Freunde

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Photo Credit: Charkrem

Bitte verzeiht mir, wenn ich schon wieder etwas über Bücher schreibe. Es ist einfach notwendig, dass ich wieder etwas zu diesem Thema bringe und vielleicht versteht ihr auch, warum: Es geht nämlich um das Verleihen von Büchern. Ich verleihe Bücher normalerweise sehr ungern, vor allem nicht welche die ich schon gelesen habe und deswegen mag. Ich trenne mich ungern von ihnen, weil sie hier ihren Platz und weil sie mich erinnern. Es gibt auch noch Bücher die ich gelesen habe und nicht so sehr mag, die verleihe ich ungern, weil sie nicht so sonderlich gut sind. Ich würde sie eher verkaufen. Aber auch nicht an Leute, die ich gern mag.

Ihr seht schon: Einfach ist es nicht, wenn es mit Büchern zu tun hat und gleichzeitig mit mir.

Ich weiß noch genau, wie ich einmal Die Grüne Perle von Jack Vance in einem bedauerlichen Zustand von meinem besten Freund zurückbekam (Er war jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt mein bester Freund gewesen. Danach ging es bergab, wie mir gerade auffällt). Der dicke Band war wellig und voller Wasserflecken. Er ließ sich kaum noch aufklappen, die Seiten klebten aneinander. Meine Augen müssen groß wie Untertassen gewesen sein, als ich ihn fragte was er denn damit angestellt habe – ob er das Buch etwa mit in die Badewanne genommen hätte? Ich war relativ überrascht, dass er genau das gemacht hatte, was er auch unumwunden zugab – das würde er immer so machen, das wäre ja auch kein Problem. Schließlich war es nur ein Taschenbuch.

Danach war ich vorsichtiger und ich hatte mich besser unter Kontrolle, was den Bücherverleih anging. Ich gab nur noch Bücher an Frauen heraus, die ich scharf fand. Ich war vielleicht so etwas wie eine starke Persönlichkeit, aber es gibt auch Situationen in denen größere Mächte am Werk waren.

Meine leicht abgenutzte Ausgabe von Dunsanys The King of Elfland’s Daughter an eine große Liebe, die wenig später einfach verschwand. Da war es in Ordnung, dass mein Buch mit meiner Widmung mit ihr ging, wohin auch immer. Ein ganzer Stapel Lieblingscomics an eine Frau, die sie eigentlich gar nicht haben wollte und mich schon gar nicht. Zurückgegeben hat sie meine Sachen dennoch nicht. Die Ziege.

Warum eigentlich habe ich nur Sachen verliehen, die schnellstens vergriffen sein würden? Meine Barry Hughart Gesamtausgabe habe ich bei einer zurücklassen müssen, deren Bett ich fluchtartig verlassen verließ. Ich hatte zwar gute Gründe und – ja, sie war zufällig gerade nackt als ich ging. Ich habe mich dann nicht mehr getraut, wegen dem Hughart zu fragen. Der war nämlich leider auch vergriffen1.

Mein teurer Anatomieatlas ist für immer bei jemandem geblieben, der ihn kaufen wollte und dann nie wieder ans Telefon ging. Dabei war der Typ nichtmal eine Frau, auf die ich scharf war. Ich sollte zurückgehen und den Satz weiter oben ändern, weil die Regel offenbar nicht immer so galt oder …

… einfach…

… daran denken, wo einige meiner Lieblingsbücher stehen, die ich mal an wundervolle Leute verliehen habe. Ich weiß genau, dass sie da gut aufgehoben sind und dass ich sie wiederbekommen werde, wenn sie denn mal gelesen sind. Niemand muss sich beeilen. Manchmal besuche ich sie in ihren Regalen und freue mich, dass sie es warm und trocken haben.

Freundschaft ist, wenn man sich Bücher leiht und gar nicht fragt, wann man sie zurück bekommt. Komischerweise habe ich dabei ein gutes Gefühl.

  1. Immerhin hat sie ein echt gutes Buch abgestaubt. Geschieht mir recht, ich weiß. []

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Nur eine gute Woche lang nahm ich mittelschwere Schmerzmittel und natürlich denkt sich das Leben und vor allem das Arbeitsleben allerlei unterhaltsame Katastrophen aus, damit man auch ja nicht vergisst, gerade jetzt weniger belastbar zu sein. Vor allem wenn man sich nach der Arbeit mal gern so richtig auslasten möchte, zum Beispiel am Wochenende – wenn ihr versteht, was ich meine. Versteht ihr natürlich – oder?  Meine geneigte Leserschaft ist scheinbar durchaus dem regelmäßigen gelegentlichen Exzess zugeneigt, was ich sehr sympathisch finde.

Dann kommst du nach Hause und du bist kaum in der Lage, Blogposts zu lesen, geschweige denn Bücher zu lesen. Prosieben ist genau das richtige. Das Programm ist für Leute, die unter Schmerzmitteln stehen, absolut das richtige – Schonkost fürs Gehirn, zu der man entspannt aus dem Mundwinkel tröpfeln kann.

Aber! Ich habe ja versprochen, nicht mehr über körperliche Gebrechen und erst recht nicht mehr über Körperflüssigkeiten zu schreiben und das habe ich auch nicht vergessen – man wird mich erinnern, aber vorher möchte ich doch um ein wenig Gnade bitten und einige weitere Absätze niederschreiben. Hier geht es nämlich nicht um Krankheit.

Hier geht es ums Gesundwerden.

Wenn man die verdammten Pillen absetzt und man endlich wieder normale Nahrung zu sich nehmen kann, womit nicht nur geistige Nährstoffe gemeint sind, dann ist das ein Gefühl, als hätte man einen Zentner überflüssiges Gewicht abgeworfen und im Austausch dazu einige Kilo an purer, tatkräftiger Muskelmasse zugelegt. “Meine Güte”, denke ich, “da hat aber jemand beschlossen, endlich mal das Licht anzuknipsen und nicht etwas nur draußen vor dem Fenster, sondern auch im Kopf: Wo vorher die Welt im blässlichen Stil des DDR-Fernsehens dahinvegetierte, da hat man nun scheinbar auf Technicolor umgestellt; alles ist so komplett unrealistisch und großartig bunt. Wow!”

Und abends kommst du nach Hause und die lädierte Schulter tut endlich mal nicht ernsthaft weh, sondern man bekommt so etwas wie Hoffnung, dass es bald mal wieder ganz normal sein könnte, dass es vielleicht ein paar Tage lang gut gehen könnte, dass es vielleicht wirklich immer gut gehen könnte. Du kannst einen Text lesen, ohne dass dir die Zeilen vor den Augen verschwimmen. Du kannst einem Chat folgen und vergisst nicht gleich, was du am Vortag gesagt hattest.

Allerdings bin ich etwas beunruhigt, die alten Texte und die alten Chatlogs zu lesen und die alten Freunde zu fragen, was ich so gesagt habe, in der letzten Woche. Ich will gar nicht daran denken, was ich so auf der Arbeit getextet hatte. Bisher keine Beschwerden, nun ja. Aber das schiebe ich gekonnt – denn das kann ich auch wieder – beiseite und denke:

Wochenende.

Ich wünschte, ich hätte Besuch – zum Teilen.

Ich denke an jemanden.

Mir ist so egal, dass es gerade regnet.

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Vor Weihnachten ist meine Arbeit am schwersten; die Stunden werden mehr und die Krisen häufen sich. Ich komme nach Hause, es ist dunkel, nass und kalt und eigentlich kannst du nur noch einschlafen und vielleicht etwas essen. Schreiben, ach ja – die Berichte – dazu komme ich kaum. Nicht nur wegen der Müdigkeit, ich bin einfach in jeder Hinsicht zu erschöpft, um mehr als anspruchlosestes Fernsehprogramm zu schauen. Wenigstens leert das mein Hirn und am nächsten Morgen geht es dann wieder. Dann wache ich zu früh auf und schreibe in Gorgmorg oder eine Mail.

Ich fühle mich gar nicht weihnachtlich, meine Wohnung ist nicht geschmückt und wenn “Last Christmas” im Radio läuft, schalte ich aus. Aber ich freue mich auf Weihnachten. Das geht.

Ich habe dann nämlich frei. Nicht mehr als die Feiertage, aber immerhin. Es wird nie wieder wie früher sein – meine Familie hat sich gründlich zerstritten und wir werden wieder nur zu viert sein, mein Bruder und meine Eltern, dazu meine Wenigkeit. Dafür hatte ich auch kein Problem beim rechtzeitigen und lückenlosen Geschenkefinden! Es wird auch keinen Streit geben, wir sehen uns sowieso ziemlich oft und hatten dafür reichlich Gelegenheit. Trotzdem, ich werde auf andere Gedanken kommen und fürchterlich gut essen. Danach sitzen wir sicher am Kamin; das wird schön.

Ich werde meine Freunde sehen und dabei vielleicht einmal ausgeschlafen sein, um nicht nach zwei Stunden einzunicken.

Ich werde die Feiertage lang überhaupt gar keinen festen Plan haben und darauf freue ich mich am meisten.

Ich wünsche mir, dass sie Grund zum lächeln hat. Ich lächle schon, wenn ich nur an sie denke und das tue ich oft. Dafür bin ich sehr dankbar und wenn sie hier wäre… ach, das hat schon mit Liebe zu tun. Viel sogar.

Passt also, irgendwie.

Irgendwie also freue ich mich auf Weihnachten.

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Vor nicht langer Zeit hat mir jemand eine ganz schön wilde Geschichte erzählt, Jahre lang hatte sie es allen verheimlicht und sie erzählt mir über verlorene Jahre, Lügen und Lügen und dass ich der wäre, dem sie es sagt und dann sah sie mich so an, als ob das ein Abschied wäre, vielleicht.

Und ich war ganz gerührt.

Dabei fühlte ich mich leichter und besser und stolz auf sie und geehrt. Der erste war ihr Freund gewesen, warum jetzt ich?

Vermutlich weil meine Ohren wie schwarze Löcher wirken- nicht weil sie ungewaschen sind und Angst und Schrecken und unrettbare Verdammnis für alle in der Nähe bedeuten, sondern weil sie Geheimnisse anziehen. Ich strahle vermutlich ein unsichtbares Vertrauenswürdigkeitskraftfeld aus. Mit einer kleinen telepathischen Botschaft, die da wispert:

“Es ist Denis. Du musst es ihm erzählen. Alles. Lass kein ekliges Detail aus. Er wird es für sich behalten und trösten. Der kann das ab. Der freut sich darauf. Erzähl es ihm.”

Meine eigentlich durchschnittlichen Ohren saugen zwar nicht das Licht ein und dehnen die Zeit selbst und sie reißen wohl auch nicht die Grenzen zwischen Dimensionen ein – aber peinliche Geheimnisse, die… müssen berichtet werden.

Ich sag also. “Wow. Das ist mal eine wilde Geschichte. Aber hey, das ist mit Sicherheit keine verschenkte Zeit. Immerhin hast du nun eine wilde Geschichte. Ich kenn da auch schon einige und das macht einen ein wenig zu einem wilden Typen. Sieht man ja. Das ist gut so.”

Hat gelächelt.

Wenigstens bleibt es nicht lange ein Geheimnis. Hoffe ich. Hoffentlich ist ihr Freund nicht in Ohnmacht gefallen, ich sollte mich nach seinem Wohlergehen erkunden.

Schließlich hat nicht jeder solche Ohren. Schließlich hat nicht jeder wilde Geheimnisse, die schräger und süßer und romantischer und liebevoller sind. So wie ich. Darum kann ich das ab.

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Vor nicht langer Zeit sprach man mich im eingebauten Gorgmorg-O-Chat an und erzählte mir aus einem stressigen Leben und wie die Prüfungen im hart umkämpften Hochschulleben einen hohen Preis an Nerven und Zeit forderten. Die Person – die mir gleich weiblich schien, das erkennt man doch sofort, geneigte Leser – sah jedenfalls das Ziel so nah, als ob sie es mit Händen greifen könnte. Mal angenommen, man könnte einen Prüfungstermin anfassen. Ist nur so eine Redewendung, geneigte Leserschaft.

Danach würde sie sich belohnen und ins Kloster gehen.

Ich war selbstverständlich schockiert und nicht wenig verwirrt, ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass mein Weltbild nicht nur ins Wanken geraten war, sondern einen inspirierten Can Can auf dem Parkett meines Bewusstsein hinlegte.

Immerhin hielt ich – abgelenkt und überhitzt, wie ich war – die Person für die so wundervolle wie unverwechselbare Meriche. Sie, im Kloster? Niemand konnte über solcherlei Neuigkeiten überraschter sein als ich – mit Ausnahme vielleicht von Schwester Meriche selbst, die von dieser Entwicklung selbst noch gar nichts gehört hatte, als ich sie später darauf ansprach.

Aber ins Kloster zu gehen! Allein schon die Tatsache, mich zu kennen – die wäre doch schon ein klares Ausschlusskriterium contra Kloster. Wer macht denn sowas? Aus meinem sinnenfrohen Bekanntenkreis, noch dazu!

Nun, ich habe einen Verdacht.

Andererseits sind bestimmte Blogs in letzter Zeit unangenehm still geworden, so das ich meine Liste weiterer Verdachtsfälle immer wieder verlängern musste.

P.S.: Falls ihr nicht allem Weltlichem abgeschworen habt, könnt ihr es hier mitteilen, finde ich.

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“Der Grund warum du keine abkriegst ist: Du bist einfach zu nett.”, sagte mir die ganz schön nicht nur ein wenig Prosecco-beeinflusste blonde Freundin mit den besten Absichten.

“Aber ich krieg welche, wenn ich will…”, versuchte ich das gefürchtete Thema namens Dubistschonsolangesoloichmachmirsorgen im Keim zu ersticken, lieferte allerdings unabsichtlich eine Diskussionsgrundlage. Sie ließ mich nicht ausreden.

“Jahaha! Du willst ja nur nicht, wenn sich die Chance ergibt! Greif zu und zwar schnell. Bevor sie dich besser kennen und merken, dass du alles für sie tun würdest. Das macht nämlich un-sexy, mein Lieber. Sei einfach mal mehr Arschloch.”

Sie machte eine winzige Pause und holte Luft – ich wusste, was jetzt kommen würde. Wir telefonierten, aber ich konnte förmlich hören, wie sie gerade den Zeigefinger auf sein Ziel – mich – ausrichtete. Das tat sie nur dann, wenn sie einmal etwas wirklich Wichtiges zu sagen hatte und auf gar keinen Fall irgendeinen Widerspruch dulden würde. Der imaginäre Zeigefinger der Rechtschaffenheit bohrte sich ungnädig in meine Brust.

“Aber wenn ich jemand mag, dann bin ich eben so…”

(Ich hätte selbstverständlich die Klappe halten sollen.)

“Dann sei eben mal nicht so. Selbst wenn du es nicht sagt, Frauen können sowas spüren. Die wissen genau, “der ist nett. Mit dem geht man nicht ins Bett.” Sonst wären wir auch nicht nur Freunde, ne? Du bist so ein geiles Stück, aber so… nett. Das geht gar nicht.”

“Wie, du warst mal scharf auf mich?”

“Bis du dich mal um mich gekümmert hast, als es mir beschissen ging, ja. ‘Scharf’ war gar kein Ausdruck. Was meinst du denn, warum ich immer von dir nach Hause gebracht werden wollte? Wenn ich dich nur einmal in einer dunklen Ecke… aber du bist ja immer so nett! Da will man dich gar nicht mehr ficken.”

“Oh.”

“Ja, genau. So versaust du dir nur dein Leben. Verdammt, Flasche ist leer. Ach, ich hab dich lieb.”

Daher: All meine Leserinnen sollen wissen, dass ich den Valentinstag beschissen finde. Für mich ist das ein Tag, an dem man durch geschickte Werbung dazu gezwungen werden soll, extra für diesen Tag enorm verteuerte Blumen zu verschenken.

Ich finde, ne gute Flasche oder lecker Sushi sind viel bessere Geschenke – und machen mit etwas Glück auch dem Schenker Spaß, was ich als Schenker absolut befürworte. Ich brauch auch keinen dämlichen Tag, um daran erinnert zu werden, dass ich jemand liebe und das auch mal wieder mittels vorgedruckter Grußkarten -”nur ein kleiner Aufpreis” – sagen sollte. Ha, seht ihr? Ich bin doch etwas unromantisch und unsensibel und… sexy.

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