Familie

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Coffee Mat

Vielleicht erinnern sich einige noch daran: Vor etwa einer Woche habe ich endlich die mehr oder weniger fremdartigen amerikanischen Verwandten kennengelernt, für die ich schon seit vielen Jahren die Emails meiner Mutter übersetze. Für diese Arbeit – die ich eigentlich gar nicht besonders lästig fand – haben sie mir ein Dankeschön mitgebracht: Eine original amerikanische Kaffeetassenmatte. Solcherlei Ding war mir bisher total fremd. Aber jetzt habe ich so etwas und ich will so weit gehen zu behaupten, dass nur wenige in meinem Freundeskreis eine ähnliche Trophäe ihr Eigen nennen können.

Glücklicherweise hatte ich eine den Ausmaßen amerikanischer Kaffeematten entsprechende Tasse (Durchmesser etwa 10 cm), die ich bisher noch nie mit diesem Getränk gefüllt hatte: Da passt sicher ein gutes Drittel eines Liters hinein. So viel Kaffee trinke ich nicht. Jedenfalls nicht schnell genug, um ihn nicht kalt werden zu lassen.

Tante Heidi meinte, ich solle das Ding mit zur Arbeit nehmen. Gegen die Kaffeeflecken. Ich brachte nicht übers Herz ihr zu sagen, dass ich erstens eher Tee trinke und zweitens dafür niemals genug Platz auf meinen Schreibtisch hätte – scheinbar ist in den USA wirklich alles größer. Komisches Ding, oder? Erstaunlich nutzlos. Aber gefreut habe ich mich doch.

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IMG_20110418_152933.jpgIch nenne meine Großtante nie Großtante, das fände sie albern. Solche Kleinigkeiten fasst man hierzulande gern unter dem Oberbegriff “Tante” zusammen, der “Weibliche (menschliche) Bekannte, häufig (aber nicht immer älter) und absolut nicht immer Verwandtschaft”. Die meisten Besuche von Tanten waren für mich immer gefürchtete Veranstaltungen mit In-die-Wange-kneifen und Ach-bist-du-groß-geworden und endlosem, fürchterlichem Kuchenessen und Kaffeetrinken und Brav-sein.

Diese Tante habe ich gemocht und das nicht weil sie so selten kam, sondern weil sie toll war. Sie kommt nämlich aus dem Münsterland. Ganz schön weit weg war das und außerdem hatte sie kaum Zeit, weil sie fast ganz alleine einen Bauernhof zu bewirtschaften hatte.

Heute war ich mal wieder zu Besuch und wenig hatte sich nicht geändert. Gut, einer ihrer Söhne wohnt mit im Haus und kümmert sich um den Hof – aber sie selbst hat sich wenig geändert. Ich glaube was ich damals als Kind und heute immer noch so an ihr mochte, das war ihr ehrliches Interesse an Leuten und ihr Humor und ihre Ehrlichkeit.

Ihr solltet vielleicht wissen, dass dieser Teil meiner Familie ein wenig verschroben ist. Man ist entweder in der Landwirtschaft oder hat irgendwann mal was studiert; dazwischen gibt es wenig und alles scheint gut vereinbar. Man ist bodenständig und macht wenig aufhebens darum, man ist offen und diskutierfreudig und außerordentlich abergläubisch. Man redet über die wissenschaftlichen Standarts in Doktorarbeiten und über die übersinnlichen Fähigkeiten der ältesten Tochter. Die kann per Handauflegen heilen und das auch aus der Ferne – per Telefon zum Beispiel. Aber das ist nur so eine Kleinigkeit, keine große Sache unter vielen kleinen Sachen.

Eigentlich kann ich kaum glauben, dass 25 Jahre seit meinem letzten Besuch vergangen sind und meine Lieblingstante in diesem Jahr 87 Jahre alt wird. Nun, der Hund ist ein anderer. Es gab schon eine Menge neuer Hunde seit meinem letzten Besuch. Sie ist immer noch mächtig schlau und wortgewaltig und kommandiert nach wie vor den Tisch in der guten Stube. Natürlich gibt es auch immer noch genauso wie immer Kaffeetrinken und Kuchenessen. Mit dem goldenen Besteck, zur Feier des Tages.

- “Denis hat keinen Kaffee mehr. Schenkst du bitte nach? – Denis – wenn da Prütt drin ist, bekommst du sofort eine saubere Tasse.”
- “Gib mal Sahne. Nicht so zaghaft. Mehr.”
-”Wie, du willst keine Sahne? Kuchen ohne Sahne? Du bekommst Sahne. Die hab ich frisch geschlagen.”
-”Ich nehme keine Milch mehr in den Kaffee, seitdem wir keine eigenen Kühe mehr haben. Niemals.”

Eigentlich ist das der einzige Teil meiner Verwandtschaft, der noch als Familie funktioniert. Es tut mächtig gut, so etwas zu haben. Daran erinnert zu werden, dass es sowas gibt.

Ich will bald wieder zu Besuch kommen.

 

 

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Vor Weihnachten ist meine Arbeit am schwersten; die Stunden werden mehr und die Krisen häufen sich. Ich komme nach Hause, es ist dunkel, nass und kalt und eigentlich kannst du nur noch einschlafen und vielleicht etwas essen. Schreiben, ach ja – die Berichte – dazu komme ich kaum. Nicht nur wegen der Müdigkeit, ich bin einfach in jeder Hinsicht zu erschöpft, um mehr als anspruchlosestes Fernsehprogramm zu schauen. Wenigstens leert das mein Hirn und am nächsten Morgen geht es dann wieder. Dann wache ich zu früh auf und schreibe in Gorgmorg oder eine Mail.

Ich fühle mich gar nicht weihnachtlich, meine Wohnung ist nicht geschmückt und wenn “Last Christmas” im Radio läuft, schalte ich aus. Aber ich freue mich auf Weihnachten. Das geht.

Ich habe dann nämlich frei. Nicht mehr als die Feiertage, aber immerhin. Es wird nie wieder wie früher sein – meine Familie hat sich gründlich zerstritten und wir werden wieder nur zu viert sein, mein Bruder und meine Eltern, dazu meine Wenigkeit. Dafür hatte ich auch kein Problem beim rechtzeitigen und lückenlosen Geschenkefinden! Es wird auch keinen Streit geben, wir sehen uns sowieso ziemlich oft und hatten dafür reichlich Gelegenheit. Trotzdem, ich werde auf andere Gedanken kommen und fürchterlich gut essen. Danach sitzen wir sicher am Kamin; das wird schön.

Ich werde meine Freunde sehen und dabei vielleicht einmal ausgeschlafen sein, um nicht nach zwei Stunden einzunicken.

Ich werde die Feiertage lang überhaupt gar keinen festen Plan haben und darauf freue ich mich am meisten.

Ich wünsche mir, dass sie Grund zum lächeln hat. Ich lächle schon, wenn ich nur an sie denke und das tue ich oft. Dafür bin ich sehr dankbar und wenn sie hier wäre… ach, das hat schon mit Liebe zu tun. Viel sogar.

Passt also, irgendwie.

Irgendwie also freue ich mich auf Weihnachten.

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Die meisten meiner bisherigen Freundinnen waren etwas schräg, oft mochte ich sie auch genau aus diesem Grund. Ich bin nie besonders mit Durchschnittspersönlichkeiten ausgekommen, in keiner Hinsicht – und das obwohl ich sicher kein Paradiesvogel bin. Meine Beziehungen waren oft kurz, vielleicht auch weil die liebenswerten Macken meiner Freundinnen sich in einer Beziehung oft gar nicht mehr so charmant anfühlten wie in den ersten paar Tagen; vielleicht weil ich auch nicht gerade perfekt bin und genug Schwächen für ungefähr drei weitere Weblogs auf Lager habe. Nun gut, nicht alles läuft immer gut und man lernt, um hoffentlich ein besserer Mensch zu werden. Oder so. Etwas, das nicht ganz so pompös klingt.

Aber darum soll es gerade gar nicht gehen.

Meine Beziehungen waren in meinem Familien- und Bekanntenkreis steht eher umstritten. Selten gab es da eine Verbindung, die mir gefiel und gleichzeitig meinem Umfeld. So gar nicht. Immerhin waren meine Freundinnen schwierige Charaktere. Mit Sicherheit war ich eine schwieriger Charakter. So ganz leicht ist es mir nie gefallen, öffentliches Missfallen über die Wege meiner Liebe zu ertragen, das hat ja auch viel damit zu tun, dass man mein scheinbar in Liebesdingen imkompetentes und für monumentalen Liebeskummer anfälliges Selbst vor sich beschützen will. Ich will aber nicht beschützt werden. Ich will den Karren selbst in den Dreck fahren und dafür respektiert werden. Jawohl! So stelle ich mir das vor.

Da war mal eine Band, die ich toll fand, als ich klein war. Prefab Sprout1 . Die hatte einen Text auf ihrer Comeback Platte. Na, ein Stück davon. Ihr müsst euch das mit der sehr sanften Stimme des Sängers gesungen vorstellen, der angeblich mal Tankwart war und später fast erblindet ist.

Jordan : The ComebackThey say the spirit moves in mysterious ways

Sometimes the way it moves looks plain berserk

But two things you should be slow to criticize

A mans choice of woman and his choice of work

Das wurde eine Art Mantra für mich. Mein Paddy McAloon-Mantra. Mein “Vertrauen sie mir, ich weiß was ich tue.”-Mantra. Mein “Ich weiss, dass es schiefgeht und das ich leiden werde, aber ich muss das tun, denn ich liebe sie.”-Mantra. Mein “Vielleicht geht es gut, das wäre so wundervoll”-Mantra. Na, ihr denkt vielleicht, das ich gerade traurig und trübsinnig bin, oder?

Nein, bin ich nicht. Ich überlegte nur, wie meine Freunde und Familie wohl darauf reagierten, wenn ich einmal mit “Everybody’s Darling” auftauchen würde, was eher unwahrscheinlich ist, immerhin entspreche ich dieser beschreibung selbst nicht – trotz meiner meist schlagartigen Beliebtheit potentiellen Schwiegermüttern. Ich sehe scheinbar nur so aus: Schwiegersohn. Oder? Ich hoffe nicht. Gestern hörte ich von einer Frau, ich sähe “zart” aus. Hilfe!

Vermutlich würde ich meine Freunde damit umbringen. Herzinfarkt. Tot. Der Schock, Sie verstehen. Es war zuviel für sie. Daher, weil ich euch auch liebhabe, suche ich mir weiterhin schräge, wundervolle, tiefsinnige, zum steinerweichen schöne, dramatische, kluge und schwierige Frauen aus. Die Sorte, die mich locker unter den Tisch trinken kann und dann lacht wie eine Piratin, nein, wie ein ganzes Schiff voller Piraten.

Aus Rücksicht.

  1. Toller Name, oder? []

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