grillen

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Ich will nicht behaupten, dass meine Familie in irgendeiner Weise bemerkenswerte als alle anderen Familien sei – aber es gibt immerhin Grund zu vermuten, dass mit ein wenig mehr kommerziellem Denken ein millionenschweres Vermögen zum Greifen nah gewesen wäre. Es gab da eine Erfindung, so epochal wie die Kernspaltung.

Die meisten Leute nämlich kennen die durchschnittliche Bratwurst als leicht gekrümmtes Ding, welches gern in Reihen vereint auf dem Grill seiner Bestimmung entgegensieht. Dies traditionelle Krümmung störte meinen Großvater sehr, weil man die Wurst zwar auf beiden Seiten sehr schön braun und knusprig braten konnte  - aber eben nur auf zwei Seiten. Er wünschte sich eine rundum nahtlos und gleichmäßig gegarte Wurst. Also entwickelte er eine Lösung: Die Bratwurstspieße aus Stahl, die bei korrekter Anwendung die Wurst linealgerade machten und so nicht nur seinen Qualitätsanspruch befriedigten, sondern auch Gegenstand des Gespött der amüsierten Nachbarschaft wurden. Nicht, dass ihn das jemals gestört hätte.

Heute, viele Jahre nach dem Tod meines Opas verwendet mein Vater seine Spieße weiter und so gibt es auch bei meinen Eltern schnurgerades Grillgut. Kürzlich habe ich in einem Supermarkt verdächtig ähnliche Stahlspieße gesehen, die man allerdings als “Schaschlikspieß” ausgezeichnet hatte.

Vermutlich nannte man sie nur aus einem Grund nicht “Bratwurstspieß (Methode von Gorgmorg)“, damit man den Erben der Bratwurstentkrümmungstechnologie keine Lizenzgebühren zahlen muss. Aber mich kann man nicht so einfach täuschen, wie meine geneigten Leser bereits wissen. Meine Rechtsabteilung kümmert sich schon um diesen Fall. Ungeheuerlich, was man sich heutzutage erlaubt – die Geschäfte sind voller Plagiate, gegen die man unbedingt vorgehen muss.

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Vor nicht langer Zeit war ich dazu verdonnert worden, ein Schulfest zu besuchen – ein Grundschulschulfest an einer Dorfgrundschule, um genauer zu sein. Ich bin zwar schon gelegenheitsalt und gelegenheitsweise, aber dennoch – Grundschulen bringen uralte, nur wenig verschüttete Erinnerungen und Vorbehalte mit, die jeden Besuch wieder bestätigt werden. Es sind nicht so sehr die Lehrer; es gibt solche und jene, wie immer. Nein.

Es ist die unheilige Atmosphäre.

Grundschulen existieren scheinbar in einer Zeitblase, die jegliche Änderungen verhindert. Alles ist gleich, bis hin zu den braunen Ledertaschen und der schrecklichen Frisur absolut jedes Mathelehrers.1

Alles ist wie es immer war. Der Tanz, ein Volkstanz, afrikanisch oder eine lokale Spezialität. Gut, der Sponsorenlauf, der ist fast schon irgendwie neu, muss aber auch seit vieeeelen Jahren unbedingt sein.

Der eine von halbmotivierten Eltern betriebene einzelne Grill für 200 extrem hungrige und quengelige Gäste, die genau wissen, dass sie eine gute Dreiviertelstunde auf ihr leicht verkohltes Futter warten werden – genau wie in ihrer eigenen Kindheit.

Das Glücksrad, welches Trillerpfeifen als Trostpreise herausgibt, die in der nächsten Stunde vom Kollegium eilig eingesammelt werden. War bei mir auch so. (“Das ist keine gute Idee. Machen wir nicht wieder.”)

Die unverständlichen Ansagen der Direktorin über die Sprechanlage, an die sich keiner hält.

Heulende Kinder. “Ich will nach Hauseeee!” Keine Sorge, ich auch.

Unmengen schrecklichster Backmischungskuchen, deren Position sich unter Herrscharen hochmotivierter Wespen als Fund des Wespenjahrhunderts herumgesprochen hat. Von den Eltern, die hier freiwillig helfen wollten, sind zwei erschienen.

Das Schulfest. Es lauert still und sammelt temporale Energie und es wird eines Tages unsere Sonne fressen.

Sagt bloss nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

  1. Tut mir leid, liebe Mathelehrer. Es ist nicht so, dass ihr alle dieselbe Frisur tragt, die Schrecken sind mannigfaltig, und nur in ihrer Schrecklichkeit vergleichbar. Meine Frisur, so man dieses Ding derartig bezeichnen will, ist sicher nicht viel besser… []

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Freitag war ich wieder da, wo ich aufgrund meines Gesundheitszustandes eigentlich nicht sein sollte: Im AJZ. Mit meinen Freunden, die diesen Moment meiner Schwäche scheinbar ausspioniert hatten, um massiert aufzutreten. Immerhin war zu erwarten, dass ich es nicht lange machen würde, äh, meine Schlaf brauchen würde und so nicht störend in Erscheinung treten würde. Es ist natürlich auch vollkommen möglich, das sie rein zufällig alle da waren und sich freuten, mich zu sehen.

War toll, in jedem Fall, egal wie lange.

Als ich mich viel zu früh und viel zu müde zum weitermachen mühsam für den Heimweg entschied, fühlte ich mich trotzdem gut. Da waren russische, blonde Trinker, die nicht den Weg zur Tanzfläche fanden und in 10 Sekunden zu engen Freunden des gorgmorgschen Staates wurden, dem Vernehmen nach. Da waren griechische, gelockte Zauberkünstler, die überzeugt von ihrem Können dennoch nicht überzeugend in die Irre führen konnten, aber dieses Manko mit um so mehr künstlichen Blumen und purem Enthusiasmus locker wieder wett machen konnten.

Da waren Leute, die mittem auf dem Innenhof … grillten. Keiner scheint von solchen Ereignissen sonderlich verstört oder verunsichert. Hey, solange sie keinen Ärger machen. Was solls.

Michael Jackson 2 Minuten nach The Clash auflegen, danach französischen Punk finsterster Art.

Wünschte ich wäre fitter und ihr dabei gewesen.

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Mein Nachbar grillt. Eigentlich immer. Er hat sich auch einen Swimmingpool gebuddelt, in dem er seinen unförmigen Leib neben der ähnlichen Gestalt seines Eheweibs geleglich schrill kichernd treiben läßt. Aber wenn er nicht treibt, dann grillt er. Immer. Also, fast. Ich muss nur Feierabend machen und beschließen, ein wenig in der mir zugänglichen exzellenten Literatur zu lesen und schon gelangen die zweifelhaften Düfte von zu viel Spiritus, Holzkohlenrauch und verbranntem Fett in meine leistungsfähigen Riechkomplexe. Und sie reden. Sehr laut.

Eben ging es schon wieder los. Oh ja, sie wollten grillen… sie mussten grillen.

Aber nun… geht gerade sintflutartiger Regen nieder. Oh ja. Wasche sie hinfort, edler Regen!

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