Zwölf Uhr. Ich denke an Mittagessen, für das ich keine Zeit haben werde – die Banane in meiner Tasche ist Gegenstand sehnsüchtiger Phantasien. Mein Magen rumort aufdringlich und ich beschließe, mich durch hochprofessionelle Klientengespräche abzulenken.
“Magst du sie denn immer noch?”, frage ich den Neunjährigen, der hinter mir im Auto sitzt. Der Verkehr ist unerträglich dicht und ich kann komme endlich dazu, ein paar Sachen zu fragen, bei denen man mir besser nicht ins Gesicht schauen muss. Wir haben ja ein paar Minuten.
“Manchmal. Ich liebe sie aber noch so.”, sagt er, gar nicht neunjährig. Und “Sie ist so hübsch. Sie ist nämlich ganz hell blond und hat lange Haare, weißt du?”
Ob er glaubt, dass sie ihn überhaupt mag?
“Sie mag mich wohl. Aber sie mag auch meinen besten Freund, der findet sie auch toll. Der war mal mit ihr zusammen; wenn er das noch einmal tut, dann mache ich ihn fertig. Sie macht das nur, um mich zu ärgern.”
Er war mit ihr eine Woche zusammen, von einem Freitag bis zu einem Freitag. Eine Woche. Vor Jahren, sagt er.
Er macht eine Pause. Ich biege ab und ordne mich dann links ein; bald werden wir ankommen. Wir fahren eine Weile geradeaus, dann räuspert er sich geräuschvoll.
“Ich muss oft weinen wegen ihr. Manchmal echt lange, auch mal in der Schule.”
“Im Unterricht?”
“Ja. Ich muss dann einfach weinen. Es hört fast nicht wieder auf.”
Er hilft mir einen Parkplatz zu finden, wir steigen aus, er hilft mir dabei, die Kinderschale im Kofferaum zu verstauen und seine Sporttasche wieder herauszuholen. Er hat es nicht weit.
Als an seiner Tür geklingelt habe, höre ich ihn neben mir noch einmal tief durchatmen.
“Heute, im Sportunterricht, da hat sie mir gesagt, dass sie mich immer noch liebt. Sie ist nur so verwirrt.”
Bevor ich etwas sagen kann, ist seine Mutter an der Tür, er huscht unter ihrem Arm hinein, ruft “Bis nächste Woche!” und ist weg. Ich höre, wie er seine Zimmertür hinter sich zuknallt, wie jeder andere Neunjährige. Mir bleibt nur übrig, einen neuen Termin zu machen und mich dann zu verziehen.
Ich muss schlucken, als ich endlich allein bin, dann atme ich tief durch und bin heilfroh, sofort zum nächsten Termin zu müssen.
Was um alles in der Welt hätte ich ihm sagen sollen? Was soll ich dem erzählen über Liebe und Frauen und die Welt und das Verwirrtsein?
Bin spät dran, behauptet mein Navigationssystem. Die Banane wird warten müssen.




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