Ich war der Junge, dessen Nummer tolle Frauen und coole Typen immer in ihren kleinen Notizbüchern hatten, lange bevor es nicht mehr uncool war, ein Mobiltelefon zu benutzen: Sie hatten die nicht ganz unbegründete Hoffnung, dass ich ihren durch irgendeinen dummen Umstand bockenden PC wieder zur motivierten Mitarbeit bewegen könnte. Das passierte nicht gerade selten und ich erwarb mit der Zeit einen gewissen Ruf.
Ich war damals überzeugt davon, das man als cooler und toller Mensch nur in solchen Momenten meine Bekanntschaft schätzen könnte. Mein Glaube an meine eigene Unerträglichkeit und die Arroganz der restlichen Menschheit war so ausgeprägt, dass ich mich in der Folge unerträglich und arrogant benahm. Ich war nämlich nicht nur jung und nerdig, sondern auch ein echter Vollidiot voller unhaltbarer Vorurteile und einem ernst zu nehmendem Mangel an Selbstbewusstsein. Die Sorte Mensch, die jede noch so weit hergeholte Möglichkeit zum Aufbau von Selbsthass dankend annahm. Ich konnte in die Leere geschossene verbale Flanken genauso gut in tief empfundene persönliche Kränkungen verwandeln wie damals Maradona harmlose Mondbälle in Traumtore.
Aber, hey, ich war echt gut im PCs reparieren. Allerdings…. um ehrlich zu sein… im nachhinein fallen mir zig Gelegenheiten ein, bei denen die eine oder andere hardwaregeplagte Frau vielleicht doch etwas ganz anderes von mir wollte als nur den Einbau eines CD-Brenners. Etwas völlig anderes. Netteres. Etwas Unaussprechliches, moralisch noch zweifelhafter als die Möglichkeit, urheberrechtlich geschützte Medien schamlos zu vervielfältigen. Etwas, das direkt das Ende meines Status als männliche Jungfrau nach sich ziehen könnte. Ganz zu schweigen von Romantik und Romanzen. Aber das alles konnte natürlich unmöglich wahr sein, nicht in meinem Weltbild unterzubringen, in dem ich mich selbst als Stammbesetzung für den ewigen Verlierer gecastet hatte.
Besonders dieser eine Fall, in dem mich die überaus attraktive Lady im Bademantel empfing, sich für ihren Aufzug entschuldigte und mich nach getaner Hilfeleistung noch auf einen Drink einladen wollte… ich bin natürlich schnell abgehauen. War doch logisch, oder?
Wie bereits gesagt, ich gehörte zu einer besonders von sich selbst überzeugten Sorte Vollidiot.
Zum Glück bin ich heute nicht mehr so.
Heute finde ich mich immerhin einigermaßen akzeptabel. Aber mein Ruf als Unfehlbarer Reparierer von Computerkram ist nicht mehr das was er mal war. Mein Sockel als Hilfreicher Kontakt™ bröckelt. Nicht nur, dass ich meistens per Mail oder ICQ gefragt werde und nicht einmal mehr nach Hause eingeladen werde – snif! – ich scheitere kläglich bei den simpelsten Aufgaben und das auf unerklärliche Weise. Früher musste ich meistens gar nichts tun, der Vorführeffekt wirkte bei meiner puren Anwesenheit Wunder: “Vorhin ging er nicht an! Wie machst Du das nur?”. Ich widerstand dem Drang, die Augen langsam zu schließen, sanft zu lächeln, meine Handfläche auf das Gehäuse zu legen und folgende Worte zu verkünden: “Nun musst du nicht mehr leiden, kleiner Freund. Denn ich habe dich geheilt.” Nun gut, manchmal widerstand ich diesem Drang auch nicht. Ich war auch nur ein Mensch.
Ein etwas verlegenes Lächeln in Richtung Besitzerin folgte, dann ein “Ich gehe dann mal. Du hast ja meine Nummer.” [Denis verlässt unter den bewundernden Blicken der geretteten Demoiselle das Gebäude.]
Wenn ich hingegen in den letzten zwei Jahren in solchen Situationen etwas kund zu tun habe, dann ist es eher: “Tut mir leid, die Festplatte liegt in den letzten Zügen. Sie wird leider bald ihre letzten Umdrehungen machen. Das kostet dich allein an Material zirka…[Zu Viel Geld] ” Das ist schon ein angenehmerer Fall. Da hat man wenigstens einen Besuch herausgeschlagen und vielleicht ein Bier. Trotzdem: die Karriere als Computer-Wunderheiler ist eindeutig beendet, ich bin nur noch so ein normaler Typ “der sich die Sache mal anschauen kann”.
Richtig peinlich wird es, wenn man in diesem Blog kleinere Hilfen anbietet, die aber auf unerklärliche Weise nicht funktionieren. Ich muss nur an eine Anleitung für den Google Reader denken, die ich eigentlich für todsicher hielt. Natürlich funktioniert sie bei meinen engsten und meistgeliebten Freunden überhaupt nicht, schon gar nicht bei tollen Frauen. Na super. Wie überaus unangenehm. Klar, dieses Nichtfunktionieren kann ich mir vielleicht inzwischen erklären, aber warum passierte mir so etwas als Teenager niemals?
Vielleicht hängt es direkt mit dem Verlust meiner Unschuld zusammen. So ähnlich wie nur weibliche Jungfrauen Einhörner reiten können, sind vielleicht nur unbefleckte männliche Teenies in der Lage, einen PC nur durch ihre Anwesenheit wieder zum Laufen zu bringen. Das könnte ich akzeptieren, dafür habe ich ja inzwischen Freunde und kann mit der Gegenwart Frauen umgehen. Die Leute brauchen auch keine billigen Ausreden mehr, um mich einzuladen.
Hey, falls ihr ein Problem mit eurem PC habt, ich kann es mir mal anschauen. Allerdings will ich heutzutage abgesehen vom gemocht werden mindestens ein Bier haben oder lecker essen gehen. Bademäntel sind optional, werden aber gern gesehen. Wunderheilungen werden nicht garantiert.
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