Ein Mann sollte in Form bleiben, wenn er auf eigenen Füßen stehen will. So sah ich die Dinge.
Ich schlenderte ein wenig durch den Drugstore, was Peter (oder David) nicht zu stören schien. Der Mann schien mit Psychospaltung beschäftigt- “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” Eine Frage, die auch einen ganzen Mann für eine ganze Weile gehörig aus der Bahn werfen konnte, selbst wenn er sich zuvor für einen einzigen Namen entschließen konnte. Nicht mein Problem. Meine Augen verengten sich zu feinen Schlitzen, als sie die Auswahl an Zeitschriften überflogen. Ich griff zu. Matt Ruff’s Journal. In englisch natürlich. Ich hatte nicht gewusst, dass der eine eigene Zeitschrift anbot. Ich blätterte ein wenig darin herum. Das Heft wirkte nicht neu, sondern man hatte ausgiebig darin gelesen. Interessant. Auf der dritten Seite – direkt nach Ulo’s Page – fand ich eine mit Kugelschreiber an den Rand gekritzelte Folge von Buchstaben. “Neil Gaiman’s Journal”. War das hier Neil Gaiman’s Matt Ruff’s Journal? Wie kam die persönliche Ausgabe des britischen Autors in die Auslage dieses sehr verdächtigen Ladens, noch dazu zwischen all die druckfrischen Magazine? Ich schob das Periodikum diskret zurück, um nicht die Aufmerksamkeit von Peter oder David zu erregen.
Ich spazierte zwischen den beiden Regalen hindurch, vollgestopft mit alt wirkenden Gegenständen. Einen Melkschemel und einen Kanister mit Benzin für Kettensägen, zum Beispiel. Eine antike Fotografie mit einer Dame darauf, die einen mächtigen Hut mit Federn trug und ein wohlgeformtes,netzbestrumpftes Bein zeigte. Darüber in verschnörkelter Schrift: “RON GILBERT präsentiert: Meriche The Naked”. Nackt im ursprünglichen Sinne des Wortes schien sie mir aber wirklich nicht zu sein, so hübsch das Motiv auch sein mochte. Woher also dieser Titel? Ich würde das eines Tages herausfinden. In der Ecke rechts unten, schon ein wenig verblasst und trotzdem gut lesbar, eine Unterschrift, offenbarvon der abgebildeten Person in einer feinen Damenhandschrift hinterlassen, darunter eine Widmung: “Kiss me, Stupid”. Ich lächelte unwillkürlich und war kurz davon, wie ein Schuljunge loszukichern – sie meinte zweifellos mich. Mit ein wenig Mühe schaffte ich es, die Sache professionell – also totally soundless und gentlemanlike – zu handhaben. Gerade noch konnte meinen Blick von diesem… blonden Alien auf der Fotografie daneben loszureißen, das in einer für die menschliche Anatomie unmöglichen Position abgelichtet worden war, die ich hier unmöglich beschreiben kann. Ich hatte als Detektiv immerhin eine Verantwortung. Sitte und Anstand, Recht und Ordnung, sie verstehen. Sie verstehen nicht? Dachte ich mir, sie Schuft. Ich hob die Augenbrauen in moralischer Überlegenheit. Lady Maguerite wäre sicher nicht amüsiert, würde ich ihr diese Art Beweise vorlegen – heute abend, beim geplanten Treffen. Noch 3 Stunden bis dahin. Meine Augenbraue – dieses Mal nur die linke – hob sich noch mehr als ich ein eindeutiges Plakat erblickte, das für “John Crowley’s Little and Big” warb. In viel kleinerer Schrift als der in grellem Gelb hervorstechende Produktname stand am unteren Rand, kaum wahrzunehmen unter der anzüglichen Grafik: “Chemistry of Life. Bitte Schutzkleidung tragen.” Soso. Ich war ein echter Mann und brauchte solche Tinkturen nicht; ich hatte für Käufer dieser Mittelchen nur Verachtung übrig – eine Tatsache, die mein alter Vorgesetzter bei der Polizei, Captain Moorcock, Minuten vor meiner überraschenden Suspendierung feststellte. Erinnerungen dieser Art bewahrte ich im Brotkasten meines Gedächtnisses auf, damit sie für immer so knusprig und schnittfest bleiben wie am ersten Tag.
Trotz alledem durfte ich den Fall nicht aus den Augen verlieren, wir leben schließlich in einer Zeitwelt. Wenn ich nicht in 3 Stunden eine Spur vorweisen könnte, würde ich echte Probleme bekommen, meine seit Monaten ausstehende Miete zu zahlen. Da kam mir der rettende Gedanke, der mich auf die Spur der Frage brachte, die mich seit langer Zeit quälte. The Ela. Nein, das war es nicht – The Beat, genau! Endlich konnte ich mich an die Band erinnern, die damals diese tolle Ska-Version von “Tears Of A Clown” aufgenommen hatte. Ich strahlte glücklich – das erste Mal, seitdem ich meine Sekretärin vor 3 Jahren gefeuert hatte.
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