Heimweg

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Wenn ich so spät nach Hause gehe, ist die Stadt leer und die paar Geräusche hallen um so länger nach. Reichlich kalt ist es geworden, mehr Winter als Herbst und ich ohne meine kostbare Mütze. Die hätte ich eh nur im Theater vergessen, rechtfertige ich mich nachträglich und ziehe ersatzweise den Reißverschluss der Jacke höher .

Magic Casino links von mir, rechts der Bahnhof und ich denke nur daran, wie gern ich telefonieren würde. Aber dann gehe ich doch lieber weiter. Es ist ja nicht mehr weit und ich würde nur unötig wertvolle Nerven oder Nachtschlaf kosten. Halb eins, schon spät.

Als ich über die Brücke gehe, höre ich das elektronische Zirpen. Es klingt gar nicht schlecht, es schwillt melodisch an und dann wieder ab, so laut dass ich mir lange nicht sicher bin ob es von rechts oder links von mir seinen Ursprung hat. Eine Alarmanlage, vielleicht. Irgendwer würgt das Geräusch ab, bevor ich mir sicher bin.

Mir fällt eine lange und wendungsreiche Geschichte ein, die ich gern auf diesem Heimweg erzählt hätte, aber dann bin ich schon da.

Ich weiß nicht warum ich so merkwürdig traurig bin, aber zuhause bin ich auf jeden Fall. Ist doch auch was.

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Es ist eine diesige Nacht und die Lichter leuchten nicht so hart und grell wie sonst und ich sage mir, hey, es ist doch ganz nett so gegen Mitternacht nach Hause zu gehen, mitten in der Woche.

Kalt ist es nicht, aber ich ziehe die Jacke zu. Ich habe etwas Angst um meine Lungen, in denen ich jeden Atemzug pfeifen hören kann. Die Husterei geht wieder los, seitdem ich aus dem Haus bin und ich habe rücksichtslos dutzende Leute um ihren Schlaf gebracht. Tut mir leid, ich hoffe ja selbst jedes Mal, dass es nicht wiederkommt. Und dann geht es doch wieder los.

Nach einer Weile werden jedenfalls die Hustenattacken weniger, ich beruhige meinen Atem mit einiger Mühe und versuche, mehr auf jedes andere Geräusch zu achten als die ausgerechnet die aus meinem Atemtrakt.

Wie meine Schritte sich über dem Pflaster anhören, ich kann jeden einzelnen Stein durch die dünnen Sohlen fühlen, es ist Frühling.

Wie die Leute in den Bars und Café die Stühle reinholen und die Theke wischen.

Wie die Fenster offen stehen und tatsächlich, da wohnen wohl wirklich Menschen, wo man es im Winter nur vermutet hatte.

Wie ich überlege, wie das wohl wäre, hätte ich einen Hund, der jetzt bei mir wäre.

Eine Hand, die sich bei mir einhakt.

Das Licht der Laternen und Reklameschilder malt den Nebel bunt und ich bin doch dabei, mich traurig und einsam zu fühlen und die Last auf meiner Brust ist plötzlich eine andere, schwerere, gnadenlosere.

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Damit ihr mir auch glaubt.

Etwas hat mit einem leisen Klacken die Laterne getroffen. Ich drehe mich um, sehe aber nichts. Erst als ich weitergehen will, sehe ich den ersten Maikäfer des Jahres auf dem Rücken liegen. Ich bücke mich und drehe ihn wieder auf die sechs strammen Käferbeine. Er bleibt erst einen Moment sitzen, dann beginnt er mit den Flügeldecken zu pumpen, wie Maikäfer es tun, kurz darauf startet er … und trifft prompt wieder den Laternenmasten. Aber dann fängt er sich noch und brummt schwankend hinaus in die Nacht.

Etwas grinsen muss ich schon. Ich tu meinen Teil, Universum. Ein wenig Hoffnung ist schon noch da, wenn ich mal ehrlich bin; ein klein wenig Hilfe wäre aber auch ganz nett.

Es ist wohl wirklich Frühling.

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Ich schlafe nicht gern in fremden Betten. Besser gesagt: Ich schlafe ungern allein in fremden Betten. Nur so eine unbedeutende Vorliebe von mir, ich penne einfach besser in meinem eigenen Nachtmöbel; daher lehne ich in aller Regel die freundlichen Einladungen meiner Freunde ab, ihre mit Sicherheit äußerst bequemen Sofas zu benutzen – jedenfalls dann, wenn es eine Möglichkeit geben sollte, nach Hause zu kommen. Die nutze ich ohne Rücksicht auf Verluste.

Ich tauche daher meistens nicht in Bestform vor meiner Tür auf. Müdigkeit ist schlimm genug, Suff und Müdigkeit sind ein Duo wie Nitro und Glyzerin, wie man so oft und so angenutzt zu sagen pflegt – hier passt es besonders schlecht, denn explosiv fühle mich bei solchen Gelegenheiten ganz sicher nicht. Leider habe ich bisher nur fünf Wochen in einer ansonsten schrecklichen Wohnung ebenerdig gewohnt. Ein weiteres Hindernis mehr nach dem Türschloss – das allein kann mich für eine gute Weile aufhalten: Schlüssel finden, den richtigen raussuchen, Schloss treffen, umdrehen.

Die Schuhe auszubekommen kann einem schonmal einiges an Puste kosten, ich bin meistens froh sie loszuwerden und habe wenig Zeit, die ordentlich irgendwo hinzustellen – Hauptsache, ich finde sie überhaupt wieder. Das größere Problem ist die Treppe; ich habe mir bei der Erklimmung der Stockwerke schon Hämatome en Masse, Risse, blutende Irgendwasse, die sich später nicht mehr auffinden lassen und unangenehme Bisse auf die Zunge durch ungeplante Stolpereien zugefügt.

Kein Mitleid, bitte.

Die Hose wird in einem wahren Kunstwerk möglichst gemeinsam mit den anderen Schichten abgelegt, ich würde sogar eher zu Beschreibungen wie “Denis häutet sich” tendieren, handelte es sich hierbei nicht um die nun gekonnte zerknüllten Kleidung und nicht etwa um schuppige Haut eines Reptils. Ich sollte das mal fotografieren, aber dafür ist mir das morgendliche Stilleben viel zu peinlich.

Ins Bett schleppen, aufstehen, Glas Wasser holen und ans Bett stellen, hinlegen, aufstehen, Wecker abschalten, hinlegen, aufstehen, zum Klo schwanken, zurück ins Bett und dann, dann endlich …

… wenn mir dann nichts Trauriges oder Bedrückendes einfällt, damit ich stundenlang wach liegen kann, dann steht dem Schlaf eigentlich nichts mehr im Wege.

Das ist nix für Amateure.

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