Geburt

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Mein alter Freund G., gerade noch rechtzeitig vor den Wehen notverheiratet, war wie erwartet Vater geworden und hatte sichtbar Gewicht verloren. Bei uns auf dem Land wird üblichlerweise nachdem Kind und Eltern stabilisiert wurden, ein alter Brauch abgehalten: Man begießt das neue Kind. Natürlich nicht buchstäblich, liebe Leserinnen und Leser.

Kein Kind wird mit abgestandenem Wasser aus einer Kanne überschüttet.

Da wir uns in Westfalen und auf dem Land befinden, hat es selbstverständlich etwas mit Alkoholgenuß zu tun: Die Freunde, die nach der Hochzeit und den Launenhaftigkeiten der Schwangerschaft noch mit der Familie sprechen, werden eingeladen und man trinkt gemeinsam und wiederholt auf das Wohl des neuen Erdenbürgers und (mit etwas Glück) Bloggers.

Es ist zum Glück ein Mädchen.

Die Mutter ist müde, Vater ist stolz und man strahlt Harmonie aus; ich freue mich für sie, auch wenn der stolze Vater den ganzen Abend Händel auflegt, immer wieder: Das beruhigt enorm und ich bin sicher, dass die zu heißen Minipizzen (aus der Kühltheke – ich will das das mal verzeihen) so noch viel besser ansetzen.

Ich bin nicht gut im Baby halten und mich dabei total wohlfühlen, aber ich gebe mein Bestes und nach ein paar Stunden sage ich, dass ich nun fahren muss. Der Vater, mein Freund, der begleitet mich noch nach unten – er ist Raucher und nutzt jede Gelegenheit, vor die Tür zu kommen und eine zu qualmen.

Wir reden miteinander, wie immer kommt dabei großer, glorreicher Blödsinn heraus. Wie in all den Jahren. Ich schaue ihn an und mir wird ein wenig flau; das ist wohl für immer vorbei, wir haben sowieso Probleme, uns einfach mal zu treffen. Nichts zwischen uns ist kaputt, aber wir driften auseinander wie Kontinentalplatten. Keiner ist schuld daran, aber aufzuhalten ist es auch nicht. Das hier könnte das letzte Mal sein, dass wir so zusammentreffen, wir wissen es beide, sprechen es aber nicht aus. Wozu auch.

Wir schauen ober das Feld, die Umrisse der Bäume zeichnen sich dunkel im Mondlicht ab. Es quietscht leise und mehrstimmig und wir brauchen ein paar Momente, um die seltsamen Geräusche einem Quartett von Teenagern auf Fahrrädern zuzuordnen. Nur einer von ihnen hat seinen Drahtesel beleuchtet, der muss daher immer vorfahren, damit man sich nicht verfährt. Sie suchen nach dem Mittellandkanal und einer Brücke darüber. Man sucht McDonalds.

“Immer gerade aus und dann links”, sage ich.

“Das längliche, nasse Ding – das ist der Kanal”, sagt mein Freund. “Wenn ihr das gefunden habt, seit ihr an der Brücke vorbei. Einfach an Land gehen und wieder ein paar Meter zurück.”

Sie bedanken sich und fahren weiter. Nach ein paar mühevollen Tritten des Beleuchters sehen sie sogar wieder die Straße.

Wir schauen ihnen nach, bis sie schon lange in der Nacht verschwunden sind. Kurze Zeit hört man noch das Quietschen, dann ist es ganz still. Das flaue Gefühl ist noch da.

“Na dann. Mach’s gut”, sagt er.

“Mach’s besser”, sage ich.

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