Ich will nicht behaupten, in der vergangenen Woche besonders schwer krank gewesen zu sein, aber eine ordentliche Bronchitis ist für mich mindestens eine solche Tortur wie die paar Krankenhausaufenthalte meines Lebens. Ich hasse es, dass es jedes Frühjahr so kommt und wie ich finde, jedes mal eine Winzigkeit schlimmer. “In ihrem Fall… sie kriegen noch etwas zum inhalieren zu ihren Antibiotika und dem Zeug gegen Schmerzen dazu; wir müssen ja auf ihre Lungen aufpassen, nicht wahr?” Er lächelte freundlich. Oh, danke sehr, Herr Doktor. Als ob mir das nicht allzu bewusst gewesen wäre. Ich habe nicht weiter gefragt, die gut drei Stunden im überfüllt-verhusteten Wartezimmer hatten mir gereicht und ich hatte genug damit zu tun, beim Verlassen der Praxis nicht mit irgendetwas wie einem Teil des unweigerlich zur Hälfte schwangeren Personals oder etwa einer Wand zu kollidieren. Gut, dass ich nicht selbst gefahren war.
Anderthalb Tage später tat mir einfach nur alles weh. Wenn du völlig erschöpft vom husten/schwitzen/frösteln bist, wenn das Zwerchfell nur einer von vielen wunden Teilen ist, wenn du nicht mehr weisst, wie du überhaupt noch liegen sollst, dann kannst du dich vielleicht nicht mehr an deinen letzten Satz erinnern, dafür aber plötzlich und unsortiert an all den vergangenen Mist, den du eigentlich schon mal erfolgreich verdrängt wähntest.
Meriche schreibt davon, wie schön es wäre, Dichterfreunde zu haben. Ich weiss nicht, ob es für mich richtige Dichter sein müssten, aber sie sollten Geschichten haben, gute Worte, die sie leise am Bett vorlesen könnten. Sie sollten auch geduldig genug sein und Unterbrechungen beispielsweise durch Hustenanfälle ertragen können.
So ein Besuch wäre schön gewesen. Da aber niemand da war, konnte mich auch niemand daran hindern, in wachen Momenten ein paar fahrige Zeilen in mein Notizbuch zu kritzeln. Es fällt mir heute schwer, alles zu entziffern, aber ein paar davon greife ich mal auf und schreibe etwas mehr. Fragt mich nicht, warum mir das alles einfiel und vor allem die vielen Details; ich habe ein seltsames Gehirn.
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Merkwürdige Gelüste entwickeln sich in einem Geist nahe dem Delirium, bei mir sind es laut Notizen die fertigen, schlaffen Billigsandwiches aus dem Aldi. Und irgendeine Art von starkem Schnaps, der einem die Atemwege freibrennt, verdammt.
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Ich muss noch ein Kind gewesen sein, in der ersten oder zweiten Klasse – und es war in einem Schuhgeschäft, in dem es ‘Hush Puppies’ gab – eine Schuhmarke, die mit einem Basset Hound warb und noch noch schlimmer, mit Bassetwelpen – das wirkte bei mir. Schuhe mit mir einzukaufen, war nie besonderes Vergnügen und ich nehme an, meine Eltern gingen den Weg des geringsten Widerstandes: Das Kind hatte eben die Werbung mit den Welpen gesehen und wollte nun diese Schuhe, genau wie früher die mit dem Salamander. Die Verkäuferin war eine bebrillte ältere Dame mit kunstvoller Dauerwelle und Perlenkette, die gleich “genau das Richtige für den jungen Herrn” hatte. Sie schaute sich meine Füße an und beklagte, dass diese ja ganz schön aus der Form wären, oder etwas in der Richtung. Sie machte meine Eltern ganz schön dumm von der Seite an: Kinderfüße bräuchten Führung und Halt. Wie durch die hervorragende Produkte hier, die vielleicht noch die fürchterliche Entwicklung umkehren konnten. Ich fand meine Füße ganz in Ordnung, aber in diese spitzen Ballerinas für Jungs passten sie ganz sicher nicht. Sie waren ja vorne rund, nicht spitz. Das passte der Dauerwelle nicht. Die Schuhe bekam ich dann doch an, konnte aber nicht darin laufen. Die Dame war begeistert. Was genau danach geschah, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, wie meine Eltern und ich den Laden eilig verlassen haben und wie erleichtert ich war – wie erleichtert wir alle waren.
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Der Raum ist so still, dass das Piepen in den Ohren sich mit dem Dröhnen im Kopf und dem Sturm um dem Haus zu einer seltsamen Sinfonie vereint, die nur für mich gespielt wird.
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Der Moment im Auto der Medizinstudentin im Pflegepraktikum, kurz bevor sie mich zuhause absetzen würde, nach meiner einzigen Verabredung während der Zivizeit. Sie trug eine kleine Brille und alles andere war stark an ihr, sie hatte sogar starke Zähne und unfassbar helle blaue Augen. Mir war klar, dass ich wohl der einzige war, der sie schön fand, mal abgesehen vom dem ekligen alten Typen, der sich ausschließlich von ihr duschen ließ, weil er das seit ihrem Praktikumsbeginn angeblich nicht mehr konnte. Sie fand sich auch nicht sonderlich bemerkenswert, das wäre nicht wichtig: Wenn sie studierte, hätte sie kein Privatleben mehr und danach würde man sie einfach respektieren. Das wären schon in der Schule der Preis und der Lohn gewesen, sie war schließlich sehr fleissig. Wir sollten also besser keine Freunde werden. Freundschaft war auch nicht das Erste, was mir im Kopf herumging – da waren einige strahlendere und einige deutlich dunklere (aber sehr angenehme) Gedanken. “Ich wollte dir noch etwas sagen”, begann ich. Sie nahm den Gang heraus, bremste den Wagen ab und zog die Handbremse.
Es quietschte metallisch und wir standen. Die ganze Zeit über hatte sie mir unverwandt in die Augen geschaut und nun beugte sie sich ein kleines Stück weit zu mir herüber…
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