Mir ist im Moment oft kalt, ich stehe draußen rum und warte und warte und warte. Wenigstens werde ich dafür (mäßig) bezahlt. Davon wird mir aber auch nicht warm.
Da kann auch kein Grog gegen an, leider. Aber für den richtigen Fall habe ich immer ein paar Gedanken bereit. Diese besondere Sorte für kalte Momente. Es sind bestimmte Kleidungsstücke an bestimmten Menschen in bestimmten Augenblicken. Es gibt bei mir eine Handvoll dieser Erinnerungen, die zuverlässig wirken. Einer davon ist ein rüschiger Einteiler, den frau geschickt unter ihrer Normalkleidung versteckt hatte … fast perfekt versteckt, ich ahnte stundenlang das da etwas war, etwas Spitze hatte ich gesehen, als sie sich bückte und ich konnte nicht erwarten, dass sie mich ‘überraschen’ würde und dann, später- ich hatte mir große Mühe gegeben, um ihr nicht die Freude an der Präsentation zu nehmen – übertraf sie alle Erwartungen bei weitem, mmmh, ja … das hatte ich nicht so erwartet und …. sowas sollte dringend wieder vorkommen – egal, ich wollte ja eine Geschichte erzählen.
Da war eine andere; ich erinnere mich an einen sehr kühlen und leeren Laden, es war am Ende meiner Bekanntschaft mit der ländlichen Gothic-Gemeinde, kurz nachdem ich so unfein verflucht worden war. Man näherte sich wieder an, es gab ja nicht viele erträgliche Leute in der Gegend, so wurde ich von mittel-bekannten Leuten mit spürbar schlechtem Gewissen zu Parties eingeladen. Ich nahm an, da gabs ja sonst nichts – aber dann saß ich herum; auf Bänken, Treppen und Stühlen, vorzugsweise nah am Heizkörper. Der durchschnittliche Goth friert aus Prinzip nicht, vor allem nicht die weiblichen Exemplare, die auch bei Minustemperaturen gern in Korsagen und Netzstrümpfen durch den Schnee in den kaum wärmeren Innenraum stöckelten.
Da war eine gegenüber der spärlich genutzten Tanzfläche, die mir gefiel. Sie hatte einen viel zu kurzen Rock an, schwarz natürlich, dazu eine von oben bis unten geschnürte Korsage, die jedem Moment zu bersten drohte; nein, sie war nicht dick, sie war nur viel. Ihr Ausschnitt wogte beim Lachen und sie lachte die ganze Zeit und zwar laut, wenn sie nicht an diesem ganz bestimmten feinen Lächeln übte, das auch über die Tanzfläche zu spüren war, jedenfalls von Männern. Ich spürte es im Nacken, wenn ich mir vorstellte, dass sie mir zulächelte, heimlich, wenn ihre Freundinnen gerade wegschauten. Da war ich nicht der einzige; sie erhielt Tonnen von dieser ganz besonderen Beachtung, die Männer Frauen schenken, die ihren weiblichen Begleiterinnen ganz sicher verhasst waren, nämlich weil sie “nuttig” aussahen. Ich hatte drei Mitfahrerinnen und über ihr Gezischel und Getuschel war ich erst auf die Lächelnde aufmerksam geworden.
Diese genoss die Aufmerksamkeit von allen Seiten offensichtlich sehr und probierte einen Klassiker: Sie schlug das eine bestrumpfte Bein über das andere. Der Klassiker wirkte durchschlagend; mir wurde nicht nur warm, die Hitze drang in tiefere Regionen vor und erzeugte dort eine überraschend heftige Reaktion. Ich beschloß, auch das Bein überzuschlagen. Aus Sicherheitsgründen sozusagen. Das war so unbequem, dass ich die Flucht ergriff und mich in Richtung Toilette begab. Welches Bedürfnis mich dahin führte, verrate ich aber nicht.
Wie auch immer, Sie wartete draußen auf mich. Dieses Mal sah sie mich an, dieses Mal gab es keine Zweifel daran; sie schaute mir mit ihren braunen in meine blauen Augen und lächelte immer noch. Ja, sie war das erste Mal hier; sie kannte eigentlich niemanden hier außer ihren Freundinnen und ob ich ihr einen Drink ausgeben würde. Ich tats. Sie war so blass, dass die blauen Ädernchen an der Oberfläche ihrer mächtigen Brüste zu sehen waren. Das gefiel mir; sie sah meine Blicke und rückte den Ausschnitt etwas zurecht, was ich zu schätzen wusste. Wir tranken Feuer. Das ist ein Pintchen Absinth, das man in einem Löffel mit einem Stück Würfelzucker anzündet; die Tropfen läßt man in ein Glas Eiswasser fallen.
Sie war einfach zu viel für mich; ich wusste genau, dass gerade mindestens vier Männer im Raum mein sofortiges Ableben wünschten. Der Neid tropfte ihnen aus den Augen und ließ mein Selbstwertgefühl in bislang ungeahnte Höhen steigen – es sah aus, als müssten sie gleich weinen. Diese überaus seltene Situation hätte ich bestimmt hemmungslos ausgekostet, wäre ich nicht komplett abgelenkt gewesen.
Sie redete nicht, sie flüsterte. Dafür kam sie mir sehr nahe, ich fühlte ihre beträchtlichen Schauwerte an meiner Schulter und ihr viel zu penetrantes Parfüm in den Nebenhöhlen brennen; sie hauchte nicht in mein Ohr, sondern auf die weiche Haut direkt unterhalb des Ohrläppchens.
Wir redeten über Musik und sie erzählte, dass sie andere Frauen hassten, bis auf ihre Freundin; dass sie noch mit ihrem Ex zusammenwohnte, der Techno hörte und den sie hasste und dass es nur noch Streit gäbe, seitdem sie getrennt wären und sie keine eigene Wohnung fände, ach, das liebe Geld. Mich fände sie gut. Ob man hier denn nirgends ungestört sein könnte?
Leider nicht. Draußen fror es und ich hatte kein warmes Auto – zur Abwechslung war ich ein einziges Mal nicht selbst gefahren. Rehauge schnurrte mir ins Ohr und biss mir genießerisch in den Hals, während sie mir erzählte, dass sie dringend – verstehst du, dringend? – einen Mann, sonst würde sie unausstehlich.
Dann packten ihre Freundinnen sie und verfrachteten sie im Eiltempp ins Auto; es gab eine Glatteiswarnung und sie wollten dem Eis entkommen. Ich konnte ihr grade noch meine Nummer in die Hand drücken, die ich in weiser Voraussicht auf einen Zettel gekritzelt hatte, wofür ich der Bedienung wohl noch heute einen Teil meiner Seele schulde. Sie gab auf dem Weg zur Tür mir einen erstaunlich sanften, etwas schlabbrigen Kuss und dann war sie weg. Zehn Minuten später kam die SMS auf mein allererstes Handy, dessen Nutzen sich hier erstmalig zeigte:
“Ich bin so scharf auf dich, ich will dich unbedingt sehen. Ich meld mich. K.”
Sie meldete sich am Montag. Leider wohnte ich unter der Woche im Apartment aus der Hölle, 11qm ohne Telefon und Internet und abendliche Anbindung an irgendeine Infrastruktur. Sie schreib viele SMS und ich schrieb noch mehr zurück. Ich war eine gute Woche lang annähernd durchgängig … bereit. Dagegen kam ich überhaupt nicht mehr an; dass mein Körper so motiviert sein konnte, hatte ich gar nicht für mich gehalten. Mann muss sich ja helfen, aber irgendwann tat es nur noch weh.
Dann kam der Freitag und wir machten einen Treffpunkt und eine Uhrzeit aus und dann … fuhr ich los.
Nun, nichts passierte so wie ich erwartet hatte, aber ich friere nun immerhin nicht mehr so. Soll ich den Rest überhaupt noch erzählen? Später vielleicht.
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