Als ich in die siebte Klasse kam, war ich fast ein Jahr nicht ein einziges Mal auf einer Geburtagsfeier außer meiner eigenen, was sicher für jeden ehrgeizigen Teenager ausgesprochen peinlich sein musste. Für mich aber war es eine Katastrophe, weil ich so ständig allein zuhause hockte. Keiner mochte mich, da war ich mir sicher. Oder besser, keiner kannte mich, weil ich sehr schüchtern war und auch niemanden die Chance gab, mich kennenzulernen. So blieben die Einladungen aus. Das war eine Theorie von vielen.
Für mich war klar: Jeder wurde eingeladen, nur ich nicht. Wobei das nicht ganz stimmte: Zwei andere Jungs wurde auch nie mit handkopierten Kärtchen bedacht Das waren auch genau dieselben, die mich seit Jahren Mal erfolglos gebeten hatten, ihre Parties zu besuchen. Sie zählten also nicht.
Der eine war groß und dünn und hektisch. Er trug dicke, milchige Brillengläser und wenn er in Panik geriet, dann schwitzte er so wie ich vorm ersten Mal schwitzen würde. Dieser Junge – ich nenne ihn einfach mal Florian – lebte eigentlich immer am Rande der nächsten Panikattacke, als deren Begleiterscheinungen nicht nur erhöhte Schweißbildung, sondern auch Stottern und unbeholfene und damit unfallträchtige Gewalttätigkeit auftraten. Florians Mutter und er selbst waren sich in der Ansicht einig, dass seine Hochbegabung ungerechterweise nicht als solche erkannt wurde, sondern dass man sie als Arroganz fehldeutete und er so ausgegrenzt wurde. Ich hatte bereits in der Grundschule neben ihm gesessen und jede Stunde gehasst. Er erinnerte damals schon an einen erfolglosen Versicherungsvertreter kurz vor dem Amoklauf. Florian wurde später Versicherungsvertreter, hat aber meines Wissens nach bisher niemanden umgebracht.
Der andere Junge – Gerd- war ebenfalls Brillenträger, ganz und gar nicht dünn, dafür aber laut und reizbar. Er hatte eine Vorliebe für deutsche Autos, die Geschichte der Wehrmacht und Germanentum im Allgemeinen. Gerd wollte unbedingt Offizier werden, aber wir waren uns damals schon ziemlich sicher, dass er dafür einfach nicht fit genug war. Ausgesprochen hätte das keiner, Gerd neigte zu unkontrollierbaren Wutausbrüchen. Nicht dass Gerd nicht kräftig war. Er konnte beim Völkerball von einem Ende der Halle aus so heftig an die gegenüberliegende Wand fetzen, dass er die ganze Strecke wieder zurückflog. Er mochte niemanden, weil ihn niemand mochte. “Gerd”, sagte ich einmal, “seid doch einfach mal nett zu den Leuten.” – “Was, warum das denn? Sind die etwa nett zu mir?” Florian war immer noch bedeutend klüger als Gerd und erinnerte diesen bei jeder Gelegenheit daran; gleichzeitig hatte er aber aus gutem Grund Angst vor dessen Berserkertum. aber sie teilten eine gemeinsame Vorliebe für das Sportschützentum und in einen so kleinen Dorf wie meinem musste man als Außenseiter die kleinsten Gemeinsamkeiten nutzen, um nicht ganz allein zu sein. Es gab ja immerhin wenig Alternativen, wenn es um das Freundschaftspersonal ging. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Die Familie ist irgendwann weggezogen; in seinem Fall würde mich aber nicht überraschen, dass er wirklich mal jemanden umgebracht hätte.
Florian hatte mich also wieder einmal eingeladen. Ich hatte damals genau wie er einen Atari ST Computer und mehr Ahnung davon, was mir neben Respekt auch ein paar Reparatureinsätze einbrachte – und diese Einladung.
Ach, was sollte schon passieren. War ja nicht so, dass ich unter einem Übermaß an Terminen litt. Ich sagte also zu und ging später sogar hin.
Wir drei saßen auf der Terrasse und warteten auf Florians neue Freundin, die er uns vorstellen wollte. Bleierne Stille. Gerd und ich bekamen Hunger. Gerd wurde knurrig, ich langweilte mich, langsam wurde es auch wirklich peinlich und ich begann mir Ausflüchte für einen schnellen Abgang zurechtzulegen. Nach etwas einer Stunde ließ er seine Mutter bei ihr anrufen, was der Party auch keinen neuen Anschub gab: Mutter Florian kam hochnervös zurück und verkündete, was ich erwartet hatte: Die Freundin würde nicht kommen. Sie hätte ja auch gar nicht fest zugesagt, “Das wusstest Du doch, Florian!”
Dieser wurde dunkelrot und begann heftig zu schwitzen. Die Suppe lief ihm in mäandernden Bahnen die Schläfen hinab. Glücklicherweise hatte seine Mutter reichlich Kuchen mitgebracht, das entspannte die Lage. Den vertilgten wir zu dritt, bis wir vollgefressen und einigermaßen zufrieden in der Hollywoodschaukel hingen. Gerd erzählte etwas über den zweiten Weltkrieg und wer die besten Soldaten hatte und was sein Opa alles erlebt hatte. Er fuchtelte mit den Armen und ereiferte sich aufs Munterste. Florian und ich hörten nicht richtig zu – wie immer, wenn er diese Phase hatte. Hauptsache, das Thema Freundin war vom Tisch.
“Ich habe noch was zum knabbern”, verkündete das Geburtstagskind plötzlich, verschwand kurz und kehrte mit einer kleinen Schale mit grünen Inhalt zurück. Grüne, frische Peperoni.
Er nahm eine herrschaftliche Pose ein und schnappte sich eine, die er dann demonstrativ verputzte.
“Pi-kant. Solltet ihr auch probieren. Wenn ihr das abkönnt.”
Er starrte erst Gerd an, dann mich. In die Augen. Unerbittlich und seiner Überlegenheit vollauf bewusst. Ein stählerner Blick unerschütterlicher Schärferesistenz. Einen Moment lang herrschte – richtig – bleierne Stille.
“Bedient euch doch.” Er griff zu. Wir anderen auch. War doch klar. Als Männer!
“Oje”, dachte ich, “die ist aber wirklich scharf.” Die Scharfe brannte sich wie glühende Magma einen Weg durch meine Innereien und trieb mir die Tränen in die Augen. Das ignorierte ich, so weit es ging – aber mein Körper gehorchte mir nicht und ließ weiter weinen. Trotzdem langte ich noch einmal in die Schüssel.
“Doch.” Meine Stimme zitterte fast gar nicht, da war ich mir sicher. “Lecker. Etwas … süß, oder?”
Ich kam mir albern vor und schaute nach rechts, um nicht weiter in Florians beschlagene Brillengläser starren zu müssen. Gerd war knallrot im Gesicht. Er hatte seine Schote wieder weggelegt, nachdem er vorsichtig an ihr geschnuppert hatte. Ich ahnte, dass bald er in einem Atompilz verletzten germanischen Stolzes explodieren würde. Der Dampfkessel war an der Grenze seiner Belastbarkeit angelangt und gleich müsste das Ventil nachgeben – das, oder die gesamte Neubausiedlung würde einem gewaltigen Krater weichen. Gerd musste einfach jemanden verprügeln oder anschreien.
Florians Schläfen glichen Gebirgsbächen zur Zeit der Schneeschmelze und seine Brille war vollständig beschlagen. Er verschlang eine weitere Peperoni, dann noch eine und grinste mich an, während eine Wolke seiner leider nicht geruchlosen Ausdünstungen sich in meine Richtung aufmachte.
“Noch eine? Du hast doch wohl noch nicht genug, oder? Sei ein Mann.”
“Nein.”
“Was, du bist eine Memme?”
Gerd knirschte neben mir hörbar mit den Zähnen. Er war zwar nicht angesprochen, aber er wusste schon, wo er sich einzuordnen hatte. Das gefiel ihm nicht. Das war ein neues Geräusch für mich, ich hätte aber auch ohne dieses Erlebnis weiterleben könnten. Ich bekam allmählich so richtig Muffensausen. Etwas musste geschehen.
“Ist mir scheissegal, was du denkst. Ist doch total bescheuert, was ihr hier macht. Ich gehe nach Hause.”
“Weichei.”
“Arschloch.”
Ich sagte nichts weiter, ging aber trotzdem und war seltsam stolz auf mich. Florian sollte mir dankbar sein, immerhin hatten wir beide etwas davon: Ich musste mir den Blödsinn nicht mehr geben und zweitens war ich nun die größte Memme von allen, über die sie sich nun ihre Mäuler zerreissen konnten – Gerd würde nicht einmal Florian alle Knochen brechen müssen. Irgendwie echt heldenhaft, dachte ich für zwei Sekunden. “Ach was”, dachte ich. “Ich bin vor den größten Verlierern der ganzen Schule weg gelaufen.” Ich bereute jedenfalls nichts, außer jemals diese Einladung angenommen zu haben.
Ich habe nie wieder groß mit den beiden gesprochen. Florian sah ich noch Jahre später hin und wieder, wie er in seinem schlechtsitzenden Anzug durch die Stadt hetzte. Gerd tauchte nie wieder in meinem Leben auf. Vielleicht bastelt er irgendwo in Südamerika an einer künstlichen Herrenrasse vollkommener Soldaten, um irgendwann Rache an der Menschheit im Allgemeinen zu nehmen.


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