Haus

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Geräusche

Es ist Nacht und endlich ist es auch still im Haus. Ich kann nun schreiben und würde lieber reden.

Seit ein paar Tagen schon gab es diese Geräusche im Haus. Fremde Stimmen fielen mir auf, dann wurden Möbel bewegt und es rumpelte hin und wieder. Ich ärgerte mich ein wenig darüber, aber nicht weil ich in meinem wohlverdienten langen Urlaubsschlaf gestört wurde – schon wieder ein Umzug, dachte ich – dabei hatte ich mich darüber gefreut, dass es lange keinen mehr gegeben hatte. Ich kam mit meinem Mitmietern ganz gut zurecht, auch wenn ich sie nicht oft sehe. Vielleicht aber komme ich gut mit ihnen zurecht, gerade weil ich sie so selten sehe. Nett sind sie jedenfalls, soweit ich das beurteilen kann.

Sie räumen unter mir in den Kellerräume und über mir, der Holzfußboden telegrafiert diese Art Geräusche besser als alle anderen. Scharren und Klopfen. Die vielen fremden Leute mit den ernsten Gesichtern und den zu guten Kleidern. Mir schwant etwas Unangenehmes und Rätselhaftes.

Dann erfahre ich zwischen Tür und Angel – “Sie wissen sicher, was geschehen ist, oder?” – was geschehen war: Der freundliche Herr über mir ist gestorben. Ganz plötzlich, er war nur ein paar Wochen krank und dann war es vorbei. Alt ist er nicht geworden. Da hatte ich eine Ahnung und war doch nicht vorbereitet und es verschlägt mir die Sprache – ich schaffe es noch, ein Hilfsangebot zu stammeln und dann bin ich schon aus der Tür und weg zum Termin, gleichzeitig erleichtert und schwerer getroffen als ich erwartet hatte.

Nun weiß ich also, was das alles zu bedeuten hat. So laut ist es gar nicht, rede ich mir ein: Es dröhnt nur in meinen Gedanken so. Das ist also auch Tod: Die Kartons und Kisten stapeln sich im Flur und das bedrückt mich auf eine Art, die ich nicht erklären mag. Ich drücke mich an ihnen vorbei und bin froh zu entkommen, hinaus auf die Straße. Ich bin erleichtert, wenn es Nacht wird und es aufhört zu rumoren und ich nicht mehr so nachdenken muss.

Aber vielleicht schlafe ich nun ein. Ich wünschte, nur ich wäre nicht allein im Bett.

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Das leise Knarzen der Holzbohlen über mir beweist weiteres menschliches Leben. Nun, nicht ganz, fällt mir ein: Es beweist wenigstens Leben.

Taktaktak pffrt pfft Taktaktak. Taktaktak pffrt pfft Taktaktak. Keine Ahnung, was das bedeutet. Manchmal hört man das tief in der Nacht.

Die Therme zischt manchmal, wenn ich sie anwerfen, genau wie Wassertropfen, die auf eine heiße Herdplatte fallen.

Das Quietschen und darauffolgende Klappern des Briefkastens.

Das herzhafte Furzen der Nachbarin, welches unweigerlich durch die Wand der nebeneinander gelegenen Badezimmer ertönt wenn ich gerade duschen will. Das kann einen leicht aus dem Konzept bringen.

Meditationsmusik, wenn es ganz still ist.

Die Schaltuhr der Heizung klingt wie der kleine schwarze Quartzwecker, den ich als Kind hatte. Mein Bruder hatte einen gelben, mit Aufklebern darauf. Das weiche Ticken hat mich damals am Einschlafen gehindert; aber nur wenn ich finstere Gedanken hatte. Dieses Ticken hier beruhigt mich, wenn ich genau hinhöre. Tik. Tik.

Das dumpfe Dröhnen der Rammsteinbegeisterten Lehrerin von nebenan.

Das grausige Kreischen der hüfthohen stählernen Tür im Gatter neben der Hauswand, hinter dem sich die Mülltonnen und weiter, in einer Ecke, geheime Sperrmülldeponien verstecken.

Manchmal, die Gedanken in meinem Kopf und mein Herzschlag.

Wenn ich an einen bestimmten Menschen denke, wird es still um mich.

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Ich könnte im Moment über vieles schreiben, über meine bizarr schiefgelaufene Vierfach-Impfung, die mir über das Wochenende eine leider etwas asymetrisch angelegte, aber dafür deutliche  Schulterverbreiterung bescherte und es mir gleichzeitig unmöglich machte, selbst dem flachsten Samstagabendprogramm zu folgen. Verdammt, das tat nämlich echt weh!

Darüber schreibe ich nicht.

Ich habe über die Jahre immer wieder dieses Haus geknipst, ein altes Ding als Lehm. Verlassen als ich noch zur Schule ging. Sie haben die alte Dame herausgeholt und nie wieder zurückgebracht und seit dem ist nicht mehr passiert. Lange hat man das Haus gar nicht gesehen, es ist zugewuchter, die Obstbüche wurden immer höher und so hat es mir gefallen; man konnte heimlich durch das Dickicht streifen, was natürlich wie alle lustigen Kindersachen ausdrücklich untersagt war. Ins Haus selbst haben wir uns nie getraut, andere wohl schon; wir waren immer die halbwegs lieben, die nicht einmal wagten, die Scheiben solcher Ruinen einzuschmeißen. Abgesehen vom Jörn, der sich vor ein paar Monaten totgefahren hat. Aber der hat die Fenster nicht kaputtbekommen; oder er hatte einen Wurf wie ein Robbenbaby. Ich weiß es nicht mehr.

Die Büsche haben die vor ein paar Jahren weg gemacht und man sieht das Haus, wenn man auf dem Weg vorübergeht. Als ob da noch jemand wohnte und diese riesige Wunde in der Mauer einfach absichtlich übersehen hat.

Ein Ding von früher in einer Siedlung voller Ärzte und Fertighauskunden, das sich weigert einfach zu verschwinden und lieber langsam und würdevoll kaputtgeht.

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Rosig

Rosa HausBisher konnte ich nicht behaupten, in Oberhausen besonders putzige Orte gefunden zu haben. Dann lief mir vorhin dieses Haus über den Weg, in der echt ruhrpottig-kohlenstaubgrauschwarzen Altstadt1. Digitale Bilder werden seiner entschlossenen Rosigkeit einfach nicht gerecht. Lasst euch versichern, es ist von einer dermaßen trotzigen Art rosa wie ein Gebäude nur rosa sein kann. Außerdem hat es eine feine, weiße Schleifchendekoration.

Erst dachte ich, dass es sich hier wohl um das uncoolste Gebäude der Stadt handeln muss.

Dann war ich etwas traurig, weil da scheinbar kein Apartment mehr frei ist. Ich hatte einen plötzlichen und unerklärlichen Drang, in einem Rosahaus wohnen zu wollen.

  1. Eigentlich lief es nicht unbedingt, aber ihr wisst ja, wie ich das meine. []

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