Kindheit

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Ich glaube, ich war in der dritten Klasse und wie die meisten kleinen Jungs gab es irgendeinen anderen Jungen, den ich bewunderte. Mein Vorbild hieß Dirk und war etwas größer als ich. Viel wichtiger als das war die Tatsache dass Dirk gewohnheitsmäßig redet wie ein Polier und einen Vater hatte, der mehr wie ein Metzgermeister aussah als die meisten Metzgermeister die ich bis heute gesehen habe. Dirk konnte gehen wie ein Bauer mit Hüftschaden und allein das hätte ihn schon unermesslich cool gemacht.

Einmal waren Dirk und ich unterwegs auf der Nachbarstraße in unserer Siedlung, da donnerte es. Begann zu nieseln. Zu stürmen. Ihr kennt das ja, diese warme Windböe vor dem ersten Donner, die schwer über die Hügel rollt und einem einen kleinen Schweißausbruch beschert.

Die ersten dicken Tropfen fielen und durchschlugen die Baumwolle unserer zu weiten T-Shirts.

Uns entgegen kam jemand den Weg hinabgelaufen. Es war eine junge Frau, die es mächtig eilig hatte. Sie schien sich im Gegensatz zu uns nicht über die kühlenden Regentropfen zu fühlen, sondern rannte eilig nach Hause. Einiges unter ihrem Shirt kam dabei in Bewegung und natürlich – schließlich waren wir kleine Jungs – starrten wir hin.

Dirk sah skeptisch aus, er runzelte sichtbar seine Stirn und sah komplett unzufrieden aus.

“Die Frau da, die sollte nicht rennen.”

Das verstand ich nicht recht.

“Frauen dürfen nicht rennen. Die werden sonst krank, hat meine Mutter gesagt.”

“Wirklich? Die sieht doch ganz gut aus.”

“Meine Mutter hat so was schonmal gesehen und sie hatte dann sofort schlechte Laune.”

Er starrte noch eine Weile mit mir hinter dem Teenager her, bis sie in einem Eingang verschwand. Dirk nickte kurz, um sich selbst ein wenig Bestätigung zu geben.

“Frauen sollen nicht laufen. Vor allem so junge nicht.”

Das habe ich nicht ganz verstanden. Aber Dirk war viel zu cool, um seine Meinung in Zweifel zu ziehen.

 

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Kellerloch

Für Looka.

Als ich noch ein Kind war, wohnte ich in einer Kleinstadt. Meine Großeltern hingegen lebten auf dem Land – oder besser gesagt, noch ländlicher – und wir besuchten sie sehr oft, ein paar mal in der Woche und am Wochenende sowieso. Das freute mich sehr, weil ich zum einen mein richtiges Elternhaus nicht so recht mochte und meine Großeltern sehr. Da gab es oft Pfannkuchen.

Aber das erste was ich nach der Begrüßung tat, war etwas völlig anderes als nach Pfannkuchen zu fragen. Ich rannte den Durchgang entlang, unter dem grünen Glasfaserplastikdach her, bis ich am Küchenfenster erschien, von dem aus man auf den kleinen Acker hinausschauen konnte, aus dem später ein Garten werden sollte.

Dafür hatte ich keine Augen, ich war unter dem Küchenfenster verschwunden, ich hatte das Gitter über dem Kellerloch zur Seite geschoben und kontrollierte sorgfältig die dunkelfeuchte Kühle auf Tiere in Not.

Ich hatte schon so einige von ihnen gerettet:

- Ein paar Kröten, die sich dicht an den Boden gedrückt hatten und mir nur mit ihren goldenen Augen auffielen, als ich fast schon wieder weggehen wollte. Natürlich hatte ich meine Hände etwas angefeuchtet, bevor ich sie aufgehoben und freigelassen habe; diese ganzen Sachbücher hatte ich nicht umsonst gelesen.

- Frösche gab es schon öfter, die fielen mehr durch ihre panische Ader auf und schienen nicht recht einzusehen, warum sie mir jetzt unbedingt trauen sollten; je dicker der Frosch, desto uneinsichtiger und schwerer zu fangen waren sie. Ich hatte Mitleid, weil sie hin und wieder mit Schwung gegen das Kellerfenster hüpften; aber ich habe sie fast alle gerettet.

- Einmal fand ich eine Maus, die fing ich mit einem Blumentopf. Sie war sehr klein und braun und atmete heftig. Ich konnte nicht ganz verstehen, warum keiner so begeistert war, also ich sie nah am Vorratskellerfenster wieder freiließ.

- Da war mal eine Blindschleiche und ich war fasziniert, auch wenn ich wusste, dass sie eigentlich nur eine beinlose Eidechse und keine richtige Schlange. Aber was für ein tolles Tier! Eine richtige Eidechse wäre mir lieber gewesen, denn damals gab es sie noch, bevor sie für immer aus der Gegend verschwanden. Es fiel aber nie eine in mein Kellerloch.

- Aber meistens waren es die großen, schimmernden Laufkäfer, deren Stinkdrüsen sich ungefähr einmal pro Woche als sehr wirksam erwiesen, sehr zum Leidwesen meiner Oma. Auf solche kleinlichen Bedenken konnte ich natürlich keine Rücksicht nehmen, schließlich hatte ich ein wichtiges Werk zu tun.

Nur wenn der Winter vorbei war, da lagen dort manchmal bleiche, feine Knochen, die ich erst voller Ehrfurcht in den Fingern drehte und dann in aller Stille begrub. Einmal nach den Ferien fand ich eine leblose Spitzmaus, das feine Fell nass geregnet und ganz ohne jeden Zweifel tot.

Ich hatte lange ein schlechtes Gewissen.

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Als ich noch ein Kind war, konnte man mit Fug und Recht behaupten, mich nur gelegentlich geistig antreffen zu können. Meistens war ich abwesend und zwecks dringender Unternehmungen in anderen Gefilden unterwegs. Meistens in den Traumlanden und dort eher im Südosten, wo man die Tagträume vermuteten darf.

Meine Eltern haben es mit Fassung genommen, die kannten mich ja auch bereits eine gewisse Weile, als ich endlich eingeschult wurde. Die Lehrer hingegen waren nicht sonderlich begeistert über meine vielen wichtigen Termine außerhalb ihrer Lieblingsrealität, zumal diese außerordentlich häufig mit den Rechenstunden zusammenfielen. Ein Umstand, den ich selbst nur schwer bedauerlich finden konnte.

Aber was will man machen, wenn ein ganzes Land gerettet werden musste. Manche Kinder hatten Puppenhäuser, andere bauten sich Städte aus Lego; meine Freunde und ich hatten in den Traumlanden die Pfadfinderuniformen von Donald Ducks Neffen an und lebten in einem verzweigten Fuchsbau zur Untermiete, von wo aus wir gelegentlich das Land gegen Das Personifizierte Böse verteidigten. Das war immer kurz davor, Mist zu bauen und etwa einen Atomkrieg auszulösen – immerhin waren es die 80er Jahre und ich hatte einmal Time Bandits gesehen, der mich schwer beeindruckt hatte. Ansonsten ging es natürlich gegen die Mädchen. Außer natürlich gegen Daniela mit den kurzen Haaren – die fand ich toll, was ich mir aber nur in Grundschülerträumen eingestehen konnte.

Ich träume immer noch sehr lebhaft, aber heute ist es anders; heute führt nicht mehr ständig Terry Gilliam Regie, der fraglos für meine durchgängig mäßigem Matheleistungen zur Verantwortung zu ziehen ist. Füchse kommen nicht mehr so oft vor, auch wenn ich sie immer noch mag. Die Gesichter meiner tapferen Verbündeten sind verblasst und an ihre Stellen sind diese Erwachsenenvisagen getreten, die eignen sich nicht mehr für den Kampf für das Gute oder für den Fuchsbau, der schon seit langem nur noch von rotpelzigen Familienmitgliedern bewohnt wird. Ein Fall von Eigenbedarf, aber ich bin ihnen nicht böse. Dafür gibt es seit längerer jemanden, der sowohl tags und nachts in großartigen Traumproduktionen besetzt wird. Als sie selbst, da muss sie sich kaum Mühe geben. Ein fantastischer Job. Ob sie selbst wohl von ihrem Dauerengagement weiß? Ich denke schon.

Sie ist sehr gut. Schon wegen ihr lohnen sich die gefährlichsten Expeditionen und wenn ich Glück habe, legt sie nach getaner Arbeit ihre müden Beine auf meinen Schoß und lächelt mir zu und ich lächle zurück. Erst schläft sie ein und dann schaue ich ihr dabei eine Weile zu, bevor ich ihr folge.

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Wenn man so die Tageszeitung durchblättert und die üblichen Nachrichten über Geschäftseröffnungen, Sport, hoffnungsvolle Schlipsträger und die neuesten Verkehrsunfälle durchstöbert, denkt ihr dann auch manchmal “Hey, der ist genauso alt wie Du.” Unangenehm, wenn es um Todesfälle geht. Ein kleiner Moment bewusster Sterblichkeit. Fünf Zeilen, schon wieder einer weniger, nur 25 Jahre alt. Erst recht, wenn der da gewohnt hat, wo du selbst aufgewachsen bist, auf dem Dorf – hast du den vielleicht doch gekannt? Dieser spektakuläre Unfall mit dem großen Farbfoto eines zerstörten Motorrades, dahinter ein Auto, kaum zu erkennen. Ein Toter über 70, der andere: 34 Jahre alt, wie ich.

Ich habe Motorräder nie richtig gemocht, wegen dieser verdammten Unfälle. Einen habe ich mal miterlebt, die Verletzungen, der Rettungswagen- es ging am Ende alles gut, aber das hat gereicht. Wenn ich so etwas lese, dann bleibt es eine Weile in meinem Hinterkopf.

Dann siehst du die Todesanzeige, ein paar Tage später, du zählst eins und eins zusammen und es dämmert dir, dass das wohl der Nachbarsjunge war. Der Typ, der mit dir eingeschult wurde und ewig neben dir gesessen hat. Ihr habt so enorm viel unglaublichen Mist zusammen gemacht, mit den anderen aus der Siedlung. Meistens oben im Wald. So eine Freundschaft, die mit einem Schulwechsel abrupt endet, obwohl man nur gute 200 Meter Luftlinie voneinander gewohnt hat. Keine Ahnung, warum das so kommt. Du hast nie wieder mit ihm gesprochen, hast ihn sicher seit mehr als 10 Jahren nicht mehr gesehen, nur – mal wieder in der Zeitung – dass er Vater geworden ist und dann später noch einmal. Und heute morgen.

Machs gut.

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Ich will nicht behaupten, in der vergangenen Woche besonders schwer krank gewesen zu sein1, aber eine ordentliche Bronchitis ist für mich mindestens eine solche Tortur wie die paar Krankenhausaufenthalte meines Lebens. Ich hasse es, dass es jedes Frühjahr so kommt und wie ich finde, jedes mal eine Winzigkeit schlimmer. “In ihrem Fall… sie kriegen noch etwas zum inhalieren zu ihren Antibiotika und dem Zeug gegen Schmerzen dazu; wir müssen ja auf ihre Lungen aufpassen, nicht wahr?” Er lächelte freundlich. Oh, danke sehr, Herr Doktor. Als ob mir das nicht allzu bewusst gewesen wäre. Ich habe nicht weiter gefragt, die gut drei Stunden im überfüllt-verhusteten Wartezimmer hatten mir gereicht und ich hatte genug damit zu tun, beim Verlassen der Praxis nicht mit irgendetwas wie einem Teil des unweigerlich zur Hälfte schwangeren Personals oder etwa einer Wand zu kollidieren. Gut, dass ich nicht selbst gefahren war.

Anderthalb Tage später tat mir einfach nur alles weh. Wenn du völlig erschöpft vom husten/schwitzen/frösteln bist, wenn das Zwerchfell nur einer von vielen wunden Teilen ist, wenn du nicht mehr weisst, wie du überhaupt noch liegen sollst, dann kannst du dich vielleicht nicht mehr an deinen letzten Satz erinnern, dafür aber plötzlich und unsortiert an all den vergangenen Mist, den du eigentlich schon mal erfolgreich verdrängt wähntest.

Meriche schreibt davon, wie schön es wäre, Dichterfreunde zu haben. Ich weiss nicht, ob es für mich richtige Dichter sein müssten2, aber sie sollten Geschichten haben, gute Worte, die sie leise am Bett vorlesen könnten. Sie sollten auch geduldig genug sein und Unterbrechungen beispielsweise durch Hustenanfälle ertragen können.

So ein Besuch wäre schön gewesen. Da aber niemand da war, konnte mich auch niemand daran hindern, in wachen Momenten ein paar fahrige Zeilen in mein Notizbuch zu kritzeln. Es fällt mir heute schwer, alles zu entziffern, aber ein paar davon greife ich mal auf und schreibe etwas mehr. Fragt mich nicht, warum mir das alles einfiel und vor allem die vielen Details; ich habe ein seltsames Gehirn.

*

Merkwürdige Gelüste entwickeln sich in einem Geist nahe dem Delirium, bei mir sind es laut Notizen die fertigen, schlaffen Billigsandwiches aus dem Aldi. Und irgendeine Art von starkem Schnaps, der einem die Atemwege freibrennt, verdammt.

*

Ich muss noch ein Kind gewesen sein, in der ersten oder zweiten Klasse – und es war in einem Schuhgeschäft, in dem es ‘Hush Puppies’ gab – eine Schuhmarke, die mit einem Basset Hound warb und noch noch schlimmer, mit Bassetwelpen3 – das wirkte bei mir. Schuhe mit mir einzukaufen, war nie besonderes Vergnügen und ich nehme an, meine Eltern gingen den Weg des geringsten Widerstandes: Das Kind hatte eben die Werbung mit den Welpen gesehen und wollte nun diese Schuhe, genau wie früher die mit dem Salamander. Die Verkäuferin war eine bebrillte ältere Dame mit kunstvoller Dauerwelle und Perlenkette, die gleich “genau das Richtige für den jungen Herrn” hatte. Sie schaute sich meine Füße an und beklagte, dass diese ja ganz schön aus der Form wären, oder etwas in der Richtung. Sie machte meine Eltern ganz schön dumm von der Seite an: Kinderfüße bräuchten Führung und Halt. Wie durch die hervorragende Produkte hier, die vielleicht noch die fürchterliche Entwicklung umkehren konnten. Ich fand meine Füße ganz in Ordnung, aber in diese spitzen Ballerinas für Jungs passten sie ganz sicher nicht. Sie waren ja vorne rund, nicht spitz. Das passte der Dauerwelle nicht. Die Schuhe bekam ich dann doch an, konnte aber nicht darin laufen. Die Dame war begeistert. Was genau danach geschah, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, wie meine Eltern und ich den Laden eilig verlassen haben und wie erleichtert ich war – wie erleichtert wir alle waren.

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Der Raum ist so still, dass das Piepen in den Ohren sich mit dem Dröhnen im Kopf und dem Sturm um dem Haus zu einer seltsamen Sinfonie vereint, die nur für mich gespielt wird.

*

Der Moment im Auto der Medizinstudentin im Pflegepraktikum, kurz bevor sie mich zuhause absetzen würde, nach meiner einzigen Verabredung während der Zivizeit. Sie trug eine kleine Brille und alles andere war stark an ihr, sie hatte sogar starke Zähne und unfassbar helle blaue Augen4. Mir war klar, dass ich wohl der einzige war, der sie schön fand, mal abgesehen vom dem ekligen alten Typen, der sich ausschließlich von ihr duschen ließ, weil er das seit ihrem Praktikumsbeginn angeblich nicht mehr konnte. Sie fand sich auch nicht sonderlich bemerkenswert, das wäre nicht wichtig: Wenn sie studierte, hätte sie kein Privatleben mehr und danach würde man sie einfach respektieren. Das wären schon in der Schule der Preis und der Lohn gewesen, sie war schließlich sehr fleissig. Wir sollten also besser keine Freunde werden. Freundschaft war auch nicht das Erste, was mir im Kopf herumging – da waren einige strahlendere und einige deutlich dunklere (aber sehr angenehme) Gedanken. “Ich wollte dir noch etwas sagen”, begann ich. Sie nahm den Gang heraus, bremste den Wagen ab und zog die Handbremse.
Es quietschte metallisch und wir standen. Die ganze Zeit über hatte sie mir unverwandt in die Augen geschaut und nun beugte sie sich ein kleines Stück weit zu mir herüber…

  1. Ich bin noch nicht völlig wiederhergestellt und kann immer noch nicht ordentlich sprechen, dafür aber schreiben und lesen. []
  2. Ich bin jedenfalls keiner, ich erzähle nur Geschichten []
  3. Bis ich von den vielen angezüchteten Problemen der Rasse erfuhr – bzw, dem gezüchteten Problem, dass diese Rasse heute IST – war ich ein großer Fan. []
  4. Sie gestand mir später ihre getönten Kontaktlinsen, ein kurzlebiger Modetrend Mitte der 90er []

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Ich habe beschlossen, des öfteren in den Wald zu gehen. Da ist die Luft viel klarer, da gibt es weniger Computer, die meine zarten Äuglein belasten, weniger Bücher, weniger Sachen, die ich plötzlich unbedingt sofort machen muss.

Es ist ruhiger.

Natürlich muss ich dann doch etwas unternehmen, weil mich sonst ganz klar wahnsinnig würde – Pilze suchen. Für ein leckeres Mahl. Ich bin mit Kochen dran, mag aber – zickig! – nicht einkaufen. Das bedeutet, ich müsste die Zutaten selbst erbeuten. Großartig. Das hatte ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gemacht, damals aber ziemlich exzessiv, denn es hatte mit Natur zu tun und das fand ich deswegen schon einmal automatisch gut. Mich wollte irgendwie nie eine Umwelt-Arbeitsgruppe1 und selbst in der Projektwoche hat mich der bis dahin zutiefst verehrte Biolehrer für sein Projekt abgelehnt – “das bedeutet richtig anpacken müssen, Junge! Das ist nichts für mich!” – obwohl ich eigentlich ganz gut in Sport war. In Bio übrigens auch.

Aber Pilze suchen, das kann ich. Damals war das ersehnte Beutestück der gewöhnliche Hallimasch, ein beinahe schmackhafter Forstschädling, der vorkam wie Unkraut (sic!). Ganz, ganz selten habe ich mal einen Steinpilz gefunden – ich hab mich gefreut wie ein Kind2. Übrigens ist das Bild da genau dieselbe Illustration, die in im familieneigenen Pilzbestimmungsbuch verwendet wurde.3 Ich war richtig gut daran, die Dinger zu finden und ich will euch an meiner Weisheit teilhaben lassen.

  1. Ganz langsam gehen. Auf den Boden schauen. Nach rechts und links und vor allem auch unbedingt nach vorn.
  2. Einen Schritt weitergehen.
  3. Noch einmal an dieselbe Stelle starren. Die besten Pilzsorten sind listig und tarnen sich gern als “Totes Laub” und nur wenn man richtig gut hinschaut, dann kann man sehen, dass das eine Blatt etwas anders aussieht, aus diesem Blickwinkel. Man muss nur lange genug hinstarren, bis der Pilz nervös wird und sich verrät. Das hat fast etwas mit übersinnlicher Wahrnehmung zu tun.
  4. Der Teil im Pilzsuchergehirn, der Pilzmuster gespeichert hat, wird langsam aktiv. Ein Pilzmuster! Alarm!
  5. Der Pilz ist nun natürlich geliefert und freut sich in seinen letzen Momenten diebisch darüber, dass der Sucher bald seine vielen ekligen Würmer finden wird. (“Nimm das, du Wirbeltier!”)
  6. Je langsamer man vorgeht und je mehr man sich dabei zusaut, desto besser die Aussichten auf eine potentiell leckere Mahlzeit und eine glückbringende Meditation. So verdammt langsam sein kann extrem anstrengend sein.

Komischerweise habe ich fast nur Steinpilze4 gefunden, der Hallimasch ist hierzulande wohl ausgestorben5. Manche Sachen werden mit den Jahren ganz klar besser.

Ein ganzer Korb voll. Nach dem Putzen noch ein gutes Kilo, gar nicht mal so schlecht.

Nimm eine schwere beschichte Pfanne, gut anheizen, da herein kommen die Pilze erst einmal ohne Fett und man brät sie so vor sich hin, bis sie etwas von ihrer Flüssigkeit verloren haben – sonst gibts ein großartiges Drama mit dem Butterschmalz, der deswegen erst nach einer Weile dazu kommt, zwei Esslöffel oder so. Ich denke, die Platte kann man nun abstellen. Eine ordentliche Zwiebel dazu. 2-3 Minuten braten. Dann gehackte Petersilie dazu und noch mal etwas Butterschmalz. Mit Pfeffer und Salz würzen.

Ehrlich gesagt schmeckte das ziemlich gut und ich bin sehr stolz auf mich. Hoffentlich überlebe ich die Nacht.

  1. Lies: Damals war ich zu schüchtern, um sie von meiner Existenz zu unterrichten []
  2. Ich war auch ein Kind, da war das in Ordnung. []
  3. Das Copyright gilt nicht mehr, sagt Wikipedia. []
  4. Der sieht auch dem gar nicht so gesunden Knollenblätterpilz nicht so verdammt ähnlich, wenn es etwas geregnet hat – praktisch! []
  5. Vielleicht hatte der alles an Wald kaputtbekommen, was greifbar war und ist dann irgendwohin mit seinem ganzen Myzel in Urlaub gefahren []

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