- Ich bin ziemlich sicher, dass die schrecklichen Geschichten über die hohe Lautstärke von Familien mit Kindern nicht in den Kindern begründet liegen, sondern in brüllenden Eltern.
- Grade habe ich die Gelegenheit, die Babysprache einiger Erwachsener im Wirkungskreis eines Kleinstkindes zu vernehmen. Ich sehe sie nicht; man scheint sich im Garten des Nachbarshauses zu verstecken. Akustisch bekomme ich allerdings deutlich mehr mit als ich mir je wünschen könnte. Ich bin sicher: Wenn man diese Lautäußerungen mit einem Kassettenrekorder aufnimmt und sie den Urhebern zu gegebener Zeit – sagen wir in zwei Wochen – vorspielt, zerfallen diese augenblicklich zu Staub. Vor Scham.
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Mein alter Freund G., gerade noch rechtzeitig vor den Wehen notverheiratet, war wie erwartet Vater geworden und hatte sichtbar Gewicht verloren. Bei uns auf dem Land wird üblichlerweise nachdem Kind und Eltern stabilisiert wurden, ein alter Brauch abgehalten: Man begießt das neue Kind. Natürlich nicht buchstäblich, liebe Leserinnen und Leser.
Kein Kind wird mit abgestandenem Wasser aus einer Kanne überschüttet.
Da wir uns in Westfalen und auf dem Land befinden, hat es selbstverständlich etwas mit Alkoholgenuß zu tun: Die Freunde, die nach der Hochzeit und den Launenhaftigkeiten der Schwangerschaft noch mit der Familie sprechen, werden eingeladen und man trinkt gemeinsam und wiederholt auf das Wohl des neuen Erdenbürgers und (mit etwas Glück) Bloggers.
Es ist zum Glück ein Mädchen.
Die Mutter ist müde, Vater ist stolz und man strahlt Harmonie aus; ich freue mich für sie, auch wenn der stolze Vater den ganzen Abend Händel auflegt, immer wieder: Das beruhigt enorm und ich bin sicher, dass die zu heißen Minipizzen (aus der Kühltheke – ich will das das mal verzeihen) so noch viel besser ansetzen.
Ich bin nicht gut im Baby halten und mich dabei total wohlfühlen, aber ich gebe mein Bestes und nach ein paar Stunden sage ich, dass ich nun fahren muss. Der Vater, mein Freund, der begleitet mich noch nach unten – er ist Raucher und nutzt jede Gelegenheit, vor die Tür zu kommen und eine zu qualmen.
Wir reden miteinander, wie immer kommt dabei großer, glorreicher Blödsinn heraus. Wie in all den Jahren. Ich schaue ihn an und mir wird ein wenig flau; das ist wohl für immer vorbei, wir haben sowieso Probleme, uns einfach mal zu treffen. Nichts zwischen uns ist kaputt, aber wir driften auseinander wie Kontinentalplatten. Keiner ist schuld daran, aber aufzuhalten ist es auch nicht. Das hier könnte das letzte Mal sein, dass wir so zusammentreffen, wir wissen es beide, sprechen es aber nicht aus. Wozu auch.
Wir schauen ober das Feld, die Umrisse der Bäume zeichnen sich dunkel im Mondlicht ab. Es quietscht leise und mehrstimmig und wir brauchen ein paar Momente, um die seltsamen Geräusche einem Quartett von Teenagern auf Fahrrädern zuzuordnen. Nur einer von ihnen hat seinen Drahtesel beleuchtet, der muss daher immer vorfahren, damit man sich nicht verfährt. Sie suchen nach dem Mittellandkanal und einer Brücke darüber. Man sucht McDonalds.
“Immer gerade aus und dann links”, sage ich.
“Das längliche, nasse Ding – das ist der Kanal”, sagt mein Freund. “Wenn ihr das gefunden habt, seit ihr an der Brücke vorbei. Einfach an Land gehen und wieder ein paar Meter zurück.”
Sie bedanken sich und fahren weiter. Nach ein paar mühevollen Tritten des Beleuchters sehen sie sogar wieder die Straße.
Wir schauen ihnen nach, bis sie schon lange in der Nacht verschwunden sind. Kurze Zeit hört man noch das Quietschen, dann ist es ganz still. Das flaue Gefühl ist noch da.
“Na dann. Mach’s gut”, sagt er.
“Mach’s besser”, sage ich.
Tags: Eltern, Freundschaft, Geburt, Landleben, Mutter, Taufe, Vater, Vaterschaft
Nun ist es aber genug mit dem abgehangenen Punkrock für dieses Jahr! Da muss nun auch mal andere Musik kommen. Um die Auspunkung gebührend zu begehen, besuchten wir ein 6x Legenden-Oldiekonzert in Düsseldorf – da spielten die nicht ganz menschlichen Dickies,Adolescents, Channel 3 sowie die immer noch mit einem zahnlosen und prothesenfreien Frontman versorgten SNFU, dazu die Holzhackerbaum von D.O.A. und noch so ‘ne … Vorband.
Ein klein wenig hat das ja schon was vom Oldieabend mit Smokie und The Sweet – nur für die geschmacksbewusste Generation danach. Ich fühlte mich gleich wieder jung. Jawoll.
Zwischen den Auftritten der doch überraschend gut konservierten Altrocker saß man im Biergarten und versuchte, auf gar keinen Fall dem Durst nachzugeben und den erschütternden Bierpreisen1 zum Opfer zu fallen.
Neben uns saß ein freundliches Punkerpärchen. Er sagte eigentlich gar nicht, aber er hatte ja auch schon mit 14 die Sex Pistols2 gesehen und damit war eigentlich auch genug gesprochen. Seine Freundin erledigte das für ihn. Sie hatte so in etwa gar nichts an, dafür war die Haut mit Tattoos wechselnder Qualität bekleidet – und sie erzählte und erzählte. Vor allem über die Jugend von heute.
“Wir haben nämlich ne Paris Hilton Tochter! Das kannste echt nicht glauben, was?”
Mit der gehen sie dann auf Konzerte – tapfer und unerschütterlich. Auch wenn Rihanna schonmal 160 Euronen für genau eine Stunde Playback verlangt, das machen die mit. Oder wenn Mutti mit “so normalen Eltern!” in ein Gehege für Erziehungsberechtige eingepfercht wird. “Ich weiß ja, ich gehör da mit denen nicht zusammen, aber ich hab auchn Kind, ne? Es is’ mir ja auch etwas unangenehm, aber unsere Tocher muss auch rebellieren.”
Diese Eltern sind Helden.
Auch wenn Papa das Goldkettchenpublikum beim Snoop Dogg Konzert nicht mehr ertragen kann und es vom Balkon aus mit Bier begießt. Vielleicht deswegen erst recht.
Es gibt solche Geschichten, die ich erst heute von meinen Eltern erfahre. Vermutlich aus guten Gründen, wie meiner sonst gefährdeten Frühentwicklung. So wie die wilde Story über einen nahen, hier verschwiegenen Verwandten, der davon überzeugt war, dass er mächtig große und dazu noch rechtwinklig abstehende Ohren zu haben. Er entwickelte eine erfolgreiche, aber trotzdem wenig empfehlenswerte Methode, dagegen vorzugehen.
Nämlich: Die Ohrmuscheln mit Kaugummi anzukleben.
Wie gesagt, es funktionierte hervorragend. Das Zeug wieder loszuwerden war aber ganz im Gegensatz dazu überhaupt nicht reibungslos zu schaffen: Tatsächlich war eine Menge Reibung dazu notwendig, was zu roten, juckenden Lauschern führte, die sicher auch genug unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Nicht, dass jener Verwandte mir Augen jemals durch seine Ohren aufgefallen wäre. Vielleicht hat er am Ende doch noch ein Mittel gefunden?
Vor ein paar Monaten hat mein Vater eine neue Funktion seines abgewetzen Männerhandies1 entdeckt: Die Möglichkeit, Kurznachrichten zu empfangen und zu verschicken. Vor einer Weile hat er schon die Kamera entdeckt und dokumentiert seine gesamte Umgebung mit grobkörnigen Schnappschüssen, die er dann als Fotos entwickeln läßt.
Aber die SMS sind ein anderes Kaliber Er hat nämlich auch die Emoticons entdeckt und verwendet sie mit nie versiegender Begeisterung.
Komm doch zur XY Str und hol mich ab.
Ich habe Tee gekocht.
Bist du um 16 Uhr zuhause
Und so weiter. Ich kenne das nur von weiblichen Teenagern … und von mir, in ICQ. Wenn mein Vater schreibt wie ein kleines Mädchen, ist es aber irgendwie nicht richtig. Nein, nein, nein …
- Es ist ein altes Nokia 6230 – “ich will mal ein Neues, aber dieses tuts ja auch, oder?”. Männerhandies sind “nur fürs telefonieren, den anderen Scheiss brauche ich nicht” [↩]
Des Öfteren komme ich zu der Erkenntnis, dass die eigenen Eltern doch ein wenig … merkwürdig sind. Nicht, das man eine plötzliche Vergreisung konstatieren muss, nein: Altbekannte Eigenschaften und Ansichten entpuppen sich einem in späten Momenten der Klarheit als die bizarren Spleens, die sie objektiv sind. Vor einer Weile sprach ich mit meiner Mutter, um ihr ein paar alte Klamotten meines Vaters für eine 70s-Mottoparty abzuschwatzen, was mir auch gelang. (Für alle Neugierigen: Ich werde Cordhose, Hemd, Krawatte und Pullunder tragen. Uncool is the new cool, ihr Hippies.) Sie begann zu erzählen, wie das früher war, mit dem Ausgehen.
Man muss ja auf Männer immer etwas aufpassen, wenn man bei sich zuhause eine kleine Party veranstaltet. Weil Männer eben ein wenig anders sind, wenn sie getrunken haben.
Weil die sonst schon mal in den Kleiderschrank pinkeln, sagt sie.
Das hatte ich schon ein mal von ihr gehört, aber erst jetzt1 fiel mir auf, dass diese Aussage doch zumindest ein wenig (ihr ahnt es.. nun kommts… aufgepasst) merkwürdig sein könnte. In der Vergangenheit war ich immer davon ausgegangen, das ich mich verhört hätte. Ich fragte zu Sicherheit noch einmal nach.
Naja, das wäre denen doch egal, wenn da so eine Tür aufgeht, dann machen die da rein. Wenn die was getrunken haben. Die Männer.
Ob die das für die Toilette halten, oder ob das ein derber Scherz seitens der Männerschaft sein könnte? Immerhin – und das könnt ihr mir glauben – traue ich meiner Treffsicherheit auch im kleinsten WC solche Wagnisse zu, auch im Hinblick auf Streuwirkung und Reichweite kann ich keineswegs für saubere Treffer garantieren. Igitt, genug von diesen Details. Sowieso enthalten die allermeisten Wandschränke keinerlei Sanitärporzellan, jedenfalls meinen langjährigen Erfahrungen nach.
Sie hat das Thema schnell gewechselt. Ich bin aber ziemlich sicher, sie nicht von der Unrichtigkeit ihrer These überzeugt zu haben. Da muss noch eine gute Geschichte lauern, die ich eines Tages erfahren werde. Darauf könnt ihr euch verlassen.
Wir Männer, wir sind gar nicht so widerlich. Außer natürlich mein alter Bekannter M., damals vor dieser Theke in meinem alten Stammladen. Aber das ist eine andere Legende, die ich nur dann erzähle, wenn ihr darauf besteht.
- Ich war nie der Schnellste in solchen Sachen [↩]



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