konzert

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Am Tag nach dem wilden Konzert duschen und sich dann im Spiegel die Spuren des Vorabends anschauen. Ein grün-blauer Fleck mitten auf dem Brustbein, von einem rückwärts geschwungenen Ellenbogen. Zwei Kratzer, wohl von den Krallen eines weiblichen Gastes. Mein Unterkiefer schmerzt etwas beim Kauen. Meine Nase hat etwas abbekommen, aber das merke ich kaum. Dafür die rechte Schläfe, von einem Stiefel eines über mich hinweg auf Händen getragenen Gastes getroffen. Dazu Muskelkater, oh Muskelkater in den Schultern, im Nacken. Der ganze Rücken knackt und knirscht hörbar in meinen inneren Mikrofonen, wenn ich mich räkele.

Ich muss daran denken, wie ich mich für ein paar Minuten wie ein Ritter gefühlt habe, weil einer deutlich zu leichten blonden Lady immer wieder auf die Beine geholfen habe, weil sie im dichtesten Getümmel wie eine Feder im Wind zur Seite geschleudert wurde und trotzdem immer wieder nach vorn stürmte. Kurz drückt sie meine Hand und streichelt meine Schulter. Dann ist der Moment vorbei. Ich sehe nur noch die hellen Haare zwischen all den Zweimeterfuffzigkerlen.

Der Sänger, Jello Biafra selbst, zieht Grimassen und hält zwischen den Liedern wohlinformierte politische Reden. Wie seine alte Band – die Dead Kennedys – 1982 im Osnabrück angeblich einen Aufruhr angezettelt haben soll, aber in Wirklichkeit Polizisten Anstifter der Krawalle waren. Über die Kriegsveteranen, für die sich keiner interessiere, egal in welchem Land. Das er nichts gegen Religion habe, aber gegen die Leute mit Scheuklappen. Über die Korruption. Über Rassismus. Über den internationalen Finanzmarkt.  Die Leute sind still und hören zu, wohl auch in der stillen Übereinkunft vereint Luft holen zu müssen. Dann geht es weiter.

Vor der Zugabe taucht die Blonde auf und grinst mich an. Sie fragt mich wie ich heiße, sie sagt wie sie heißt. Dann entschuldigt sie sich, auf mich gefallen zu sein und fragt ob ich mir weh getan habe. Nein, sage ich und frage sie, ob sie keine Angst habe.

Nö, meint sie. Man muss manchmal eben auch wild sein. Ihr passiere schon nichts. “Wir sollten mal wieder zusammen pogen, wenn wir uns irgendwann wieder sehen.” Sie grinst wieder, ich grinse und sie verschwindet ins Getümmel. Die Band ist wieder da. Ein oder zweimal sehe ich noch ihr Haar fliegen, dann ist sie weg.

Ich brülle den Text mit, als sie Das Lied spielen. Alle brüllen den Text mit als sie Das Lied spielen.

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Geneigtes Leserinnen, geneigte Leser – vielleicht haben einige von euch schon einmal eine Konzertveranstaltung mit lauten Gitarren und allerlei anderen lauten Geräuschen besucht, die meisten davon verursacht von Musikern? Ich gehe einfach mal davon aus. Nun, ich gehe häufiger auf Konzerte und gern halte ich mich da ganz vorne vor der Bühne auf, um den besten Klang und gelegentlich einen Knuff oder eine Bierfontäne von der Bühne und aus den Reihen hinter uns zu erhalten. Das ist es wert.

Allerdings muss ich in letzter Zeit beobachten, dass das entschlossene und doch entspannte Abrocken immer häufiger durch einige Hindernisse gestört wird. Zum einen sind da Leute, die allerlei Dinge zwischen den am Bühnenrand aufgestellten Monitorboxen unterbringen – ihre Getränke und Jacken, beispielsweise. Über dem Leergut wird natürlich mit Argusaugen gewacht und wehe dem, der sich im ekstatischen Taumel des Musikgenusses die falsche leere Bierflasche greift. “Aufpassen!” ist also unsere Devise. Aber das ist nicht alles, was es zu beachten gilt. Auch gibt es laut mitsingende Personen, die  dabei eine Menge ihrer kostbaren Körperfüssigkeiten – ich wage es kaum niederzuschreiben – ihren Vordermenschen in den Nacken pusten. Diese Personen sollte man auch aus anderen Gründen vermeiden. Sie fallen auch gern hin oder verlieren ihre Brillen, dann sollte man nicht auf sie treten oder die Sehhilfe treten. Beides wird von ihnen allgemein nicht gern gesehen.

Schlimmer noch: Man trifft in der ersten Reihe immer häufiger Fotografen mit unglaublich teurer Ausrüstung an, die nicht etwa nur ein, zwei Fotos am Anfang des Auftritts schießen, sondern milde lächelnd bis zum Ende der Zugabe bleiben wo sie sind – immer mit dem sündhaft teuren Arbeitsgerät dort, wohin man gerade dem Rhythmus entsprechend hinschwanken will. Zu unseren Füßen befindet sich manchmal sogar noch eine Tasche mit noch mehr teurem Zeugs, auf das man besser nicht tritt oder fällt. Fotografen wissen: Sie sind wichtig für den Genuss des Konzertes und die zahlenden Gäste verstehen das.

Aber das ist noch nicht alles. Ich habe noch nicht von zwei Meter fuffzig hohen Nordischen Barbaren gesprochen, die sich immer vor uns stellen wollen. Oder Paaren im Händchenhalte – Kuschelmodus, die alles zerstören, dass sie berühren oder – noch schlimmer -trennen könnte. Die tonnenschweren, total bewegungslosen Typen ganz vorne, die niemals tanzen würden und alle andern daran hindern. Ich habe alle Geschichten über Giftschlangen und Raubkatzen weggelassen, die eigentlich jeder von uns kennt. Die Tatsachen mit den randvollen dafür aber höchst zerbrechlichen Öltankern am Rande der ersten Reihe will ich gar nicht erst ansprechen.

Aber das ist okay. Rock’n'Roll ist immer noch wild und verdammt gefährlich.

P.S.: Ganz ähnliche Beobachtungen hat zwei Tage früher Miss James beschrieben.

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Man wird mit der Zeit ziemlich vorsichtig, wenn man ein paar Konzerte altgedienter Musiker besucht, die vielleicht ihre besten Zeiten hinter sich haben. Mit etwas Glück ist noch all das da, was man mal an ihrem Kram geliebt hat, auch wenn das nicht mehr so viele Leute hören wollen, egal. Manchmal geht es einfach nur noch um die Knete und das merkt man dann auch; egal wie gut die Show war: Da hatte jemand keinen Spaß. Schlimmer: Wenn da nur noch ein Schatten alten Ruhmes steht vor einem steht. Man sollte niemals Mitleid haben müssen, wenn man zu einem Konzert geht. Fürchterlich.

Das gilt alles doppelt und dreifach für Punkbands, für die mal um mehr als nur um Musik ging und ein paar Ideen wichtiger waren als ein eher überflüssiger dritter Akkord, der den Song auch nur unnötig kompliziert gemacht hätte. Gerade die Mitglieder der frühen Bands aus USA und Kanada hatten ein unglaublich1 hartes Leben, praktisch obdachlos und daher permanent auf Tour, fast immer ohne Geld und manchmal tagelang ohne Essen. Das hinterlässt Spuren an Leib und Seele. Meistens sind es nicht nicht einfach Spuren, es sind eher Krater. Heute ist es nicht mehr so schlimm, und ein paar Gestalten haben durchgehalten, fast alle davon sehen aus wie 90jährige. Du kannst manchmal spüren, dass es die letzte Tour ist, ein bisschen Knete noch, um die letzten Jahre noch rumzukriegen. Ein bitterer Geschmack mischt sich ungefragt ein und versaut einem die Erinnerung. Solche Musik sollte einen nicht traurig machen, wenn man sie hört. Man sollte rechtzeitig aufhören, aber das ist eine große Kunst. Selbst für große Künstler.

Ich hatte also meine Vorbehalte, zum SNFU zu fahren. Die waren großartig, sie konnten spielen, sie hatten tolle Songs und einen absolut phänomenalen Sänger in Mr. Chi Pig himself. Okay, wir gehen hin. Wenn nicht, bereut man es ja sowieso.

Mr Chi Pig läuft die ganze Zeit durch den Saal, über den Hof, überhaupt überall herum, leicht gebückt. Chi sieht inzwischen aus wie eine ausgemergelte Version von Fuzzy, dem uralten Hilfssheriff aus “Western von Gestern”; ihr . Das viel zu weite Hemd schlottert um ihn herum, der fusselige Bart steht ein wenig ab, ein interessanter Kontrast zu seiner gefährlich aussehenden Hakennase. Er trägt eine riesige Fellmütze mit großen Ohren. Ein irrer mongolischer Trapper, dessen Augen unter der Mütze blitzen. Er lacht oft, ein heiseres Rentnerlachen.

Warum er keine Platten mithat, zum verkaufen? Er starrt seinen Merchandisemenschen entgeistert an. “We forgot the fuckin’ music, man! Just T-Shirts, sorry.”

Der Saal ist nach den ersten beiden Bands voll, zum Glück. Die Leute da vorn sind Helden, man will ja auch nicht, dass sie enttäuscht sind. Na gut: Es sind vielleicht nur 1,75 Helden – es ist natürlich nicht die Originalbesetzung. Die Spannung ist trotzdem da, mit den üblichen Vorbehalten. Oh bitte, sie sollten nicht scheiße sein.

Spielen können sie jedenfalls, eine enorme Lautstärke, Chi Pig grinst ein etwas hohles Grinsen unter seine nun immer deutlicher funkelnden augen und legt los. Er hatte früher nicht nur eine gute Stimme, er konnte dazu auch wirklich singen, nichts mehr davon ist da: Er hustet so halb seine Songs heraus, halb brüllt er sie, fast unverständlich, weil er keine Zähne mehr hat. Aber es funktioniert, er macht das locker mit einer rückhaltlosen Charmeoffensive wett, er lacht, nuschelt kleine Witze, die man nur halbwegs versteht. Da ist kein Mitleid dabei, der Mann ist gut, er rangiert weit oben in einer Liga, in der nur er allein Spielberechtigung hat. Springt herum wie ein Derwisch, manchmal würgt er die Besucher in den ersten Reihen freundlich, gelegentlich als Batman oder Schwein maskiert. Er hat seine Würde nicht verloren. Die haben alle Spaß.

Solche alten Knacker können einen ganz schön schaffen. Mein armer Rücken… und überall blaue Flecke…

  1. “Unglaublich” ist hier mal wörtlich zu nehmen. []

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Ich gehe nicht oft unter der Woche aus, aber dieses Mal sind zwei Bands da, die ich gern für so wenig Geld sehen will; Frittenbude und Juri Gagarin; beide machen Elektrisches Mit Gitarren Und Stimmen Drin.

Es ist gut besucht, aber es dauert immer sehr lange, bis endlich jemand den Entschluss fasst, mit der Musik anzufangen – schließlich könnte es ja noch voller werden, oder? Musiker und Veranstalter zögern gern den ersten Akkord bis zum Äußersten hinaus und in Bielefeld ist man da besonders geduldig.

Eine ganze Schulklasse ist da. Sie stechen aus der Masse der Gäste heraus. Ich finde es gut, dass sie da sind, weil sie so gar nicht dazuzugehören scheinen, dafür aber gute Laune haben, lachen und die Thekenmannschaft mit komplexen Cocktailbestellungen hoffnungslos überfordern.

Die Frittenbude macht so etwas wie seltsamem Rap mit gelegentlich komischen Texten, ne, die meinen das nicht ernst. (Oder?). Die Beats sind aber gut. Ich wippe etwas mit, während ich in Gedanken weit weg bin. Es gibt an jedem Ausgehabend einen Moment, in dem mir Menschen in den Sinn kommen, die ich gern um mich hätte, welche die nur wenige Minuten von mir entfernt leben und welche, die einen Viertelplaneten weit weg sind. Wenn das Gefühl zu stark wird, fahre ich meistens schnell nach Hause, was nicht selten ist. Wenn ich es unterdrücken kann, drückt die Einsamkeit von innen gegen das Brustbein, aber es geht weiter. Sie bleibt nur bei ganz wenigen Menschen ganz und gar weg, aber die sind nicht da.

Ich würde ja gar nichts über mich erzählen, wirft mir mein Begleiter in der Umbaupause vor. Ich entgegne, dass ich mich auf das Positive konzentrieren will; das wäre dann auch schneller berichtet. Man lacht.

Es geht sich gut an mit der Musik, ich kann tanzen und schiebe all das beiseite, in Bewegung zu sein hilft dabei; Juri Gagarin können das gut – eine Band, die nicht nur Wodka für das Publikum bereithält, sondern auch noch Salzgurken nachreicht, gewinnt ganz sicher einiges an Sympathie; jedenfalls auf meiner Seite. Auch wenn ich keine Gurken abbekommen habe, der Gedanke zählt. Sie klingen kunstvoll monoton, dazu kann ich mich gut in der Kunst der taktvollen Gewichtsverlagerung üben.

Vor der Zugabe entern gleich zwei politisch motivierte Menschen die Bühne und bitten darum a) dass Samstag (“SAMSTAG! Ihr wisst was Samstag ist” – Nein, ich hatte keine Ahnung) “Köln brennen soll.” (Vermutlich etwas gegen die Faschisten.) Punkt b) ist irgendeine Parole über Kasachstan, die ich nicht verstehe, weil sie in der Landessprache gehalten ist.

Der nächste hält ein Bild hoch und nennte eine Adresse, vermutlich noch ein böser Nazi, der nun … was soll die Meute nun eigentlich mit ihm anstellen? Bevor er einen Namen nennen kann, wird er von einem Bandfreund kunstvoll vom Mikro fortgealbert. Gerade noch rechtzeitig, um mir nicht die Laune zu versauen. Ich kann diese Typen nicht leiden.

Ah, ich amüsierte mich doch ganz gut. Was solls.

Danach geht’s nach Hause, die Nacht ist klar und leer.

Einer geht über einen Zebrastreifen, eigentlich bewegt er sich fast in einer beweglichen Hocke vorwärts, denn er schiebt auf einem dieser verchromten Tretroller sehr langsam eine kleine hölzerne Kiste vor sich her, die ständig herunterzukippen droht. Der Bebrillte sieht sehr geschäftig aus. Wir stören nicht und fahren weiter.

Ich setze alle korrekt ab und dann bin ich auch bald da. Als ich ankomme, streicht mit die Katze um die Beine, die Einsamkeit ist auch da, wartet oben in meinem Zimmer. Man hat sich ja so aneinander gewöhnt.

Morgen sollte ich wieder ausgehen, unbedingt.

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plemo AJZ

Ganz reicht. Freitag, der 20.4.2007. Es ist im AJZ. Es ist Plemo und das Feuer. Es ist Juri Gargarin. Es ist sicher ausgesprochen elektrisch und fürchterlich exzessiv.

Es wird die gefeiert und aufgelegt. Dann D.I.S.C.O.

Fri, 20.04.2007 um 21:00 Uhr
Juri Gagarin und Plemo
Konzert mit Juri Gagarin und Plemo vom audiolithLabel aus HH Nach dem Konzert, also so ab 12 Uhr, legt sich das Hitschlampen DJ-Team der ajz-D.I.S.C.O. aml wieder für euch ins Zeug um euch die besten und tanzbarsten Hits aus Indie, Rock, Pop, Elektro und Soul um die Ohren zu hauen.

Die Konzerte beginnen um 21 Uhr

Und das für… unfassbar wenig Geld. Unfassbar. Billiges Bier dazu. Und wenn es warm ist, ein riesiger lauschiger Innenhof… Da sein ist ja wohl nicht Pflicht, sondern fast schon Beweis menschlicher Denk- und Feierfähigkeit. Denk an letztes Mal.

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Nach einem gewaltigen Umzughilfsmarathon und einer eigentümlichen Halloweenparty in einem winzigen Bandproberaum mit teilkompostierten Altrockern und seltsamen Saxophonisten – nicht zu vergessen den ausgemergelten Bassroboter – sind wir vorgestern ins AJZ geflohen. Eigentlich ausverkauft, haben wir doch noch die letzten 3 (!) Zugaben der Hotknives aus Brighton (UK) mitbekommen. Was für eine feine, lässige Skaband! Wirklich sehr nette Partymusik.

Es war so heiss und schwül im Raum, daß wieder einmal Wände und Decke tropften… eher Regenwald als Underground. Entsprechend bizarr kostümiert waren auch die Gäste, wobei wir oftmals vermuteten, daß es sich eher um Personen handelt, die sich an diesem Tag etwas ihre tägliche Tarnungabschminken, und so endlich nicht mehr auffallen und als Menschen durchgehen.
Viel Spaß. Leider waren wir zu müde, und gingen irgendwann pennen.

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