kneipe

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“Sie zeigen nun wirklich eine beachtliche Leichenbittermiene, sie Träger eines komischen Hutes. Wenn ich das einmal sagen so sagen darf.”

“Hrmpf.” Murmelte der vor sich hin starrende Herr, der wirklich einen ausgesprochen ungewöhnlichen Hut trug. Einen mit einer Feder, die wippte, wenn er etwas trank. Er hatte seine Kopfbedeckung auch der Wirtschaft nicht abgenommen, wie es sich nun wirklich nicht gehörte. Nein: Er hatte den Hut erst hier aufgesetzt, dabei hatte er die Feder sorgsam glattgestrichen. Diese eigentlich unverzeihliche Missachtung aller Kneipenetikette nahm aber niemand übel. Sowas hatte nie jemand gewagt und so nahmen sie diesen Affront einfach nicht wahr, so wie man ein blaues Huhn als Betreiberin einer Psychatrischen Praxis schon aus Achtung vor der eigenen Realität einfach übersehen würde. Der Laden würde sich nicht zuletzt durch diesen Sachverhalt bedingt nicht lange halten und das Problem hätte sich erledigt. Der Hut und sein Träger machten keine Anstalten, diesen Beispiel zu folgen.

“Sie sehen sehr unglücklich aus. Um das mal, nun, diskret zu bemerken.”

Dieser Kerl zeigte sich wirklich hartnäckig, nicht wahr?

Der mit dem Hut aber knurrte nur in sein Bier, welches offenbar seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Offenbar ließ er ungern Getränke abstehen, das konnte man leicht glauben, wenn man ihn so trinken sah. Ein Trinker mit Ehrgeiz und Routine, der wie eine sehr durstige Trauerweide über die Theke wuchs.

“Sie strahlen etwas aus… als ob sie ihre eigene unsichtbare Regenwolke im Gefolge haben, mein Bester. Kann ich etwas für sie tun? Einen Schnaps?”

Der so vertraulich angeredete Fremde zog es vor zu schweigen, vielleicht hatte er auch nichts gehört. Kein Wunder. Sein Pegel musste inzwischen titanisch sein; der Wirt stellte routiniert einen neuen Krug hin.

Der mit dem Hut musste übrigens niemals den Abort aufsuchen. Das hätte dem penetranten Burschen auffallen sollen, aber er war eben allzu sehr mit dem penetrant sein beschäftigt. Das immerhin beherrschte er.

“Ihr Bester?” schnarrte der Hutfreund, und starrte seinen Peiniger an. Das nahm dieser an, denn die Kopfbedeckung beschattete das Antlitz seines Gegenüber fast vollständig. Allerdings konnte man – wenn man gut hinschaute und mutig oder betrunken genug dafür war – eine Nase bemerkenswerter Größe entdecken.

“Nein. Und was… für ein ‘Bester’ soll ich sein? Ihr Freund? Ihr Saufkumpan? Ich glaube nicht, ich trinke mit niemanden und sicher nicht mit einem… Popanz wie ihnen.”

‘Popanz’ sprach er mit einigen zusätzlichen ‘r’ aus. Das machte ihm so schnell keiner nach.

Der andere hatte nie gelernt, was ein Popanz sein sollte und fühlte sich keineswegs gestört. Sein Blick wurde sanfter.

“Sie müssen wissen, einige Leute sagen, dass man ein Talent braucht zum Glücklichsein. Oder man kann das lernen. Einfach sehen, was man hat im Leben und lächeln und hey, jetzt sehe ich erst: Ich habe so viel Gutes und Schönes und warum sollte ich nicht einfach zufrieden sein? Schauen sie mich an, ich bin zufrieden.”

Er lächelte einfach mal ein wenig. Demonstrativ vielleicht, aber wie er fand, durchaus aufrichtig und überzeugend.

Der komische Hut bewegte sich nicht, aber das gebeugte Wesen schein sich etwas zusammenzureissen und durchzuatmen. Außerdem, das fiel seinem Gesprächspartner auf, atmete es tief durch. Dieser beschloss spontan den Mund zu halten.

“Ich…”

Er schnarrte immer noch unangenehm, so dass es etwas im Nacken kribbelte und letzteres nicht auf die angenehme Weise, die bestimmte Damen so gut beherrschen.

“Ich…”

Sein Atem rasselte etwas, aber dann hatte er seinen Rachen bald ausreichend gereinigt um eine geharnischte Rede halten zu können.

“…”

Aber vorher holte lieber doch noch einmal tief Luft.

“Ich… bin anderer Ansicht.”

Der Andere schaute anders.

“Ich… bin nicht zufrieden. Ich bin gar nicht zufrieden. Ich bin ganz und gar nicht zufrieden, nicht wenn ich aufstehe, nicht wenn ich einen Moment Ruhe von unsäglichen Kleingeistern wie euch… ihnen habe. Ich bin nicht zufrieden wenn ich irgendwann in ein Bett falle. (Wenn ich Glück habe, ist es ein wirklich ein Bett.) Ich bin immer noch besser dran als du, weil ich weiß, was mir fehlt. Weil ich jemanden geküsst und verloren habe, oh… weil ich lauter gelacht habe als jemand wie sie sich nur vorstellen kann und weil ich unanständigere Sachen gemacht habe und nun vermisse als jemand wie du sich vorstellen kann. Ich weiß, was das Leben sein kann. Darum bin ich traurig. Ich habe Grund. Du nicht. Und.”

Er schnaufte beim Luftholen; noch war er nicht fertig.

“Wenn… wenn die Sonne in mein Gesicht scheint ist es genau dieselbe wie deine Sonne – aber bei mir scheint sie wärmer. Ich fühle es wärmer, du armer Kerl. Sie armer Kerl.”

Er rutschte ungeschickt von seinem Barhocker und kam schwankend auf die Beine. Der andere starrte einfach.

“Sie Arschloch.”

Er ging.

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Liebe Freunde, ich habe vor weniger als zehn Stunden beschlossen, eine neue wichtige Mission auf die gormorgischen Fahnen zu schreiben: Die Rettung gefährdeter Kulturgüter. Ich will dabei helfen, einen mahnenden Finger auf die Schattenseiten unsere schnellebigen Zeit zu richten – ja, wir gehen mit Riesenschritten vorwärts, aber laufen wir so nicht Gefahr, einiges zu verlieren?

Zum Beispiel dereinst geliebte Rituale. Ich denke da zum Beispiel an die Kneipen- oder auch Sauftour. Denkt mal darüber nach: Wie viele von euch haben dieses Jahr schon eine kleine oder größere Runde durch die Lokale der Stadt eurer Wahl – oder besser, der Stadt, die euch keine Wahl gelassen hat – gemacht? Ich will vermuten, nicht allzuviele. Kneipentouren erfordern Planung, Zeit und Geld. Nicht nur muss dafür gesorgt werden, dass autofahrende Teilnehmer sicher nach Hause kommen oder einen passenden Schlafplatz bekommen, auch die Anderen müssen erst einmal gleichzeitig an denselben Ort bugsiert werden. Lacht nur, ihr Studenten: Das fiel euch auch schonmal leichter, damals: Vor Bachelorstudiengängen und anderen neumodischen Widrigkeiten, die ein trinkfreudiges und gleichzeitig soziales (!) Studium nicht unbedingt erleichtern. Vergessen wir auch nicht das Geld: Seit der Euroumstellung macht ja die bösartige Preispolitik der unaussprechlichen Brauereien und ihrer Verbündeten nicht einmal die winzigste Pause in ihrem kneipenfeindlichen Aufwärtstrend.

Man kauft sich also sein Bier im Supermarkt. Notfalls an der Tanke oder im 24-Stunden-Offen-Drugstore – immer noch billiger, auf jeden Fall kulturfeindlich. Das meine ich sogar mal ein wenig ernst.

Klar: Man trifft sich privat, bei Freunden, man trinkt vielleicht sogar fast dasselbe, vielleicht sogar mehr. Aber das ist nicht dasselbe, es geht ja nicht in erster Linie um den Genuß von Alkohol. Nein. Ehrlich? Immer noch nein. Ich sage euch jetzt auch, was dabei an Wichtigem verlorengeht.

Ich finde das schön, das man verschiedene Kneipen besucht, dort vielleicht andere Leute trifft, die man kennt oder auch nicht, mit denen man vielleicht gemeinsam andere Orte besucht, wo man wieder andere Leute trifft, man gibt sich gegenseitig etwas aus, man redet unglaublich wirres Zeug. Man bestellt Drinks. Man holt sie nicht aus einem Regal und bezahlt an der Kasse. Nein, man hat mit Menschen zu tun. Freiwillig. Im besten Fall endet alles gut, meist befriedigend angetrunken – vielleicht sogar unglaublich romantisch. In irgendeinem Bett. Unter einer trockenen Brücke. Oder auf einer bequemeren Parkbank. Möglichst aber wie gesagt in einem Bett eines freundlich gesinntem Besitzers oder einer freundlich gesinnten Besitzerin. Hier könnt ihr euch gegebenenfalls einen anzüglichen Zwinkersmiley einsetzen. Aber auch Solo – Bettnutzung ist aber aus tiefstem Grunde gut. Der Weg dahin – auch gern schwankend- ist eine Sternstunde feinsinniger und inspirierender Konversation. Soweit ich mich – äh – erinnern kann.

Wie viele feine Geschichten sind dort erfunden worden, auf solchen Unternehmungen in diversen Kneipen oder Cafés? Wo sollen die nun herkommen, aus Starbucks Filialen? McCafé? Total lustigen Eventlokalen im Alpinstil? Das ist doch unendlich traurig. Die ganzen tollen Eckkneipen gibt es ja sowieso nur noch in Städten; auf Dörfern und Vororten verschwinden sie langsam, mit fiesen gerichtlich verordneten Öffnungszeiten von pensionierten, zugezogenen Lehrern1 in die Pleite geklagt. Ehrlich, so ist das!

Ohne Kneipen keine Kneipentouren. Ohne Kneipentouren weniger gute Geschichten. Ohne gute Geschichten weniger guter Denis. Und das kann ja wohl keiner wollen, oder? Genau.

Rettet die Kneipentour.

  1. Ruhebedürfnisse haben die! []

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