‘Harry und Sally’ ist tatsächlich näher an der Realität, als man sich das manchmal eingestehen will. Zumindest mir kam der Urkonflikt des Films jahrelang sehr vertraut vor: Harry (Billy Crystal) war ja bekanntlich immer der Meinung, dass Männer und Frauen keine Freunde sein können, weil ständig der Sex dazwischen kommt. Sally (Meg Ryan, damals noch in vollem Besitz ihres großartigen Mojo) – so überhaupt gar nicht nicht seine beste Freundin und große Liebe in Personalunion – war zirka 20 Filmjahre lang komplett anderer Ansicht. Ich war damals tief in meiner Kumpeltyp-Phase; ich war überzeugt davon, dass ich mir nur lange genug die Sorgen und Probleme meiner Angebeten anhören musste, um von ihnen endlich erhört zu werden. Nicht nur als Freund, versteht sich. Irgendwann würde ich kapieren, dass ein Beichtvater vieles sein kann ist, nur kein Freund und schon gar nichts Romantisches.
So weit war ich noch nicht, als ich eines Karnevalsdienstag Elli und Mike in der einzigen Kneipe meines Schulortes sitzen sah, die man überhaupt betreten konnte, ohne seinen leicht alternativen Gymnasiastenstyle zu riskieren, den man grade mit knapper Not über den Zivildienst gerettet hatte. Außerdem gab es dort Guinness – das trank ich nicht zuletzt deshalb, weil fast alle meiner Bekanntschaften es mit Inbrunst hassten. Elli mochte es, Mike nicht. Sie hatte ein plüschiges Pinguinkostüm an, den Kopfteil hatte sie auf den Tisch gelegt, was kein Wunder war, denn der Wirt drehte die Heizung gern großzügig auf. Sie war eine kleine Person mit kurzem schwarzem Haar und grünen Augen und kräftigen Oberarmen, für die ich immer eine kleine Schwäche gehegt hatte, seitdem ich sie das erste mal bei der Arbeit im Krankenhaus getroffen hatte. Sie hatte sowas von einer sympathischen Proll-Ader. Sie hat mich damals schon an Hella von Sinnen erinnert, aber nur weil sie so ähnlich sprach. Mike war groß und mächtig, er hatte lange Haare und Bart und eine Vorliebe für die schleppende, schwere Sorte von Rock’n'Roll. Seine Liebe für diese Musik war so groß, dass er dereinst meinem Bruder ein altes aber seltenes T-Shirt seiner Lieblingsband für einen horrenden Betrag abkaufen würde und sich später, nach dem natürlichen Ableben des Hemdes das Motiv in Orignalgröße auf die Plautze tätowieren lassen würde. Er war wie Mel Gibson in ‘Braveheart’ verkleidet, nur viel überzeugender in seiner Rolle, was schon durch seine beeindruckende Körpergröße und enorme Gelassenheit erreicht wurde. Beide hatten eines gemein, nämlich einen üblen Schädel; sie hatten nicht ohne Folgen das gesamte Wochenende und den Rosenmontag dazu durchgefeiert. Ich hatte die Befürchtung, dass diese Zeit über die Kostüme niemals auch nur gelüftet wurden, traute mich aber nicht nachzufragen. Viel habe ich an diesem Tag mit ihnen nicht geredet, Elli war auch viel zu beschäftigt, Mikes Vorrat an Zigaretten zu verbrauchen, was dieser wie immer in völliger Seelenruhe in Kauf nahm. Sie hatten sich durch Tage erbarmungslosen Suffs gekämpft und waren zu stolz, um nun aufzugeben. Auch wenn sie beinahe von ihren Stühlen zu kippen drohten.
Ein Bild völliger Harmonie. Ich würde es nie vergessen.
So ging es weiter, bestimmt 10 Jahre lang. Sie haben so ziemlich alles zusammen gemacht, als Freunde natürlich. Nix mit Sex. Ich habe ihnen das auch abgenommen und mich darüber gefreut, wie man so lange bestbefreundet sein konnte und sich nur ein klein wenig gegenseitig auf den Geist zu gehen. Beziehungsweise: Mike ging Elli gelegentlich auf den Geist. Mike konnte man scheinbar nicht nerven. Er hatte etwas von einem Heavy Metal Guru.
Vor zwei Jahren hörte ich, dass sie nun zusammen wären und zwar von Elli, die dabei ganz schön beschämt klang, als ob sie mir etwas fürchterlich Unanständiges gestanden hätte. Aber sie strahlte, als sie das ganze als “ach, nur eine kleine Affaire” herunterspielen wollte. Sie konnte mich nicht verarschen. Heheh.
Letzten Sommer haben sie geheiratet – in Las Vegas, in einer kitschigen Wedding Chapel, genau wie sich das für Rock Stars gehört. Ich fand das gut. Bis dahin nämlich fand ich das Ende von ‘When Harry met Sally’ zu kitschig und unrealistisch; es konnte doch nie so ausgehen, oder? Dass sie sich am Ende kriegen, obwohl sie richtig Freunde sind.
Doch, es kann. Nicht dass ich unbedingt in nächster Zeit heiraten will, auch Las Vegas muss es für mich nicht sein, aber es kann wirklich am Ende alles gut werden. Ganz sicher kann es das, ich habe Zeugen und Beweise. Irgendwie, irgendwann kann es gut werden und man darf sogar befreundet bleiben. Klingt doch ganz tröstlich, oder?
(Und Harry hat immer noch nicht Recht.)
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